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Natur

Auf der Suche nach der Rheinquelle in Graubünden

Wo entspringt eigentlich der Rhein? Tomasee, Vorder- oder Hinterrhein: Die Quellenlage ist nicht eindeutig. Wir haben uns auf die Suche nach der Rheinquelle in Graubünden begeben – und wunderschöne Ausblicke genossen.

Gemeinhin gilt der Tomasee im schweizerischen Kanton Graubünden als Rheinquelle; nach wenigen Kilometern fließt sei Ausfluss in den Vorderrhein. Doch in Reichenau, wo der Fluss erst seinen Namen bekommt, treffen sich zwei potenzielle Rheinquellen: Vorder- und Hinterrhein. Wo sich die Rheinquelle nun tatsächlich befindet, ist bei einer Wanderung in Graubünden aber gar nicht so entscheidend, denn beide Regionen – ob es nun die rund um den Vorderrhein oder eine Route entlang des Hinterrheins ist – sind mit spektakulären Sehenswürdigkeiten gespickt. Wem Wandern zu ruhig ist, kann Rafting in der Rheinschlucht ausprobieren, die nicht umsonst auch „Grand Canyon der Schweiz“ genannt wird: Atemberaubende Aussichten treffen auf weiße Kalksteine und schwarzen Schiefer. 

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Die Rheinquelle in Graubünden: Zwei potenzielle Quellen

Ein Leuchtturm? Tatsächlich! Am Oberalppass, 2046 Meter über dem Meeresspiegel, glänzt der Nachbau eines Modells aus dem Mündungsgebiet bei Rotterdam. Die, die ihn aufgestellt haben, behaupten, der nahe Tomasee sei der Ursprung des großen Rheins. Ob das stimmt?

So klar ist der Fall nicht. „Rhein“ heißt der Fluss erst ab Reichenau im Kanton Graubünden. Und dort münden zwei potenzielle Quellen zum Rhein zusammen: der nördlichere, vom Leuchtturm beworbene Vorderrhein und der südlichere Hinterrhein. 

Der Vorderrhein wirft 76 Kilometer Länge in die Waagschale – gegenüber 72 Kilometern des Hinterrheins. Der Hinterrhein trumpft mit einer Wasserführung von 59,6 Kubikmetern pro Sekunde auf – gegenüber 53,8 Kubikmetern des Vorderrheins. Womöglich sollten die geografischen Schiedsrichter hier ein Unentschieden geben. Jedenfalls sind beide Regionen großartige Wandergebiete.

Der Hinterrhein: Über die Felskante

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Im Dorf Nufenen beginnt der Wanderweg in die Geröll- und Wiesenzone, in der der Hinterrhein als kleines Bächlein beginnt. Ein Stück weiter stürzt sich der junge Fluss in der Rofflaschlucht spektakulär über eine Felskante – zur Freude der vielen Motorrad- und Fahrradfahrer:innen, die in der Nähe – auf dem Parkplatz des ehemaligen Hotels „Rofflachschlucht“ – geparkt haben. 

Fluregn und Doris Melchior führten den Betrieb lange in alter Familientradition. Nur durch Gaststube und Hintergarten gelangt man über eine Felsgalerie zum Wasserfall – ein Glanzstück der Ingenieurskunst, das sich Fluregn Melchiors Urgroßonkel Christian Pitschen-Melchior ab dem Jahr 1907 in sieben Wintern 8000 Pulverladungen und unzählige lebensgefährliche Arbeitsstunden kosten ließ. 

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Goethe und die Viamala-Schlucht

Zwei Wanderstunden weiter unten rauscht der Fluss durch die Viamala-Schlucht. Der wie mit einem Beil 300 Meter tief in die Landschaft gehauene Canyon in der Schweiz ist weithin bekannt – auch dank Johann Wolfgang Goethe, der hier auf dem Rückweg aus Italien mit der Kutsche Halt machte. Ausgerechnet hier fließt das Wasser aber so gemächlich, dass man sich beim Canyoning im Neoprenanzug problemlos durch die Schlucht treiben lassen kann. 

Ebenso aufregend ist die rund zehn Kilometer lange Wanderung von Thusis nach Zillis, die auch über eine beeindruckende Hängebrücke führt. Am Ziel lohnt ein Besuch der romanischen Saalkirche St. Martin, deren Decke ein einzigartiges Werk aus 153 Bildtafeln ziert.

Der Vorderrhein: Wasserkraft und Thermalbad

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Ein Klassiker am Vorderrhein ist die Wanderung vom Leuchtturm am Oberalppass zum Tomasee, der gern als Rheinquelle präsentiert und vermarktet wird. Wer sich für Wasserkraft interessiert, kann sich für eine kostenlose Besichtigung des Kraftwerks Vorderrhein in Sedrun anmelden. Etwas weiter unten führt in Ilanz ein Seitental hoch zum Valser Rhein und zum Thermalbad in Vals.

Rafting in der Rheinschlucht

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Weiter unten wartet die Rheinschlucht. Der Ritt über Wirbel und Stromschnellen dauert eineinhalb Stunden und führt durch völlig unberührte Natur. Streckenweise gibt es nicht einmal Wanderwege – nur Gämse, Wasservögel, Schmetterlinge und Orchideen. Bäume überleben hier manchmal nur bis zum nächsten Hochwasser. 

Der Name „Grand Canyon der Schweiz“ erklärt sich durch die Gesteinsmassen, die vor knapp 10.000 Jahren der Flimser Bergsturz aufgetürmt hat und die den Fluss eine Zeitlang zum See stauten. Dann begann er sich einen Weg durch weißen Kalk und schwarzen Schiefer zu fressen, tiefer und tiefer, bis sich die Wände zu seinen Seiten Hunderte von Metern hochtürmten.

Wem eine Rafting-Tour von Ilanz bis Reichenau durch die Rheinschlucht zu nervenaufreibend ist, findet im „Grand Canyon der Schweiz“ auch schöne Aussichtspunkte und Wanderwege. Außerdem verläuft die Zugstrecke der Rhätischen Bahn ebenfalls am Flussufer entlang.

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