ST. PETERSBURG

St. Petersburg

Willkommen in der Zukunft

Von Daniel Luchterhandt

Peter der Große verwirklichte mit der Gründung St. Petersburgs auf sumpfigem Grund eine Utopie. Aktuelle Städtebau-Projekte wollen diesen Geist nun fortführen. Ihre Entwürfe sind tollkühn - und provozieren die Wut der Bürger.

Philip Nikandrow ist ein junger russischer Architekt. Einer gebannt lauschenden Gruppe von Planern aus Deutschland stellt er das Projekt seines Lebens vor. Dazu ist man in eines der bedeutendsten Gebäude St. Petersburgs gekommen, in die einstige Niederlassung des New Yorker Nähmaschinenherstellers Singer am Newski-Prospekt. Das Singer-Haus, errichtet 1902 bis 1904 im "Stil modern", dem russischen Jugendstil, war eine Provokation, war Symbol für den Bruch mit der städtebaulichen und architektonischen Tradition.

Mit sieben Geschossen und der signifikanten Weltkugel überragt es die angrenzenden Gebäude. Singers Vorbilder standen in New York. Nicht nur die Vorstellung von Wolkenkratzern, schon das Gebäude selbst wurde zu seiner Bauzeit von vielen als Abkehr vom städtebaulichen Grundsatz einer konsequent die Horizontale betonenden Bauweise begriffen. Es war heftig umstritten - genauso wie Nikandrows großes Projekt heute.

St. Petersburg: Zukunft bauen

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Einen nahezu 400 Meter hohen Wolkenkratzer möchte das Londoner Architekturbüro RMJM, dessen St. Petersburger Filiale Philip Nikandrow leitet, in unmittelbarer Nähe des Unesco-Welterbes der St. Petersburger Innenstadt errichten. Er soll Sitz einer Tochtergesellschaft des russischen Energiekonzerns Gazprom werden. Das kühne Vorhaben hat weltweit Aufsehen erregt, bei vielen Petersburgern aber Widerstand provoziert. Unerträglich ist für sie, dass der alles beherrschende Staatskonzern nun auch noch die künftige Silhouette St. Petersburgs maßgeblich prägen soll.

GEFUNDEN IN ...

St. Petersburg, November 2009

Mit dem Entwurf dieses "Maiskolbens" hat RMJM in einem internationalen Architektenwettbewerb Weltstars wie die Schweizer Architekten Herzog & de Meuron oder Jean Nouvel aus Paris auf die Plätze verwiesen. Und das Projekt ist mehr als nur ein Wolkenkratzer. Es umfasst die Revitalisierung eines 66 Hektar großen früheren Industrieareals an der Mündung der Ochta in die Newa, ein Geschäftszentrum mit Versorgungseinrichtungen und Kulturstätten, vielen hochwertigen Wohnungen, einem großen Park, mit neuen Uferpromenaden und Metroanschluss. Ein Vorteil für die bislang schlecht erreichbaren Viertel auf der östlichen Seite der Newa, aber zugleich eine optische Beeinträchtigung des Smolny-Klosters am gegenüberliegenden Ufer der Newa.

Architekt Nikandrow hält die Kritik, sein Turm verbaue die Silhouette und die klassischen, nicht nur von den Touristen geliebten Perspektiven, für unberechtigt. "Auf keinem Postkartenmotiv, das in St. Petersburg erhältlich ist, wäre der Turm zu sehen", argumentiert er. "Städte brauchen Dominanten. Das zeigen auch andere europäische Metropolen, etwa Barcelona mit dem Hochhaus von Jean Nouvel. Bedenken Sie nur, wie gern Menschen von oben auf eine Stadt herunterblicken."

Die Unesco hingegen äußert tiefe Zweifel und verlangt eine neue Lösung, die behutsam mit dem historischen Zentrum umgeht. Andernfalls drohe St. Petersburg die Aberkennung des Welterbe-Status. Darauf reagiert die St. Petersburger Stadtregierung gelassen, sie kann ohnehin kaum Vorteile im Status "Welterbe" erkennen. Und so hält Gouverneurin Walentina Matwijenko trotz großer Proteste der Öffentlichkeit offiziell an dem Vorhaben fest. Auch wenn die Umbenennung von "Gazprom City" zu "Ochta Zentr" stärker den Ort in den Mittelpunkt rückt, Dimension und Gestalt des Projektes blieben nahezu unverändert.

Allerdings verdichten sich die Anzeichen, dass die Stadt sich als Finanzier des rund zwei Milliarden Dollar teuren Projekts zurückzieht. Das schürt neue Hoffnung all jener, die an dem Prinzip festhalten, dass nur besondere öffentliche Bauwerke über eine Höhe von 23,5 Metern hinausragen dürfen, und sich ein vorzeitiges Ende des Vorhabens wünschen. Als die vorgeschriebene Projektpräsentation zur Beteiligung der Öffentlichkeit stattfand, kamen immerhin über 500 Petersburger, obwohl mit dem Tag des Schuljahrbeginns ein Termin gewählt wurde, der für eine ernsthaft gewünschte Beteiligung ungeeignet ist. Die Veranstalter sahen sich wütenden Protesten ausgesetzt, mussten ein Pfeifkonzert und "Schande"-Rufe über sich ergehen lassen.

Das Projekt ist also keineswegs in trockenen Tüchern, auch weil weiterhin unklar ist, wie die archäologischen Funde der schwedischen Festung "Nienschanz", auf die sich der Entwurf von RMJM ausdrücklich bezieht, am Standort gesichert werden können. Hier stellt sich erneut die Frage: Welche Bedeutung hat das historische Erbe bei der Gestaltung der Zukunft von St. Petersburg - programmatisch, technologisch und ästhetisch?

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