Norwegen Das Reich der Fjorde im Winter

Schwarzes Meer und schwarzer Himmel, schwarze Pfützen auf dem Kai, nur eine Neon-Funzel am Schuppen hüllt die Wartenden in einen grünlichen Schein. Polarlicht aus der Steckdose. Auf der anderen Seite des Anlegers funkeln die Lichter der Häuser, überstrahlt von der dreieckigen Eismeerkathedrale im Sternbild der Stadt Tromsø in der Winternacht. Ein Schiff wird kommen. Eben noch johlten die Menschen in der Hafenkneipe "Skarven", tranken und lachten, nahmen Abschied oder feierten die Freude auf ein Wiedersehen, redeten norwegisch, englisch, russisch oder deutsch, sprachen alle akvavitisch, immer ein Glas an den Lippen. Denn das Hurtigruten-Schiff wird kommen.Wenn sein Horn ertönt in der Stille der Nacht und durch das Stimmengewirr, dauert es nicht mehr lange.

Hurtigruten bedeutet Traumreise: Eine Schiffsreise entlang der kantigen Küste Norwegens, im Sommer vom sonnigen Süden in den mitternachtssonnigen Norden, im Winter vom kalten weißen Süden in den eisigen weißen Norden. Und wieder zurück, die Rundreise dauert zwölf Tage, 33 Stopps nordwärts und 33 Stopps südwärts. Wer auf der Hinreise ein paar Häfen verschläft, weil sie mitten in der Nacht angelaufen werden, erlebt sie auf der Rückreise am Tage mit Zeit für einen kleinen Landgang. Irmhild und Reinhard Knust haben schon immer von dieser Reise geträumt und sie sich in diesem Winter endlich gegönnt. In Bergen ging das Ehepaar an Bord von MS "Kong Harald". Das Schiff wurde 1993 gebaut, hat acht Decks, zwei Aussichtssalons, Restaurant, Café, Bar, komfortable Zweier- und Dreier-Kabinen und Platz für fast 700 Passagiere.

Die Begeisterung für die norwegische Fjordküste gab es schon vor dem Tourismuszeitalter. Traumhafte Panoramen des norwegischen Malers Johan Christian Clausen Dahl sollen einst den deutschen Kaiser Wilhelm II. so gebannt haben, dass er zeitweise fast jeden Sommer mit seiner Staats-Yacht "Hohenzollern II" in den Fjorden an der norwegischen Westküste unterwegs war und damit den deutschen Nordland-Mythos begründete. Die Tourismus-Industrie dankt es ihm noch heute. Maler Dahl war ein enger Freund und Seelenverwandter von Casper David Friedrich. Der Romantiker beeinflusste den jungen Realisten stark, und auch dessen Bilder voller Sehnsucht nach reiner Natur und archaischen Werten trafen den Nerv der Menschen im industrialisierten Kaiserreich. (Die Nazis sollten Jahrzehnte später mit großem propagandistischem Aufwand die Nordlandlust der Deutschen auf den "Kraft durch Freude"-Schiffen erfüllen.) Während Wilhelm II. noch in Norwegen nach seinen germanischen Wurzeln suchte, befand sich die junge Nation schon lange auf dem Weg ins nächste Jahrhundert, samt technischer Errungenschaften und sozialer Konflikte.

1880 kämpfen auf den Lofoten Schiffer im Trollfjord gegeneinander, Ruderboote gegen Dampfschiffe, Tradition gegen Moderne. Dreizehn Jahre später legte der erste Dampfer in Trondheim ab und machte sich auf den Weg nach Hammerfest, als schnelles, ("hurtiges", wie es norwegisch heißt) Postschiff, das Berge von Briefen gebunkert hatte. Dies war die Jungfernfahrt der Hurtigruten.

Heute erinnert ein roter Briefkasten neben der Rezeption des Hurtigruten- Schiffes MS "Kong Harald" an die Aufgabe von früher. Die Post aber geht in der Bar ab: Eine Schar Krankenschwestern aus Tromsø trifft auf eine Meute von Tiefsee-Bohrern aus Bergen, eine stürmische Nacht kündigt sich an. Die Damen verstehen sich auf das Reparieren von Herzen, die Herren auf das Finden von Schätzen, und dass die jeweiligen Job-Seminare in ein paar Stunden beginnen, interessiert niemanden. Besonders im Winter sind die Hurtigruten ein beliebtes, schwimmendes Bildungszentrum für norwegische Firmen.

Im Sommer bevölkern Touristen die Kabinen und Decks, doch in der kalten Jahreszeit gewinnen die Norweger wieder die Oberhand, nutzen die fahrplanmäßigen Schiffe wie einen Wasserbus.Wem wirklich daran liegt, neben dem Land auch Leute kennen zu lernen, der reist wie die Knusts im Winter und trifft dabei auf recht unterschiedliche Menschen.

Wie Terese Foss, groß, blond, stark und von Beruf "Roughneck". "Die Arbeit auf der Bohrinsel ist wirklich hart, aber sie macht Spaß, täglich lerne ich etwas Neues, es wird nie langweilig." Zwölf Stunden Schicht, sieben Tage die Woche, dann bringt der Helikopter die Crew zurück ans Festland, zwei Wochen frei. Auch die Besatzung des Hurtigruten-Schiffes lebt und arbeitet in so einem Rhythmus, 22 Nächte an Bord, also zwei volle Runden auf dem Dampfer, dann die gleiche Zeit frei. Die wichtigsten Posten sind doppelt besetzt und während Kapitän Ole Sørstrom nachmittags die MS "Kong Harald" in den Hafen der Hurtigruten in Stokmarknes lotst, schläft sein Kollege in der Koje.

Kaum berührt die Gangway den Boden der Insel Hadseløya, strömen die Passagiere von Bord, hinter dem Anleger prunkt das Hurtigruten-Museum in grauem Granit und erzählt die Geschichte der Postlinie. Dem modernen Kubus gegenüber auf dem Trockenen liegt am Wasser die 1956 gebaute, restaurierte MS "Finnmarken", sie lädt ein zur Zeitreise. Heimatkunde im Schnellkurs, nach einer Stunde legt Kapitän Sørstrom im schönsten Sonnenschein wieder ab, die letzten Reisenden sprinten an Bord. Unter der Aufsicht von Hotelmanager Roger Eriksen zieht jeder artig seine Karte durch den Scanner, der darüber wacht, dass niemand vergessen wird.

Wer tatsächlich seinen Dampfer verpasst, muss mit dem Taxi hinterher, was allerdings sehr teuer wird und auf dem Weg zu den Lofoten erst im Winter 2007/08 möglich ist, wenn die Landverbindung eröffnet wird. Dann führt die Raftsund-Brücke weiter in einen Tunnel, und die Europastraße 10 verbindet die Inselgruppe direkt mit Norwegen und Schweden. Die Camper-Karawane kann kommen. Der Genuss aber, den die Fahrt durch den 20 Kilometer langen Raftsund bietet, bleibt der Wasserstraße vorbehalten. Links und rechts der Rinne steil aufragende Felswände mit schwarzem Stein und weißem Schnee, bis zu tausend Meter hoch - jeder möchte diesen Anblick so nah wie möglich erleben. Ein bisschen Gedrängel an der Reling, Daune presst gegen Daune, und so bleiben alle warm.

Thoger Nordbo überragt die Menge der Mützenträger, hält sein Töchterchen Vilija im Arm und erzählt mit heißem, weißem Atem seiner lettischen Frau Egle, wie die Norweger zur Zeit des Kalten Krieges mit den Sowjets in dieser Region Verstecken spielten. "Sie schickten uns immer die als Trawler getarnten Spionageschiffe und wir antworteten mit Spionageflugzeugen, heute schenken sich die Staatsmänner Blumen."

In Svolvær auf den Lofoten wird Familie Nordbo das Schiff für einen Tag verlassen, um sich die Inseln mit den glatten Felswänden anzuschauen. Unter der dicken weißen Decke verbirgt sich mächtiges, uraltes Gestein, das aus dem blauen Meer herausragt und sich darin spiegelt. Noch mehr magische Momente und Orte voller Mythen und Märchen werden folgen auf der Reise nach Trondheim, da wartet noch die Insel der versteinerten "Sieben Schwestern" und das wohl berühmteste Loch im Stein weltweit, der Torghatten. Nach dem Auslaufen aus den Lofoten taucht MS "Kong Harald" wieder ein in das Dunkel der Nacht, und bei einem Spaziergang an Deck muss man mindestens zweimal hinsehen, um die "Mumie" auf dem Boden überhaupt zu erkennen: schmale Lippen, kleine Nase, von Kopf bis Fuß in Watte gepackt. Mehr zeigt Gjermund Kamberstad nicht, vermummt in seinem Schlafsack liegt er dicht gerollt an der Windschatten spendenden Reling. Niemand muss auf dem Dampfer eine Kabine buchen, auch nicht im Winter.

Morgens um 6 Uhr wird der junge Mann das Schiff in Ornes verlassen, heimgehen und später hinauf auf den Svartisen- Gletscher zum Skifahren. In Ornes wartet bereits Beate Estensen im fahlen Licht der Hafenlaterne. Mit ihrer Hütehündin Sheeba fährt sie nach Trondheim, damit das Tier lernt, wie man die Schäfchen auf den Weiden der Estensens zusammenhält. Ihr Bulli verschwindet im Frachtraum, und wenn alle Autos an Bord sind, werden die Güter verstaut. Hin und her flitzen die Gabelstapler auf dem Kai, karren Palette um Palette zur Luke, diesmal Torf für Trondheim. Hurtig erledigen sie die Arbeit, immer im Wettlauf mit der Zeit, doch davon bekommen die Knusts in ihrer Kabine nichts mit. Sie zählen ihre Schäfchen und träumen weiter von Fjorden und Trollen, denn zum Träumen sind Seereisen schließlich da.

Autor:
Stefan Becker