HIMALAYA

Dalai Lama

"Meine Nation hat das Todesurteil erhalten!"

2. Teil: "Lasst mich doch langsam aus dem Dienst scheiden"

MERIAN: Was wäre dann ein zukünftiger Weg für Tibet?

Dalai Lama: Es geht sehr um die Meinung der Öffentlichkeit, des chinesischen Volkes! Genau deshalb müssen wir Tibeter und auch unsere Unterstützer weltweit uns mehr an das chinesische Volk wenden. Wenn wir keine Unabhängigkeit fordern, sondern nur auf unsere in Chinas Verfassung verbrieften Rechte bestehen, dann werden uns langfristig auch immer mehr Chinesen verstehen und unterstützen. Wenn wir aber - wie viele junge emotionale Tibeter - offen und lautstark die volle Unabhängigkeit fordern, dann ist es doch für China leichter, uns zu diffamieren. Und dann gehen auch die Intellektuellen, die wir so dringend brauchen, wieder auf Distanz.

MERIAN: In China geht es wirtschaftlich voran, den Menschen geht es besser - und auch in Tibet wird doch investiert.

Dalai Lama: Sicher. Aber auch die Tibeter wollen besser leben. Und wenn uns China mehr Autonomie lässt, dann können wir zum einen unsere Kultur besser erhalten, die Natur und die Religion schützen, und damit geht's auch den Tibetern gleich besser. Und zum anderen: Dann bleiben die Tibeter auch ruhig! Darüber sollten die Chinesen auch mal nachdenken. Was ein solches Entgegenkommen für Vorteile auch für sie brächte. Eventuell ist es auch für uns Tibeter gut, in Chinas Staatenverbund zu leben. Es kann auch unseren Interessen helfen.

MERIAN: Woher kommt dieses ewige Misstrauen der chinesischen Seite Ihnen gegenüber?

Dalai Lama: Ich glaube nicht, dass es wirklich Misstrauen auf Seiten Chinas ist, nein, nein! Die greifen mich absichtlich immer an, und sie unterstellen mir immer neue Dinge. Denn nur das unterstützt doch ihre Politik in Tibet.

MERIAN: Soll mit den Chinesen denn weiter verhandelt werden?

ZUR PERSON

Getty Images

Der Dalai Lama wurde am 6. Juli 1935 mit dem Namen Lhamo Dhondrub in Taktser, einem Dorf in der Provinz Amdo im Nordosten Tibets, geboren. Sein jetziger Mönchsname ist Tenzin Gyatso. Zwei Mönche entdeckten den späteren 14. Dalai Lama im Alter von zwei Jahren in seinem Heimatdorf. Während der chinesischen Besatzung im Jahr 1959 musste Tenzin Gyatso aus dem Potala-Palast in Tibet fliehen. Seit 50 Jahren lebt der Dalai Lama im Exil in Dharamsala (Indien), wo er mit seinen Anhängern für ein freies Tibet kämpft.

Dalai Lama: Na ja, die haben ja alle unsere Papiere, das große Memorandum, komplett abgelehnt. Aber ich hab zu den Chinesen und vor allem zur Weltgemeinschaft gesagt: Bitte fahrt nach Tibet und untersucht doch bitte dort. Schaut euch um. Hört euch um. Ich bin dankbar, dass eine Gruppe Politiker vom deutschen Menschenrechtsausschuss für ein paar Tage dort war. Und die haben dann alle gesagt: Wir durften uns leider nicht frei umschauen! Was ist denn dort in Tibet, was China der Welt nicht zeigen will? China hat also viele Probleme, sein totalitäres System funktioniert nicht mehr richtig. Allein schon aus eigenem Interesse sollte es dringend was ändern. Die sozialistische Wirtschaft ist vorbei, nun folgt man dem kapitalistischen Wirtschaftsmodell - alles aus Eigeninteresse. Und das ist doch grundsätzlich auch gut so! Dennoch bleiben viele Chinesen im Dunkeln. Ausgeblendet. Das ist doch moralisch falsch. Und ganz praktisch gesehen auch ein Fehler. In ein paar Jahren müssen die sich einfach öffnen.

MERIAN: Wie ist es umgekehrt, ist Tibets Exilgesellschaft schon wirklich demokratisch?

Dalai Lama: Wir geben uns Mühe! Was unsere Bemühungen angeht, die tibetische Gesellschaft demokratischer zu machen, das ist alles sogar auch für chinesische Intellektuelle sehr attraktiv. Die kommen inzwischen hierher und studieren, wie wir das mit der Demokratie machen, und da wollen sie von uns sogar lernen. Komischerweise wendet sich die chinesische Führung aber noch immer meist an mich als Person, anstatt mal mit unserer Exilführung zu sprechen. Inzwischen sehen das auch westliche Regierungen und sagen den Chinesen immer: Also los, redet doch mal mit den gewählten Vertretern Tibets und habt nicht immer Angst vor denen. Unsere gewählten Führer sind wahrscheinlich sogar radikaler als ich, deshalb haben die Chinesen wohl auch so große Angst. Tja. Und solange da nichts passiert, muss immer wieder ich in den Ring ...

MERIAN: Als die jungen Tibeter vergangenes Jahr offen reden und beschließen sollten, zeigten auch da alle wieder auf Sie.

Dalai Lama: Ja, die Tibeter sagen immer, ich solle mich noch mehr einbringen - und das bitte bis zu meinem Tod! Das heißt aber, dass ich dann einfach schneller sterbe! (Er lacht.) Wenn die Tibeter wirklich Mitgefühl mit mir hätten - dann lasst mich doch langsam aus dem Dienst scheiden, und dann würde ich auch länger leben! (Langes lautes Lachen.)

MERIAN: Hatten Sie je Zweifel, dass Ihr Weg für Tibet der richtige ist? Haben Sie mal gehadert?

Dalai Lama: Nie. Nie hatte ich Zweifel. Höchstens aus egoistischen Gründen hab ich mal gedacht, anders wäre es einfacher gewesen. Aber das war dann nur Egoismus! Alle meine großen Entscheidungen seit meinem 16. Lebensjahr, als ich Verantwortung übernahm, waren richtig. Die Flucht. Die Demokratisierung. Der Weg zur Uno. Die Aufgabe der Unabhängigkeit. Die Gespräche mit China. Das waren alles bis heute richtige Wege. Ich verrate Ihnen jetzt mal das Geheimnis der richtigen Entscheidungsfindung: Zunächst benutze ich immer meine eigene Intelligenz. Dann frage ich enge Freunde. Auch das Orakel befrage ich immer. Auch dann folge ich nicht unbedingt dem, was da rauskommt. Ich geh noch tiefer und überlege alle Wege. Ich bete. Und ich frage auch den Buddha. Dann fälle ich meine Entscheidung. Und wenn die dann falsch ist - tja, dann ist vielleicht auch der Buddha mitschuld!!! (Er klopft sich auf die Schenkel und lacht lange.) Also: Meine großen Entscheidungen waren alle richtig. Warten sie noch fünf oder zehn Jahre. Wenn es dann noch keine Lösung mit China gibt, dann können Sie sagen: Der Dalai Lama hat einen Riesenfehler gemacht. Er ist schuld. (Er lacht lange.)

Interview: Andreas Hilmer

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