Australien Fraser Island - Sonne, Wind und Dünen

Draußen kracht, quietscht, raschelt es. Riesenfarne und Palmenwedel schlagen im Wind gegen das Dach, schrammen an den Wänden des Hotelzimmers. Dazu Vogelgezirpe und -gekreische, im Unterholz das ohrenbetäubende Geschrei der Flughunde, manchmal sogar ein langgezogenes Heulen eines Dingos, des australischen Wildhundes, dazwischen das hysterische Lachen des Kookaburra-Vogels, übertönt von abendlichem Froschgequake aus den moorschwarzen Mangrovensümpfen, das ganz plötzlich anschwillt zum Tropen-Crescendo und ebenso abrupt mit der Dunkelheit abbricht.

Generalpause. Es ist immer noch schwül und heiß. Der Mond spiegelt sich in den schwarzen Wassern, legt sich lang übers Meer. Nachts, wenn die meisten Touristen fort sind, der Wind ihre Fußspuren auf den Dünenkämmen verweht hat, gehört Fraser Island wieder sich selbst. Wie zu den Zeiten, als hier nur die Aborigines lebten. Als die Sandinsel auch tagsüber ein Paradies war.

Heute landen den ganzen Tag über die Fähren in Kingfisher Bay und anderswo, jedes Hotel im nahen Brisbane bietet Tagestouren nach Fraser Island an. Die Besucher kommen mit schweren Geländewagen, und wer zu Fuß anreist, steigt um in einen der riesigen Allradbusse, um sofort hineinzufahren in die Wildnis – auch auf die Gefahr hin, im Sand stecken zu bleiben. Den Bussen ist kein Sandweg zu bucklig, keine Rinne zu tief, kein Abhang zu steil. Sie schwärmen in festgelegter Reihenfolge aus, damit es keinen Stau gibt auf den wenigen Pisten. Immer die gleiche Tour, zum Seventy-Five Mile Beach an der Ostküste, der ein australischer Highway ist inklusive Landegenehmigung für kleine Flugzeuge – befestigte Straßen gibt es nicht auf Fraser Island. Dann zum Lake McKenzie mit seinem Wasser, so glasklar, dass man den Boden in mehreren Metern Tiefe noch genau erkennen kann. Zur "Central Station", einem alten Holzfällerlager, an dem 50 Meter hohe Kauribäume in den Himmel wachsen, nach Eli Creek, wo in der Nähe in der Brandung das Schiffswrack der "Maheno" liegt oder das, was davon übrigblieb, zum Aussichtspunkt Indian Head…

Toll, muss man gesehen haben! Die Besucher sind glücklich – das Regenwasser des Lake McKenzie gleitet samtweich über die Haut, Fraser Island ist wie Sahara mit Sundowner am Pool. "Unesco-Welterbe", steht im Reiseführer, "die größte Sandinsel der Welt", und dann liest man nicht weiter, sondern bleibt im warmen Wasser liegen, das Gesicht in den azurblauen Himmel gewendet. Ist das schön. Mehr muss man nicht wissen bei einer durchschnittlichen Verweildauer von 2,7 Tagen.

Zu kurz, um zu erfassen, welch überaus komplizierte, fein verästelte Preziose die Insel ist. Ein empfindliches Ökosystem aus Sanden, die Mineralien enthalten mit Namen wie Edelsteinen:Rutil, Monazit und Zirkon. Dieser Sand, entstanden aus Verwehungen aus der Great Dividing Range, dem Gebirge, das sich an der australischen Ostküste hinzieht, sammelt sich hier seit fast einer Million Jahren auf Vulkangestein. Sand auf Lava, das hört sich nicht besonders reizvoll an. Die Schönheit und der Reichtum der Insel haben sich erst durch die etwa 40 Seen entwickelt, wie der Lake McKenzie und Lake Birrabeen. Sie sind gefüllt mit Regenwasser, das über einer fast undurchlässigen Schicht aus "Coffee Rock" (einem komprimierten Material aus Sand und organischen Bestandteilen) lagert.

Süßwasser gibt es hier somit in riesigen Mengen, und das bringt auf engem Raum eine überwältigende Fülle hervor. Sieben ganz unterschiedliche Vegetationszonen mit an die 800 unterschiedlichen Pflanzenarten: Mangrovensümpfe an der Küste, Eukalyptuswälder in vielen Regionen, Regenwald im Inselinnern und "Wallum", die australische Strauch- und Heidelandschaft auf nassen Sandböden. Diese Pflanzenvielfalt auf kargem Boden entsteht durch eine Besonderheit, die Symbiose aus Pilzen und Pflanzen. Das Pilzmyzel durchzieht die ganze Insel, es löst die Nährsalze aus dem Sand und stellt sie den Pflanzen zur Verfügung. "Fraser Island ist ein einziger Organismus", sagt der Ranger Peter Meyer, "vergleichbar dem Great Barrier Reef, in dem Korallen und Algen eine Symbiose bilden." Dieses wunderbare biologische Zusammenspiel ist ein Grund, warum die Unesco Fraser Island 1992 zum Welterbe erklärte.

Wie viele Bewohner das Welterbe heute hat, lässt sich nicht genau sagen – 300, 100? Die meisten davon arbeiten im Tourismusgeschäft. Früher einmal haben hier an die 700 Aborigines vom Volk der Butchulla gelebt, nach manchen Berichten aus dem 19. Jahrhundert sogar bis zu 2000. Wenn auch der Flugsand ihre Spuren längst zugedeckt hat, so ist doch ihre Erzählung von Gott Beiral lebendig geblieben. Beiral, der die Menschen schuf, hatte für seine neuen Geschöpfe keinen Ort zum Leben ausgesucht. Daher schickte er zwei vertraute Geister aus, Yendingie und die schöne K’gari. Nach und nach schufen die beiden reißende Flüsse, aufragende Bergketten und die Gestade des Meeres. Mit der Hervey-Bucht war ihnen ein besonders reizvoller Ort geglückt, dort wollte K’gari bleiben – auf ihre Bitte hin verwandelte Yendingie sie in eine wunderschöne Sandinsel.

Bei den Aborigines heißt Fraser Island bis heute K’gari. Ihren jetzigen Namen verdankt die Insel Kapitän James Fraser, der auf dem Weg nach Singapur 1836 mit seinem Schiff in der Nähe der Insel strandete, die damals noch Great Sandy Island genannt wurde. Ein Teil der Besatzung konnte sich auf die Insel retten, Fraser selbst starb dort, andere überlebten, unter ihnen auch Frasers Frau. Ob das trotz der Butchulla oder mit ihrer Hilfe geschah – darüber gibt es widersprüchliche Quellen. Der Bericht von Frasers Frau Eliza wurde damals so populär, dass man die Insel der Einfachheit halber von da an Fraser Island nannte. Aber ob ihre wüsten Geschichten über Versklavung, Kannibalismus und unmenschliche Aborigines wirklich stimmen? Eine Frau unter dem Namen Eliza Fraser trat noch Jahre später im Londoner Hyde Park auf und ließ das Publikum für einen halben Schilling ihre vernarbten Wunden besichtigen. Da soll die echte schon in Neuseeland ins Irrenhaus gesperrt worden sein. Oder war es umgekehrt?

Ende des 19. Jahrhunderts wurde es bitter ernst, begann man im großen Umfang die Insel auszubeuten. Und die Bewohner zu vertreiben und zu vernichten: Von den einst vielen Hundert Butchulla lebten 1896 nur noch genau zwölf auf der Insel. Den weißen Kolonisatoren ging es ums Holz: Sie schlugen die harten Kaurifichten für die Goldgruben, später die noch wertvolleren Satinay-Bäume – ein besonders wasserresistentes hartes Holz, mit dem der Suezkanal verschalt wurde. Es gab Ochsen zum Abtransport, sogar eine Dampflok für die hemmungslose Plünderung, und bis in die siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts dröhnten die Ketten- und Motorsägen durch den Wald. Die Stille kam zurück mit der Ernennung zum Nationalpark und der Anerkennung als Weltnaturerbe.

Jetzt sind die Einschlagnarben wieder zugewachsen, und wenn die Touristen am alten Holzfällerlager halten, starren sie hoch in die Wipfel der riesigen Kaurifichten, streichen liebevoll über die Rinde der Eukalyptusbäume und wundern sich, wie in diesem feuchtheißen Dschungel mit dem sandigen Herzen Menschen überhaupt arbeiten konnten. Jetzt ist es das Paradies für jedermann. Die schöne Ferieninsel. Man kann sich einen faulen Tag machen, angeln, trinken, nichts tun. Man kann auch mit dem Auto durch Urwald fahren, am Pazifik entlangbrettern, direkt am Meer parken und dort im Zelt übernachten, mit Glück sogar einem der umherstreunenden Dingos begegnen. Manchmal, wenn Ranger Peter Meyer Zeit hat für eine Wanderung, hat man sehr viel Glück. Dann geht man mit ihm an Königspalmen und Würgefeigen vorbei, staunt über die gelben konischen Blüten einer Banksie, über Fuchsschwanzgras, so fein gefiedert wie Spargelkraut, und auf einmal zeigt der Ranger leise auf einen Waran, der Teil eines Baumes zu sein scheint.

Es ist, als würde der Garten Eden sich hier für einen kleinen Moment öffnen. Zwei Stunden später liege ich im glasklaren Lake McKenzie. Allein. Klingt nach Paradies. Ist es auch. 

 

INFOS 

Fraser Island ist 123 Kilometer lang, bis zu 22 Kilometer breit, die größte Düne ist 244 Meter hoch. Mit einer Fläche von 1840km2 ist sie die größte Sandinsel der Erde. Kartenmaterial ist erhältlich im River Heads Information Kiosk – dort, wo die Fähre übersetzt. Tel. 0741258485. Überfahrt mit der Passagierfähre vom Ort Hervey Bay nach Kingfisher Bay ca. 20$. www.fraserisland.info

Autofahren
Nur 4WD möglich. Verleih in der Nähe vom Kingfisher Bay Resort. Wer mit dem Wagen kommt, muss ein Permit erwerben (ca. 40$). www.epa.qld.gov.au

Dingos
Auf Fraser Island gibt es noch etwa zehn Rudel nahezu reinrassiger Dingos. Trotz aller Warnungen werden sie immer wieder gefüttert, das aber ist gefährlich. Dingos sind Wildtiere, zu denen man unbedingt Distanz halten muss!

Great Walk
90 km lange, sehr schöne Wanderung von Dilli Village bis Happy Valley durchs Inselinnere. Der Weg ist gut markiert, Karten beim QPWS Information Centre in Eurong. Es gibt Camps entlang der Tour, die größte Distanz zwischen zwei Camps ist 16 Kilometer. Zum Weganfang am besten mit Fraser Island Taxi Service, Tel. 0741279188. 

Wale und Delfine
Von August bis November kommen mehrere Hundert Buckelwale in die Hervey Bay, viele von ihnen bleiben, bis der Nachwuchs groß ist. Delfine sind das ganze Jahr hier. Bester Spot ist die Nordspitze.

Übernachten
Es gibt viele Übernachtungsmöglichkeiten auf Fraser Island. Außerdem einige Campingplätze, für die staatstaatlichen braucht es eine Genehmigung, erhältlich beim QPWS (Queensland Parks and Wilderness Service) 160 Ann St, Brisbane, Tel. 0732278185, www.derm.qld.gov.au

Dilli Village 
Campingplätze und Schlafsäle in Hütten: saubere Unterkünfte der Universität Sunshine Coast, Tel. 0741279130, www.usc.edu.au, 2 Pers. ab 40$

Eurong Beach Resort

Wichtigstes Resort an der Ostküste. Günstige Motelzimmer, komfortable Studios, Shop, Benzin, Pool, Restaurant. Tel. 0741279122, www.fraser-is.com, DZ ab 140$

Kingfisher Bay Resort

Mit Preisen überhäuftes Vier-Sterne-Ökoresort. Vier Pools, drei Restaurants, viele Tourangebote, kompetente Ranger. Tel. 0741949300, www.kingfisherbay.com, DZ ab 213 $

Sailfish on Fraser
Apartments inmitten tropischer Vegetation. Happy Valley. Tel. 0741279494. www.sailfishonfraser.com.au, 2-Zi-Apartment ab 228 $

Schlagworte:
Autor:
Charlotte von Saurma