Toskana Traum vom Italienischen Feriendomizil

Es gebe nun die ideale Katzenstreu für Anhänger der Toskana-Fraktion, hergestellt aus Pinien-Spänen - so erfahren wir in einem Katzen-Blog. Die Toskana-Fraktion verlasse den Bundestag, schrieben mehrere Zeitungen vor der Wahl 2009. "Wie wir Toskana-Fraktion wurden", so betitelt die B.Z. einen schlichten Reisebericht aus der Toskana. Und in Tschechien wird das deutsche Wort "Toskana-Fraktion" für eine abgelöste, korrupte Führungselite benutzt.

Ja, was denn nun? Was ist sie, die immer wieder zitierte Toskana-Fraktion? Entstanden ist der Begriff Ende der achtziger Jahre, angeblich hat ihn der frühere Hamburger Bürgermeister Klaus von Dohnanyi erfunden. Verwendet wurde er in der Regel als Kampfbegriff des rechten SPD-Flügels gegen die Linken in der Partei, ein paar Grüne gleich mit einbezogen. Gemeint waren damit linke Politiker, die das gute Leben für wichtiger erachten als das Aktenstudium.

Es ist in etwa dieselbe Gruppe, die man in Frankreich gauche caviar nennt - Kaviar-Linke. Motto auch dort: links reden und rechts leben. Die Toskana stand dabei oft nur als Symbol für einen genussfreudigen Lebensstil, und so wurden auch Leute wie Björn Engholm in diese Schublade gesteckt, obwohl sie nie etwas mit der Toskana zu tun gehabt hatten.

Aber natürlich gibt es auch die Geschichte der realen Toskana-Fraktion, die sich um Persönlichkeiten wie Otto Schily, Peter Glotz und Joschka Fischer dreht. Als Gründer wurde oft der Berliner Verleger Klaus Wagenbach bezeichnet, und das ist nicht ganz falsch. Der Italienfreund besitzt im Südosten der Provinz Siena ein Haus in einem kleinen Bergdorf, das wir ihm zu Liebe nicht nennen wollen, nur so viel: Das Dorf wird von Feinschmeckern sehr geschätzt.

Durch seinen Freund Wagenbach wurde auch bei Otto Schily die Liebe zu dieser Ecke der Toskana und ihrer Küche entzündet. Um Schily herum bildete sich bald ein Freundeskreis, zu dem auch die Rocksängerin Gianna Nannini, aus einer Zuckerbäckerfamilie in Siena stammend, und Italiens berühmteste Winzerin Donatella Cinelli Colombini gehörten. Wichtigster Treffpunkt wurde die "Osteria Le Logge" in Siena, gleich neben dem Campo.

Wirt war hier bis zu seinem Tod im Herbst 2008 Gianni Brunelli. Seine Biografie passt ins Bild, das man sich von den Toskana-Linken macht: Lange Jahre war er kommunistischer Betriebsrat bei einem Haushaltsgeräte-Hersteller, dann übernahm er das kleine Weingut des Vaters im Montalcino und wurde zu einem der wichtigsten Botschafter des "reinen", aus der Sangiovese-Traube gekelterten "Brunello di Montalcino". Und er pachtete nahe dem gotischen Rathaus von Siena eine ehemalige Apotheke, um zwischen den alten Schränken eines der schönsten Restaurants des Landes einzurichten. Später brachte Brunelli ein wunderbares Kochbuch heraus, das auch ins Deutsche übersetzt wurde: "Osteria Le Logge - die Küche der Toscana", mit Vorworten von Schily und Nannini.

Kein Haus für Willy Brandt

Schily wohnte zunächst regelmäßig in einem Hotel und bat bald seine Freunde, nach einem geeigneten Kaufobjekt Ausschau zu halten. Brunelli wies ihn schließlich auf ein altes Gehöft auf einem Hügel über der Via Cassia hin, der alten Verbindungsstraße von Rom in die Toskana. Schily griff zu und war fortan Besitzer eines im Kern 750 Jahre alten Gemäuers samt Kirche, Friedhof und 30 Hektar Olivenhain. Er ließ sich in die Landwirtschaftsrolle eintragen und kokettierte noch später als Bundesinnenminister gerne mit dem Spruch: "Ich bin nur ein einfacher toskanischer Bauer."

Kurz nach dem Hauskauf schaffte es der langjährige SPD-Bundesgeschäftsführer Peter Glotz, der ebenfalls jeden Sommer in der Toskana verbrachte, Schily von den Grünen zur SPD abzuwerben. Fast wäre dies auch bei Joschka Fischer gelungen. Der rechte Flügel der SPD reagierte mit Misstrauen, und so kam der Begriff "Toskana- Fraktion" in die Welt. Man unterstellte damit den Protagonisten Hedonismus und Hang zum Luxus.

Ein völliges Missverständnis, wie jeder wahre Toskana-Kenner weiß. Denn der Reiz des Lebens dort besteht in der Einfachheit, vor allem auch der Authentizität der Alltagsküche, der cucina povera. Schilys Lieblingsplatz ist das Jugendstil-Café "Il Barrino" in Bagno Vignoni, einem kleinen Ort mit warmen Schwefelquellen. Bis heute ist Schily beliebter Tippgeber für gute Unterkünfte in der Umgebung.

Seinem Freund Joschka Fischer vermittelte er ein Haus in Torre a Castello, das dieser mehrmals mietete. Stundenlang übte Fischer sich im Dauerlauf auf den strade bianche, den staubigen Straßen. Er ernährte sich tagsüber am liebsten vom Schafskäse aus der Dorfkäserei. Als einmal Reporter zu Besuch kamen, waren sie erstaunt über das karge Mahl, das er ihnen vorsetzte.

Für Wolfgang Clement fand Schily einen agriturismo, einen Bauernhof, wo er alle 27 Mitglieder seiner Großfamilie (fünf Töchter plus Schwiegersöhne und Enkelkinder) unterbringen konnte. Selbst Gerhard Schröder machte er zeitweise zum Toskana-Fan. Der Kanzler wohnte im Castello di Orgiale bei Castelnuovo Berardenga. Vor zwei Jahren kam Peer Steinbrück als Toskana-Novize hinzu. Peter Glotz kaufte sich zwar schließlich ein Haus in Südfrankreich, wandte sich aber nicht von der Toskana-Fraktion ab. Sein Tod 2005 schockte die Gemeinschaft und markierte vielleicht sogar das Ende der klassischen Toskana- Fraktion.

Oskar Lafontaine war nur am Rande dabei. Es gab eine saarländische SPD-Clique, deren Ehefrauen sich an einem Haus in Capannori bei Lucca beteiligt hatten und wo man schon mal Urlaub machte. Aber kein Zweifel: Von außen wurde Lafontaine immer als Protagonist der Toskana- Fraktion verstanden. Und als er sich bei Saarlouis eine als toskanisch empfundene Villa baute, schien alles klar.

Willy Brandt ist durch die Liaison mit Brigitte Seebacher davor bewahrt worden, sich vollends in die Toskana zu verlieben. 1981 hatte er bei einem Besuch im Chianti-Gebiet schon den Auftrag erteilt, ein kleines Anwesen zu finden. Doch seine neue Lebensgefährtin und spätere Frau wollte nach Südfrankreich. Brandt tröstete sich mit toskanischem Wein, das letzte Glas vor seinem Tode soll ein "Vino Nobile di Montepulciano" gewesen sein.

Neben den oft genannten Namen gibt es viele stille Genießer, etwa Süddeutsche-Chefredakteur Hans-Werner Kilz (San Gimignano) oder den Maler Markus Lüpertz (Cortona). Wie Schily hat auch er eine kleine Kirche auf seinem Anwesen, die er für sich zum Mausoleum ausbauen will. Im Sommer trifft man sich, zum Beispiel auf dem kleinen Marktplatz von Greve in Chianti. Oder beim Reiterturnier Palio di Siena auf einem der Balkone am Campo. In Trequanda zieht man beim Metzger Enrico Ricci, bei dem es die besten Fleisch- und Wurstwaren der Region gibt, geduldig eine Wartemarke und fachsimpelt, ob der Schafskäse bei Putzulu besser ist als der bei Cugusi.

Zum Essen geht man mal in einfache Trattorien wie die "Osteria del Leone" in Bagno Vignoni oder "Forcillo" in Sinalunga, mal in hochpreisige Restaurants wie das "La Chiusa" in Montefollonico. Und nur eines ordert man dort ganz sicher nicht: Prosecco. Das angebliche Lieblingsgetränk der Toskana-Fraktion wird von ihren wahren Anhängern verachtet - als norditalienische Brause mit Weingeschmack.

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Autor:
Ulrich Rosenbaum