Paris Die romantische Stadt am Fluss

Morgens blinzelt das Haus mit seinen vielen Augen. Über Paris geht die Sonne auf, und am Ufer der Seine, wo der Boulevard Saint-Germain auf den Fluss zuläuft, erwacht das Institut du Monde Arabe. Die Südfassade des Museums, 1987 nach Plänen eines Teams um den französischen Architekten Jean Nouvel gebaut, ist verkleidet mit Hunderten von elektronisch gesteuerten Blenden: Sie öffnen sich nach der Stärke des Sonnenlichts, damit es innen hell wird, aber nicht zu heiß. Doch noch ist die Luft kühl, vor dem Restaurant auf der Dachterrasse im neunten Stock wischen Kellner den Tau der Nacht von Tischen und Stühlen.

Ich bin früh auf den Beinen, der erste Gast an diesem Morgen. Nicht nur der würzige Espresso lässt mein Herz höherschlagen, denn ich habe eine Mission: Ist es wahr, dass eine Wanderung entlang der Seine ausreicht, um die wichtigsten Bauwerke von Paris zu sehen und das Lebensgefühl dieser Stadt zu spüren? Ich trete auf dem Dach an das Geländer und sehe den schweren Pont de Sully und Notre-Dame, weit im Norden ragt Sacré-Coeur aus einem Ozean von Häusern, und im Westen, ganz klein, der Eiffelturm. Eine Stadt, ein Fluss, ein Tag. Los geht's.

Über den schmalen Pont de la Tournelle schlendere ich auf die Île Saint- Louis, die östlich neben der Île de la Cité liegt. Ludwig XIII. hat im 17. Jahrhundert zwei nutzlose Inselchen zu einem hübschen Eiland verbinden und bebauen lassen - heute ist es ein feiner Ort der Sinnlichkeit, aus den Bäckereien duftet es nach warmem Brot, in den Cafés röcheln die Espressomaschinen, wenn sie die Milch für den café au lait erhitzen, in den Schaufenstern locken hübsche Dinge, die niemand wirklich braucht. Bei "L'Île Flottante", einer Mischung aus Boutique und Confiserie, kaufe ich mir eine Kugel Himbeer-Rosen-Eis von Berthillon, dem stadtbekannten Eisfabrikanten gleich um die Ecke.

Ich habe die rote Sensation aus Fruchtigkeit und Süße noch gar nicht richtig begriffen, als mich das Stammhaus von "Pylones" in seinen Bann zieht: Die Geschäfte sind dafür berühmt, Gegenstände des täglichen Gebrauchs mit klugem Witz zu verzaubern, und kaum habe ich meinen Fuß über die Schwelle gesetzt, muss ich erkennen, dass ich nicht mehr ohne eine metallene Käsereibe in Form des Eiffelturms leben kann. Mit leuchtenden Augen gehe ich zur Kasse, dann drücke ich meinen Rucksack mit der Käsereibe fest an mein Herz und ziehe weiter, einmal über Wasser, auf die Île de la Cité.

Ein Priester aus Brooklyn

In dem großen, durchsichtigen Kasten, in dem Michael Perry arbeitet, ist kein Platz für Firlefanz. Das gläserne Beichtzimmer steht in der Kathedrale von Notre-Dame, gleich rechts am Eingang. Seit 1993 kommt der Priester aus Brooklyn in New York einmal jährlich für ein paar Wochen nach Paris, um hier für die Nöte der Menschen da zu sein. "Sie kommen aus vielen unterschiedlichen Gründen zu mir", sagt der 68-Jährige. "Manche, weil sie sich in dieser Kirche auf einmal Gott näher fühlen, anderen liegt ein großes Problem auf der Seele. Sie sind weg von zu Hause und spüren erst auf der Reise, dass sie mit jemandem über ihre Sorgen sprechen möchten."

Wie ist es, in einer der schönsten Kathedralen der Welt zu arbeiten? "Ich liebe Notre-Dame, allein die bunten Glasfenster begeistern mich immer wieder", sagt Perry. "Aber viele Touristen begreifen das gar nicht und gucken die ganze Zeit nach unten, dabei gibt es dort gar nichts zu sehen!" Nun, vielleicht liegt es daran, dass hier rund 13 Millionen Besucher pro Jahr durchwandern, das sind gute 35.000 pro Tag. Da kann man schon mal aufpassen, dass man sich nicht auf die Füße tritt. Was macht Father Perry, wenn mal niemand zu ihm kommt? "Oh, zurzeit les ich ›Americans in Paris‹ von Charles Glass", sagt Perry. "Ich habe es bei ›Shakespeare and Company‹ gekauft, gleich gegenüber - waren Sie dort schon? Das ist einer der wichtigsten Buchläden der Stadt."

Ursprünglich war "Shakespeare and Company" ein Buchladen der Amerikanerin Sylvia Beach, die James Joyce' "Ulysses" herausbrachte. Während der deutschen Besatzung musste sie 1941 das Geschäft aufgeben, den berühmten Namen durfte in den sechziger Jahren ein anderer Laden übernehmen. Heute ist er ein Nest für Leseratten jeden Alters, die Bücher stapeln sich bis zur Decke, immer noch vornehmlich in englischer Sprache, aber nicht nur. Falls Sie hier eine literarische Eingebung haben, die sofort niedergeschrieben werden muss, so finden Sie im Obergeschoss eine kleine Kammer mit einer alten mechanischen Schreibmaschine. Der Schriftsteller Jonathan Franzen behauptet ja, es schreibe sich nicht gut an einem Computer mit Internetverbindung, so gesehen sind die Bedingungen hier optimal.

Teures Geld für erotische Fotos

Bevor ich die Buchhandlung verlasse, kaufe ich George Orwells Buch "Erledigt in Paris und London", in dem er die französische Unterschicht in den späten Zwanzigern beschreibt, und für die Lektüre der ersten Seiten suche ich mir einen besonders schönen Ort aus: An der Kathedrale vorbei gehe ich nach Westen bis zum Pont Neuf, der "neuen Brücke", die heute die älteste der Stadt ist. Sie wird bewacht von einer grünlich angelaufenen Statue von Heinrich IV., der die Brücke 1607 eingeweiht hat. Seinen Zeitgenossen war er als vert galant bekannt, die Übersetzungen für diesen Begriff sind in unterschiedlichem Maße charmant - sagen wir, er schätzte die Frauen sehr, auch in seinen späteren Lebensphasen.

Den Bürgern der Stadt war's recht, sie haben sogar den Park am äußersten Westzipfel der Insel nach ihm benannt: Square du Vert-Galant. Der Pont Neuf liegt weit über mir, und die Seine trennt mich von den lauten Straßen am Festland, es ist still auf diesem grünen Dreieck mitten auf dem Fluss.

Unter einer Kastanie setze ich mich auf eine Bank und lasse mir von Orwell erzählen, wie Straßenhändler damals ihre Kunden abzockten. Für teures Geld verkauften sie erotische Fotos in kleinen Stapeln, verpackt in durchscheinendes Papier - aber nur das oberste Bild zeigte unbekleidete Menschen, die anderen waren billige Ansichtskarten. Natürlich haben die geprellten Käufer sich nie beschwert, man schämte sich ja bei anzüglichen Themen, damals. Hinter mir höre ich den fröhlichen Heinrich leise lachen.

Jeden Sommer wird an der Seine Kies und feiner Sand aufgeschüttet. Für einen Monat entstehen die Paris Plages, die Strände von Paris. Die Einwohner sind verrückt nach ihrer Mini-Riviera, Studenten pfeifen auf den Hörsaal und lassen sich am Quai François Mitterrand von der Sonne küssen, Büroangestellte mit hochgekrempelten Hosenbeinen träumen davon, sich mal mit dem Betriebsrat über die Einführung der dreistündigen Mittagspause zu unterhalten. Ich finde einen Liegestuhl unter einer Palme, wo ich mir bei einem etwas verfrühten Glas Pastis einige Gedanken darüber mache, was wohl los wäre, wenn man das sommerliche Strandvergnügen an der Seine wieder abschaffen wollte: Die Stadtväter müssten sich auf brüllende Massen und brennende Autos einstellen, aber damit hat Paris ja Erfahrung.

Schließlich war das ein Grund, warum Napoleon III. vor gut 150 Jahren den Präfekten des Seine-Departements, Georges-Eugène Haussmann, aufforderte, das Stadtbild ein bisschen aufzuräumen. Die engen Gassen stammten noch aus dem Mittelalter, bei Aufständen blieben die Soldaten ständig in irgendwelchen Barrikaden hängen, ob Herr Haussmann dafür nicht eine Lösung hätte? Hatte er: Ab 1853 ordnete Haussmann die Stadt neu, ließ 25.000 Häuser abreißen und 40.000 neue bauen. Dabei entstanden lange Boulevards, die sahen schön aus und machten sich auch für Militärparaden ganz gut, und noch heute kann ich hier, in der Nähe der Seine, Haussmanns Handschrift bewundern.

Brauchen Sie Hilfe?

Ich biege nach rechts in die Avenue du Général Lemonnier ein, bis ich rechts die Pyramide des Louvre sehe, und kann nach Westen durch den Jardin des Tuileries die Champs Élysées hinunterschauen bis zum Triumphbogen, der sich an der Place Charles de Gaulle über die Stadt erhebt. Etwa zwei Flusskilometer weiter wurde auch modernisiert, nicht in so großem Stil, aber ebenfalls drastisch. Mit geradliniger Strenge für die Weltausstellung im Jahr 1937 erbaut, beherbergt der Palais de Tokyo heute in seinem Ostflügel das städtische Museum für Moderne Kunst mit Bildern von Cézanne, Picasso und Matisse. Der Westflügel ist der Gegenwart gewidmet: Wand- und Deckenverkleidung sind herausgerissen, der Putz ist nackt, hier werden nur Werke gezeigt, die nicht älter als ein Jahr sind.

Ich setze mich an das Wasserbecken vor dem Palais und kühle meine Füße, während junge Skater aus aller Welt über die Flächen neben dem Bassin brettern. Später werden sie zu Hause erzählen, dass sie sich in Paris mit Blick auf die Seine die Ellenbogen aufgeschürft haben, und wer kann das schon von sich behaupten?

Am Pont d'Iéna überquere ich die Seine und lege mich unter den Eiffelturm, um die Konstruktion zu bewundern: Was für ein luftiges Geflecht - wann haben 7300 Tonnen Stahl je so leicht, so filigran gewirkt? Es dauert nicht lange, und mich haben acht Menschen in sechs Sprachen gefragt, ob mit mir alles in Ordnung sei, zwei haben mir einen Schluck Wasser angeboten, einer einen Apfel und einer eine Crêpe. Irgendwann hält mir eine Frau in einem Sari sogar eine Teigtasche hin, die nach Curry und Kardamom duftet, da kann ich nicht widerstehen. Wie schön, dass es so viele hilfsbereite Menschen gibt!

Es beginnt zu dämmern, als ich mit dem Wassertaxi, dem Batobus, zurück nach Osten fahre. Der Pont Alexandre III leuchtet im rötlichen Schein der untergehenden Sonne, das Musée d'Orsay im Scheinwerferlicht, und als wir an der Île de la Cité anlegen, entschließe ich mich, den Kanal hinter der Île Saint- Louis zu erforschen. Ich biege nach Norden in den Boulevard Bourdon ein, und vor mir liegt ein stiller Wasserarm, von Bäumen gesäumt, weiße Boote dümpeln auf dem Wasser. Der Kanal führt zur Place de la Bastille, und dort trifft sie mich wie ein Fausthieb: die Opéra Bastille, eröffnet 1989 anlässlich des 200-jährigen Jubiläums des Sturms auf die Bastille. Die Bastille wurde kurz danach dem Erdboden gleichgemacht, leider ist bei dem Operngebäude noch niemand auf diese Idee gekommen.

Das hässlichste Gebäude von Paris

Die Opéra Bastille ist wahrscheinlich das hässlichste Gebäude in Paris, ein flacher Zylinder, ummantelt mit gestuften Flächen aus kleinen Quadraten, als hätte ein Getreidesilo mit einem riesigen Zauberwürfel einen unansehnlichen Bastard gezeugt. Wenn dieses Gebäude eine kleine Katze wäre, würde man sie ertränken; wenn es ein Auto wäre, würde der Hersteller es zurückrufen; wenn es ein Kind wäre, würden seine Eltern es in ein Internat stecken und nur an Heiligabend nach Hause holen, um es am ersten Weihnachtstag wieder wegzuschicken. Ich brauche ein Getränk, und mit einem Pastis ist es jetzt nicht getan.

Langsam legt sich die Nacht über Paris, während ich nach Osten den Quai François Mauriac entlanggehe. Fröhliches Kreischen schallt aus der Piscine Joséphine Baker, benannt nach der amerikanischen Sängerin und Tänzerin, die in Paris zu Ruhm gelangte: Auf einem Ponton treibt das Schwimmbad in der Seine, Dach und Wände sind aus Glas, leicht und durchlässig wirkt das Bad, das Wasser im hellblau gefliesten Becken wirft ein fröhlich flackerndes Licht auf den Kai.

Einige hundert Meter weiter liegt ein altes Frachtschiff an der Kaimauer, über und über mit Blumen bepflanzt: das Restaurantschiff "El Alamein". Die Chefin Geneviève Tuduri schenkt mir einen kaum verdünnten Absinth ein. Wie läuft's denn so bei ihr auf dem Boot? "Bei uns treten fast jeden Abend unbekannte Bands auf, und viele von ihnen sind richtig gut", sagt Geneviève zufrieden. "Diese Künstler brauchen Gelegenheit, sich einen Namen zu machen, sonst kommen sie ja nie auf einen grünen Zweig." Manche werden danach bekannt, wie die Gruppe Les Fatals Picards, die 2007 beim Eurovision Song Contest immerhin den zweitletzten Platz belegt hat.

Ich lasse mir von Geneviève noch einen Absinth geben und setze mich in der warmen Nacht auf die Stufen am Kai. Aus den Bars und Restaurants wehen Stimmen herüber; die Lichter einer Metro, die in der Dunkelheit über den Pont de Bercy rumpelt, spiegeln sich verschwommen in der Seine. Ein paar Meter weiter machen ein paar junge Leute ein Picknick mit Brot, Käse und Rotwein, ich gehe hinüber und schnorre eine Zigarette, die erste seit Langem. Ich nehme einen tiefen Zug, lächle und schaue auf die Seine. Es war ein schöner Tag.