Australien Die Great Ocean Road

Ein sonniger Morgen über Victor Harbor. Rentner führen ihre Pekinesen, Dackel und Pekinesen-Dackel-Mischlinge auf der sorgfältig gestutzten Rasenfläche vor dem Strand aus. Zum Frühstück wird Omelette mit Speckstückchen und Barbecuesauce gereicht, dazu gibt es tatsächlich einen richtig starken Filterkaffee. Auf der Suche nach Lektüre landet man im Buchladen des unaufgeregten Städtchens südlich von Adelaide. Zwischen Ständern mit Postkarten der berühmten "Zwölf-Apostel"-Felsen in allen vorstellbaren Sonnenuntergangsszenarien und Regalen voller Ratgeber, wie man in zehn einfachen Schritten zu einem besseren Menschen wird, finden sich schließlich auch drei Krimis. Einer heißt "The Tourist". Er wird gekauft.

Um zum Princess Highway zu gelangen, der schließlich zur Great Ocean Road führt, muss ein weiter Bogen um Lake Alexandrina geschlagen werden. Die Landschaft ist flach. Es beginnt zu nieseln, die ersten schwarz-weiß gefleckten Kühe tauchen am Horizont auf - die norddeutsche Tiefebene, man kann ihr offenbar nicht entkommen. Bei Wellington ist der Highway erreicht. Er führt über mehr als 100 Kilometer durch den Coorong Nationalpark. Links eine riesige Salzwasserlagune, rechts das Meer. Kleine Pfade führen durch die Buschlandschaft zu überdachten Ausgucken, die mit ausführlichen Informationen über das Brutverhalten der Pelikane gepflastert sind. Man guckt. Man sucht. Man scheitert. Die Pelikane sind offenbar ausgeflogen. Genau wie die anderen 200 Vogelarten, die in diesem Ökosystem Schutz suchen. Begierig wird die Küstenlinie nach irgendetwas Lebendigem abgesucht. Da, eine Möwe. Immerhin.

Im Radio ist hingegen seit einigen Tagen nur noch von Pferden die Rede. "Ihr Tipp?", wird jeder gefragt. "Myluckyday!" In wenigen Tagen findet das bedeutendste Event des Kontinents statt: der Melbourne Cup. Es gibt nur noch die Zeit davor und die Zeit danach. Die Kaltfront? Trifft am Tag vor dem Cup ein. Der Flohmarkt in Torquay? Findet zwei Tage nach dem Cup statt. Wo werden Sie sein? Was werden Sie machen? Wie werden Sie es sich anschauen? Wie, haben Sie gerade gesagt, Sie hätten sich NICHT freigenommen?? "The race that stops a nation" - ein Volk im Ausnahmezustand.

Der Weg zu Australiens größter Touristenattraktion nach dem Ayers Rock zieht sich. Kurz hinter Warrnambool nähert sich der Princess Highway aber endlich der Great Ocean Road. Sofort zieht Nebel auf, Windböen rasen die ausgefranste Küstenlinie entlang, es beginnt zu schütten. Dass dieser Küstenabschnitt "Shipwreck Coast" heißt, verwundert nicht. Über 200 Schiffe sollen hier bereits gestrandet sein. Die berühmten zwölf Apostel rücken langsam näher. Bei Port Campbell ist es schließlich so weit. Busladungen voller sommerlich gekleideter Asiaten sammeln sich auf den großen Parkplatz und marschieren entschlossen Sturm und Regen trotzend gen Aussichtspunkt.

Die ockerfarbenen Felsstücke stemmen sich gegen das aufgewühlte Meer, weit entfernt von der Ansichtskarten-Idylle in Victor Harbor, aber trotzdem eindrucksvoll. Das attraktivste Schild lautet jedoch "Hot drinks available in the kiosk". Es folgen Grotten, Brücken und was die Kraft des Wasser noch so alles aus dem weichen Kalkstein herausgeformt hat. Der Regen prasselt mit unverminderter Kraft gegen das Auto, das schnell gegen ein Motel eingetauscht wird, von dem aus die verschiedenen Grautöne zwischen Meer, Himmel und Hügeln dann eine gewisse Poesie entwickeln. Man nimmt "The Tourist" zur Hand. Er entpuppt sich als Killer.

Die Anti-"Baywatch"-Initiative beim Avalon-Strand

Etwa 250 Kilometer ist die Great Ocean Road lang. Bis zum Surfermekka Torquay kurz vor Melbourne windet sie sich in kühnen Serpentinen um die steilen Klippen, immer mit Blick aufs Meer. In kleinen Buchten glaubt man schwarze Seehunde zu entdecken, aber es sind unermüdliche Surfer im Neoprenanzug, die geduldig auf der Lauer liegen, um keine einzige Welle zu verpassen. Die Straße, von 3000 Soldaten nach dem Ersten Weltkrieg angelegt, fährt sich gut. Nach den ersten Begegnungen mit forsch die Kurven schneidenden Bussen mit weiteren Besuchern aus Fernost gewöhnt man sich auch schnell an, vor uneinsehbaren Felswänden warnend zu hupen.

Kurve um Kurve schlängelt man sich Richtung Melbourne - im Radio werden nun die Chancen des Favoriten "So You Think" diskutiert - und eine ruhige Gelassenheit stellt sich ein, die von den Einheimischen offenbar geteilt wird. "Ein Zimmer? Ja, füllen Sie das aus, ich gucke gerade einen Film." Und weg ist die Dame. Laken und Bettdecke sind in gewagtem Schweinchenrosa gehalten. Im Fernsehen wollen Kinder sich mit selbst kreierten Applepies den Titel Junior Masterchef erbacken. "The Tourist" fliegt abends nach Paris. Leichen bleiben zurück. Der Kühlschrank brummt vernehmlich.

In Melbourne werden Straßen für den Verkehr gesperrt und kleine Fähnchen verteilt. Die Sonne strahlt wie bestellt, als würde sie gar nichts anderes kennen: Morgen ist das große Rennen, heute findet die dazugehörige Parade statt. Kinder warten aufgeregt am Absperrgitter, eine ältere Dame mit einem noch älteren Fotoapparat bittet völlig aufgelöst darum, sie mal kurz nach vorne durchzulassen, um den über den Asphalt tänzelnden Vorjahressieger festzuhalten. Eine Kolonne von Cabrios zieht vorbei, alle mit dem Namen eines teilnehmenden Pferdes versehen. Jockey, Trainer oder Sponsoren winken fröhlich in die Menge. Die schwenkt begeistert die verteilten Fähnchen.

Jetzt ist man angesteckt. Pünktlich um 15 Uhr wird auf dem Highway zwischen Melbourne und Sydney der passende Radiosender gesucht. Nicht schwer, denn ausnahmslos alle scheinen live von der Rennstrecke in Flemington zu berichten. So You Think und Myluckyday haben einen guten Start, es folgt ein spannendes Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen So You Think und Americain. Und dann ist es entschieden: ein Franzose, der Amerikaner heißt. Die Begeisterung der Moderatoren hält sich in Grenzen.

Die M 31 führt durch fruchtbare Hügellandschaften, vorbei an Orten wie Wangaratta, Albury, Goulburn zurück nach Sydney. Die Zahl der toten Kängurus am Straßenrand nimmt langsam ab. Im Radio wird erklärt, dass das Wort "earworm" vom deutschen "Ohrwurm" käme. Die meisten befragten Zuhörer erklären, "Seasons in the sun" sei der schlimmste. "Bald ist's Schlafenszeit, dass wir uns nicht verirren in dieser Einsamkeit", tönt es plötzlich auf Deutsch. Die australischen Top 100 der klassischen Musik sind bis Nummer 33 vorgedrungen: Richard Strauss' "Vier letzte Lieder"

Das Wetter scheint sich für eine dauerhafte Verbesserung entschieden zu haben, also wird ein Blick auf die Strände nördlich von Sydney geworfen. Nach nur einer Stunde Fahrt über die schlaglochgepflasterten kleinen Ausfallsstraßen Sydneys landet man schon in den Buchten von Whale Beach und Palm Beach, von jeweils zwei Felsvorsprüngen eingerahmte breite Strände mit rötlichem Sand, aus dem Kinder Sandburgen bauen. In Avalon Beach sucht man King Arthur zwar vergebens, aber einen mythischen Charakter haben Stadt und Strand sich bewahrt. Im Jahr 1990 sollte die Produktion von "Baywatch" hierher verlegt werden, da Kalifornien zu teuer geworden war. Eine Episode wurde auch abgedreht. Aber die Anwohner hatten keine Lust, sie gründeten eine Anti-"Baywatch"-Initiative, die Serie musste nach Hawaii ausweichen.

Noch etwas weiter nördlich ist die Küste nicht mehr ganz so dicht besiedelt. Avoca Beach und Terrigal sind nicht nur gesuchte Surfer-Ziele. Die durchaus gut betuchten Anwohner garantieren gute Einkaufsmöglichkeiten und jede Menge ausgezeichnete Restaurants. Es gibt sogar ein ambitioniertes kleines Kino in Strandnähe mit bunten Tiffanylampen und Plüschsesseln im Foyer.

Schuberts Forellenquintett als siebtbeliebtestes Klassikstück begleitet die Fahrt runter zur letzten Station Manly. 1940 wurde für die Fährverbindung zwischen Sydney und Manly mit "Seven Miles from Sydney, but a Thousand Miles from Care" geworben, was die Stadt nicht nur bis heute gerne wiederholt, sondern auch tatsächlich ausstrahlt. Nachts herrscht zwischen den Hunderten von Restaurants und Clubs übermütige Ausgehstimmung. Wer nicht schlafen kann, erfährt im Fernsehen noch, dass die zwölfjährige Isabella zum Junior Masterchef gekürt wurde. Am nächsten Morgen ergießt sich die aufgehende Sonne wie flüssiges Gold auf den Sand zwischen den Norfolktannen. Schon sieht man erste Surfer mit dem Brett unterm Arm Richtung Strandpromenade eilen. In der Fußgängerzone wird das letzte Omelette mit Barbecuesauce aufgetischt, der hoffentlich für lange Zeit letzte Nescafé getrunken und die letzte Seite von "The Tourist" gelesen.

Auf der Fahrt zum Flughafen von Sydney erklingt dann noch die wenig überraschende Nummer eins der Top 100 der Klassik: Beethovens "Freude schöner Götterfunken." Europa ruft.

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Autor:
Andrea Fonk