Spanien Ein Held aus Valencia

Valencia im Jahr 1095. Gerade eben begeht der Volksheld seine furchtbarste Tat. Auf dem Marktplatz graben seine Soldaten einen Mann bis zur Brust in der Erde. Rings um ihn stapeln sie Holzscheide: Ibn Jahhaf, früherer Herrscher der Stadt, ist zum Tode verurteilt. Ein Spektakel. Trommelwirbel füllen die Luft. Herrisch befiehlt El Cid: "Anzünden!" Dies ist nicht der blutige Triumph des Siegers, sondern ein Mord aus Lust. Denn Ibn Jahhaf, drei Jahre zuvor selbst zum Königsmörder geworden, wollte das Versteck seines Schatzes verheimlichen. Erst im Kerker, unter Folter, verrät er es. Und muss nun auf dem Scheiterhaufen brennen. Der Cid, einmal in Rage, will auch dessen Frau und Kinder in die Flammen werfen. Nur mit Mühe halten ihn seine Ritter davon ab.

Ist der Mann, der so grausig über seine Widersacher richtet, wirklich der Edle, den Spaniens Heldenlieder besingen, das "Poema de Mio Cid" oder die "Historia Roderici", im 12. Jahrhundert zum Ruhme des Ritters gedichtet? Ist er der Sohn des Volkes, der Spanien von den ungläubigen Mauren befreit, dieser Verfechter der Christenheit, ein Kämpfer für Gott und seine Kirche? Um das Jahr 1043, manche sagen 1047, wird Rodrigo "Ruy" Díaz in Vivar geboren, einem Dorf nahe Burgos. Kein Sohn des Volkes, sein Vater ist Ritter, ein wohlhabender Mann, der in den höchsten Kreisen des Adels verkehrt. Nichts ist darum verständlicher, als dass auch der Sohn Ritter wird, ein Kämpfer im Namen der Krone. Rodrigo ist ein Jüngling, als er ins Gefolge des Prinzen Sancho aufgenommen wird, dem Thronerben und ältesten Spross Ferdinands I., Herrscher über Kastilien und Leon. Er lernt das Kämpfen mit Lanze und Schwert, auch das Bogenschießen. Mit 19 schlägt der König ihn zum Ritter. Mit 20 zieht er in seinen ersten Krieg.

 

Rodrigo Díaz de Vivar trägt in jenen Jahren noch nicht den berühmten Beinamen des "Cid", vom arabischen Wort sayyidi, "mein Herr" entlehnt. Er reitet an der Seite Sanchos gegen das Königreich Aragon, das ebenso christlich ist wie das seine. Als muslimische Verbündete Kastiliens ziehen die Mauren mit in den Kampf, die Truppen des Emirs von Saragossa. Wundert sich jemand? Christen und Muslime töten und brandschatzen vereint. Diese Zeiten sind so, jeder kämpft gegen jeden, und ständig wechseln die Bündnisse. Als Sancho in einem der vielen Kämpfe getötet wird, begibt sich Rodrigo in die Dienste von dessen Bruder Alfons VI., den er noch zuvor in einem Kampf vernichtend geschlagen hat.

Rodrigo ist Lehnsritter. Modern gesprochen: ein Söldner. Er streitet nicht für Ideale. Auch nicht für eine Religion. Ob Gott nun Dios heißt oder Allah ist ihm gleich. Er ist Pragmatiker, wirklich bedeutend ist für ihn nur eins: sein Geldbeutel. Je voller seine Schatulle, das weiß Rodrigo, desto größer wird seine Macht, desto heller sein Ruhm erstrahlen. Nach einer Schlacht raubt er seine 7000 Gefangenen aus bis aufs letzte Hemd. Dafür erhebt er das Schwert. Für sich. Nicht für ein Vaterland, ein christliches Spanien.

Es wäre auch sinnlos. Denn was ist Spanien schon, in diesen Tagen des ausgehenden 11. Jahrhunderts? Die Iberische Halbinsel ist ein gespaltenes Reich. Und zersplittert obendrein. Ein Staat mit festen Grenzen, im Norden geschützt durch die hohen Pyrenäen, im Osten und Süden durch das weite Mittelmeer, existiert nicht. Im Norden, jenseits der Flüsse Duero und Ebro liegen die Königreiche der Christen, drängen sich Leon, Kastilien, Navarra, Aragon aneinander und, nicht zu vergessen, die Grafschaft Barcelona. Diesseits der Flüsse aber neigen sich die Herrscher fünfmal am Tag gen Mekka, zerfällt der Süden Iberiens in viele kleine maurische Königreiche: Sevilla, Cordoba, Badajoz,Toledo, Saragossa, Granada. Und Valencia.

Noch immer birgt das Maurenland die Blüte der Kultur. Beeindruckend sind seine Paläste und Moscheen, Bauwerke, prächtiger als jede Kirche, als jedes Kloster jenseits der Glaubenslinie. Noch immer leben Muslime und Christen im gütlichen Einvernehmen, eine Gemeinschaft, in der jeder vom anderen profitiert.

Streitfall Spanien

Aber langsam beginnt ein Kräftemessen, das mehr will als nur die Beute, mehr als nur das Gold und die Ländereien des Gegners. In Frankreich rüsten Ritter zum ersten Kreuzzug gen Jerusalem, um all jene zu vertreiben, die nicht an das Heilige Kreuz glauben. Aus den Tiefen der Sahara erhebt sich ebenfalls eine neue Kraft, eine Streitmacht mit festen Glaubenssätzen, für die jene Muslime Iberiens gottlose Gesellen sind. Und die Christen ohnehin Feinde. Die Almoraviden haben bereits Marokko im Sturm genommen. Wann sie die Iberische Halbinsel betreten, ist nur eine Frage der Zeit.

Im Jahr 1085 ist es soweit: Neun Monate haben christliche Truppen Toledo belagert, sind sie immer wieder gegen die Mauern gebrandet, nun gehört die Stadt ihnen. Toledo, seit 370 Jahren in muslimischer Hand, ist zurückerobert im Namen des Herrn. So zumindest sieht es sein Vertreter auf Erden, Toledos neuer Erzbischof Bernard, ein Mönch aus dem französischen Kloster Cluny. Denn von dort strömt ein neuer christlicher Geist, der nichts Geringeres vorhat als die Heilung der Welt, die allein das Christentum ermöglicht. Und Toledo soll zuerst geheilt werden. Die Hauptmoschee der Stadt, obwohl den Muslimen als Gebetsort weiterhin versprochen, wird zur Kathedrale. Und damit, wie so häufig im Laufe der Geschichte, ein kleiner Anlass zum Auslöser einer großen Katastrophe. 400 Jahre des friedlichen Beisammenseins sind dahin, vorbei ist das Miteinander der Religionen.

 

Wirkliche Lust verspüren die spanischen Muslime nicht, sich mit den Almoraviden, den Herrschern der Intoleranz, einzulassen. Zu sehr fürchten sie den rigorosen Islam dieser Wüstensöhne, dieser "unzivilisierten Berber", die jeden auspeitschen, der zu spät zum Gebet erscheint. Doch nun, da Toledo gefallen ist und der Geist der Reconquista, der Rückeroberung des Landes im Namen der Christenheit, den spanischen Norden stärker denn je befällt, rufen die Mauren laut nach den Almoraviden und ihrem Heerführer Yusuf ibn Taschufin. Bereits ein Jahr darauf, 1086, setzen die Kämpfer aus Mauretanien, Senegal und Niger über die Straße von Gibraltar.

Und El Cid? Auf welcher Seite steht er in diesem beginnenden Krieg? Fünf lange Jahre schon, seit 1081, dient er den Banu Hud, den muslimischen Herrschern von Saragossa. Hat Arabisch gelernt, ist, wie Hofschranzen raunen, seither "mehr Muslim als Katholik". Aber was kümmert ihn das Gerede? Seine maurischen Herren überleben dank seiner überragenden Kriegskunst.Wieder und wieder wird Saragossa angegriffen, jedesmal vergebens: Es scheitern die Kastilier, es scheitert der König von Aragon. Auch das Heer der Katalanen muss sich geschlagen geben und den Grafen von Barcelona in Gefangenschaft zurücklassen. Mehr und mehr füllt sich Rodrigos Geldbeutel, machen ihn die Lösegelder der gefangenen Adligen reicher und reicher. Hier, im Dienste der Banu Hud, erhält er auch endlich seinen Beinamen El Cid. Der Name wird zum Symbol: El Cid, der Herr, ist der Ritter, der keine Schlacht verliert. Nicht eine einzige.

Allein deshalb will Alfons VI., Herr über Kastilien und Leon, ihn wieder an seiner Seite wissen. Einzig der Cid, heißt es, könne das Heer dieser ungläubigen Almoraviden schlagen. Dafür verspricht ihm der König ein riesiges Lehen im Duero-Tal und - so die Überlieferung - alles Land, das er erobern kann. Rodrigo sagt zu. Und kämpft. Bekriegt die Mauren, bis "das Blut der erschlagenen Feinde ihm den Ellenbogen herabläuft", lässt "Köpfe, noch im Helme, übers Feld rollen". Er muss sich beeilen, 1090 holen sich die afrikanischen Truppen Granada, 1091 Sevilla. Sie wollen den gesamten Süden Iberiens.

1094 steht El Cid vor Valencia. Seine Krieger bedrängen energisch die Stadt, die von ihren Feldern abgeschnitten, deren Zugang zum Meer versperrt ist. Die Belagerung beginnt. Monat um Monat. Steinhagel prasseln Tag und Nacht auf die Stadtmauern, Pfeile und Speere zischen auf Plätze und Straßen, brennende Wurfgeschosse versengen das letzte Grün. Über Valencia hängt der Geruch der Verwesung, überall liegen Leichen, verhungerte Menschen, die niemand mehr wegschafft. Das maurische Valencia fällt. Es ist Juni, als die Sturmböcke die Tore der Stadt endgültig niederrammen. El Cid ist am Ziel: Er hat seine Residenzstadt erobert. Ruhe aber findet er nicht.

Nur vier Monate vergehen, schon belagern die Almoraviden zu Tausenden Valencia. Der Kampf Islam gegen Christentum wird ein Kampf zwischen Ibn Taschufin und El Cid. Der Führer der Muslime befiehlt seinen Streitern, den Cid in Ketten zu liefern. Aber der wagt, was unvorstellbar scheint: den Ausbruch. Er täuscht seine Gegner, taucht plötzlich hinter den Soldaten mit ihrem schwarzen Gesichtsschleier auf, die in Panik auseinanderstieben. Welch ein Sieg! Zum ersten Mal wird ein Almoraviden-Heer geschlagen.

Und als wäre dies nicht schon glorreich genug, dichtet die Legende ein heroisches Märchen, ein Rührstück der Herzen: In seiner letzten Schlacht um Valencia wird der Cid tödlich von einem Pfeil getroffen. Doch seine Mannen heben den wahren Verteidiger des Glaubens, gekleidet in seine schönste Rüstung, auf das Streitross. Und so reitet er seine Kriegern voran, ein Toter auf seiner letzten Mission. Galoppiert zum Ruhme Spaniens, bis seine stürmenden Truppen, "El Cid, El Cid!" rufend, auch die widerständigsten Mauren vertrieben haben.

Wahr ist an dieser Heldengeschichte nichts. Noch ein ums andere Mal schlägt er die Heere Der Alomoraviden, 1097, 1098, erobert dabei Murviedro, die größte Festung des Gegners an der Levantenküste. Am 10. Juli 1099 stirbt Rodrigo Díaz de Vivar, berühmt geworden als Maurenschlächter El Cid. Sanft entschläft er in den Armen seiner geliebten Jimena, der Mutter seiner Zwei Töchter. Drei Jahre später fällt Valencia Wieder on die Hände der Muslimen.

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Autor:
Franz Lenze