Australien Wilde Kunst - das Mona Museum

Pst ..., hör mir zu! Bleib besser unauffällig! Es könnte sein, dass er dich gerade beobachtet, während du dich hier mit Sex beschäftigst. Ja, der Gedanke ist abscheulich, aber du bist ihm ausgeliefert. Er ist der Eigentümer dieses Hauses, und er ist, das gibt er freimütig zu, ein Spanner. Deswegen hat das Penthouse über dir ein einseitig verspiegeltes Glasfenster im Boden. Nein, nicht hochschauen jetzt!

Werfen wir lieber einen Blick auf den Menschen, der seine Gäste ausspioniert. Mit dem Satz "Warning: This article contains explicit language" beginnt das Wmagazine das Porträt über ihn. Und an deftigen Begriffen, die die australische Presse bemüht, um ihn zu beschreiben, mangelt es auch nicht. David Walsh, der Spanner, der Provokateur, der Autist, der Zocker. So weit die lauten Stimmen. Der Mathematiker, Veganer, Weinbauer, Bierbrauer. Das sind die leiseren Töne. Und immer, sehr bewundernd, ist in allen Publikationen die Rede vom Multimillionär und Genie.

David Walsh lässt sich heute nicht blicken. "Wir haben ihm ein wenig viel zugemutet in den vergangenen Wochen", sagt Delia Nicholls zur Begrüßung. Sie ist angestellt als Stimme von David Walsh. Er, der Geheimnisvolle und Öffentlichkeitsscheue, lässt sowieso viel lieber sie und sein Geld sprechen. Doch als Gründer und Besitzer des neu eröffneten Museum of Old and New Art, kurz Mona, in Hobart, Tasmanien, muss er in diesen Tagen öfter in Erscheinung treten, als ihm lieb ist. Es gilt, sein Wunderwerk zu erklären. Dieses Mona-Ding.

Auf dem drei Hektar großen Gelände der ihm gehörenden Moorilla Estate Winery am Ufer des Derwent River hat David Walsh Anfang 2011 das größte Privatmuseum der südlichen Hemisphäre eröffnet - und in jeder Hinsicht eines der faszinierendsten und spektakulärsten. "Er hat Tasmanien", so Delia Nicholls, "auf den internationalen Kunstmarkt katapultiert."

Weder so einen Museumsgründer noch so ein Projekt hat die Welt je gesehen

Er: ein zotteliger, vollbärtiger, gut genährter Kerl, der sagenhaft reich geworden ist mit dem Wetten auf Online-Pferderennen und dem Entwickeln eines Algorithmus zum Sprengen von Online-Spielbanken. Es: ein modernistischer, fensterloser Bau. Dem felsigen Untergrund sind 50 Tonnen Gestein und Erde für ein Loch abgetrotzt worden. Drei unterirdische Stockwerke füllen nun die Grube. Der Besucher erreicht, aus Hobart kommend, nach einer 40-minütigen Bootsfahrt auf dem Derwent River den Anleger, steigt ein paar Treppen hinauf und betritt einen ausrangierten Tennisplatz. Auch so ein Scherz, den Walsh sich mit seinen Gästen erlaubt. Wer einen prächtigen Eingang sucht, wird stutzen. Er steht vor einem Nichts von Eingang. Im Innenraum angekommen, fährt man mit dem Fahrstuhl in den Felsen hinab in ein unverputztes, nüchternes, finsteres, sandsteinfarbenes, 6000 Quadratmeter großes Kellerloft mit bis zu sechs Meter hohen Wänden und landet an einer Theke.

"Ich dachte mir, ein Drink könne nicht schaden, bevor man sich das alles anschaut", sagt Walsh. Recht hat er, denn gleich rechter Hand lauert sozusagen der Tod: Da stehen von der Neuseeländerin Julia deVille entworfene Urnen, gefüllt mit menschlicher Asche. Angeblich soll sich gleich im ersten Gefäß der Überrest von Walshs kürzlich verstorbenem Vater befinden. Für 75.000 Australische Dollar, so das Angebot, könne jeder im Mona für die Ewigkeit bleiben. "Aber das Verbrennen übernehmen wir nicht", sagt Walsh.

Die Provokation ist sein liebstes Stilmittel. Das Thema, das er zur Eröffnung seines für 200 Millionen Australische Dollar gebauten Tempels gegeben hat, bietet sich hierfür an. Es lautet "Monanism" - Sex und Tod.

Das Verlangen nach Sex und die Vermeidung des Todes sind wohl die beiden fundamentalen menschlichen Bedürfnisse. Die antike wie auch die zeitgenössische Kunst haben sich mit der Gier nach dem einen und der Angst vor dem anderen hinlänglich beschäftigt. Wie drastisch - das führt Walsh seinen Besuchern durch seine eingekaufte Auswahl eindrucksvoll vor Augen. Er besitzt ägyptische Mumien und Sarkophage, ein Objekt von Stephen J. Shanabrook, das "on the road to heaven the highway to hell" heißt und laut Shanabrook "in dunkle Schokolade gegossene Überreste eines Selbstmordattentäters" zeigt. Er hat Chris Ofilis Gemälde "The Holy Virgin Mary", das, als es noch in Brooklyn ausgestellt wurde, New Yorks damaliger Bürgermeister Rudolph Giuliani aus der Stadt verbannen wollte. Man steht vor Jenny Savilles Gemälden feister Transvestiten mit gespreizten Beinen und ist, man hat höchstens die Hälfte aller Ausstellungsstücke betrachtet, bereits dankbar für Greg Taylors 151 verschiedene Porzellanplastiken weiblicher Geschlechtsteile mit dem Titel "Cunts ... And Other Conversations" - sie sind wirklich ästhetisch anzuschauen und damit ausnahmsweise mal kein Angriff auf die Sinne.

Walshs Lieblingsstück ist "Cloaca" von Wim Delvoye

Eine gläserne Maschine, die aus echten Rinderkadavern echt stinkende Exkremente produziert. Ganz ehrlich: Jetzt zurück zur Bar und ein Bier - das wär’ nicht übel. "Creepy, freaky, awesome", gruselig, irre, geil! - so lauten die Kommentare der durchgängig durchgerüttelten, aber überwiegend begeisterten Besucher. Dieses Museum ist so anders; es ist, als wären alle Documenta-Höllenstücke nach Tasmanien verschifft worden und nun im "subversive adult Disneyland" (Walsh) versammelt.

Walsh ist auch ein Technikfreak. Jeder Besucher bekommt daher einen iPod touch geliehen, der ihn durchs Labyrinth der Räume navigiert. Jede Berührung des Bildschirms öffnet Audiofiles, in denen der Künstler und auch Walsh das Werk, das man gerade sieht, kommentieren. Und dann ist da noch der Abstimmungsbutton: "Love or Hate". Wozu? Nun: Walsh will herausfinden, welche Ausstellungsstücke am besten bewertet werden, denn: "Alles, was den Leuten gefällt", sagt er, "muss wieder weg."

Samstag, 9 Uhr 45. In einer Viertelstunde öffnet das Mona. Wie eine Prozession ziehen schon jetzt die Besucher, die nicht auf dem Wasserweg kommen, die Zufahrtsstraße des Weinguts hinauf.

Links auf den Feldern wächst Pinot noir, rechts Riesling. Der Hauptparkplatz vor den acht beeindruckenden, hypermodernen Pavillons aus Glas und Stahl ist bereits besetzt. Der Strom der Tagesausflügler, viele davon aus Melbourne und Sydney eingeflogen, reißt auch Monate nach der Eröffnung nicht ab. Sie alle wollen sich dieses Museum anschauen, von dem alle reden. Danach werden sie auf dem Weingut picknicken, Walshs Moorilla-Wein und Walshs Moo-Brew-Bier probieren und somit ein klein wenig zur Finanzierung der 75 Angestelltengehälter beitragen. Sie werden beim Schmausen darüber reden, welches Ausstellungsstück sie am abstoßendsten finden, und räsonieren, was für ein komischer Kauz dieser Walsh ist.

Und er? Er wird in sich hineingrinsen und heimlich den einen oder anderen Blick auf einen seiner Besucher riskieren.

Weitere Infos unter www.mona.net.au

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Autor:
Hansjörg Falz