Tessin Auf den Spuren von Max Frisch

1979 veröffentlichte Max Frisch sein Buch "Der Mensch erscheint im Holozän" - eine Erzählung über Alter, Sterben und Vergessen. Hauptfigur ist ein Herr Geiser, der während eines Unwetters in seinem Tessiner Ferienhaus eingeschlossen ist. Christoph Geiser schrieb Frisch damals einen Brief und fragte, ob dieser Geiser etwa mit seinem Vater zu tun haben könnte - die beiden waren entfernte Bekannte. Erst 30 Jahre später bekommt er eine Antwort von Frischs Witwe. Geiser macht sich auf den Weg ins Tessin. Eine surreale Reise beginnt.

Was soll Herr Geiser in Basel? Am Heiligen Abend ist Basel unwirtlich, das weiß man, entweder stürmt's oder schneit's, regnet, windet und ist saukalt - finster ist's in jedem Fall. Oder es stinkt nach Chemie. Was hat man nicht alles für düstere Weihnachtserinnerungen an Basel! Überhaupt - Basel?

Herr Geiser schrieb Herrn Frisch einen Brief. Damals. Als der Mensch im Holozän erschienen war. Wenn man schon Geiser heißt und aus Basel stammt! Und im Holozän erscheint! (Und einen Vater hat, der gleich alt ist wie Herr Frisch.) Eigentlich erwartete Herr Geiser eine Antwort, aber man weiß natürlich, dass Berühmtheiten Unberühmtheiten nicht zwangsläufig antworten - und freute sich dann doch, als nach dreißig Jahren - jener Brief von 1979 blieb unvergessen - quasi eine Antwort kam.

An Weihnachten kann's in Locarno sehr schön sein. Sagt Frau Frisch. Die Witwe.

Eine Einladung. Locarno erfreut sich eines vorzüglichen Klimas. Mit dem Jahresmittel von 11,6 Grad ist Locarno die wärmste aller schweizerischen meteorologischen Stationen. Nicht dass das Tessin nun garantiert die Sonnenstube der Schweiz wäre. Es ist auch ein Ort der Katastrophen, der Erdrutsche, der Überschwemmungen, des Dauerregens womöglich - Herr Frisch weiß das.

Herr Frisch hat in seiner Erzählung nicht nur alle Arten von Donner im Onsernonetal notiert, sondern auch alle Arten des Regens. Neuerdings schneit es im Tessin auch unter Umständen so intensiv, dass es die Bambus-Hecken der Gärten knickt. Aber wenn es grad mal nicht schneit, nicht regnet, nicht gewittert, wenn der Langensee mal nicht über die Ufer tritt und die Piazza von Locarno überschwemmt, kann es geradezu südländisch sein im Tessin, womöglich an Weihnachten. Frühlingshaft, sagt Frau Frisch.

Eine Einladung. Von drüben, von jenseits der Alpen. Nein, Herr Frisch lebt nicht mehr in Berzona. Seine Asche, ins Feuer gestreut, ist längst verflogen. Und auch Herr Geiser, im Buch fünf Jahre älter als Herr Frisch, braucht wohl keine Herberge mehr ... Ascona also. Warum ausgerechnet Ascona? Man kann schöner am See sitzen und speisen als in Locarno, und Herr Geiser möchte mit Herrn Frisch schön am See sitzen und speisen. Locarno ist ja zu dieser Jahreszeit, außerhalb der Saison, halb zu. Die reinste Provinz.

Vulkane hat es im Tessin nie gegeben, lässt Herr Frisch Herrn Geiser im Holozän auf ein Stück Papier notieren. Herr Geiser und seine Zettelwirtschaft! Die Wohnstube seines Häuschens im Onsernonetal ist schon keine Wohnstube mehr vor lauter Zetteln an den Wänden. Schlangen haben kein Gehör, notiert sich Herr Geiser zum Beispiel. Als wolle er sich, allein mit dem Großen Brockhaus, des Menschheitswissens vergewissern, während womöglich alles ins Rutschen kommt: die Talwände im Dauergewitter, der Hang in der Sintflut, sein Gedächtnis, sein Verstand.

Milchiges Licht an der Seepromenade, aber sonnig. Kalt ist es nur im Schatten der Gassen. Ein unwirkliches Licht, weil es nicht zur Jahreszeit passt. In dem Licht, über dem See, verschwimmt alles. Die schemenhaften Hügel an den Ufern wie dunkle Kulissen.

Max Frisch mag Polenta

Herr Geiser und Herr Frisch mögen Polenta! Es gibt so viele Möglichkeiten, eine Polenta schmackhaft zuzubereiten: als Maisschnitten, leicht gebraten, oder als cremige Polenta mit ein bisschen Gorgonzola verfeinert. Von der weißen Polenta gar nicht zu reden! Aus weißem Maisgrieß. Eine venezianische Spezialität ursprünglich. Oder täuscht sich Herr Geiser ... mag Herr Frisch keine Polenta? Nur - Spanischen Reis? Das war doch sein Rezept, dessen Zu-taten er allmählich vergaß ... eine Art Paella? Frau Frisch fragen, notiert Herr Geiser auf eins seiner Zettelchen.

Man kann sogar draußen essen, zu Mittag, im "Al Porto", den Mantel im Sessel ausgebreitet wie eine Decke, von der Sonne beschienen. Manzo Brasato und Polenta - Schmorbraten mit cremigem Maisbrei - am Weihnachtstag in der Sonne am See, was will man mehr! Eine Flasche Merlot von Matasci, versteht sich. Herr Geiser und Herr Frisch haben beide das Rauchen aufgegeben. Aber auf den Wein verzichten sie nicht. Wenigstens dies!

Herr Geiser und Herr Frisch unterhalten sich über Saurier. Es muss mit allem gerechnet werden, sagt Herr Frisch: Wie es das Donnergrollen der Saurierschritte auf dem Erdboden plötzlich nicht mehr gab, so werden auch wir auf einmal verschwinden, und mit uns alles Menschliche. Und dann ist das, was wir hinterlassen, nicht mehr verständlich. Rätselhaft all die Zettel für das, was nach uns kommen wird. Wahrscheinlich gibt es ganze Milchstraßen ohne eine Spur von Hirn. Erschreckt Sie das?

Erschreckender, eigentlich, sagt Herr Geiser nach einiger Überlegung, ist die zunehmende Hirnlosigkeit heute und hier. Was ist aus all den Gesellschaftsentwürfen geworden? Der Monte Verità hier in Ascona war doch der Gegenentwurf gegen das Unbehagen in der Kultur, zurück zur Natur als Gesamtkunstwerk! Und der Klarismus - eine platonisch-homoerotische, quasi religiöse Bewegung, begründet von dem deutschbaltischen Künstler Elisàr von Kupffer, der sich im Tessin niederließ und als Religionsstifter Elisarion nannte. Die 84 glücklichen Jünglinge auf Elisàrs monumentalem Rundbild von 1924, das seit Jahrzehnten provisorisch auf dem Monte Verità in einem Schuppen untergebracht ist, brauchen dringend eine bessere Zukunft!

Und auch das "Grand Hotel Locarno", seit Jahren geschlossen, verfällt, wenn man's nicht schleunigst für 22 Millionen kauft! Immerhin, die Website existiert noch. Und so könnten wir jetzt online eine Suite buchen. Und dann träfen wir uns dort, all die Literaten aus der Umgebung, Hesse mit seinem Schützling Peter Weiss, Andersch, Elisàr und Eduard von Mayer mit Golo Mann, und da wäre auch George nicht fern, und die Highsmith dürfte nicht fehlen, und die Skandalgräfin von Reventlow flirtete womöglich mit Remarque in einem anderen Winkel, nach Mitternacht in dem großen Saal bis ins Morgengrauen ... Und in den großen Spiegeln, die's doch geben muss in dem Saal, gäbe es uns alle nicht. Denn es wäre ja kein gewöhnliches Bankett. Tanz der Vampire. Geschlossene Gesellschaft!

Eigentlich, sagt Herr Geiser, müsste aus dem milchigen Licht jetzt ein Schiff anlanden - wo keins mehr erscheint, zu dieser Jahreszeit. Als wäre der See mit dem Steg eine Bühne. Die Uhr steht still. Abfahrtszeit oder Ankunftszeit?

Venedig ist nur am 24. Dezember erträglich

Herr Geiser ist nie in Venedig gewesen. Nicht einmal an einem 24. Dezember. Wo doch Venedig nur am 24. Dezember für Literaten erträglich sein soll, wie man von Literaten, die sich in Venedig auszukennen pflegen, hört ... Am 24. Dezember nämlich gibt es in Venedig keine Touristen. Und nur am 24. Dezember. Und schon am 25. Dezember müssten wir dann wieder weg sein!

Aber wir sind jetzt nicht in Venedig, Herr Geiser, sondern in Ascona. Und auch in Ascona sind wir Touristen zur Unzeit. Darauf kann man sich verständigen. Und der Mensch erscheint nicht im Holozän, sagt Herr Geiser, das wissen Sie ja - wann der Mensch erschien, Herr Frisch, ist mittlerweil aber noch viel unsicherer und komplizierter geworden. So plötzlich, wie wir mutmaßlich verschwinden werden, sind wir nicht erschienen.

Und doch ist's nur ein Augenblick, dass wir da sind! Der Mensch ist erdgeschichtlich betrachtet, kosmisch womöglich, ein Tourist - der Tourist per se, Herr Frisch. Ein trüber Gast. Gute Reisende sind herzlos, sagt Elias Canetti in den "Stimmen von Marrakesch". Und gute Literaten sind es auch! Touristen im Leben anderer, die womöglich zur Unzeit mal rasch vorbeischauen mit ihrer Zettelwirtschaft, in der Sonnenstube natürlich, sich ein paar Notizen machen und weiterziehen, das wissen Sie doch ... Noch ein Gläschen, Herr Frisch? Eine Flasche Merlot!

Warum eigentlich, Herr Geiser, watschelt ein Schwan am 24. Dezember mitten auf der Seepromenade von Ascona? Ein Schwan auf Pflastersteinen ist entweder eine Perversion oder eine Erbärmlichkeit. Herr Frisch ist furchtloser als Herr Geiser. Schwäne sind doch gefährlich! Auch wenn's keine schwarzen sind.

Wer denn ist dieser Schwan?

Die Natur braucht keine Namen, notiert Herr Geiser aus Basel, der eigentlich Herr Frisch in Berzona ist, auf einem seiner Zettel. Aber Herr Frisch will doch gar nicht Herr Geiser sein ... und Herr Geiser nicht womöglich sein eigener Vater ... Hier kann nur noch eine venezianische Gondel anlanden, die aus dem Nichts kommt, diesem Dunst! Und an Land ginge ... Aschenbach? Und der Regisseur wäre ... Visconti?! Und wir würden alle Mitglied im Verein Pro Elisarion und verhülfen den 84 glücklichen Jünglingen zu einer besseren Zukunft - jenseits des Unbehagens in der Kultur, oder: im großen Saal des "Grand Hotels" womöglich? Wo anlässlich der großen Friedenskonferenz 1925 die Aufnahme Deutschlands in den Völkerbund vorbereitet wurde. Wo Geschichte geschrieben wurde! Wo zu guter Letzt noch die Filmwelt sich traf. In der Halle unter dem größten Murano-Glasleuchter der Welt?

Ein Reigen von 84 splitternackten, namenlosen und erfundenen Jünglingen, die verliebt lächelnd posieren, mit Schmetterlingen und Blumengirlanden, als Rundbild im milden Frühlingslicht über dem See ... der, mit abnehmendem Licht, verschwindet.

Der Autor speiste am 24. Dezember 2008 mittags im Restaurant "Al Porto" an der Seepromenade von Ascona - allerdings nicht mit Herrn Frisch.

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Christoph Geiser