Schweiz Ballonfahren mit den Cowboys der Lüfte

Ballonfstival in der Schweiz

Die Piloten sind betrübt. Ihre Blicke wandern zum Himmel über Château-d’Oex, und der ist von dunklen Wolken beschwert, statt geschmückt zu sein mit der farbenfrohen Leichtigkeit ihrer Ballons. Da oben wollen sie sein, und wir, ihre Gäste, mit ihnen: In kleinen Weidenkörben über Alpengipfeln schweben. Der Engländer Robin Batchelor schüttelt den Kopf: "Bei den Wolken", sagt er, "würde heute nur ein Cowboy starten." Die Zeiten, als er selbst so ein Draufgänger war, die seien längst vorbei. Er lacht verschmitzt, und man ahnt schon, dass die Zeiten vielleicht doch noch nicht so ganz vorbei sind.

Robin Batchelor und 80 weitere Ballonfahrer sind in den Ort im Tal der Pays-d’Enhaut gekommen - dort herrscht ein Mikroklima mit besten Windbedingungen zum Fahren, und die Schönheit der Berge ist rigoros. Sie haben ihre Ballons mitgebracht und ihre Geschichten: gebrochene Rekorde, denkwürdige Fahrten, Beinahe-Abstürze in russischen Wäldern, in einem kroatischen Amphitheater, auf einem englischen Friedhof.

Sie kommen aus 15 Ländern, die französische Trikolore weht neben dem britischen Union Jack und dem Kreuz der Eidgenossen. Ein Mal gibt es das Weiß-Blau-Rot auf dem Ärmel von Leonid Tyukhtyaev, einem kräftigen Russen, der versuchen wird, aus dem fahrenden Ballon eine im Schnee steckende Champagnerflasche zu greifen.

Auf einer Wiese am Dorfrand, die als Startplatz dient, warten sie nun auf das Wetter-Briefing, die Köpfe bedeckt mit sympathisch wenig Ernst. Sie tragen Cowboy-Hüte oder Hüte mit Hörnern oder solche, die aussehen wie eine Geburtstagstorte. Einer läuft in abgeschnittenen Jeans herum, die Beine bei den Minusgraden bläulich angelaufen. Das Ballontreffen findet seit 1979 statt, es ist eines der ältesten der Schweiz und eines der exklusivsten der Welt. Eingeladen werden nur renommierte Piloten. Man kennt sich, immer wieder fällt der Begriff "familiär", wenn sie über die Atmosphäre vor Ort reden.

"A pressure to fly", so beschreibt Robin Batchelor sein Gefühl kurz vor dem Start, wenn man hinauf will, wenn man sich auf den Nervenkitzel freut. Batchelor ist Stammgast in Château-d’Oex und ein erfahrener Pilot. "Es gibt kaum einen Kontinent, auf dem ich nicht fast ums Leben gekommen bin", ruft er und lacht. Bei den Ballon-Stunts für die Verfilmung von "In 80 Tagen um die Welt" verfehlte er nur knapp die Säulen eines Amphitheaters. Er war als Double des Hauptdarstellers Pierce Brosnan unterwegs. Mit seinem weißen Bart und seinen buschigen Augenbrauen wirkt er heute eher wie das Double eines gut aufgelegten Weihnachtsmanns. Wenn Weihnachtsmänner schlank wären und ein Gläschen Wein in den Morgenstunden trinken würden.

Der Wein ist nötig. Die Fahrtleitung erklärt gerade, dass heute alle, auch die Cowboys, auf dem Boden bleiben müssen. Es ist schon der zweite Tag, an dem das Wetter den Start verhindert - eine für das Festival ungewöhnliche Situation. Robin flucht und versucht, seinen Passagieren, einer Gruppe Japaner, die ihm auf Schritt und Tritt folgt, zu erklären, dass heute nicht Ballon, sondern Reifen gefahren wird. Ein Rodelwettbewerb ist kurzerhand organisiert worden. Den Japanern scheint das wenig auszumachen. Sie lachen und eine Stunde später flitzen sie auf Lkw-Reifen von einer Anhöhe auf die Startwiese hinunter.

Am Abend im "Richemont" stößt das Team vom Schweizer Manfred Streit auf gutes Wetter an. Manfreds Sohn ist ebenfalls Ballonfahrer und heißt ebenfalls Manfred. Beide tragen Schnurrbart. Das Ohr des Seniors schmückt ein goldener Ballonstecker. Unter den Fahrern gibt es viele Typen: den gut betuchten Liebhaber, der sich Pilotenlizenz und Ballon als Zeitvertreib leistet wie andere ein Segelboot. Den Abenteurer, der es sportlich nimmt und auf Rekordjagd geht. Jo Bailey, eine der wenigen Pilotinnen, kam durch die Liebe zum Ballonfahren. Ihr Mann Clive, selbst Pilot, stellte ihr den Heiratsantrag in 2500 Metern Höhe. Jungs wie Manfred und Manfred sind ehrliche und herzliche Handwerkertypen mit großen Händen, sie könnten auch Automechaniker sein. Sie sind gut geworden in dem, was sie gern tun und verdienen damit ihr Geld. Für Berufspiloten wie sie bedeuten die Wolken Umsatzausfall.

Der Himmel ist klar wie die blauen Augen eines Mädchens

Zu später Stunde wird dann im Zenith, einer Mehrzweckhalle neben der Startwiese, gefeiert. Robin Batchelor entkorkt einen Weißwein. "Wenn wir schon nicht Ballon fahren", ruft er in die Runde, "erzählen wir Geschichten über Ballonfahren", und gibt zum Besten, wie er einmal aus dem Korb gefallen sei. "Ausgerechnet über einem Friedhof!" So hört sich also ein Schädelbruch an, habe er noch gedacht und das Bewusstsein verloren. Als er wieder zu sich kam, war sein Ballon verschwunden. "Und jetzt stell dir das mal vor: Ein am Kopf blutender Mann läuft durch irgend so ein englisches Dorf und fragt die Leute, ob sie seinen Heißluftballon gesehen haben!"

Besten Ballonfahrer kommen in die Schweiz
Roberto Ceccarelli
Einmal im Jahr treffen sich die besten Ballonfahrer in Château-d’Oex.
John Gore, ein älterer britischer Gentleman, berichtet von seinem schönsten Ballon-Abenteuer, das in Château-d’Oex begann: "1989 war das, ein bitterkalter Morgen. In den Berner Alpen Hochnebel, alles zugeschneit, der Wind nahm mächtig zu, trug uns über Luzern. Je länger wir fuhren, desto wärmer wurde es. Der Bodensee lag vor uns in der Sonne. Bauern auf den Feldern, Blüten auf den Bäumen. Es war Frühling da unten! Im Winter losgeflogen, im Frühling gelandet! Und dann mit den Bauern zu Mittag gegessen. So schön ist Ballonfahren und so ein Glück."

Manfred junior erzählt, wie er viele Male zu spät in die Schule gekommen sei, weil er morgens Übungsfahrten für die Pilotenlizenz hatte: "Um die Zeit ist’s halt am besten fahren." Und dann ist der Himmel am nächsten Morgen klar wie die blauen Augen eines Mädchens, das gerade eine Entscheidung getroffen hat. Heute wird Ballon gefahren. Ausgebreitet auf Tüchern, zum Schutz vor Nässe, liegen die Ballonhüllen da, farbenfroh wie riesige Karnevalsmasken. Vor die Hüllen werden die Körbe gespannt, Piloten machen die Brenner bereit. Helfer wuseln umher, pumpen mit Windmaschinen Luft in die Hüllen, kitzeln die schlafenden Riesen wach.

Heißluftballons stehen für den Traum vom Fliegen und für große Abenteuer

Die Brenner fauchen los. Behandschuhte Pilotenhände feuern Flammen in die Hülle, noch in einiger Entfernung spürt man die Hitze im Gesicht. Die Auftriebskraft nimmt zu, je mehr warme Luft in die Hülle strömt. Die Ballons zieht es nach oben. Robin Batchelors Japaner fassen mit an, die Hülle strafft sich zu ihrer Tropfenform, der Riese streckt sich, sie steigen kichernd ein.

Roberto Ceccarelli
Hoch in den Himmel - nur mit heißer Luft
Ein schlanker, silberfarbener Ballon erregt besondere Aufmerksamkeit. Schaulustige haben sich um den Korb versammelt - Damen in Pelzen aus dem VIP-Bereich, Fotografen. Der Pilot unterhält sich mit ihnen: Bertrand Piccard, der zusammen mit dem Briten Brian Jones als erstes Team in einem Ballon die Welt ohne Zwischenlandung umrundet hat. 1999 war das, sie starteten hier. Fast 20 Tage und über 45.000 Kilometer später hatte Château-d’Oex einen Helden. Jetzt möchte Piccard einfach spazieren fahren über Château-d’Oex. Er hebt ab und winkt, und wir - 20 erwachsene Menschen - winken zurück.

Manfred ist startbereit: "Bisch so weit oder", ruft er mir zu, und das ist keine Frage, das ist eine Behauptung. Aus dem Korb kreuzt sich mein Blick mit dem eines vielleicht fünfjährigen Mädchens im Zuschauerbereich. Das Mädchen lacht, und als ein kleiner Ruck durch den Korb geht, lässt es seinen Heliumballon los. Ihr Ballon und unser Ballon steigen. Ihre blauen Augen strahlen. Ihre Freude - meine Freude. In dieser kindlichen Faszination spiegelt sich unsere eigene. Heißluftballons stehen für den Traum vom Fliegen und für große Abenteuer in einem übergroß wirkenden Spielzeug - ganz egal, wie alt wir sind.

Das Mädchen ist in der Menge bald nicht mehr auszumachen - schnell gewinnen wir an Höhe. Die Welt wird weiter und sie wird leiser: die Zuschauer nicht mehr zu hören, die Landstraße nicht. Nur die beschwingte Guggenmusik einer Live-Band in Entenkostümen fährt etwas länger mit. Dann ist um uns: Stille. Ab und an faucht der Brenner und seine Zündflamme zischelt. Wir schweigen. Ehrfürchtig ich, konzentriert Manfred. Was gibt es jetzt noch zu sagen in 2500 Metern, vom Wind dorthin getragen, wohin der Wind uns tragen will? Man könnte die Namen der Alpengipfel erfragen, von der Sonne angestrahlt, und Manfred kennt sie alle: Das da, das ist das Matterhorn und drüben leuchtet die Jungfrau.

Fahrtrichtung ist immer gleich Windrichtung

Man könnte überlegen, wie weit wir kommen, und Manfred würde von der Unberechenbarkeit der Ballonfahrt erzählen und wie schwer es ist, den Ankunftsort zu planen, weil im Orchester aus Wetter, Wind und Thermik keine Fahrt der anderen gleicht. Zwei Piloten bringen den Ballon zum Ziel. Der eine steht, der andere weht. Der eine heißt Manfred und bringt uns auf 3000 Meter. Der andere heißt Wind und bringt uns voran. Der eine wirkt wie ein Alt-Rocker, Barometer um den Nacken wie Schmuck. Er sagt: "Viel Wind ist scheiße, kein Wind ist scheiße." Der andere äußert sich nicht dazu.

Ballonfahrer treffen sich in der Schweiz
Roberto Ceccarelli
Seit 1979 treffen sich die besten Ballonfahrer einmal im Jahr in der Schweiz
In seiner horizontalen Fahrt ist ein Heißluftballon nicht direkt steuerbar - die Fahrtrichtung ist immer gleich Windrichtung. Beeinflussen kann der Pilot nur die vertikale Bewegung. Wenn Manfred mit dem Brenner die Luft in der Hülle erhitzt, steigen wir. Inzwischen auf fast 3500 Meter. Wird die Luft kälter, senkt sich der Ballon.

Neben uns, unter uns - Manfreds Kollegen: Ein bunter Zug gen Westen. Manfred sieht auf sein Barometer, Manfred hat eine Idee. Er reißt von einer Klopapierrolle einige Blätter ab, rollt sie zu einem Streifen und macht an das Ende einen Knoten, den er mit Spucke einweicht. "Einige haben ganze Computer an Bord. Ich - ich hab Fahren mit’m Arsch gelernt. Auf den kann ich mich immer verlassen oder", sagt er und wirft den rosa Klopapierstreifen aus dem Korb. Der fällt erst gerade, wird dann vom Wind gedreht - in Richtung Osten. Manfreds Schnurrbart lächelt. "Der da unten", sagt er, "der bringt uns wieder nach Haus." In verschiedenen Höhen gehen manchmal verschiedene Winde, erklärt er und steigt hinunter in den Westwind. Pilot Manfred und Pilot Wind arbeiten zusammen.

In der Luft so eine Ruhe, und jetzt, am Boden, eine erste Angst

Über Château-d’Oex steigen gerade die Ballons mit Sonderformen auf. Neben uns liefern sich ein Riesenhahn und eine Riesenerdbeere ein Rennen. Auf der Wiese steht der "Piper" der schottischen Ballonlegende Muir Moffat: ein fast 50 Meter hoher Koloss, der aussieht wie ein Dudelsackspieler. Manfred peilt das benachbarte Feld für die Landung an. Kurz vor dem Aufsetzen nimmt der Bodenwind zu. Wir werden über den Schnee geschleift, der Korb kippt hart nach vorn - "Festhalten!", ruft Manfred. In der Luft so eine Ruhe, und jetzt, am Boden, als der Wind die Muskeln spielen lässt, eine erste Angst. "Gewicht nach hinten!", Manfreds abgeklärte Stimme ist mehr Halt als mein Festhalten. Wir schießen auf den Maschendrahtzaun zu, der das Feld begrenzt, ich denke an die Hülle, denke an Herausfallen. Und merke: Wir werden langsamer; vor dem Korb türmt sich der Schnee immer höher und bremst uns ab. Mitten auf dem Feld bleiben wir stehen, der Korb kippt um, die etwas fülligere Passagierin vor mir landet im Schnee, ich weich auf ihr. "Guat oder", sagt Manfred, im Schnee liegend, und klopft sich den Schnee von der Jacke.

Abends im Zelt: Robin Batchelor trinkt Wein aus einem riesigen Kelch. Die Japaner blinzeln in Ehrfurcht. Muir Moffat, der Schotte, spielt Schlagzeug mit der Guggenmusik. John Gore sagt: "Ein Musiker muss sein Stück gut kennen, um es gut zu spielen, so wie jeder Pilot die Strecke und das Wetter vorher studiert haben muss. Ballonfahren komponiert man. Für welches Instrument? Hm. Ein Saiteninstrument, aber nichts Nervöses wie die Violine. Kontrabass? Zu behäbig. Man braucht beides: Tiefgang und Technik und bei der Landung Fingerspitzengefühl." Gore denkt nach. "Cello! Ballon fahren ist wie Cello spielen! Anmutige Bewegung, ein kleiner Bauch, wunderschöner Klang, wunderschöne Musik."

Der Russe Leonid Tyukhtyaev hat die Champagnerflasche nicht zu fassen bekommen. Ob er nächstes Jahr trotzdem wieder kommt? Natürlich kommt er wieder. "Aber setz dich doch her, ich will dir erzählen, wie ich mal in einem uralten sowjetischen Ballon, den keiner fahren wollte ...."

Autor

Sasa Stanisic

Ausgabe

Genfer See 07/2012