Spanien Zwischen Pisten und Palmen in Andalusien

Pedro Mariartez hat mindestens sechs San-Miguel-Bier intus, stochert in seinen Tapas herum und ist genervt. Er sitzt in der kleinen Vinacoteca „Devinos“ in Pradollano, knallbraunes Gesicht, dann lehnt er sich zu seiner Freundin rüber und grummelt: „Also, was ist jetzt? Wollen wir morgen schon wieder skifahren, oder kann ich endlich zum Kitesurfen gehen? Sie haben guten Wind angesagt! Die Armen. Mariartez und Freundin haben die Wahl: zwischen Weiß oder Blau. Zwischen Schnee oder Meer. Zwischen Wedeln oder Wellenhüpfen. Tja. Da kann es im Pärchenhimmel schon mal mächtig Ärger geben. Sie will Winter. Er will Sommer. Und hier gibt’s beides!

Der Schauplatz: Andalusien, Südspanien. Das Phänomen: Wohl nirgends auf der Welt kann man so schnell zwischen zwei Welten pendeln. Einerseits sind da die alpinen Ski-Berge der Sierra Nevada – anderseits lockt die milde Costa Tropical direkt am Mittelmeer. Das Unglaubliche: Schneebedeckte Gipfel und frühlingshaft anmutende Strände trennt hier gerade mal ein Katzensprung. Genauer gesagt nur hundert Kilometer – einmal die Carretera N323 runter, über Granada bis schnurstraks runter nach Motril ans Meer. Eine gute Autostunde dauert’s, und man hat statt Skipisten plötzlich Palmem vor der Nase. Vom Winterspaß zur Sommergaudi im Schnellverfahren, man könnte auch sagen: Sport-Hopping vom Feinsten.

Aber Mariartez sieht nicht gut aus. Seine Freundin hat eindeutig die Hosen an. Unbeugsam, die Dame. Und so wird sich Pedro wohl noch mal die Daunenjacke überstreifen müssen. Sich am nächsten Tag auf die Bergstation von Borreguiles hochquälen müssen. Muss anschließend unter 70 Pisten wählen, kann auf insgesamt 76 Kilometer Länge die Berge runterbrettern, darf sich in Sessel- und Schlepplifte hineinquetschen anstatt die Weite des Meeres zu genießen. Doch das Schlimmste dürfte für ihn die Tour auf die Veleta in 3.398 Meter Höhe sein. Von der höchsten Piste der Sierra Nevada kann man nämlich runterblicken: direkt aufs blaue Mittelmeer!

In der Nacht hat es geschneit, aber nun spannt sich ein stahlblauer Himmel über die Berge. Das soll Spanien sein? Spätestens jetzt müssen Iberien-erprobte Strandurlauber umdenken. Ein Schuss Alpenflair liegt in der Luft, dies ist Spanien im Alpin-Dress, Viva España im glitzernden Schneekleid. Ein wenig skurril ist das schon. Oder haben Sie schon mal ein Tapas-Lokal mit Skistiefeln betreten? Oder vor einem Paella-Restaurant ihr Snowboard abgestellt?

Die hippste Skischaukel südlich von St. Moritz

Doch genauso geht’s hier zu, in Pradollano, 2100 Meter über Normal Null. Es ist das Zentrum, der einzige Ort des Skigebiets der Sierra Nevada, des „verschneiten Gebirges“. Über 30 Restaurants, diverse Bars, Discos und Bodegas und dazu modernste Infrastruktur machen das Dorf zur hippsten Skischaukel südlich von St. Moritz. In den vielen Shops brummt es, da liegen die neuesten Carver und Skimonturen aus, und auf dem kleinen Marktplatz flanieren Skihäschen, als hätte man Marbellas Promenade mal eben in den Schnee gebeamt.

Auf der Fahrt mit der Seilbahn Al-Andalus tut sich der Blick aufs Skigebiet auf. Linkerhand das Barranco de San Juan, dahinter die mächtigen Gipfel des Alcazaba und des Mulhacén, bis rauf auf 3481 Meter. Alles weiß gestrichen, denn Schnee kann es hier oben gut und gerne bis Ende April geben. Immerhin, die Sierra Nevada ist eines der höchsten Skigebiete Europas, bietet sogar Worldcup-Abfahrten und zählt dabei mehr Sonnenstunden als jeder Alpenort.

Eine, die das inzwischen gut kennt, ist Maria Glos aus der Schweiz. Die Studentin arbeitet seit drei Saisons als Skilehrerin hier, weil sie nebenbei ihr Spanisch polieren will, und sie hat ein hübsches Statement für Europas südlichste Schnee-Alternative parat: „Du findest hier herrliche Pisten, auch schwarze Abfahrten, und irgendwie schaffen es die Spanier, ihr Sommer-Feeling auch auf den Winter zu übertragen.“

Granada mit seiner berühmten Alhambra thront am Fuße der Berge

Vielleicht liegt es an der Nähe berühmter Orte, die man sonst nur in der Sommerglut kennt. Granada mit seiner berühmten Alhambra thront just am Fuße der Berge, man kann die Stadt von hier oben aus gut sehen. Und die Sonnenmekkas Malaga und Torremolinos liegen auch gleich um die Ecke. Da will man es kaum glauben: Hier flitzen die Skifahrer die Berge runter, rutschen die Snowboarder über Pisten und Rampen, und vor der Terrasse von Borreguiles bauen die Kleinen bei minus zwei Grad im Schatten Schneemänner, die tatsächlich Tomaten auf den Augen haben.

Doch dann kommt die Wandlung. Eine seltsame Metamorphose, die man eigenen Leibe erfährt. Ins Auto setzen. Landkarte rausholen. Losfahren. Bald knackt es in den Ohren, so steil führt die Straße nach unten. Gen Süden. Gen Frühling. Nach dreißig Kilometern, kurz hinter Granada, weht einem plötzlich ein milder Wind durchs offene Fenster ins Gesicht. Die Wiesen auf einmal grün, die Pueblo Blancos liegen unter bezirzend warmer Sonne, und spätestens hinter Lanjarón bergreift man, warum da oben im Skigebiet so viele mit Surfbrettern auf den Autodächern durch die Gegend fuhren. Es sind nur noch dreißig Kilometer bis ans Meer. Draußen herrschen 20 Grad plus. T-Shirt-Wetter!

Grund für den herrlichen Temperaturwechsel ist die Costa Tropical, jener kleine Küstenabschnitt zwischen Nerja und Motril, eingegrenzt von der Costa del Sol im Westen und der Costa de Almería im Osten. Die Nähe zu Nordafrika in Verbindung mit der Tatsache, dass einem die Sierra Nevada quasi direkt im Nacken sitzt, sorgt hier für ein besonderes Mikroklima. Die höchsten Berge der Halbinsel halten die kalten Nordwinde ab, es herrscht ein subtropisches Klima mit 320 Sonnentagen und mittleren Temperaturen von 20 Grad. Das Resultat: üppige Täler, blaues Meer und ganzjährig eine solche Wärme, dass hier sogar die südamerikanische Chirimoya-Frucht gedeiht.

Unten an der Costa Tropcial wartet das perfekte Gegenprogramm

Und hätte Pedro Mariartez seine skiverliebte Liebste überreden könne, er hätte jetzt genau dies vor Augen: die Strände von La Guardia und den Playa del Peñón. Er hätte gehört, wie perfekte vier Windstärken übers Wasser fauchen, und er hätte gesehen, wie Dutzende Kite- und Windurfer über die Wellen preschen. Tja, Pedro, hier unten an der Costa Tropcial wartet das perfekte Gegenprogramm zu „Sierra“: Statt mit dicken Handschuhen auf die Piste, geht’s hier im Neoprenanzug in die mit 16 Grad bereits relativ milden Fluten. Winter ade, es werde Frühling – und das binnen weniger Stunden!

Kein Wunder, dass die gesamte Region als gigantischer Spielplatz für Outdoor-Sportler gilt. Denn nicht nur, dass man hier unten praktisch gleichzeitig bestens skifahren und surfen kann. Paraglider haben die „tropische Küste“ als eines der besten Reviere Europas entdeckt, weil an den Bergflanken von Almuñecar optimale Thermik wartet und es hier mehr Startplätze gibt als an so manchen Alpenspots. Doch im Flypark Almuñecar (siehe Infos) ist man nicht nur aufs Fliegen aus.

Die Betreiber bieten so ziemlich alles an, was unter Spaniens Frühlingssonne fit macht. Mountainbiken, Tauchen, Golfen, Drachenfliegen, Klettern, Reiten, Canyonig und sogar ein Skateboard-park stehen auf dem Programm. Und dazu die überaus erträgliche Leichtigkeit des spanischen Seins – so wie man sie normalerweise kennt.

In Nerja spielen die Gitarreros an der Promenade, am Strand von La Herradura sitzen sie in den Beach Bars, und die ersten Wagemutigen tapsen sogar in Badehose ins Meer. Es ist schwer zu glauben, aber im Handumdrehen ist’s Sommer.

Hier hat man alle Möglickeiten, seinen Sportarten nachzugehen

Einer, der diese Besonderheit der Geographie seit Jahren schätzt, heißt Donovan Canton. Canton ist Engländer, 65 Jahre alt und wohnt seit 10 Jahren hier unten. „Hier habe ich alle Möglichkeiten, meinen Sportarten nachzugehen. Wenn die Thermik stimmt, gehe ich zum Paragliding, in meinem Alter geht das noch gut. Ansosten schwinge ich mich aufs Rad, und von November bis Ende April kann ich jederzeit mal ein paar Tage zum Skifahren in die Sierra gehen.“

Canton sitzt einsam an einer Bergflanke im Gras und schaut in den Himmel. Eigentlich ein perfektes Plätzchen, um sich das gesamte Szenario vor Augen zu führen. Links oben die weißen Pisten der Sierra Nevada. Hundert Meter über Canton gleiten indes zwei Drachenflieger wie schwerelose Adler durch die Bläue. Und unten sieht man die Küste. Den Playa Sobreño, den Mirador del Bendito. Da spielen sie jetzt Beachvolleyball, bauen Strandburgen, und weit draußen stakst der Mast einer Segelyacht aus dem Meer.

Aber für Canton geht derzeit gar nichts. Er hat sich vor vier Wochen beim Klettern nämlich das Schienbein gebrochen. Im Klartext: Sechs Wochen Gips! „Shit happens“, sagt der rüstige Rentner leicht zerknittert, aber so habe er wenigstens mal etwas Zeit für seine Frau. Die döse nämlich am liebsten im Liegestuhl am Pool rum. Braten unter Spaniens Frühlingssonne. Naja, doch auch nicht schlecht, oder?

Autor:
Marc Bielefeld