Valencia Calatravas Stadt der Künste

Wie ein sich aus der Schale pellendes, riesiges Küken wirkte Valencias Opernpalast während der Bauphase. Nach der Vollendung ist daraus ein Schwan geworden. Oder ein Walfisch. Je nach Standpunkt, je nach Tageszeit, je nach Licht. Bei der Alameda-Brücke waren sich die Valencianer rasch einig, wem sie gleicht: einer peineta, einer Haarspange. Beide sind typische Schöpfungen aus der Phantasiewelt von Santiago Calatrava, Architekt, Ingenieur, Künstler und einer der bekanntesten Valencianer.

Seine schneeweißen Konstruktionen, elegant geschwungenen Brücken und extravaganten Gebäude, deren Ästhetik jede Ingenieurskunst an ihre Grenze bringt, sind weltweit gefragt. Athen beauftragte ihn mit dem Bau des Olympia-Sportkomplexes, in New York arbeitet er derzeit an der neuen Metro-Station am Ground Zero, der Bahnhof am Flughafen von Lyon trägt seine unverkennbare Handschrift ebenso wie der waghalsig verdrehte Wohnturm Turning Torso in Malmö oder der Funkturm von Barcelona. Calatrava gehört wie Frank O. Gehry, Daniel Libeskind oder Rem Koolhaas zu den Architekten, die immer dann gerufen werden, wenn Städte nicht nur Gebäude, sondern urbane Ausrufezeichen brauchen.

 

Die Ciudad de las Artes y de las Ciencias, die "Stadt der Künste und Wissenschaften", ist ein solches Ausrufezeichen. Für Bürgermeisterin Rita Barberá ist sie "Valencias Symbol des 21. Jahrhunderts". Das Gebäudeensemble ist im einstigen Bett des Río Turia gewachsen, dort wo 1957 das Wasser über die Ufer trat und weite Teile des Stadtgebietes überschwemmte. Nachdem der Fluss weiträumig umgeleitet wurde, entstand im alten Flussbett Valencias neue, grüne Lebensader. Ein zehn Kilometer langes Band aus Wäldern, Wiesen, Spiel- und Sportplätzen. Die Krönung ist der Kultur- und Freizeitpark, für den Santiago Calatrava 1991 den Zuschlag erhielt. Der fast zwei Kilometer lange und 300 Meter breite Park mit Oper, Planetarium, Wissenschaftsmuseum und Meeresaquarium sollte die brachliegende östliche Peripherie wieder an die Stadt binden.

"Die Stadt der Künste und Wissenschaften hat die doppelte Funktion, Valencia zu verändern und der Stadt wieder eine Einheit zu geben", sagt Calatrava. "Als Valencianer, den diese Stadt geprägt hat, empfinde ich großen Respekt und Stolz, an diesem Prozess mitgewirkt zu haben." Ein Prestigeprojekt ist die Ciudad nicht nur für den Architekten, auch für Stadt und Land Valencia, ein Projekt, das den Steuerzahler am Ende statt der veranschlagten 270 Millionen Euro satte 727 Millionen gekostet hat.

Der blendende Komplex ist auch ein Querschnitt der architektonischen Facetten Calatravas. Wie alle seine Bauten sind sie über ihre eigentliche Funktion hinaus auf eine eigenständige Außenwirkung angelegt. Spektakulär, ohne jedoch den Betrachter zu erschlagen.Weiße, freundliche Riesen sind es, die die Fantasie anregen und zum Schauen einladen. Die Grenze zwischen Architektur und Skulptur zerfließt, und alles Zweckgebundene verliert sich unter der optischen Wirkung. Unverkennbar sind Calatravas Anlehnungen an insektenhafte, kreatürliche Formen. Virtuos setzt er sie um in Glas, Stahl und Beton, makellose Helligkeit unterstreicht die Wirkung der Struktur, die je nach Tageszeit und vor allem auch bei Nacht eine ganz eigene Kraft entfaltet.

 

Am deutlichsten wird dies beim L'Hemisfèric, eröffnet 1998, dem riesigen, mal schlafenden, mal hellwach schauenden Auge der Weisheit, El Ojo de la Sabiduría, das in einem türkisfarbenen Teich ruht. Der von gläsernen, beweglichen Lidern bedeckte "Augapfel" beherbergt das Planetarium und ein Kino mit einer 900 Quadratmeter großen gewölbten Leinwand. Das Wissenschaftsmuseum Museo de las Ciencias Príncipe Felipe, zwei Jahre später eingeweiht, wirkt wie der lichtdurchflutete Brustkorb eines Dinosaurierskeletts. Dass selbst eine Tiefgarage schön sein kann, beweist das L'Umbracle, das Schattenhaus, unter dessen eleganten Stelzenbögen sich nicht nur ein mediterraner Park verbirgt, sondern auch 900 Parkplätze. L'Oceanogràfic, der 2002 eröffnete größte Meerestierpark Europas, fügt sich in das restliche Ensemble ein, wurde jedoch nicht von Calatrava, sondern vom verstorbenen Architekten Félix Candela entworfen. Zuletzt wurde 2006 der Opernpalast eröffnet, eine neue Agora als Entrée zur Ciudad ist noch in Planung.

Zarte Kurven: Dem Himmel so nah

Wer hinter diesen effektvollen, ja exzentrischen Bauwerken einen ebenso ungewöhnlichen Menschen vermutet, wundert sich: Santiago Calatrava ist unauffällig, sein Werdegang konventionell und konsequent akademisch. 1951 in Benimamet bei Valencia geboren, begeistert er sich früh für Malerei und Kunst. Mit acht Jahren verfeinert er seine Zeichentechnik an der Kunst- und Handwerksschule in Valencia. Als Anfang der sechziger Jahre das wirtschaftlich marode Spanien der Franco-Diktatur seine strenge Abschottung nach außen lockert, nutzen Calatravas Eltern die Chance und schicken den 13-Jährigen als Austauschschüler nach Paris.

Nach dem Abitur will er sich an der Pariser Kunsthochschule einschreiben. Doch es ist das Jahr 1968 und Calatrava, der studieren und nicht demonstrieren möchte, kehrt nach Valencia zurück und besucht die neu gegründeten Technische Hochschule für Architektur und Städtebau. Er schließt ein Ingenieursstudium in Zürich an, promoviert 1979, gründet 1981 sein erstes Büro in Zürich und beginnt an öffentlichen Wettbewerben teilzunehmen. Nach kleineren Aufträgen in der Schweiz und in Deutschland gelingt ihm mit nur 32 Jahren der erste große Wurf: 1983 bekommt er den Zuschlag für den Umbau des Bahnhofs Stadelhofen in Zürich. Seitdem entwickelt sich Calatrava zum preisgekrönten, extrem produktiven Stararchitekten, der sich noch dazu als Bildhauer und Maler einen Namen macht.

Seine Handschrift ist unverkennbar. Filigrane Bögen, lichtdurchflutete Glasund Stahlkonstruktionen, Bauwerke am Rande des technisch Möglichen, kühne Gebilde mit einem ausgeprägten Hang zum Exzentrischen. Der Meister selbst spricht hingegen gern von seinem "bescheidenen Beitrag" zur modernen Architektur. Der stets korrekt in Anzug und Krawatte gekleidete Herr mit dem aufgeräumten Gesichtsausdruck ist ein vielseitig gebildeter und interessierter Mensch, ein rastloser Geist, der von seiner Wahlheimat Zürich aus unermüdlich seine in aller Welt verstreuten Baustellen bereist und betreut und dabei noch die Zeit für seine Malerei und Skulpturen findet.

Er sei kein Revolutionär, sagt Calatrava, eher ein Visionär, der sich über seine Gebäude ausdrückt. Als Künstler befasst er sich mit der Ästhetik von Bauwerken, als Architekt mit ihrer sozialen Aufgabe, als Ingenieur mit der technischen Umsetzung. Seine feste Überzeugung: Architektur kann das Leben der Menschen verbessern. Sie könne, sagt er, zum Innehalten, zum Staunen verleiten, den Menschen eine Pause im Alltag schenken. Daher befasst sich der Fußgänger Calatrava, der nie einen Führerschein gemacht hat, immer wieder mit öffentlichen Räumen, Orten der Bewegung wie Bahnhöfen, Flughäfen, U-Bahn- Stationen. Also ein Architekt im Dienste der Menschheit? Nicht ganz, denn in einem Interview mit der spanischen Tageszeitung "El País" blitzt sie doch durch, die kleine Exzentrik des Santiago Calatrava. "Ich will nicht verstanden werden", sagte er, "ich will meine Freiheit haben. Wären alle Blumen gleich, wäre die Welt langweilig." Und das sind seine Schöpfungen nun wirklich nicht. Gleichzeitig ist die Wiedererkennbarkeit seiner Bauten größter Angriffspunkt seiner Kritiker. Die werfen ihm die ewige Wiederholung eines immer gleichen Musters vor.

Die Masse der Besucher stört das nicht. Seine Gebäude in Valencia sind ein Publikumsmagnet. 18 Millionen Besucher zählte allein das Wissenschaftsmuseum in den ersten sechs Jahren. An Feiertagen finden sich regelmäßig Hunderttausende Besucher - der Großteil kommt von außerhalb - in der Ciudad de las Artes y de las Ciencias ein. Calatravas theatralische Formen mögen die einen begeistern, die anderen stören. Aber sie lassen niemanden gleichgültig.

Autor:
Cordula Rabe