Ibiza Die legenäre Party-Insel

Schon schön, so ein Sonnenuntergang vor dem Café Del Mar am Strand von Sant Antoni. Über Wackersteine hinweg blickte man hinein ins pure Glück. Untermalt wurde das unschuldige Naturschauspiel von milden Beats des legendären Kaffeehaus-DJs José Padilla, einem der musikalischen Mythos-Männer von Eivissa. Seit 1991 sorgte der Altmeister hier für die abendliche Einstimmung in den nächtlichen Disco-Taumel.

Ich war seit meiner Post-Abitur-Reise (ein Überraschungsflug!) im Jahr 1983 etwa sieben Mal an verschiedenen Orten der Insel. Jedes Mal wurde der Dancefloor-Wahnsinn extremer. Bis Mitte der 1990er Jahre hatte die Szene um das Café del Mar noch etwas eigenständiges. Nicht umsonst entstanden hier sanfte Spielarten eines mediterranen Ambient-Sounds, die später auf ungezählten Compilation-Platten mit Kräuselwellen-Cover landeten. Schwebende elektronische Töne zum Wohlfühlen und Chillen im knappen Bikini oder ohne.

Weniger schön war damals das Umfeld. Das weltberühmte Café logierte in einem schmucklosen Betonklotz am Rande der Fußgänger-Zone von Sant Antoni. Eine Gegend, die einst im Sommer die weltgrößte Dichte an englischen Fußballtrikots aufwies, getragen von mit Bier und Ecstasy gefüllten Körpern. Nicht umsonst nannten die wenigen heimischen DJ nach Erfindung der "Balearic Beats" im "Summer of Love" 1988 Eivissa einen "britischen Party-Flugzeugträger". Auf dem Höhepunkt dieser hedonistischen Bewegung gab es Billig-Pauschalreisen von Manchester direkt in die Riesendiscos.

Neben allerlei House- und Techno-Gebolze existierten Formate wie "Manumission": ekstatische Spezial-Events, wo der glatzköpfige Clubmacher auch gerne mal kunstvolle Sex-Spielchen mit seiner attraktiven Muse (und Ehefrau) auf der Discobühne durchzog. Ich kam mir bei diesen byzantinischen Orgien immer vor wie ein Forscher mit Tropenhelm, der merkwürdige Riten enthemmter Urlauber erforschte. Mit einem von den Insel-Behörden eingesetzten "Disco Bus" ging es später weiter zur After Hour in einen Flachbau-Club in der Einflugschneise des Flughafens.

Der Mythos der Dancefloor-Zentrale

Es gibt viele Mythen und Legenden über den Ursprung von Ibiza als Dancefloor-Zentrale. Ein zentraler Dreh- und Angelpunkt ist sicherlich das "Pacha" am Hafenrand von Eivissa-Stadt, die Disco-Legende mit den Kirschen im Logo. Von Edel-Hippies in Batik-T-Shirts, über Fußgelenk- Goldkettchen tragende Düsseldorferinnen bis zu den Techno-Ravern unserer Tage hat dieser vielfach umgebaute Tanzschuppen Modetrends aller Art erlebt.

Als sich in den späten 1960er-Jahren an der US-amerikanischen Westcoast die Blumenkinder versammelten, herrschte in Spanien bekanntlich ein Diktator namens Franco. Getanzt wurde zaghaft zu Beat, Folk und Psychedelic Rock. Gemeinsam mit seinem Bruder Ricardo eröffnete DJ Piti Urgell im Jahre 1967 das erste Pacha im Badeort Sitges an der Costa Brava, etwa vierzig Kilometer südlich von Barcelona. Den genauen Start der selbst kreierten "Flower Power"-Nächte zu fixieren, ist kaum möglich.

Schließlich existierten damals noch scharenweise Ur-Hippies und Aussteiger mit bemalten VW-Bussen, die am Mittelmeer von einem alternativen Leben träumten. "Damals in Sitges ging es einfach darum, einen zentralen Treffpunkt für Musik und ein bestimmtes Lebensgefühl zu schaffen", hat Piti einmal erzählt. "Das Ur-Pacha war völlig unspektakulär. Wir hatten stets Ärger mit den lokalen Behörden. Einmal wollten sie uns den Club schließen, mit der Begründung, dass es dort zu dunkel wäre, um Bücher zu lesen!"

1973 verlegten die Urgell-Brüder das Pacha auf die verschlafene Balearen-Insel Ibiza. "Die Leute aus der Altstadt sagten damals, das Gebäude würde aussehen wie ein Kaufhaus der "Corte Ingles"-Kette", erinnert sich Ricardo Urgell. "In ihrer Wahrnehmung hatte es riesige Ausmaße. Dabei waren es zu Anfang gerade mal 450 Quadratmeter Nutzfläche. Viele meinten, es wäre zu weit entfernt von der Stadt - damals war das Pacha noch von Feldern umgeben - doch als wir endlich geöffnet hatten, lief der Laden vom ersten Tag an bestens." DJ Piti stand kontinuierlich hinter den Decks - er ist heute Mitte Sechzig - und immer noch aktiv.

Das Pacha etablierte sich mit all seinen Ablegern auf dem Festland zu einer weltweit bekannten Marke. Auf der Insel sind seitdem immer neue Konzepte und spektakuläre Megaclubs entstanden, doch das Pacha blieb so etwas wie die Urmutter der Balearic-Szene. Eigentümlich nostalgisch halten die "Flower-Power"-Nächte diesen Geist bis heute wach. "Diese Partys sind komplett anders. Ein glückliche und ziemlich unschuldige Angelegenheit", sagte Piti der Tageszeitung Diario de Ibiza. "Es ist sicher der einzige Club-Event in Ibiza ohne die gerade Bassdrum. Eben kein BumBumBum. Die Leute kommen stets in spektakulären Outfits. Für mich sind es die 'kleinen Engel'. Bei uns lassen sich die Leute auf emotionalere Songs ein. Zumindest für diese Nacht."

Schlagworte:
Autor:
Ralf Niemczyk