Bei ihren vielen Streifzügen auf Kreta lernte MERIAN-Autorin Sabine Beckmann die stolzen Schäfer vom Ida kennen, ihre archaische Gastfreundschaft bewundern und den dampfend-warmen Misithra-Käse lieben.
Ein warmer Maimorgen am Rand einer grasbewachsenen Senke, etwa 1500 Meter über dem Meer. Über den Wipfeln der Ahornbäume sehe ich im Süden den noch mit Schnee bedeckten höchsten Gipfel des Ida-Gebirges. Mitten in der Senke liegt wie eine massige Scheibe die steinerne Zisterne. Ein schlaksiger Junge, vielleicht 16, springt auf den hohen Rand und nimmt den oben aufgeschnittenen blauen Kanister am Seil. Er lässt ihn durch ein Loch in der Zisternenplatte ins Wasser fallen, zieht ihn mit geschmeidigen Bewegungen hoch und füllt die Tränke für seinen schwarzen Hund. Dann hebt er den Kanister an die Lippen und trinkt selbst.
"Das ist Frixos", sagen Iannis und Tassos. "Der hat's faustdick hinter den Ohren. Er war sogar schon in der Zeitung." Wir sitzen unter einem Baum am Rand der Wiese, ein paar Schafe lagern im Schatten des riesigen Nussbaums gegenüber. Die Schäfer haben ihre Vouries, die kretischen Rucksäcke, ausgepackt und essen ihr zweites Frühstück: Lammfleisch mit Kartoffeln in Öl-Tomaten-Soße, Oliven, Käse, ein paar kleine gefüllte Käsetaschen als Nachtisch. Frixos setzt sich zu uns.
"Du musst wissen", fährt Iannis fort, "dass Frixos ein gefährlicher Geselle ist." Die drei lachen wie Verschwörer. "Hast du sie dabei?", fragt Iannis beiläufig. Frixos nickt kauend. "Zeig sie ihr." Der lässige, knabenhafte junge Mann mit dem klassischen Hermes-Gesicht und dem passenden Diebslächeln greift ins Hemd und zieht eine kleine Pistole aus dem Hosenbund. "Frixos erschießt damit am liebsten Menschen", sagt Tassos in seiner trockenen Art. Und Iannis ergänzt: "In der Zeitung stand damals, wie er einen Touristen erschossen hat, als er zwölf war."
Die mysteriöse Geschichte lässt mir keine Ruhe. Am Abend spielt mir der Zufall zu: Der Dorflehrer kommt in die Taverne. Ich frage ihn nach Frixos. Und erfahre: In der letzten Grundschulklasse (in Griechenland die sechste) gab es das Aufsatzthema "Ein Tag am Meer". Frixos habe geschrieben: Er sei eines sonnigen Tages im Chimadio, den traditionellen Winterweiden, beim Hüten der Herde seines Großvaters gewesen, in der Nähe eines Strandes. Da habe er einen Touristen in den hohen Wellen um sein Leben ringen sehen. Geistesgegenwärtig habe er sich ins Meer gestürzt und den Ertrinkenden ans Land gezogen. Der habe aber inzwischen schon so schwach, zitternd und hoffnungslos ausgesehen, dass er seine 45er gezogen und dem Sterbenden den Gnadenschuss gegeben habe, denn er könne kein Lebewesen leiden sehen.
Diesen Aufsatz über einen "Tag am Meer" des jungen Frixos habe dann ein Reporter von der Zeitung in die Hand bekommen und darüber geschrieben. Ob dem klar war, dass einst der gelehrte Epimenides behauptet hatte: "Alle Kreter lügen"? Epimenides war Kreter.
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Der Erfinder von Magazinen wie "Wallpaper" und "Monoclé" ist ein Vielreisender und Kosmopolit. Hier schildert Ihnen Tyler Brûlé exklusiv seine ganz persönlichen Eindrücke vom Leben auf der Überholspur. Brûlé und weitere Kolumnisten - hier
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