England Schaurig-schönes Dartmoor

Genau in der Mitte der Grafschaft Devon, im äußersten Südwesten Englands, liegt auf einem schmalen Landzipfel zwischen Ärmelkanal und Atlantik das Land Dartmoor. Für das moderne England gehört die Gegend zusammen mit Cornwall, Somerset und Dorset zur Verwaltungsregion Südwest. Ich finde, nur der alte Name passt zu dieser Landschaft: "The West Country". Man gelangt nach Dartmoor, wenn man von London aus einige Stunden lang fast bolzengerade nach Westen fährt. Und wenn man hinter der gut gelaunten, menschenvollen Stadt Exeter die Autobahn verlässt und sich nach Südwesten wendet, und wenn die Straßen immer enger werden, viel enger, als zwei Autos nebeneinander breit sind, und die Kurven so oft und rasch aufeinander folgen, dass man nach wenigen Kilometern jede Orientierung verloren hat, dann ist man in Dartmoor.

In Dartmoor gibt es wenige Menschen, viel Ruhe und noch mehr Steinmauern. Lange bevor ich den ersten Menschen treffe, habe ich schon viele Steinmauern gesehen. Eine unendliche Kette von Mauern aus Feldsteinen. Sie teilen Felder, sie zäunen Häuser und Höfe ein, sie stehen hart links und rechts der Straße. Dort gern auch drei, vier Meter hoch. Könnten bedrohlich wirken, so hohe Wände aus dunkelgrauem Stein. Aber weil sie von Hand gesetzt wurden und auf ihnen und manchmal durch sie hindurch Bäume wachsen, wirken diese Mauern wie ein organischer Teil der Landschaft. Streckenweise wuchern die Bäume rechts und links der Straße zusammen und bilden einen dichten Baldachin, der den Blick in den Himmel versperrt. Oder öffnet er den Blick erst so für etwas, was man sonst nicht sähe?

Wahre Schönheit offenbart sich nicht im Vorübereilen. Also reise ich langsam durch Dartmoor: zu Pferd und zu Fuß über die Felder und Wiesen und immer wieder hinauf auf die Hügel. Dartmoor ist voll von diesen Hügeln. Einst war der Nationalpark eine Hochebene, die aus einem einzigen, massiven, 625 Quadratkilometer großen Stück Granit bestand. Saures Wasser und vier Eiszeiten haben an ihm genagt, bis nur die Hügel stehen blieben. Im zentralen Moor sind sie unbewaldet, an ihren Füßen und in den Niederungen und entlang der Flüsse bilden die Bäume schüchtern zusammenstehende Grüppchen. Oben auf den Hügeln trotzen nur Torfmoos, Wollgras, Erika und Ginster dem Wind, der hier bläst und an den Hosenbeinen zerrt und das Wetter im Viertelstundentakt ändert, als wäre Dartmoor eine Insel in der Mitte des Nordatlantiks.

Diese Insel, die in vielem so völlig losgelöst scheint, als stünde sie in einem eigenem Raum und in einer eigenen Zeit, kann man grob so unterteilen: Im Nordosten gibt es viel Wald und die Täler sind tiefer eingeschnitten, in der Mitte und im Westen rollt das Land offen und unendlich weit und karg, fast wie eine zentralasiatische Steppe. Im Nordwesten, wo das Moor für viele am schönsten ist, unterhält die britische Armee Truppenübungsplätze. Das klingt fieser, als es ist, denn geschossen wird nur ab und zu, dann warnen rote Signale, an allen anderen Tagen darf man dort frei wandern und sogar wild campen.

Mit Ashley, Caroline und Miss Piggy gehe ich mich umsehen. Ashley und Caroline sind echte Pferdemädchen. Sie sprechen unermüdlich fröhlich auf ihre Pferde ein, als seien es begriffsstutzige kleine Geschwister. Und sie tragen Perlenohrringe. Das finde ich sehr passend. Ich habe ja auch lange darüber nachgedacht, wie ich mich für unseren Ausritt schick mache. Der Stall gehört zu meinem Hotel und mein Hotel ist ein Schloss. Was trägt man da wann zu welchem Anlass? "No brown after six" kenne ich noch, aber das nützt mir jetzt gar nichts. Will ich das Anmutige der Landschaft auch in meiner Reitkleiderwahl wiedergeben? Oder betone ich die innere wie äußere Wildheit? Verzichte schließlich auf den kuscheligen Tweed. Den feinen Landadligen nimmt mir hier eh keiner ab. Meine neuen Gamaschen sind eng und quetschen die Waden zusammen. Davon wird mein Gang noch steifer. Steht mir. Fühle mich wie ein Mann, der gleich seine Ausrüstung mit wenigen, abgemessenen Handgriffen verstaut, auf sein Pferd steigt, den Zurückbleibenden kurz zunickt und für einige Zeit in die Tiefen des Hochmoores entschwindet. Und dann das: Mein Pferd ist an ein kleines Podest mit vier Stufen festgebunden. "Darf ich vorstellen: Miss Piggy!", sagt Ashley. Weiß gar nicht, was mich mehr deprimiert: die Aufsteighilfe oder auf einem Pferd mit so einem Namen zu sitzen. Auf keinen Fall werde ich mein Pferd so ansprechen. Immerhin benutzen auch meine beiden Pferdemädchen das Podest.

Dartmoor kann eine durch und durch liebliche Sache sein. Von Wiesen duften Apfelbäume, in Gräben plätschert Bachwasser über bemoosten Granit, die Sonne scheint und Brombeerhecken säumen Hohlwege, durch die wir gen Westen auf den ersten größeren Hügel zureiten. Ein älterer Herr kommt uns entgegen, tippt mit seinem krummen Wurzelholz-Spazierstock grüßend an seine Mütze. Ashley und Caroline plappern über Dressurübungen und kichern viel.

Wenig später, ein kleines Stück weiter und ein paar Meter höher, gibt es keine Wege mehr, sind die meisten Farben verschwunden. Wir reiten dort, wo Steinbrocken und dichter Farn die Pferde durchlassen. Vor uns liegen heidebraune Hügel, darüber ein tiefer Himmel in allen Schattierungen von Gussstahl. Es gibt Orte, da ist der Himmel über dem Land eine eigene Landschaft. In Dartmoor auf diesen Hügeln gehören Himmel und Land zusammen. Die höchsten der Hügel sind 500, 600 Meter hoch. Unsere deutschen Mittelgebirge sind alle höher. Aber können die auch an den düstersten Unwettertagen so wuchtig wirken wie ein Dartmoor-Hügel an einem normalen Spätsommernachmittag? Entscheidend ist wohl doch, was drinsteckt. Hier steckt Granit drin. So viel, dass ihm der Platz unter der Erde nicht reicht. Überall zeigt er uns Menschen, wer zuerst hier war. Auf diesen breiten, wiesenförmigen Hügelkuppen etwa stehen Gesteinsbrocken, die erkennt man von weitem ganz klar als Burgruinen. Bisschen komisch nur, dass es wirklich unglaublich viele Hügel gibt und auf fast jedem so eine Ruine. Ich verstehe zuerst nicht, warum die Leute in diesem Teil Devons ihre Burgen so dicht beieinander bauten, mit so wenig Land dazwischen, um das sie hätten kämpfen können. Alle paar hundert Meter eine Burg, dann hätten hier ja auch enorm viele Menschen gelebt. Aber aus der Nähe sind das natürlich keine zerfallenen Wehrbehausungen. Das ist solider Granit, den Wind und Wetter hier oben in bizarren Formen aus dem Massiv geschliffen haben. Manchmal liegen diese Brocken wie die Reste eines urgeschichtlichen Meteoriteneinschlags herum, andere haben sich zu Miniaturausgaben von Gebirgen getürmt, noch andere stehen tatsächlich da wie die Überbleibsel einer alten Burg. Oder die Kinder von Riesen haben vergessen, ihre Bauklötze aufzuräumen. In England nennt man solche Stein-Ensembles auf Hügelplateaus tors.

Was reden die Leute im Dorf?

In Dartmoor gibt es 170 tors und keine zwei sehen sich auch nur ähnlich, nie bilden sich zweimal die gleichen Formen. Mir gefällt die Burgidee trotzdem. Sitze auf meinem Pferd und schaue tief hinein ins Land. Ich könnte gerade eine Belagerung erfolgreich zu Ende geführt haben. Es ist ein Land für üppige "Herr-der-Ringe"-Momente. Von dort hinten könnte eine Armee gegen mich ziehen, aber ich würde unbewegt auf meinem Ross sitzen bleiben, bis es so weit wäre.

Kommt, ihr beiden, komm, Miss Piggy!" Ashley und Caroline wollen zurück. Die Wirklichkeit kann so profan sein. Wir reiten durch einen Wald. An einer Weggabelung nicht weit von Manaton liegt ein Grab. Jay's Grave. Kitty Jay war ein Waisenkind, sie wurde Magd bei einem Bauern. Dessen Sohn verführte das Mädchen, es wurde schwanger. Der Bauer, sein Sohn, das Dorf, der Pfarrer - niemand half dem Mädchen. Es erhängte sich in der Scheune. Und wurde als Selbstmörderin nicht auf dem Friedhof bestattet, sondern an dieser Kreuzung, damit ihr friedloser Geist nicht den Weg zu denen fände, die sie so erbärmlich schlecht behandelt hatten. Ashley erzählt diese Geschichte mit Mitgefühl, doch knapp. Wann das passiert ist? "That's lost in antiquity!", sagt Ashley. Natürlich könnte sie auch schlicht zugeben, dass sie es nicht weiß.

Aber was sind Jahreszahlen, wenn das Gefühl für die Menschen, die hier über die Jahrtausende lebten, so lebendig ist. Dartmoor ist voll von ihren Geschichten. Manche hört man, von manchen sieht man etwas, manche spürt man. Unterhalb des Hound Tor zum Beispiel liegen in dichtem, fast mannhohem Farn die Überreste einer mittelalterlichen Siedlung. Es nieselt spät am Nachmittag, als ich in den freigelegten und wiederhergestellten Mauern der Häuser stehe. Die Dächer fehlen. Die Siedlung wurde im 13. Jahrhundert angelegt, habe ich gelesen, doch wie viel mehr als in dieser Zahl stecken die Geschichten in dem uneben abgeschliffenen Stein, von dem die Archäologen vermuten, er sei die Türschwelle gewesen. 150 oder 200 Jahre sollen Menschen in diesen Häusern gelebt haben, bevor das Wetter dauerhaft zu schlecht wurde, um weiter vom Ackerbau zu leben. Wie viele Füße schlurften in der Zeit über diesen Stein? Wie viele Männer kamen hungrig vom Pflügen, wie viele Kinder wurden zum Spielen nach draußen gejagt? Aber es regnet, Mummy.

Ich hatte heute zu viel Earl Grey mit meinen Scones und der Marmelade und der Clotted Cream zum High Tea. Eine Toilette gibt es nicht. Ich bin der einzige Mensch weit und breit inmitten dieses hängenden, tropfenden Farns, über mir ist der wuchtige Hound Tor, von dem die letzten Kletterer und Familienausflügler längst nach Hause gefahren sind, und nur wenig südlich der noch viel düstere Haytor Rock. Bin allein, kann also tun, was ich tun muss. Und so erleichtere ich mich an den Farn hinter der westlichsten Ruine der Siedlung. Die Stelle ist hervorragend, ich habe einen guten Blick ringsherum, bin aber selbst einigermaßen geschützt. War dies schon die Lieblingsstelle der Hauseigentümer? Standen sie hier morgens mit dem ersten Tonkrug Bier in der Hand und schauten auf das Land? In Dartmoor darf man sich auch deshalb so viel über seine frühen Bewohner vorstellen, weil einem kaum jemand widersprechen kann. Der Boden ist so sauer, Metall, Holz, Leder, Knochen verrotten ruckzuck. Nur der Stein bleibt. Und den füllt sich jeder selbst mit Leben. Die Ideen dazu trägt der Wind über das Moor. "Der Hund der Baskervilles" meuchelte in diesen Tälern und Wäldern. Und in diesem Fall lässt Arthur Conan Doyle Dr. Watson an Sherlock Holmes schreiben: Im Moor "hat man alle Spuren des modernen England hinter sich gelassen" und "käme aus einer der Steinhütten ein in Felle gehüllter, haariger Mann herausgekrochen, der einen Pfeil mit Feuersteinspitze auf die Sehne seines Bogens legt, würde man seine Anwesenheit viel natürlicher finden als die eigene."

Spätestens wenn Nebel aus den Sumpftümpeln über die Felder kriecht, ist es Zeit für dunkle Geschichten. Über die Geister von vorchristlichen Ritualopfern, die in bestimmten Nächten immer wieder an den Ort ihres Todes zurückkehren. Über die "Haarigen Hände", die nachts Autofahrern ins Lenkrad greifen und sie in den Abgrund steuern. Auch entflohene Sträflinge werden immer wieder gern genommen. Denn ziemlich in der Mitte des Moors steht in Princetown das berüchtigte Dartmoor Prison. Erbaut für Gefangene aus den Napoleonischen Kriegen, später Hochsicherheitsknast für Schwerverbrecher und "schwer erziehbare" Jugendliche. Auch heute noch in Betrieb für all die, die schon der Anblick des kargen, meist rattenkalten Moors ringsum von jedem Fluchtgedanken abbringen sollte. Viele Menschen kommen gerade zum Gruseln nach Dartmoor. Sie lieben Geschichten wie die vom Ausbrecher Frank "die Axt" Mitchell, der nicht so hieß, weil er seiner Oma gern das Feuerholz sauber aufspaltete. Weil's sie dabei so schön schaudert, fahren viele extra am Gefängnis vorbei. Langsam genug, um einen Blick auf den hässlichen Klotz zu werfen, aber schnell genug, damit das Böse sie nicht einholt. Einmal fahre ich in einem öffentlichen Bus vorbei. So beliebt ist das Gefängnis als Sehenswürdigkeit, dass der Fahrer sich extra zu mir umdreht und erklärt, dass ich dort jetzt Dartmoor Prison sehen könnte. Wenn es nicht zu neblig wäre.

Gegen den Nebel und die Kälte und das Dunkle hilft am besten die Kneipe. In Dartmoor gibt es Kneipen, so uralt, dass sie bis unters Dach voller Geschichten sind. Das liegt zum Teil auch am Ale. Das schmeckt ja so grauenhaft, dass man natürlich lieber stundenlang quatscht, als anständig schweigsam zu saufen. Trotzdem bestelle ich mir tapfer immer wieder eins. Kann hören, wie der Wirt den Zapfhahn öffnet und mein Bier ins Glas strullert. Das fließt nicht, das schießt nicht, das fällt. Kein Druck, keine Kohlensäure, Zimmertemperatur. Wir sitzen zu sechst im kleinen Schankraum. Haben uns vorher noch nie gesehen, aber man kann die Gummistiefel ausziehen und die Socken trocknen, als wohnte man hier.

in Tramper erzählt von seiner Reise. Eigentlich wollte er in Marokko bleiben. Dann passierten Dinge, sagt er, unerfreuliche Dinge, und er musste die Heimreise nach Exeter antreten. Per Anhalter aus Afrika quer durch Europa und heute mitten durchs Moor. "Und dann blickst du aus der Ferne auf Haytor Rock und es ist, als würdest du auf Minas Tirith zureiten", sagt er. Bin also nicht allein mit meinen "Herr-der-Ringe"-Phantasien. Falls ich auch hinter dem Pub zelten möchte, will er mir noch zeigen, wie man brauchbare Pilze von giftigen unterscheidet.

Bei Bowerman's Nose, einer Granitformation, die der Legende nach entstand, als Hexen einen Jäger namens Bowerman samt seinen Hunden zu Stein werden ließen, laufen für mich die Menschen im Moor und all ihre Geschichten zusammen. Dort finde ich Julies Letterbox. Letterboxing ist ein großer Sport in Dartmoor und geht so: In eine Schachtel, wegen des vielen Regens wird bevorzugt zur Tupperware gegriffen, kommt ein Notizbuch und ein individuell gestalteter Stempel. Diese Box versteckt man irgendwo im Moor. Wer sie findet, schreibt was ins Buch und stempelt sein eigenes Buch ab wie einen Wanderausweis.

Es soll Hunderte dieser Boxes im Moor geben. Gefunden habe ich nur Julies. Ich sitze auf einem Stein, im schmalen Streifen des letzten Lichts zeichnen sich die harten Konturen all dieser tors ab, ein paar hundert Meter südlich liegt der Hound Tor mit meiner alten Siedlung, noch etwas weiter meine Burg, der Haytor Rock. In der Nase habe ich den Duft meiner nagelneuen Gummistiefel aus Naturkautschuk. Und von Kuhfladen, in die ich auf dem Weg hier herauf trat. Der Schrift nach muss Julie zwölf, 13 Jahre alt sein. Ihr Buch ist fast voll, sie schreibt im Vorwort, es sei schon ihr zweites. Manche der Box-Finder haben nur das Datum neben ihrem Namen und dem Abdruck ihres eigenen Stempels notiert. Andere schrieben auf, was sie bewegte. "Ich lehnte an dem Menhir von Merrivale und als ich die Augen schloss, war mir, als hörte ich Menschen aus der Vorzeit murmeln", notierte eine amerikanische Besucherin. Einer denkt bei Wistman's Wood an einen verwunschenen Feenwald. Ein anderer sinniert über die Zinnwerke, fragt, ob man sich bei so harter Arbeit noch über die Landschaft freuen kann. "Liebe Julie, mein Dartmoor passt nicht in dein Buch", hat einer der letzten Besucher geschrieben: "Mein Dartmoor ist zu bunt und düster, zu groß und zu verwinkelt, zu fröhlich und zu gruselig für ein paar Seiten."

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Autor:
Bjørn Erik Sass