Toskana Das Blut des Jupiter fließt wieder

"Asphalt!" Der Winzer Leonardo Bellaccini schüttelt den Kopf, empört und ein wenig belustigt. Asphalt in den Gassen von San Gusmè, einem typisch toskanischen Dorf östlich von Siena. Wo die Olivenbäume und Weinstöcke bis an die alte Außenmauer heranwachsen, wo vor den Häusern Terracotta-Kübel mit Geranien und Rosen stehen und die Haustüren eher einen Klopfer haben als eine Klingel - meist stehen sie ganz offen.

Wo die Toskana aussieht wie im Touristentraum, ausgerechnet dort haben sie in den Siebzigern das Kopfsteinpflaster aus dem Boden gerissen und durch Asphalt ersetzt. Leonardo Bellaccini, dessen Weingut San Felice ganz in der Nähe liegt, erzählt gern von den Gassen in San Gusmè - für ihn sind sie ein Sinnbild für die Geschichte des Chianti.

Chianti, das ist zuerst einmal ein Stück Land. Es erstreckt sich grob zwischen Pisa im Nordwesten und Montalcino im Südosten - und alles, was dazwischen reift und gärt, kann sich später Chianti-Wein nennen. Meist aber denkt man bei Chianti an das Chianti Classico - das Zentrum der Region zwischen Florenz und Siena, ein Mosaik aus Wäldern, Weinbergen und Olivenhainen. Nur hier darf der gleichnamige Wein gekeltert werden, ein herber Roter mit einem schwarzen Hahn am Flaschenhals, dem gallo nero. In Weinhandlungen auf der ganzen Welt verkörpert der Chianti Classico den typisch toskanischen Rotwein.

Kreiert wurde er im 19. Jahrhundert auf dem Castello di Brolio, südlich von Gaiole, von Baron Bettino Ricasoli, einem Universalgenie. Der brachte es nicht nur bis zum Ministerpräsidenten Italiens, sondern studierte auf seinem Castello auch die Seidenraupenzucht, moderne Pflugtechniken, Mineralien, Fossilien und eben Weinbau. 1872 legte er die Regeln für die Herstellung des Chianti Classico fest. Die wichtigste: Zu mindestens 80 Prozent muss er aus Sangiovese gewonnen werden, einer Traube, die vor über 2000 Jahren die Etrusker hier angepflanzt haben und deren Name übersetzt "Blut des Jupiter " bedeutet. Zusätzlich dürfen andere rote Rebsorten beigemischt werden.

"Ein Gentleman, nobel und elegant - aber vom Dorf", so beschreibt Winzer Bellaccini den Sangiovese. Doch wie die alten Gassen in San Gusmè, so hatte in den vergangenen Jahrzehnten auch der Sangiovese einen Teil seines Charakters verloren. Mode-Reben wie Merlot oder Cabernet Sauvignon sollten den kräftigen Wein gefälliger machen und dem internationalen Geschmack anpassen. Oft wurden sie ihm in so großen Mengen beigemischt, dass die Weine nicht mehr den Namen Chianti Classico tragen durften.

Auch Bellaccini hat mitgemacht: "Ich war ja noch jung", sagt er und hebt entschuldigend die Hände. Als er mit 21 vom Önologie-Studium in Siena kam, baute er Merlot an und Cabernet Sauvignon, Chardonnay und Sauvignon Blanc. "Supertoscani" heißen diese Weine, Verschnitte internationaler Rebsorten aus toskanischen Weinbergen, die gefälliger waren als der oft etwas derbe Sangiovese: weicher, weltläufiger, aber auch verwechselbarer.

Begonnen hatte die Krise des Chianti aber schon gut 20 Jahre früher, als die mezzadria abgeschafft wurde, die Halbpacht, bei der Bauern einen Teil ihrer Arbeitskraft und die Hälfte ihrer Erträge den Großgrundeigentümern zur Verfügung stellen mussten. Ein Fortschritt für die Bauern, doch viele Weingutsbesitzer konnten sich ohne die mezzadria den aufwendigen Betrieb nicht mehr leisten. Viele alte Weingüter wurden an ausländische Investoren verkauft. Die neuen Besitzer schraubten die Produktionsmenge hoch, die Qualität der Weine ging runter.

Nach der Krise des Chianti folgte sein rasanter Aufstieg

In dieser Zeit verloren auch die Nachfahren des Chianti-Erfinders Ricasoli ihr Weingut an eine australische Firma. Doch anders als den meisten gelang es ihnen, den Betrieb wieder in Besitz zu nehmen - und so ist die Geschichte ihrer Familie ein Symbol für Aufstieg, Niedergang und Renaissance des Chianti.

Heute leitet Francesco Ricasoli, 54, Urururenkel von Baron Bettino, den Betrieb. Sein Büro liegt zu Füßen des Familienstammsitzes Castello di Brolio. Ursprünglich war er Werbefotograf, Anfang der neunziger Jahre gab er den Job auf, um mit seinem Vater das Familiengut zurückzukaufen. Heute, keine zwanzig Jahre später, gehört sein Chianti Classico "Castello di Brolio 2006" zu den fünf besten Weine der Welt - gewählt vom Wine Spectator, dem bedeutendsten amerikanischen Weinmagazin.

Es ist ein kräftiger Wein auf Sangiovese- Basis - ein kleiner Anteil Merlot und Cabernet Sauvignon ist allerdings auch dabei. Ricasoli ist kein Traditionalist, der einfach nur zurück in die Vergangenheit will. "Natürlich müssen wir auf unsere Wurzeln achten", sagt er und schwärmt von der "unterschätzten Schönheit" des Sangiovese. Doch er will die Tradition nicht gegen die Moderne ausspielen. Und so bringt er 2010 einen reinen Sangiovese seines Gutes auf den Markt - und gleichzeitig einen reinen Merlot. Ein Balanceakt, der auch seinem großen Vorfahren gefallen würde, da ist sich Ricasoli sicher: "Für seine Zeit war Baron Bettino ein großer Modernist", seine wissenschaftlichen Studien zu Landwirtschaft und Weinbau waren damals äußerst fortschrittlich.

Gut 40 Kilometer nördlich vom Sitz der Ricasolis liegt das Castello di Querceto, das Weingut von Alessandro François. Der 74-Jährige öffnet die Holztür zu seinem Weinkeller, die schwer ist wie die einer Kirche, und läuft unter Gewölbebögen entlang, vorbei an Regalen voller Flaschen. Immer tiefer geht es in den Keller, die hintersten Flaschen liegen dort schon so lange, dass der Staub der Jahre längst zu einem eigenen Etikett verkrustet ist. Die ältesten sind von 1904, der Großvater hat sie gekeltert.

Alessandro François schwärmt davon, wie zeitlos dieser Chianti Classico sei, ein reiner Sangiovese. Noch heute, mehr als hundert Jahre später, schmecke er einfach "bellissimo". Doch auch François geht mit der Mode - vor allem, weil seine Kunden es so wollen. In der Probierstube schenkt er später einen "Cignale" aus, einen Verschnitt aus Cabernet Sauvignon mit einem kleinen Anteil Merlot, und eine amerikanische Besucherin ruft begeistert: "I love that!"

Auf die Frage nach seinem Lieblingswein zögert François und meint, er könne auch nicht sagen, welches seiner Kinder er lieber hat. Aber dann stellt er schweigend ein Glas hin - einen Chianti Classico "Il Picchio", eine Mischung aus 92 Prozent Sangiovese mit der ebenfalls toskanischen Rebsorte Canaiolo.

Keine Kompromisse

Keinen Kompromiss mit Geschmacksmoden eingehen will Giorgio Rivetti, 52. "Warum sollte jemand viel Geld für toskanischen Wein ausgeben, wenn er gar nicht nach Toskana schmeckt?", fragt er. Wenn er seine Weine im Ausland vorstellt, redet er zuerst über die Landschaft, in der sie reifen: "Eine Zypresse auf einem Hügel. Der Duft von Rosmarin, Lorbeer und dem Sommerstaub auf der Straße", diese Bilder und Gerüche sollen seine Weine hervorrufen.

Auf seinem Weingut La Spinetta Casanova südlich von Pisa, in den westlichen Ausläufern des Chianti-Gebietes fernab vom Chianti Classico, baut Rivetti nur toskanische Rebsorten an, Colorino und vor allem Sangiovese. Wegen dieser Traube hat er neben seinen beiden Weingütern im Piemont ein weiteres in der Toskana aufgebaut. Alle seine Weine sind sortenrein; Mischungen, wie sie beim Chianti Classico erlaubt sind, lehnt er ab. Dafür kürte ihn der bekannte Weinführer des Verlags Gambero Rosso im Jahr 2002 zum "Winzer des Jahres".

Rivetti ist überzeugter Purist:"Wir müssen bei unseren einheimischen Sorten bleiben. Sonst verlieren wir unsere Identität." Marco Pallanti, Präsident des Verbandes "Vino Chianti Classico" sieht das ähnlich: "Der Sangiovese ist der Geschmack der Toskana." Dennoch ist Pallanti auf seinem Weingut Castello di Ama offen für neue Impulse. Jeden Herbst zur Traubenernte laden er und seine Frau Künstler aus aller Welt ein, die sich in ihren Arbeiten mit dem Wein, den Trauben, der Reifung und Lese auseinandersetzen. Der Weinbauer sieht eine Analogie zwischen der Kunst und dem Wein. Nicht die Herkunft zähle, sondern das, was im Zusammenspiel mit dem Boden auf diesem Gut entstehe. Bei den Kunstwerken ebenso wie bei den Reben.

Für Leonardo Bellaccini dagegen, den Winzer aus der Nähe von San Gusmè, der einst für Merlot und Cabernet Sauvignon schwärmte, ist die toskanische Identität im Laufe seines Lebens immer wichtiger geworden. Als er vor vielen Jahren seine Arbeit auf San Felice begann, erforschten dort schon Wissenschaftler der Universität Florenz zusammen mit den Winzern die alten, fast vergessenen Rebsorten der Toskana. Damals nahm Bellaccini ihre Arbeit nicht ernst, den Museumsweinberg, den die Wissenschaftler auf San Felice aufbauten, betrachtete er zunächst belustigt, später interessiert - heute ist er begeistert. "Die alten Sorten holen einfach das beste aus unserem Boden", sagt er heute.

Er zerdrückt eine Traube, seine Finger färben sich blutrot. "Was für eine Farbe", ruft er. "Pugnitello" heißt diese Rebe, übersetzt bedeutet das in etwa: kleine Faust. Bellaccini hat sie unter den inzwischen 270 Sorten des Museumsweinbergs für sich entdeckt und auf mehreren Hektar angebaut. 2006 kamen die ersten Flaschen auf den Markt. Die Weinkritiker waren begeistert. Weil der Wein so anders schmeckte, weil er so neuartig war und dabei gleichzeitig so alt. "Padre di pugnitello " nennt die Fachpresse Bellaccini mittlerweile gern. Nun reift in seinem Keller die nächste einheimische Traube heran: die "Volpola", eine weiße Sorte. Bellaccini glaubt, dass sie zumindest hier in der Toskana den Langeweiler Chardonnay verdrängen könnte.

Auf San Felice wachsen die alten Trauben nun Hektar um Hektar, die Menge an Merlot, Cabernet Sauvignon, Chardonnay, Sauvignon Blanc geht dagegen immer mehr zurück. Das Chianti entdeckt sich neu. Auch das Dorf San Gusmè ist heute für Autos gesperrt. Und den Asphalt haben sie wieder herausgerissen.

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Autor:
Inka Schmeling