England South West Coast Path

Dieser Weg verlangt Respekt. Ein bisschen latschen, trödeln, gucken, das geht nicht auf dem Königsweg an Englands Küste. Mal beglückend wie ein Almspaziergang, mal zehrend wie eine Hochgebirgsexpedition. Der South West Coast Path (SWCP): 1020 Kilometer lang, von Minehead bis fast nach Poole, rund acht Wochen sind das für den Durchschnittswanderer.

Man streift durch Welten, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Steht mal hoch oben an der Iron Coast, mal an der Granite Coast, sieht schwarz-spitzscharfe Küsten von viel Düsternis umweht oder zartliebliche Hänge, orange bemoost und pink umhüllt mit Heidekraut. Mal mischt sich Kreide, mal Schiefer in die Außenhaut der rauen Klippen, mal leuchtet Ginster und sprießt felderweise Kohl. Nur die Brombeere wächst beinahe überall. Mit ihren Dornenzweigen greift sie nach dem Wanderer, mit ihren Früchten tröstet sie dessen trockenen Gaumen. Wer sie zuvor als laschen Snack vom Wegesrand verschmähte, wird sich hier auf sie stürzen, denn Vorräte im Rucksack sind auf dem Pfad der Pfade schnell verbraucht.

1. Von Pollock Weir nach Lynmouth

Wir rüsten auf zu unserer ersten Tour in Porlock Weir, einem Fischerdorf in Somerset, pro Grafschaft wollen wir eine Etappe nehmen. In Porlock Weirs Hafen liegen Fischkutter schlagseitig im Modder, die Ebbe hat ihnen das Wasser unterm Kiel gemaust, am Himmel düstere Regenfronten. Doch lieber einen heißen Tee im "Anchor Hotel", in dem die Katze schnurrt und das Feuerholz im Kamin knistert? Hinterm Hotel ein Holzzaun, der Einstieg auf den SWCP. Das hat der Pfad so an sich, seine Zugänge versteckt er häufig hinter privaten Gartentoren, Stranddünen oder Parkplätzen. An Kneipenküchen, Schlafzimmerfenstern und Garagen schlingelt er sich gern vorbei, bevor die freie Klippe sichtbar wird oder das Unterholz. Die Eingänge zum Weg sind überall markiert, mit einem Holzschild, von dem das Logo aller offiziellen Wanderwege Englands prangt - die Eichel. Zwei Bänkchen stehen meistens da, die dem Wanderer das Überklettern eines Zauns erleichtern, Orientierungshilfe sind und das Ziel von Mini-Etappen.

Hinter Porlock Weir beginnt ein Märchenwald, in dem auch Feen und Kobolde lauern könnten. Mystisch verwachsen sein Gehölz, Moos an den Stämmen, Farnbüsche und nur wenig Licht, das durchs geschlossene Gründach blitzt. In so einer Umgebung fallen einem finstere Fabeln ein, und Geister soll es hier rund um die Küste auch gegeben haben. Sagt die Legende, und die weiß, was stimmt. Des Nachts sitzen sie plötzlich am Bett des Schlafenden, huschen als zahnloses Weib durchs Badezimmer und lassen Spielzeugpferdchen wiehern.

Bevor der Porlock-Wald in freies Wiesenland einmündet, führt uns der Weg an der Culbone Church vorbei, einem Kirchlein, dessen älteste Teile aus dem 11. Jahrhundert stammen, die kleinste Pfarrkirche Englands, nicht einmal 40 Quadratmeter groß. Vor ihrer Pforte liegt ein Winzig-Friedhof, auf dem die Grabsteine - verwittert und mit Sterbedaten rund um 1800 - schräg gen Himmel ragen. Ein Filmort, wie gemacht für finstere Krimi- oder Gruselszenen.

Richtung Lynmouth, Endstation, passieren wir die Silcombe Farm, ein Bed & Breakfast. Einsam romantisch steht sie da, hat Heuschober, Phloxbusch und mümmelnde Schafe vor der Tür, die Küste ist an diesem Punkt des Weges nur zu ahnen. Ein herber, windgepeitschter SWCP-Abschnitt empfängt uns hier, später, in Lynmouth, beeindruckt ein viriler Hafen, durch den bis Schlag fünf Uhr am Nachmittag Touristen wuseln, danach ist Totentanz. To feed the seagulls ist verboten, vielleicht weil das die Vögel anhält, früher oder später zuzuschnappen, wenn sie der Hunger plagt. Einzige Sehenswürdigkeit in Lynmouth: das Flutmuseum. 1952 das Desaster, eine Riesenflut, ein Ereignis, das im United Kingdom Wellen schlug.

In den langen Jahren seines Daseins hat der Küstenweg einiges gesehen: Schiffsuntergänge, Kriegsangriffe und Tornados. Schmuggler, Bauern und Soldaten. Und alle haben ihre Fußabdrücke hinterlassen, haben ihn, der mal als Trampelpfad begann, zu einem veritablen Weg gemacht. Es gibt Karten, die ihn en detail beschreiben, Bücher, die ihn psychologisieren, seine Geschichte füllt Regale.

Heute sind Touristen seine wichtigsten Besucher, früher, bis zum Ersten Weltkrieg, waren es die Küstenwächter, die nach Schnaps, Seife und Kerzen fahndeten. In Buchten, Höhlen, Felsvorsprüngen steckte die Beute fest. Und weil seinerzeit für die Suche weder Hubschrauber noch Autos vorhanden waren, wurde zu Fuß und mit der Hand gefilzt. Die Beamten bekamen - um vor Ort zu sein - Cottages gebaut. Auch ihre Frauen und Familien nutzten den Pfad zum Gang ins Nachbardorf oder zur Schule. Dass er heute nicht immer direkt an der Klippe entlangführt, sondern sich Umwege erschlängelt durch dichten Wald, durch anliegende Orte, kommt daher, dass viel Küstenland in Privatbesitz überging und es bis heute Streit gibt, wer nun Vorrang hat - Touristen oder Eigentümer. Die SWCP Association kümmert sich um Rückgewinn und verkündet stolz: "Durch unsere Hartnäckigkeit haben wir viele gute Abschnitte zurückgewonnen."

So viele Facetten, wie der Weg hat, so unterschiedlich sind die Menschen, die ihn nutzen. Manche schauen nach den Vögeln, andere nach dem Gestein, auch Künstler und Archäologen kommen. Einige tauchen hier in die Natur ein, gehen los mit Rucksack, Zelt und Kochgeschirr, wer es bequemer braucht, findet am Wegesrand immer ein Bed & Breakfast mit Dusche und TV. Es gibt Abschnitts-, aber auch Durchwanderer, Paddy Dillon, englischer Reiseautor und SWCP-Experte, empiehlt vor allem Muße, rät von Eile ab. Ein bisschen Planung sei aber vonnöten: Wie lange braucht man für zwölf Meilen, gibt's in der nächsten Bucht ein Café, wann sind die B&Bs geöffnet?

2. Von Clovelly nach Hartland Quay

Auf der zweiten Etappe treffen wird Keith und Keiran, zwei einheimische Freunde in den Fünfzigern. Sie sind eher von der Profiwandererfraktion, unterwegs wie wir in der Grafschaft Devon. Clovelly schlängelt sich an einem steilen Hang herunter, es ist ein Dorf sehr schöner und sehr wohlgenährter Katzen, ansonsten wirkt es wie in Zuckerguss getunkt - sehr süßlich. Am Ausgang regnen Eichelschauer auf uns nieder, und links und rechts des Weges flattern Fasane auf wie anderswo Spatzen. Die Küste wird gerölliger, stärker der Sturm, der sie umtost. Baumkronen stehen quer im Wind und richten sich auch dann nicht auf, wenn dieser nachlässt mit dem Striegeln.

Heute und hier changiert der Weg von steil bis eben, von glatt bis moddrig, geht mal an Heckenmauern, mal am Ackerrand vorbei. Oder auch quer durch eine Herde allerfeinster Dexter-Rinder, deren Fellfarbe von Karamell bis Mokka reicht. Und immer ist das Treffen anderer Menschen ein Vergnügen. Als würde ein geheimes Band die Wanderer des Küstenweges einen, als wäre Aufmunterung untereinander ungeschriebenes Gesetz. Ich geb' dir ab von meinem Wasser, meiner Schokolade, du sagst mir mittels GPS, wie fern das Ziel noch ist. Wir teilen uns mit Keith und Keiran ein Stück Weg, mal sind die beiden vorneweg, mal wir, mal geht es schweigend durchs Gestrüpp und über Hänge.

Am Leuchtturm beim Hartland Point werden die Klippen plötzlich schwarz, spitz und zerklüftet. Die Wellen rauschen nicht, sie krachen, und Demut senkt sich ins Herz. So etwas gibt es wirklich? Nicht nur im Märchen oder im Kino? Links vom Leuchtturm ein paar Klumpen Rost, erkennbar als Bug und Heck, dazwischen Brösel - das sind die Überreste der "Johanna", die hier vor 26 Jahren in der Silvesternacht zerschellte. Nebel und Sturm waren ihr Verhängnis, etliche Wracks verrotten an der Küste im Südwesten, Karten verzeichnen, wo die Reste zu bestau-nen sind. Für eine schön-schaurige Nacht werden wir Gast im "Hartland Quay Hotel", das einsam und seit Ende des 19. Jahrhunderts auf den Klippen ruht. Bei einem Fisherman's Snack - Lauchsuppe, Brötchen, Käse - schmecken Gruselgeschichten über kenternde Schiffe nochmal so gut.

3. Von Newquay nach Porthcothan

In der Grafschaft Cornwall beginnt unsere dritte Wanderung. Die Kulisse hier ist wieder eine völlig andere. Das Surferstädtchen, in dem Brettsüchtige ganzjährig in Neoprenanzüge schlüpfen und bäuchlings in die Fluten kraulen, in dem Flip-Flops selbst bei Mistwetter das Lieblingsschuhwerk sind, hat einen breiten, gelben Strandabschnitt, den Towan Beach, über den junge Eltern ihre Kinderwagen schieben. Der Küstenpfad ist hier abschnittsweise wirklich ein Spaziergang. Es wird gekitet und geskatet - fast zu jeder Jahreszeit. Es gibt Villen am Berg, Kneipen, Restaurants - kurz, Zivilisation. Und der Atlantik zürnt hier nicht in Schwarz und Schaumweiß, sondern schunkelt friedlich in Grünblau und lässt tief blicken.

4. Von Coverack zum Lizard Point

Noch eine Strecke wollen wir in Cornwall gehen, zum südlichsten Punkt des englischen Festlandes. Startpunkt ist Lews Souvenirgeschäft im Uralt-Fischerdörfchen Coverack. Höchstens 1,50 Meter groß ist Lew, ein alter Zausel, very British. "Ihr wollt zum Küstenpfad", fragt er und reckt das Kinn, "dann macht mal, wenn ihr unbedingt verloren gehen wollt." Nachricht an Lew: Wir leben noch. Aber haarig war es schon. Doch sind das nicht die schönsten Lieben, die uns manchmal auch ein bisschen quälen? Viel kraxeln mussten wir, in Bergsteiger-Manier, mal trabten wir nur über Hügel, mal klebten wir keuchend am Sandstein. Am Ende, zwölf Kilometer weiter, strahlte der Regenbogen doppelt. Als hätte uns von oben einer sagen wollen: Hier nehmt, die Prüfung ist bestanden. Dabei war alles lieblich unterwegs, grasende Ponys, bunte Klippen, Hutzliputzli-Dörfer. Der SWCP at its best. Große Gefühle, Tränenmomente.

Auf dem Weg treffen wir Gareth, wieder ein Mensch von unfassbarer Freundlichkeit und - wenn man will - mit einem Hauch Berühmtheit. Musikproduzent ist er, hat neun Jahre in Berlin gelebt, drei Depeche-Mode-Alben gehen auf seine Kappe. Er stiebt an uns vorbei mit seinen Nordic-Walking-Sticks, die Leica um den Hals, im Schlepptau Nicki, seine Frau. Jetzt, mit Mitte 50, ist Gareth Hardcore-Wanderer. "Allein gestern 18 Meilen", flüstert Nicki, rollt die Augen. Sie bevorzugt moderate Touren. Wir nunmehr auch.

5. Rund um die Isle of Portland

In Dorset, letzte Grafschaft, die letzte Etappe: Ärmelkanal, Isle of Portland. Das Gesicht der Insel ist nicht vordergründig attraktiv, die Schönheit kommt in kleinen Dosen, ein Sammelsurium aus Kalksteinfelsen, Hafenanlagen und Steinbrüchen. "Halb London ist aus unserem Stein gemacht", erzählt uns der Wirt im "Mermaid Inn". Saint Paul's Cathedral, British Museum. Und er erzählt auch das: Der Rettungshelikopter ist im Dauereinsatz. Weil irgendeiner immer irgendetwas unterschätzt. Trotz all der vielen Warnhinweise. Die Heftigkeit der Wellen, die Brüchigkeit der Klippen. Ständiger Sturm zischt um das Eiland, und man muss an Ian McEwan denken, in dessen Roman "Am Strand" es an einer Stelle heißt: "Sie hatten so viele Pläne, hochfliegende Pläne für die neblig verhangene Zukunft, vielfältig ineinander verwoben wie die Sommerflora an der Küste von Dorset - und ebenso schön."

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Autor:
Judka Strittmatter