Australien Sport statt weltberühmter Oper

Peter Schmidt hat es aus beruflichen Gründen hierher verschlagen. Vor vier Jahren ist er aus dem niedersächsischen Nordenham nach Melbourne gezogen. Schmidt ist Grippeforscher, kennt sich also aus mit Viren, aber dass es ihn in seiner neuen Heimat gleich so heftig erwischen würde, hätte der Mittdreißiger auch nicht gedacht. Das Virus, dem Schmidt verfallen ist, macht Melbourne in Australien einzigartig. Es unterscheidet die 3,7-Millionen-Einwohner-Metropole deutlich von Sydney, der größten Stadt des Landes.

"'Sport Flair' nennen sie das hier in Melbourne", sagt Schmidt und schwingt sich auf den Sattel seines Rennrads. Lange ist die Sonne noch nicht aufgegangen, aber neben dem Deutschen Ex-Pat rasen bereits zahlreiche andere Rennradfahrer die insgesamt 264 Kilometer lange Port Philipp Bay entlang - wie jeden Tag, bei nahezu jedem Wetter, "Four seasons in a day", wie sie das in Melbourne nennen: Binnen 24 Stunden kann man hier tatsächlich vier Jahreszeiten erleben. In kürzester Zeit sackt die Lufttemperatur schon mal um 15 Grad ab, und aus dem eben noch strahlend blauen Himmel schüttet es plötzlich wie aus Kübeln.

Nirgendwo sonst im ohnehin schon sportverrückten Australien sind die Menschen so aktiv und sportbegeistert. Die "Melbournians", hat man den Eindruck, sind ständig in Bewegung. Entweder zu einer der zahlreichen Sportstätten um Hochleistungsathleten zuzusehen - beim Australian Football, bei der Formel 1 auf dem Stadtkurs im Albert Park und den Australian Open im Tennis - oder aber, um sich selbst zu ertüchtigen. Neben ausreichend Routen zum Radfahren und Joggen gibt es im Großraum der Stadt beispielsweise knapp 200 Golfplätze. Nach der Arbeit packt man einfach die Schläger ein, und - ganz wichtig - ein Sixpack Bier, und dann schlägt man entspannt seine kleinen weißen Bälle. Die meisten Anlagen sind öffentlich. "Da gibt es keinen Dresscode, da golfen Hans und Kunz'", erzählt Peter Schmidt.

Genau genommen müsste es natürlich nicht "Hans und Kunz", sondern "Katsopoupolis, Bartoli und Nguyen" heißen. Melbourne, 1835 im Gegensatz zu Sydney nicht als Strafkolonie gegründet, ist ein einziger Schmelztiegel. Sport ist hier kein Körperkult, er soll vor allem Spaß machen. Und oft ist er ohnehin das Vorspiel zu dem, was die "Melbournians" mindestens genau so lieben wie ihren Sport: gut und reichlich essen und trinken. Menschen aus fast 150 Nationen leben in der Stadt, entsprechend vielfältig präsentiert sich das gastronomische Angebot.

Im Stadtteil Carlton etwa liegt Little Italy. Espresso und Cappucino schmecken dort mindestens genau so gut wie in Rom oder Florenz. "Kaffeetrinken hat hier schon was fast Religöses", erzählt Nick Chamberlain, der vor fünf Jahren aus London nach Melbourne gezogen ist. In Chinatown, der ältesten Chinatown Australiens übrigens, kann man sich unweit des Business Districts nicht nur durch die chinesische, sondern gleichermaßen durch die indische, malaysische und thailändische Küche futtern. Und im nördlich der Innenstadt gelegenen Viertel Fitzroy lockt schließlich die Einkaufsmeile Brunswick Street mit ihren unzähligen Restaurants, Cafés, Szeneläden und Galerien.

"Die Brunswick Street ist ein bisschen speckiger, als man das vom sonst recht aufgeräumten Melbourne erwartet", sagt Peter Schmidt. "Die Gegend ist eben sehr trendy und cool." Schmidt empfindet Melbourne als "extrem weltoffen und tolerant". Schnell heimisch gefühlt hat sich hier der Brite Nick Chamberlain, auch weil in Melbourne wie in keiner anderen Stadt Australiens viele altehrwürdige Gebäude im viktorianischen Baustil erhalten sind. Und wegen der "tollen Viertel, in denen man super relaxen und bummeln kann." Chamberlains Lieblingsecke ist die Chapel Street im Stadtteil Prahran.

Es sind solche Atrribute, die dafür sorgen, dass Melbourne regelmäßig zu den lebenswertesten Städten der Welt gewählt wird. Aber es gibt - natürlich auch - andere Seiten. "In Central Business District", erklärt Nick Chamberlain, "geht es extrem busy und hektisch zu". Von einem Besuch der in Reiseführern gepriesenen, ab 2000 urbanisierten "Docklands" rät er ab. "Viel Glas, viel Beton und ultramodern. Aber es hat keinen Flair", sagt Chamberlain, "wenn am Abend oder am Wochenende die Geschäftsleute weg sind, dann ist dort Totentanz angesagt." Getoppt wird das nur noch von jenem riesengroßen Riesenrad nach Vorbild des englischen "London Eye", an dem sich im Sommer bei Temperaturen um die 45 Grad allerdings Teile der Konstruktion verzogen. Derzeit wird das Monstrum demontiert. Gigantismus ist einfach nicht die Sache der "Melbournians". Das überlassen sie lieber Sydney.

Dorthin würde Peter Schmidt freiwillig nicht umziehen. "Sydney mag vielleicht spektakulärer sein, aber es hat auch was von Disney-Land", sagt er. "Melbourne ist bodenständiger und trotzdem cool." Das macht sich immer wieder auch beim absoluten Lieblingssport der Stadt bemerkbar, dem Australian Football oder "Aussie rules". Diese - verknappt gesagt - Rugby-Variante wurde 1858 in Melbourne erfunden, ursprünglich als Wintertraining für Cricketspieler.

Zum alljährlich im Cricket Ground von Melbourne ausgetragenen Finale pilgern an die 100.000 Zuschauer. Ein Familienevent: Oma schmiert die Sandwiches, Kinder und Enkel verputzen sie, Papa und Onkel trinken Bier - während unten auf dem Feld die Post abgeht. Und wenn die Begeisterung auf den Tribünen hie und da schon mal die Ebene des guten Geschmacks verlässt, dann blenden sie auf der großen Videoleinwand den Hinweis ein, dass man das laute Fluchen und Gebrülle doch bitteschön lassen solle. Der Kinder wegen.

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Autor:
Sven Bremer