London Radfahren zu Olympia in der Großstadt

In London sind es nicht die Taxifahrer, es sind ihre Kollegen am Steuer der berühmten roten Busse, die einen ausgesprochen schlechten Ruf genießen. Vor allem in Radfahrerkreisen. Dort hält sich beharrlich das Gerücht, dass eine nicht unbeträchtliche Anzahl ehemaliger Sträflinge heute als Busfahrer arbeite, woher sich die schlechten Manieren der Fahrer im Straßenverkehr erklärten: abdrängen, schneiden, nötigen.

Robert Graham lächelt freundlich, dann sagt er: "Das stimmt nicht." Der rotblonde Neuseeländer ist eine Radinstitution in London. 1991, zu einer Zeit, da der Besitz eines Fahrrades in London unter längerer Haftstrafe zu stehen schien - so unüblich jedenfalls war die Zweiradnutzung -, eröffnete Graham auf der Südseite der Themse zwischen Waterloo und Blackfriars Bridge sein kleines Unternehmen namens "London Bicycle - The Tour Company".

Graham, der sein Geld früher mal als Autofahrlehrer verdiente, ist kein Verschwörungstheoretiker, wenn es ums Radfahren geht. Graham ist ein freundlicher Überzeugungstäter. "Es ist alles viel weniger schlimm, als es auf den ersten Blick erscheinen mag", sagt er über den angeblich so lebensgefährlichen Alltag von Radlern im Londoner Straßenverkehr.

"Das Problem", erklärt Graham, "sind nicht die Autofahrer. Es sind die Radfahrer, die die Straße mit einem Gym verwechseln und hier mit hoher Herzfrequenz angespannt über die Straßen rasen." Graham und seine Leute setzen dem das, wie sie es nennen, recreational biking entgegen, die entschleunigte Variante. "Das, was Leute eben machen, die Urlaub haben", sagt Graham, "und damit hatten wir auch noch nie ein größeres Problem.

"Vom Rad geplumpst ist zwar schon mal ein Tourist, aber schwere Unfälle hat es in knapp 20 Jahren bei Robert Graham und seinen Jungs nicht gegeben. Für eine Gruppengröße von maximal 20 Personen sind diverse Touren im Angebot: der Klassiker mit London Eye, Westminster. Big Ben, Buckingham Palace und so fort ist dabei, aber auch Ausfahrten in die moderne Architektur der Stadt, zu prägenden Bauten kann man buchen.

Wer London mit dem Fahrrad abseits solcher geleiteten Touren, ungleich unabhängiger erleben möchte, der sollte sich auf eine der 13 offiziellen Fahrradtouren begeben. Für jede dieser Touren gibt es eine eigene Karte, die man über die Verkehrsbehörde "Transport for London" kostenlos erhalten kann. Das Papier sollte man auch mit sich führen, weil die Beschilderung der Radwege bisweilen arg zu wünschen übrig lässt.

Superhighways für Fahrräder

An einem heißen Junitag nehmen wir die Route Nummer 4 am Ufer der Themse entlang in westlicher Richtung. Wir verlassen die Innenstadt, fahren durch Chelsea, West Brompton, Parsons Green, Fulham, an der Putney Bridge wechseln wir die Themseseite, durchqueren den Richmond Park, wo Rehe unseren Weg kreuzen und enden schließlich im aufgeräumten Örtchen Richmond zum Lunch. Bis dahin: neue Perspektiven auf London, wunderbare Landschaften, gemütliches Fahren, kein Stress mit Vierrädern, großartig.

Danach geht es weiter die Themse entlang bis Hampton Court, dem Schloss, das Heinrich der VIII. so berühmt machte und in dem gerade die Vorbereitungen für die Hampton Flower Show getroffen werden. Nachdem wir deutlich mehr als 20 Kilometer zurückgelegt haben, schenken wir uns den Rest der Fahrt nach Central London zurück und kürzen mit dem Zug ab. Fahrräder darf man dort immerhin kostenlos transportieren.

Ende Juli steht London eine kleine Revolution bevor, wenn auch eine im internationalen Vergleich betrachtet verspätete. Die städtische Verkehrsbehörde Transport for London wird dann endlich auch ein Rent-a-Bike System einführen. Unter Mithilfe eines großen Sponsors aus dem Finanzwesen werden im Stadtgebiet 6000 Fahrräder an 400 Stationen zur Verfügung stehen. Das Modell erfordert eine Vorab-Registrierung, dann funktioniert es nach einen ähnlichen Schema, wie es in deutschen Großstädten bereits erfolgreich läuft. Eine einmalige Anmeldegebühr muss entrichtet werden, die ersten 30 Minuten Nutzung sind kostenfrei, wer länger fährt muss zahlen. Und es werden sukzessive so genannte Superhighways eingerichtet, mehr oder weniger breite, farblich abgesetzte Radwege, die die Außenbezirke mit der Innenstadt verbinden. Die ersten beiden werden in den kommenden Tagen eröffnet.

Solche an sich recht unspektakulären Entwicklungen mögen angesichts der Rückständigkeit Londons zwar schon Fortschritt bedeuten. Wenn es allerdings nach Robert Graham ginge, dann wäre London längst ein Paradies für Radfahrer. Mit zu Ruhezonen umfunktionierten, autofreien Straßen und mindestens aber einem klaren Fahrrad-Konzept für Olympia. 2012 werden die Spiele in der englischen Hauptstadt zu Gast sein. Es sollen grüne Spiele werden. Die Anreise per Auto soll so unattraktiv wie möglich gemacht werden. Deshalb hat man ein gut klingendes Nahverkehrskonzept entwickelt.

Auf seine Anfrage an die Verantwortlichen, weshalb zwar Bus und Bahn, aber noch keine Fahrräder in diesem Verkehrskonzept fest eingeplant seien, bekam Robert Graham eine ernüchternde Antwort zu hören. Im Olympic Park, dem Herzstück der Spiele mit zahlreichen Veranstaltungs-Venues, wie Olympiastadion und Schwimmhalle wolle man nicht zu viele Vehikel auf den Straßen haben, hieß es. "Wenn's bei dieser Haltung bleibt", sagt Robert Graham, "wäre das wieder mal eine große vertane Chance in dieser Stadt."

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Autor:
Thomas Lötz