Wales Portmeirion, Dorf des schönen Seins

Portmeirion Garten

Zur Hochzeit wünschte er sich eine Ruine. Die Regimentskameraden von den Welsh Guards hatten eher an ein Silbertablett mit eingravierten Unterschriften gedacht - 1915 waren die Sitten noch fein. Aber Bertram Clough Williams-Ellis bestand auf einer Ruine. Genauer: auf das Geld, um sich auf seinem Landsitz Plas Brondanw einen verfallenen Turm nach seinem Geschmack zu errichten. Auf Englisch heißen solche nutzlosen Prunkbauten "folly", was im Grunde Wahnsinn bedeutet. Und das war nur der Anfang. Quasi die Fingerübung des grandiosen Illusionsbaumeisters, dessen Plan längst feststand: eine nostalgische Insel für Schönheitsselige zu schaffen, fern aller tristen Zweckbauten.

Nach und nach besuchte Clough Williams-Ellis 22 Inseln. Aber entweder war ihm die Natur dort nicht ästhetisch genug, oder es gab weder Trinkwasser noch Baumaterial. Zehn Jahre später wurde er fündig - auf einer überwucherten Halbinsel ganz in der Nähe seines Wohnorts in Wales. Als erstes taufte er die Gemarkung neu. "Aber Ia" (kalte Bucht) war kein Name, der Besucher anlockte. Portmeirion klang viel besser - nach Hafen und nach Portofino, was ihm, neben dem Tivoli in Kopenhagen, erklärtes Vorbild war. 1926 eröffnete Clough Williams-Ellis das Hotel Portmeirion - und begann sein Lebenswerk, an dem er bis kurz vor seinem Tod 1978 basteln und gärtnern sollte.

Den Besucher vom Kontinent kann im Norden von Wales zunächst der Verdacht befallen, plötzlich farbenblind zu sein. Weil alles entweder grasgrün mit weißen Punkten (Schafe) ist, oder schwarzgrau. Die Burgen. Die Schieferhalden, die einst die Schindeln für halb Europa und die USA lieferten. Die Schmalspurbähnchen, die noch immer in die Berge keuchen. Die Dörfer, wo die Häuser vom Fundament bis zum First Trauer tragen, weil sie aus den gleichen finsteren Schieferbrocken erbaut sind wie die Straßen und Mäuerchen. Wales ist ein Augenschmaus für Melancholiker.

Walter Schmitz
"The Gothic Pavillion", ursprünglich eine Wagenauffahrt.
Aber nach diesem verhaltenen Vorspiel auf Schlängelstraßen und über schwarz geteerte Brücklein glaubt man am Westzipfel des Snowdonia Nationalparks, an der Trichtermündung des Flusses Dwyryd, an eine Fata Morgana dort unten in der Bucht. Rosa Häuser mit himmelblauen Fensterläden. Kupferkuppeln. Barockgiebel unter Ziegeldächern. Ein Campanile. Gipsgöttinnen, frisch geweißelt. Torbögelchen und Balkönchen. Erker und Fantasiewappen. Auf den Dächern goldene Sterne und Kronen, Wetterfahnen und Zwiebeltürmchen, bleierne Vögel und Urnen. Die Pracht ist diskret eingezäunt und die Anmutung einer versunkenen Welt nicht durch Autos gestört.

Portmeirion hat keine Einwohner

Portmeirion, das Dorf in Zuckerguss, zählt 45 Gebäude, hat aber keine Einwohner. Der rauchende Mann dort auf der Zinne, das Kaffee trinkende Pärchen auf der Terrasse sind keine bezahlten Statisten, die Bevölkerung mimen (obwohl einen das auch nicht mehr wundern würde), sondern Urlauber, die sich tage- oder wochenweise hier einmieten können - und so nach dem Willen des Erbauers dessen Schöpfung Leben verleihen sowie dieses ungewöhnliche Freilichtmuseum finanzieren. Was seit über 80 Jahren prächtig funktioniert. Das Feriendorf ist ein nach Wales verpflanzter Italien-Traum für Touristen - "wie Goethe auf LSD", schwärmt einer im Internet.

Es gibt aber auch seriöse Architekturkritiker, die den Mann, der hier im Alleingang 50 Jahre lang eine schamlos romantische Bauwut austobte, für den verkannten Vater der Postmoderne halten. Denn Clough Williams-Ellis war ein Meister des Zitats und genialer Resteverwerter. Als gefühlter Retter des Abendlands war er zur Stelle, wenn verkommene Herrenhäuser unter den Hammer kamen. Ersteigerte für 13 Pfund die jakobinische Gewölbedecke, die heute die Town Hall schmückt.

Welsh Wool Shop in Portmeirion.
Walter Schmitz
Der Welsh Wool Shop in Portmeirion.
Der gotische Eingangsportal am Fantasie-Dom? War ursprünglich ein imposanter Kamin mit Minnesänger-Balustrade aus einem prächtigen Herrenhaus in Cheshire. Die anmutigen doppelschwänzigen Meerjungfrauen aus grünem Metall? Befanden sich einst im Treppengeländer vom plattgemachten Seemannsheim in Liverpool. Die Kolonnade bei der Piazza stammt aus dem Jahr 1760 und stand in Bristol, wo ihr wegen Bombenschäden die Abrissbirne drohte, bis Clough Williams-Ellis kam. Der war kein Snob: Als Krönung der Stadthalle stülpte er einen kupfernen Wurstkessel aufs Dach. Und der güldene Gipsbuddha in seiner Loggia ist ein Überbleibsel von Dreharbeiten. Ingrid Bergman hatte 1957 im Film "Die Herberge zur 6. Glückseligkeit" die tapfere Missionarin Gladys gespielt, Curd Jürgens den chinesischen General; die chinesische Mauer wurde hier in Wales erbaut, und Clough Williams-Ellis' Hochzeitsturm spielte auch mit.

Überhaupt sind Hotel und Gästehäuser von Portmeirion gespickt mit Erinnerungen an prominente Besucher: Daphne du Maurier und John Steinbeck, George Bernard Shaw und Bertrand Russell. Noël Coward und Arthur Koestler. Die Beatles und Elle Macpherson. Selbst den großen US-Architekten Frank Lloyd Wright trieb die Neugier nach Portmeirion.

Portmeirion - der hartnäckige Traum vom Schöner Wohnen

Clough Williams-Ellis war im Brotberuf ein beliebter Baumeister der besseren Kreise. Vielleicht gerade, weil er seine formale Architekten-Ausbildung nach drei Monaten schmiss - er fand, an der Akademie gab's nichts zu lernen, was er nicht schon konnte: altmeisterlich zeichnen, klassische Proportionen aus dem Ärmel schütteln, von Bildungsreisen zehren. Der Bau von Portmeirion war sein hartnäckiger Traum vom Schöner Wohnen, den er hauptsächlich mit seinen anderweitig verdienten Honoraren finanzierte. Als sich das "Heim für gefallene Häuser" wie gewünscht zur Attraktion entwickelte, begann Clough Williams-Ellis, die Schaulustigen zur Kasse zu bitten. "Um Besucher von Portmeirion gebührend zu entmutigen und somit in vertretbarer Zahl zu halten, wurde es notwendig, eine Eintrittsgebühr zu erheben. Um diese zu vermeiden, kehren Sie bitte hier um", las man am Tor zum Dorf. Die Finesse war, dass der fällige Obolus auf einer kleinen Drehscheibe markiert war. Als Marketing-Genie nahm Clough Williams-Ellis an Tagen, an denen etwa der Prince of Wales erwartet wurde, das Doppelte. Das schlitzohrige System wurde erst in den 1970er Jahren abgeschafft; heute zahlen die jährlich 250.000 Tagestouristen einen Einheitspreis, selbst wenn sich unter den 160 Hochzeitsgesellschaften pro anno mal ein Promi trauen lässt.

Burmesischer Tänzer in Portmeirion
Walter Schmitz
Alles passt zusamenn, auch wenn nichts zusammengehört: Ein burmesischer Tänzer auf einer Ionischen Säule.
Clough Williams-Ellis' profitables Wolkenkuckucksheim wird inzwischen als Familienstiftung fortgeführt. Kinder und Kindeskinder sind am Erfolg wesentlich beteiligt. Tochter Susan Williams-Ellis (1918-2007) eine vielseitige Künstlerin, hatte bei Henry Moore und Graham Sutherland studiert und schaffte es, Portmeirion weltberühmt zu machen - mit Tellern und Tassen. Portmeirion-Porzellan schreibt Millionenumsätze. Das Geschirr mit Blumen und Früchten ist nicht nur im Village-Shop ein Renner, sondern global begehrt, selbst wenn die meisten Sammler vom Ort Portmeirion noch nie gehört haben. Enkel Robin Llywelyn schreibt Romane auf Walisisch und ist seit 25 Jahren Chef des Clan-Unternehmens; seine Schwester dient der Stiftung als Botanische Direktorin.

Das künstliche Idyll Portmeirion wäre nur halb so schön weltfern ohne seinen natürlichen Schutzwall, das ausgedehnte Parkland. Als Clough Williams-Ellis in den 1940er Jahren den Rest der Halbinsel günstig kaufen konnte, machte er ein Schnäppchen. Denn die Wildnis tut hier nur so wild. Vorbesitzer waren zwei Gentleman-Pflanzenjäger: Sir William Fothergill Cooke, Erfinder des Elektro-Telegrafen, und Caton Haigh, Hobby-Ornithologe und Koryphäe für Himalaya-Pflanzen, die seit 100 Jahren die walisische Flora mit zahllosen seltenen Rhododendren und Azaleen, Eukalyptus und Lilien, Japanischen Zedern und Baumfarnen, Bambus und Kamelien bereichert hatten.

Im Dickicht dieser Exoten stößt man auch auf das Grab von Flora, Sofia und Laura, flankiert von einem Grabstein mit der Aufschrift "Unser geliebter Freund, der diese Welt zu früh verlassen hat." Es handelt sich um einen Hundefriedhof: Mrs. Adelaide Haig lebte bis 1917 im heutigen Hotel und hatte 15 Mischlingshunde, die sie abends im Spiegelsaal versammelte, um ihnen, verborgen hinter einem Wandschirm, aus der Bibel vorzulesen.

Clough Williams-Ellis, der nach Meinung eines Freundes aussah wie "ein amüsantes Pferd", beschränkte seinen Elan nicht darauf, dem Norden von Wales ein Klein-Italien abzutrotzen. Der umtriebige Architekt reiste in den dreißiger Jahren auch zweimal in die Sowjetunion, wo Stalin ihm einen Vertrag als Städtebauer anbot. Clough war geschmeichelt, genoss dreimal täglich Kaviar, lehnte aber schließlich ab. Stattdessen engagierte er sich zu Hause für den Umweltschutz, war maßgeblich an der Schaffung der Nationalparks beteiligt - die Grenzen des Snowdonia National Parks steckte er persönlich ab. Zum Dank dafür wurde er mit 89 Jahren geadelt.

Sir Clough bekannte einmal, er sei getrieben von "Schönheit, dieser seltsamen Lebensnotwendigkeit". Nach diesem Motto hat der Recycling-Architekt selbst seine sterblichen Überreste verplant: Er verfügte testamentarisch, dass seine Asche in eine Marinerakete gefüllt werde, die später bei einem Silvesterfeuerwerk über der Bucht von Portmeirion gezündet wurde und die Zuschauer ergötzte.

Autor

Paula Almqvist