Fast Lane Helmpflicht unter der Dusche

Tiefblauer Himmel, bunte Wiesen voller Bergblumen, warme Tage, kühle Nächte, frische Brisen sowie endlos Zeit, um sich einfach mal zurückzulehnen, zu beobachten, zu lesen, einen Mittagsschlaf zu halten und die Welt an sich vorbeiziehen zu lassen. Die vergangenen zehn Tage im Engadin boten genau das, verbunden mit Tagesausflügen zur Physiotherapie für die Nachbehandlung meiner Knieoperation, gelegentlichen Besuchen bei meiner Trainerin Vivi und einer Reihe von ausgezeichneten Abendessen im Chasellas in St. Moritz. Dank eines guten Physiotherapeuten (und Chirurgen) radle und laufe ich rund um den See und nutze meine aufgezwungene Rekonvaleszenz, um einige meiner Lieblingsetablissements aufzusuchen und ein paar neue Orte auszuprobieren.

Am Sonntag beschloss ich, den Nachmittag auf dem Rasen eines örtlichen Hotels mit einem Stapel Magazine und Zeitungen, Sonnencreme, Notizblock und einem spitzen Bleistift zu verbringen. Alles verlief zu voller Zufriedenheit (wolkenloser Himmel und wenige Gäste), bis sich ein Kellner in dieser neuen, "relaxten" Uniform (die Zeit der chinesischen Stehkragenjacke ist vorbei, an seine Stelle sind ein schlabbriges Piqué-Polohemd und glänzende schwarze Hosen getreten) näherte und mir sowohl die normale als auch die Sushi-Speisekarte in die Hand drückte. Von da an ging es steil und holprig bergab.

Ein flüchtiger Blick auf die Karte ergab, dass einige Klassiker fehlten. Die Frage nach einem Glas Rosé wurde mit der Auswahl dreier Sorten Weißwein gekontert. Die nächste Bitte um ein richtiges Glas statt dieses Picknick-Plastikbechers sorgte dann für pure Panik. "Ich spreche mal mit meinem Vorgesetzten." Einige Minuten später spazierte ein freundlicher italienischer Gentleman über den Rasen, um zu erklären, dass Gläser nicht länger in der Nähe des Pools geduldet würden. "Aber wir befinden uns weit entfernt von jedem Schwimmbad. Ich kann es von hier aus noch nicht mal sehen", entgegnete ich.

"Es ist nur wegen der Kinder", sagte der Chef.

"Welche Kinder? Ich sehe keine Kinder. Und was haben Kinder eigentlich mit meinem Wunsch zu tun, den Wein aus einem Glas zu trinken?", merkte ich höflich an. "Wenn ein Glas kaputtgeht und ein Kind tritt in die Scherben, könnte das zu einer Katastrophe führen", befand der Manager.

"Also entschuldigen Sie mal", erwiderte ich, "früher befanden Gläser und Schwimmbad sich vielleicht in unmittelbarer Nähe zueinander, aber nun haben sie den Pool 70 Meter weiter ans andere Ende des Gebäudes versetzt. Und überhaupt: Selbst wenn ich hier ein Glas auf den Boden schmettere, würde es auf diesem Rasen gar nicht kaputtgehen." Der Italiener streckte nun seine Hände nach oben und zuckte auf diese unnachahmliche Art, die nur Italiener hinkriegen, mit den Schultern. "Ach, ich weiß, aber so lauten nun mal die Regeln."

Ich versuchte, mein Mittagessen zu genießen, war aber doch ziemlich durcheinander. War die "Prozessitis" etwa bis in die Schweiz vorgedrungen? Waren Gläser jetzt tatsächlich gesetzlich von saftigen Wiesen in der Nähe offener Wasserstellen verbannt worden oder hatte das Hotel nur Angst vor der Prozessfreude einiger hysterischer Eltern? War dies ein weiterer Kriegsschauplatz der lästigen Gesundheits- und Sicherheitsbürokraten oder hatte lediglich der gesunde Menschenverstand des Hotel-Managements etwas gelitten?

Alles nur wegen dieser bekloppten Minderheiten!

Schlimm genug, dass es auf einigen Schweizer Eisenbahnstrecken kaum noch Zugfenster gibt, die sich öffnen lassen. Zunehmend gewinnt man den Eindruck, dass auch andere Freiheiten, die bisher von Menschen geteilt wurden, denen ein gewisses Maß an Vorsicht und Selbstkontrolle genetisch mitgegeben wurde, beschnitten, aufgehoben und stillgelegt werden - lediglich um sicherzustellen, dass eine bekloppte Minderheit sich nicht selbst verletzt.

Auch wenn all dies schrecklich deprimierend ist, eröffnet es auch eine neue Geschäftsidee für Leute, die mit Schutzausrüstungen handeln. Stellen Sie sich nur mal vor, was Sie hätten verdienen können, wenn Sie vor 15 Jahren ins Helm-Geschäft eingestiegen wären. In vielen Städten ist es inzwischen illegal, selbst eine ruhige Seitenstraße zum Eckladen ohne Helm runterzuradeln. Vor zehn Jahren sah man Helme auf der Piste nur ausnahmsweise, jetzt sind sie die Norm. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis wir für die einfachsten Aufgaben Schutzkleidung tragen werden müssen. Darin liegt eine tolle Chance, um ins globale Handeln mit Schutzkleidung einzusteigen.

Mit meinem noch nicht wieder ganz genesenen Bein rutschte ich fast auf dem Boden der Dusche aus und ohne Zweifel hätte dies in einer Katastrophe münden können. Sinnvoll wäre also ein Dusch-Helm, der es mir erlauben würde, mir die Haare zu waschen und der mich gleichzeitig davor bewahrt, mir in der Duschkabine den Schädel einzuschlagen, sollte ich auf den Fliesen ausrutschen. Außerdem wäre es sehr praktisch, einen besonderen Schlaf-Helm zu besitzen, denn gelegentlich fühle ich mich morgens auch mal etwas wackelig auf den Beinen und könnte mit Leichtigkeit Kopf zuerst durchs nächste Fenster rauschen und diverse Stockwerke tief fallen.

Vor einigen Jahren traf ich einen cleveren Geschäftsmann aus der Schweiz, der eine Firma besaß, die auf Verpackungen spezialisiert war. Ein Teil seines Unternehmens konzentrierte sich darauf, Maschinen für das Verpacken von Plastik herzustellen, das dafür benutzt wurde, Zeitungen zusammenzubinden und Paletten zu befestigen; der andere Teil darauf, Luftpolsterfolie aus Plastik herzustellen. Ihm möchte ich gern ein Joint Venture vorschlagen.

Ich denke, dass es an der Zeit ist, optimale Schutzmaßnahmen für Erwachsene und Kinder zu ergreifen, die Angst davor haben, auf der Wiese in Scherben zu treten, die Treppe herunterzufallen und vom Rad oder in Badezimmern auszurutschen. Deshalb biete ich Ganzkörperluftpolsteranzüge in Hotels, Restaurants und ähnlich gefährlichen öffentlichen Plätzen an. Diese würde den geistig beschränkten und prozessfreudigen Mitbürgern eine Art Schutzkissen bieten und es jedem anderen erlauben, so weiterzuleben wie bisher: sich immer im Klaren darüber sein, dass man in dem Moment, in dem man das Bett verlässt, täglichen Risiken ausgesetzt ist.

Autor:
Tyler Brûlé