Von Tom Vater
Fast eine Million Menschen leben zurückgezogen in den Bergen Nordthailands. Die meisten von ihnen sind Flüchtlinge, die Hoffnung auf Frieden hat sie über die Grenze getrieben.
Morgengrauen. Seit einer Stunde krähen die Hähne im Lisu-Dorf See Dong Yen. Nichts ist sonst zu hören. Stille. Chiang Mai, die größte Stadt Nordthailands, liegt fünfzig Kilometer entfernt, in einer anderen Welt. Es hat die Nacht hindurch geregnet, dichte Nebelwolken verschleiern das saftig-grüne Tal, in dem das Dorf liegt. Wie die Rückenwirbel schlafender Drachen ragen vor uns dschungelbedeckte Berge aus der Dunkelheit, die sich bis nach Birma gen Norden ziehen.
Vor zwei Jahrzehnten streiften Tiger, kommunistische Rebellen und Opiumhändler in diesen Bergen umher. Heute sind zwei kichernde Lisu-Mädchen in knielangen, schwarzen, knallig-bunt bestickten Kitteln überrascht, dass die Gäste in der "Lisu Lodge" schon so früh wach sind. Die beiden Mädchen laufen fast lautlos zwischen Mango- und Rambutanbäumen hindurch zu einem der vier im Lisu-Stil gebauten Gästehäuser. Sie sind nach den vier Elementen benannt, aus denen im Glauben der Lisu alles besteht: din, zu deutsch Erde, nam (Wasser), lom (Wind) und fai (Licht).
Unterhalb unserer Unterkunft liegen ein paar Reisfelder, Nassreis, den die Thais in den nächsten Wochen ernten werden. Um ums herum, an den Hügeln am Rand des Dschungels, wächst dagegen Hochlandreis, und den wissen in Thailand nur die Bergvölker anzubauen.
Die "Lisu Lodge" ist der Ausgangspunkt für unsere Reise in die Welt der ethnischen Minderheiten Nordthailands. Fast eine Million Menschen gehören zu den verschiedenen Völkern, sie sprechen ihre eigenen Sprachen, tragen ihre eigene, nach alten Mustern gestaltete Kleidung, hängen einem animistischen Glauben an und bauten bis in die neunziger Jahre Opium an. Heute leben sie meist vom Ackerbau, sind Selbstversorger, weitgehend isoliert vom modernen Thailand.
Wir sind unterwegs zu Menschen, die sich am Rande der thailändischen Gesellschaft bewegen. Meine Frau, die Fotografin und Ethnobotanikerin Aroon Thaewchatturat, und ich haben drei Tage Marsch vor uns. Die Dörfer der so genannten Bergvölker kleben wie Nester an den steilen Berghängen, zwischen 500 und 1500 Meter hoch über dem Meeresspiegel.
"Macht euch keine Sorgen, der Weg ist auch im Regen wunderschön." Ata, breitschultrig, mit kurzgeschorenem Schädel, einem grünen T-Shirt und in Shorts, die nackten Füße in birmanischen Militärstiefeln, grinst mich an. Wir werden heute von knapp 400 Metern auf 1300 Meter aufsteigen. Der 31-Jährige lacht: "Macht es wie wir. Plaudert mit den Leuten, die euch entgegenkommen, dann vergesst ihr, wie weit es ist."
Ata wird uns zu einigen der Volksgruppen führen, die sich in den vergangenen 150 Jahren in Nordthailand niedergelassen haben. Er selbst gehört zum Volk der Akha, wurde in China geboren und kam mit vier Jahren mit seinen Eltern über Birma nach Thailand. Er erinnert sich noch an die Opiumkarawanen, die von den Kriegsherren im ehemals berüchtigten Goldenen Dreieck entlang der thailändischen, birmanischen und laotischen Grenze bis in die neunziger Jahre durch die Bergdörfer der Minderheiten zogen. Seit die Regierung den Opiumanbau weitgehend unterband, bringen die Karawanen aus Birma Amphetaminpillen ins Land. Ein guter Grund, auch heute nicht allein durch die Berge Nordthailands zu marschieren.
Ata hat einen Universitätsabschluss und arbeitet für ein Reisebüro, das mit den Minderheiten gemeinsam Programme für Besucher aus dem Ausland entwickelt. Ein Idee, bei der beide Seiten gewinnen sollen. "Seit den 1980er Jahren haben Reisebüros Tausende Touristen in unsere Dörfer geschickt. Wir haben kaum etwas von den Einnahmen gesehen." Mit neuen Projekten, in die das gesamte Dorf eingebunden ist, soll sich das nun ändern, sagt er: "Die Kooperation zwischen uns, den Thais und den Touristen bietet uns die Chance, unsere Kultur trotz der wirtschaftlichen Entwicklung zu erhalten." So weit die Theorie.
Mit ein paar Tüten Reis, Gemüse und Fleisch im Rucksack sind wir unterwegs in das Tal des Mae Taeng, auf der Suche nach dem Volk der Lahu. Wir wandern gen Norden, Richtung Birma und Laos, den Fluss entlang, hoch hinauf in die Berge, vorbei an Bananenfeldern und Elefantencamps. Als die Straße endet, lassen wir den rauschenden Fluss hinter uns und steigen bergauf, durch dichten Mischwald, am Rand des Nationalparks Huai Nam Dang entlang. Eine Gruppe Lahu-Frauen in knielangen schwarzen Kitteln kommt uns munter schwatzend entgegen. Jede trägt einen Korb voller Feuerholz, Pilze und Nüsse auf dem Rücken, gehalten von einem dünnen Seil, das sich um ihre Stirn spannt.
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