Luzern Das Biosphärenreservat Entlebuch

Xaver Suter hat in seinem ersten Leben Milch in Käse verzaubert. Jeden Morgen ist er um vier Uhr aufgestanden, hat die Käserei aufgeschlossen, frische Milch von den Bauern erwärmt, gerührt, sie mit Lab vermischt, in den Kessel gegossen und gewartet, bis sie fest wurde. Dann hat er die Laibe in den Keller getragen, wo sie auf Holzbrettern zu Greyerzer gereift sind. Suter war gut in seinem Job, sein Käse war bis über die Grenzen seines Dorfes bekannt. Noch heute erzählen sie sich im Entlebuch davon. "Käse zu machen ist eine Kunst", sagt Suter. Und es ist seine Leidenschaft. Aber dann gab es Streit, die Käsekonkurrenz in der Westschweiz protestierte. "Greyerzer ist unser Käse", sagten sie, und Suter musste auf Emmentaler umsteigen. Aber wer einmal den würzigen Greyerzer gemacht hat, der kann sich nur schwer mit dem milden Emmentaler anfreunden. Also hat Suter vor sechs Jahren die Käserei zugesperrt und mit seinem ersten Leben abgeschlossen.

An diesem Mittag sitzt Suter, 67, auf einer Holzbank am Waldrand, zieht zufrieden an einer Zigarre und trinkt einen "Entlebucher Kaffee" - ein hellbraunes Gemisch aus Koffein und Alkohol. Er kann sich das erlauben, erstens ist er jetzt Rentner, und zweitens hat er sein Tagwerk schon erledigt. Am Morgen ist er um fünf Uhr aufgestanden, hat Milch geholt, sie erwärmt, gerührt, mit Lab vermischt und in den Kessel gegossen. Dann hat er gewartet, bis sie fest wurde, hat die Laibe in den Keller gebracht und sie auf Holzbretter zum Reifen gelegt. Suter macht wieder Käse. Nicht mehr jeden Tag, und jeweils nur drei Laibe. Aber es ist ein köstlicher, kräftiger Rohmilchkäse, der im Mund schmilzt wie Schokolade.

"Mein Geheimnis ist der Lab", sagt Suter. Er setzt ihn selbst an, aus getrocknetem Kälbermagen. Den Käse hat Suter "Entlebucher Biosphärenkäse" getauft, er ist bis über die Grenzen seines Dorfes bekannt. Das Bild auf den großen Laiben hat Suter selbst gemalt: eine Berglandschaft mit Wiesen, Wäldern und blauem Himmel. Das Motiv musste er nicht lange suchen: Es ist der Ausblick von seiner Terrasse. "Wir leben in einer der schönsten Regionen der Schweiz", sagt er. "Das weiß nur kaum jemand."

Das Entlebuch sieht in der Tat aus, als habe ein großer Landschaftsarchitekt Schweizer Postkarten entworfen. Die Wälder sind dunkelgrün, die Wiesen von Blumen übersät. An den Hängen kleben einsame Bergbauernhöfe, und überall läuten die Kuhglocken. Wer gern wandert, kann an der Emme entlang durch tiefe Schluchten und weite Flusstäler laufen. Oder man marschiert, am besten barfuß, durch eines der vielen Moore und lässt sich vom weichen, warmen Moos unter den nackten Fußsohlen kitzeln. Oder man schlägt sich fernab der Wege an Markierungen entlang einfach ins Gelände. Dann geht es steil bergauf und genauso steil bergab. Die Belohnung für die Anstrengung ist der Blick auf kleine Bilderbuchdörfer. Zum Entlebuch gehören Orte, die Escholzmatt heißen, Doppleschwand, Flühli oder Schüpfheim. Acht Gemeinden, in denen nicht einmal 17 000 Menschen leben, verteilt auf drei Täler und eine Fläche von knapp 400 Quadratkilometern. Massentourismus ist woanders.

"Wer ins Entlebuch kommt, sucht keine Superlative", sagt Richard Portmann, 64. Er hat ein sonnengegerbtes Gesicht und feste Prinzipien. Noch nie ist er geflogen, "weil das der Umwelt nicht gut tut". Lieber schultert er seinen Rucksack und wandert los. Portmann ist "Naturführer", gerade steht er an der Schrattenflue, einer weiß-grauen Kalkformation, die hier beinahe senkrecht aus dem Grün herauswächst.

Die Schrattenflue ist Portmanns liebstes Wanderrevier. Behände wie eine Bergziege springt er dort über die Risse und Furchen, die sich durch den Kalkstein ziehen. Regen und Schmelzwasser haben diese tiefen Spuren hinterlassen. Das sagen zumindest die Wissenschaftler. Portmann erzählt lieber die Legende vom Teufel, der einen Bauern bestrafen wollte. Mit seinen Händen habe der Teufel die Erde von den Almen des Bauern gekratzt, auf dass dort nie mehr etwas Fruchtbares gedeihe. Die Furchen seien nichts anderes als die Spuren der teuflischen Fingernägel. Portmann erzählt diese Geschichte gern. Denn sie zeigt, was passieren kann, wenn Mensch und Natur nicht sorgsam miteinander umgehen.

Weil so eine Legende die Natur aber nicht immer vor den Menschen bewahren kann, hat die Unesco das Entlebuch 2001 zum "Biosphärenreservat" ernannt. Die Region rund um die Schrattenflue und die Moore gehört seitdem zu den 564 geschützten Landschaften der Erde, in denen der Mensch mit der Natur so zusammenleben soll, dass beide voneinander profitieren - jetzt und in Zukunft. "Wir dürfen unsere Landschaft zwar für Tourismus und Landwirtschaft nutzen, aber wir dürfen sie nicht kaputt machen", sagt Portmann. Das klingt sehr pädagogisch. Portmann war früher mal Grundschullehrer. Und er ist einer von denen, die immer an das Biosphärenprojekt geglaubt haben.

"Wo ist denn eigentlich diese Biosphäre?"

Einigen Entlebuchern war die Idee, in einem "Biosphärenreservat" zu leben, anfangs etwas unheimlich. "Wir sind doch keine Indianer, die man einfach in ein Reservat sperrt", schimpften sie und beklagten die Kosten. Sie fürchteten sich vor Veränderungen. "Der Entlebucher ist von Natur aus eher konservativ", sagt Portmann. Jahrelang hat er zusammen mit Kollegen Überzeugungsarbeit geleistet - mit Erfolg. Heute ist das Entlebuch die erste Biosphärenregion der Welt, die sich erst nach einem Volksentscheid bei der Unesco beworben hat.

Jetzt, im Nachhinein, finden die meisten, dass der Titel ein Glücksfall für die strukturschwache Region ist. "Sanfter Tourismus, das ist unsere Zukunft", sagt Gerold Unternährer, den sie hier alle nur "Gsto" nennen. Er ist hauptberuflich Busfahrer, steuert den gelben Postauto-Bus, der jeden Tag elf Mal von Wolhusen nach Romoos und zurück fährt. Wenn er vom "Napfgolderlebnis" erzählt, lachen seine Augen, und der Goldzahn in seinem Mund blitzt. Man kann mit Gsto oder einem seiner Kollegen an die Grosse Fontanne marschieren, die durch eine atemberaubende Schlucht fließt. Dann steht man mit den Füßen im Wasser, schöpft nach Gold - und wird fündig. Bis zu einem Gramm winziger Goldplättchen fischt man an einem Nachmittag aus dem Fluss. Davon wird man nicht reich, aber glücklich.

Ein paar Täler weiter kann man gut beobachten, was passiert, wenn nicht die Unesco ihre Hand über eine Landschaft legt, sondern ein Investor. In Andermatt stampft gerade ein ägyptischer Baulöwe eine Ferienstadt aus dem Boden -mit Vier- und Fünf-Sterne- Hotels, Villen, Spa und Luxusapartments. In ein paar Jahren wird von dem ursprünglichen Ort wohl nicht mehr viel zu sehen sein. Und in dem Tal, in dem jetzt noch die Kühe grasen, spielen dann Inder und Chinesen Golf.

Für die Kühe von Martin Zemp dagegen sind die Weiden sicher. Die Sonne steht hoch über der Wiese, als der Landwirt seine Damen besucht. Am Zaun warten sie bereits, Leila, Finette und die anderen. Schöne Tiere sind das, klein und stämmig, mit sanften Augen und weichem Fell. Zemp, 30, hat blonde Haare und ein Lausbubenlachen. Vor sechs Jahren hat er den Hof seiner Eltern übernommen. Sein Vater, sein Großvater und sein Urgroßvater waren hier schon Milchbauern. Er hätte gern so weitergemacht wie sie, aber er musste feststellen: "Mit 19 Kühen kannst du heutzutage keine Familie mehr ernähren." Die Preise für den Liter Milch sind ein Witz, und die Konkurrenz ist humorlos. Also hat Zemp einen Nebenjob angenommen, schuftete auf dem Hof und schob Schichten in einem Grastrocknungsbetrieb. Nach einem halben Jahr war er müde und unglücklich. Da kam ihm die Idee mit dem Eis.

"Wieso soll man aus frischer Milch immer nur Käse und Joghurt machen?", sagt Zemp und führt durch seine Produktionsanlagen. Es ist ein kleiner Betrieb, in dem bei großem Ansturm auch mal die Mama mithilft. Zemp verwendet für sein Eis vor allem Früchte aus der Region: Heidelbeeren, Erdbeeren, Zwetschgen. Er verkauft das Eis wie Suter seinen Käse unter der Marke "Echt Entlebuch". Das Gütesiegel der Biosphäre verspricht, dass dieses Eis nicht in Chur, Chemnitz oder China hergestellt wurde. Das gefällt auch Restaurants in der Region: Eis vom Bauernhof passt in eine Zeit, in der viele das Naheliegende wieder schätzen. Aber das Wichtigste ist: Zemp kann damit seine Familie ernähren.

"Wir hatten all diese Ressourcen ja auch schon vor der Biosphäre. Aber jetzt können wir eine Geschichte dazu erzählen", sagt Franz Stadelmann. Der Schreinermeister sitzt in seiner Werkstatt in Escholzmatt, hinter ihm steht eine Tuba, darauf bläst er manchmal in der Mittagspause. Er ist Mitglied im Musikverein, im Jagdclub, bei der Freiwilligen Feuerwehr, im Fasnachtsverein und in zwei Skiclubs. Allein in Escholzmatt gibt es mehr als siebzig Vereine, wenn mal einer nicht bei den Treffen erscheint, ruft am nächsten Tag der Kollege an und fragt, was denn los ist. "Der Zusammenhalt zwischen den Menschen war hier schon immer stark", sagt Stadelmann. Nur hörte er früher am Ortsschild auf.

Seit es "die Biosphäre" gibt, arbeiten die Menschen in der gesamten Region enger zusammen. Am Vormittag hat Stadelmann eine Esche aus dem Nachbardorf geliefert bekommen. Achtzig Jahre alt war der Baum, wunderschön, der Stamm kerzengerade gewachsen, das Holz astrein. "Ein Filetstück", sagt Stadelmann. "So etwas findest du selten." Früher wäre daraus höchstwahrscheinlich Brennholz geworden. Heute rufen die Bauern Stadelmann an, damit er den Baum abholt und daraus Tische baut. Wenn so ein Schmuckstück mit "Echt Entlebuch"- Siegel später mal in einem Restaurant steht, dann ist das auch Werbung für die Region. Denn, so Stadelmann: "Wir müssen mit der Biosphäre noch bekannter werden."

Sie sind hier noch längst nicht fertig und haben große Pläne. In Escholzmatt wollen sie ein Biosphären-Informationszentrum bauen. Ein Riesending mit allen Multimedia- Schikanen. Rund 18 Millionen Franken wird es wohl kosten. "So etwas braucht es, wenn man das große Publikum anziehen will", hat Portmann gesagt. Das Entlebuch liegt zwischen Luzern und Bern und damit im Zentrum der Schweiz. Trotzdem kennt kaum ein Auswärtiger den Landstrich. Hier gibt es keine berühmten Super- Skigebiete, die sich über fünf Gipfel erstrecken. Es gibt im Entlebuch ja nicht mal einen Super-Berg. Man kann zwar mit der etwas in die Jahre gekommenen Seilbahn auf das Rothorn gondeln. Dort hat man eine fantastische Aussicht auf den Brienzer See und die Riesen der Umgebung: Finsteraarhorn, Schreckhorn, Wetterhorn, Eiger, Mönch und Jungfrau. Doch diese Aushängeschilder der Schweiz gehören allesamt zum Berner Oberland. Dort machen sie alles richtig, rein touristisch betrachtet. Sie vermarkten die Jungfrau als "Top of Europe" und verkaufen ihren Gästen neben dem Hotelzimmer auch gleich ein bisschen Glamour.

"Wir dagegen sind im internationalen Maßstab eher eine B-Destination", sagt Willy Kuster, 55, der Chef vom "Rischli" in Sörenberg. Kuster führt das kleine Hotel jetzt seit 25 Jahren. Viele seiner Gäste kennt er, seit sie als Kinder auf dem Hügel vor dem Hotel Skifahren gelernt haben. Vier von fünf Urlaubern in seinem Haus kommen damals wie heute aus der Schweiz. Klar fände er es gut, wenn im Entlebuch noch viel mehr internationales Publikum aufkreuzen würde. Aber nicht um jeden Preis. "Wer zu uns kommt, muss die Natur zu schätzen wissen. Und zwar so, wie sie ist", sagt Kuster.

Neulich hatte ein junges Pärchen bei ihm eingecheckt. Als Erstes haben sie ihn gefragt, wo die nächste Disco sei. "Wir haben hier keine Discos", hat er geantwortet. Die beiden waren erst überrascht, dann haben sie sich Wanderschuhe besorgt. Kuster lacht. Die Frage, die ihm die Gäste am häufigsten stellen, lautet: "Wo ist denn eigentlich diese Biosphäre?" Kuster erklärt dann, dass sie bereits mittendrin sind. "Geht auf Entdeckungstour", rät er. Einer hat ihm nach so einer Exkursion ins Gästebuch geschrieben: "Hier im Entlebuch hat Gott Pause gemacht und sich ausgeruht." Kuster hat das gefallen. "Der Spruch passt", sagt er zufrieden. Dann lehnt er sich zurück und schaut auf die Berge. Die Schrattenflue leuchtet in der Sonne, über die Wiesen streicht der Wind. Und irgendwo in der Ferne muht eine Kuh.

Autor:
Stéphanie Souron