Madeira Der Strand von Porto Santo

Wie jede gute Liebesgeschichte beginnt auch diese mit einem Zufall. Es war Anfang der achtziger Jahre, und ich saß mit meiner Freundin in einer Chartermaschine nach Madeira. Die Durchsage des Piloten knapp eine halbe Stunde vor der vorgesehenen Landung löste in der Kabine entsetztes Stöhnen aus. "Wegen starker Winde in Funchal können wir dort momentan nicht landen. Deshalb fliegen wir jetzt nach Porto Santo und warten, bis sich das Wetter gebessert hat ..."

Gegenüber Madeira besitzt das rund 40 Kilometer nordöstlich gelegene Eiland einige Vorteile. Zum Beispiel den, dass die Schwesterinsel über einen kleinen Flughafen mit ewig langer Landebahn verfügt - eine Folge ihrer sporadischen Nutzung als atlantischer Außenposten durch die Nato und die portugiesische Luftwaffe. Madeiras internationaler Airport bei Santa Catarina indessen hatte damals gerade mal eine 1600 Meter lange Piste zwischen Felswänden und Meer vorzuweisen, und wenn die Winde zu kräftig bliesen, half den Piloten auch die einst vorgeschriebene Speziallizenz nicht weiter: Der Flughafen wurde dann kurzerhand dichtgemacht.

Uns kam die Notlandung auf Porto Santo damals gerade recht, denn wir hatten zumindest einen Abstecher dorthin geplant. Also sparten wir uns die Wartezeit auf den Weiterflug, gaben auf gut Glück als Zieladresse für das nachzusendende Gepäck eine einfache Pension an (vor deren Tür unsere Koffer am Abend tatsächlich standen), warfen uns in das einzige vor dem als "Abfertigungsgebäude" dienenden Wellblechschuppen wartende Taxi und fuhren ins "Stadtzentrum" - in Wahrheit nicht viel mehr als ein größerer Dorfplatz.

Noch etwas hat Porto Santo, was Madeira fehlt: einen sieben Kilometer langen breiten, goldgelben Sandstrand mit sanften Dünen und einer moderaten Brandung. Schon aus dem Flugzeugfenster hatten wir ihn entdeckt, und bald wanderten wir barfuß an den Wellen entlang. Vorbei an wenigen Cafés, an Fischerhütten, an einem gut im Grünen versteckten Hotel, an hohen Schilfwäldern und Weinbergen, die sich bis an die Dünen zogen. Nur Menschen sahen wir, obwohl es Mitte Juni war, so gut wie nie. Hier ein Pärchen, das den Nachmittag verdöste, dort eine Familie, die im Wasser herumtollte, das war's.

Wir liefen und liefen und liefen, bis der Strand schließlich mit einem leichten Knick endete und den Blick auf zwei windschiefe Holzhütten freigab. Es sah ein bisschen aus wie in einem Film von Wim Wenders: eine längst zerbrochene Leuchtreklame schwang leise quietschend im Wind, und aus einer der Hütten trat eine alte Frau mit einer nicht mehr ganz sauberen Kittelschürze. Unser Hunger war größer als die Zweifel, es duftete unglaublich verführerisch, und so setzten wir uns an einen der im Sand stehenden Tische - und aßen köstlichen gegrillten Fisch, von Hand geschnittene Pommes, tranken perlenden Vinho Verde und sahen zu, wie die Sonne langsam neben der vorgelagerten Felsinsel Ilhéu de Baixo ins Meer versank. An diesem Abend war klar, dass wir unser kleines Paradies entdeckt hatten.

Porto Santo war in den folgenden Jahrzehnten immer mein Synonym für "ich habe die Schnauze voll und will nur noch meine Ruhe". Meine ganz persönliche Fluchtburg, ein heiles, aber völlig unspektakuläres Ende der Welt. Damals gab es gerade einmal vier Hotels und ein paar Pensionen, nicht mehr als fünf Restaurants, garantiert keine deutschen Zeitungen und bloß eine Handvoll Taxifahrer, die unterwegs schon mal die eigene Ehefrau zuluden und mit den schweren Einkaufstaschen nach Hause karrten.

Als aus der Freundin von einst meine Frau wurde, verbrachten wir unsere Flitterwochen in einem kleinen Häuschen gleich beim Strand, freuten uns über das nächtliche Doppelkonzert von Meeresbrandung und Zikaden und fanden uns damit ab, dass die zusammengeschobenen Betten einen ziemlich lästigen Höhenunterschied aufwiesen. Wir verträumten sonnige Nachmittage im puderfeinen Sand und stärkten uns zwischendurch an einem kleinen Kiosk mit köstlichen bifanas - in einem Sud aus Weißwein und Knoblauch gegarten Schweineschnitzelchen im Brötchen - und eiskaltem Sagres-Bier. Das Nachtleben? Schon immer gab es eine Disco auf der Insel - nur habe ich nie erlebt, dass sie geöffnet war.

Also pilgerten wir am Abend zu "Opi", wie wir den betagten Wirt der kleinen, wunderbar altmodischen Altmännerbar "Apollo 14" am Hauptplatz der Inselkapitale Vila Baleira getauft hatten, tranken den aus etikettenlosen Flaschen ausgeschenkten und an jedem anderen Ort der Welt vermutlich ungenießbaren "Vinho do Porto Santo", krümelten Erdnussschalen auf den wackligen Resopaltisch und freuten uns, wenn Opi mal wieder den Kanal des unter der Decke hängenden Fernsehers wechselte. Das Ritual sah vor, dass er zunächst ein Schächtelchen aus der Schublade kramte, aus diesem Schächtelchen die von einer Plastiktüte geschützte Fernbedienung auspackte, den richtigen Knopf drückte und schließlich das Ganze genauso umständlich wieder in der Schublade verstaute. Zugegeben - man muss schon ziemlich erholt sein, um die kontemplative Dimension dieser Verrichtung würdigen zu können.

Der Strand war schließlich auch der Ort, an dem unser Sohn seine ersten Sandburgen baute, wenn er nicht gerade damit beschäftigt war, die Kellnerin in unserer längst zum veritablen Fischrestaurant ausgebauten Lieblingskneipe am Ende des Strandes um den Verstand zu bringen - die ihn wiederum mit der gebotenen Zärtlichkeit "terrorista" nannte ...

Mittlerweile meiden wir die Hochsommermonate: Im Juli und August stürmen Festlandsportugiesen und Madeirenser die kleine Insel und belegen auch noch das letzte der gut 2000 Hotelzimmer - ich habe schon zugesehen, wie in einem gewöhnlichen Doppelzimmer am Morgen sechs Menschen ihre Schlafsäcke zusammenrollten. Statt wie normalerweise 5000 sind dann oft über 20.000 Menschen auf Porto Santo unterwegs und verursachen in Vila Baleira allabendlich einen Verkehrskollaps. Doch immerhin bleiben für das echte, für mein Porto Santo noch knapp zehn Monate. Am schönsten ist es von Anfang April bis Mitte Juni, wenn sich ein grüngelber Blütenteppich über das im Vergleich zur großen Schwester Madeira recht karge Vulkangestein zieht, und von September bis Mitte Oktober, wenn die Insel sich vom großen Urlauberansturm erholt.

Dschungelartige Urwälder und grün umwucherte Levadas wie auf Madeira findet man auf Porto Santo nicht. Und doch hat die vulkanische Landschaft, deren Lavamassen sich vor Millionen Jahren aus dem Meer hoben, ihre Reize. Einen herrlichen Blick hat man vom Pico do Castelo, einem Vulkankegel wie aus dem Bilderbuch. Dort stehen noch einige Überreste der Festung, in die sich die Inselbewohner früher vor den immer wieder einfallenden Piratenbanden flüchteten. In den vergangenen Jahrhunderten wurde die einst dicht bewaldete Insel fast völlig abgeholzt. Ein Raubbau an der Natur, den die Insulaner längst bereuen. Inzwischen sind die Erfolge bei der Wiederaufforstung nicht zu übersehen.

Alte Liebe, frisch entflammt

Man kann auf Porto Santo prima wandern, Sportbegeisterte finden zudem ein modernes Tennisstadion, einen Reitstall und eine Tauchschule. Ein Mietauto rentiert sich - wenn überhaupt - nur für einen Tag. Dann hat man in aller Ruhe den Rundkurs von Vila Baleira über Serra de Fora und den Weinort Camacha mit seinen schmucken Landgasthöfen absolviert. Unterwegs begegnet man Pferden, Eseln und Kühen auf blühenden Weiden und muss hin und wieder eine Vollbremsung hinlegen, um die ausgebüchsten Ziegen oder Gänse zu retten, die plötzlich auf der Straße stehen.

Ich muss gestehen: Über die Jahre habe ich meine Liebe zu Porto Santo vernachlässigt. Bin fremdgegangen mit griechischen Eilanden, habe mich auf dem portugiesischen Festland, in Frankreich und am Mittelmeer herumgetrieben. Dennoch habe ich ein bisschen wie ein enttäuschter Liebhaber reagiert, als ich immer wieder die Neuigkeiten von meiner "Ilha Dourada" gelesen habe, der Goldenen Insel, wie sie findige Marketingexperten inzwischen nennen. Ganz offensichtlich dachten sie bei dem knackigen Schlagwort weniger an goldgelben Sand als an den schnöden Mammon, was sich schon daran ablesen ließ, dass der beworbene "Traumstrand" Jahr für Jahr gefühlte 500 Meter an Länge gewann. Sollte sich mein Porto Santo wirklich billig an den Massentourismus verkauft haben?

Ich wollte den Tatsachen ins Auge blicken und bin zurückgekommen in mein einstiges Paradies. War am ersten Abend stinksauer über all die Neuerungen, die mein Idyll zu zerstören drohten. Tobte wie ein gehörnter Liebhaber wegen der Bauwut der Insulaner, die verständlicherweise auch ihr Stück vom Tourismuskuchen haben wollen. Und erklärte nach zwei Tagen die Beziehungskrise für beendet.

Natürlich ist die Zeit nicht stehen geblieben. Neue Restaurants und Hotels wurden gebaut. Vila Baleira hat sich ein schickes, blendend weißes, kubisch gestyltes Rathaus und Kulturzentrum mitten im Zentrum gegönnt. Ein von dem Spanier Severiano Ballesteros entworfener Golfplatz soll ganzjährig eine neue Urlauberklientel anlocken. Und hinter dem Yachthafen Porto de Abrigo, auf dessen langer Kaimauer sich die durchreisenden Segler wie eh und je mit farbenfrohen Bildern verewigen, haben sie sogar eine Kartbahn und gleich dazu eine ganze Reihe hipper Bars gebaut, an denen bis nachts um drei die Leute in knatternden Mini-Rennautos vorbeifahren. Das habe ich mir zumindest erzählen lassen, denn bei meinem Besuch Ende April herrscht dort Totenstille, alle Türen sind verrammelt und warten darauf, zur kurzen Hochsaison geöffnet zu werden.

Wie schnell es ins Auge gehen kann, wenn man Wachstum erzwingen will, sieht man gleich neben dem neuen Pestana-Hotel. Dort hätte eigentlich 2008 das noble Colombo's Resort eröffnen sollen, als ein Mitglied der Luxury Collection der internationalen Starwood-Gruppe. Da sich aber die Bauarbeiten wegen diverser Streitereien um die Bodenrechte verzögerten, stieg Starwood aus, der regionale Bauträger aus Madeira ging pleite, und so bleibt das hinter einer leider recht hässlichen Blechwand dahinwelkende Hotel- und Apartmentparadies bis auf weiteres unvollendet.

Mir soll's recht sein. Ich wandere den Strand entlang und stelle fest: Es ist eigentlich wie immer, die Sonnenstrahlen tanzen auf den blauen Wellen, der Strand ist ganz und gar nicht überfüllt, und die Dünen verstellen den Blick auf die vielen neuen Apartments. Im Ortszentrum von Vila Baleira hat sich kaum etwas verändert - nur das "Apollo 14" hat einen neuen Anstrich bekommen, und Opi lässt sich hinter dem Tresen öfter mal von seiner schon immer etwas mürrischen Frau vertreten, die Gesundheit ...

Abends aber, wenn die Dämmerung über den Dorfplatz Largo do Pelourinho hereinbricht, lärmen Tausende von Vögeln wie früher in den Palmen und den Drachenbäumen. Und dass neben den alten Windmühlen auf den Hügeln der Umgebung inzwischen moderne Windräder zur Stromerzeugung in den Himmel ragen, ist ein Gebot der Vernunft.

Auch das kleine Museum gibt sich rührend bescheiden wie eh und je. Hier wird die historisch bedeutendste Figur Porto Santos mit einer kargen Ausstellung aus Seekarten und alten Kostümen geehrt: Christoph Kolumbus hat einst die Tochter des Inselgouverneurs geheiratet und soll sogar einige Zeit hier verbracht haben. "Colombo" heißen deshalb zahlreiche Geschäfte und Straßen.

Und der Sand? Der ist so weich und sauber und warm wie immer. Das alte Gerücht, dass er wunderbare, heilende Kräfte haben soll, wurde inzwischen sogar durch eine Studie bestärkt. Im nagelneuen, arabisch inspirierten Spa des "Hotels Porto Santo" (übrigens der ältesten Unterkunft auf der Insel) bieten sie jetzt eine Therapie an, bei der man eine halbe Stunde in 40 Grad warmem Sand verbringt. Unterdessen sollen Mineralien durch die Haut dringen und allerlei Leiden lindern. Ich hingegen bleibe bei der natürlichen Art und lege sogar noch ein Handtuch unter, bevor ich in der Nachmittagssonne sanft entschlummere.

Es scheint, als hätten die Marketingexperten die schlimmsten Pläne ad acta gelegt. Etwa den einer Seilbahnverbindung von Calheta hinüber zum Ilhéu de Baixo, gegen die Vogelschützer bislang erfolgreich Sturm laufen. Oder die Erweiterung des Golfplatzes von 18 auf größenwahnsinnige 45 Löcher. Stattdessen setzt man zunehmend auf den Ausbau eines sanften, umweltschonenden Tourismus und bemüht sich um eine Aufnahme in das von der Unesco unterstützte Weltnetz der Geoparks.

Fürs erste also bin ich beruhigt: Wirklich schlecht steht es nicht um meine alte, frisch entflammte Liebe. Doch auch für eine Entwarnung ist es zu früh: Der in einem Vorort von Funchal geborene Fußballgott Cristiano Ronaldo hat sich mit Kollegen wie Luís Figo für geschätzte acht Millionen Euro den letzten noch wirklich unverbauten Strandabschnitt bei Calheta gekauft. Was die Kicker damit vorhaben, wissen noch nicht einmal die örtlichen Tourismusmanager. Ich sage nur: Vorsicht, Ronaldo - lass die Finger von meiner Insel!

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Albrecht Heinz