Adria Unbekanntes Italien - die Tremitischen Inseln

Hafen von San Nicola.

Wem die Tremitischen Inseln ein Begriff sind, der kann sich als ein echter Italien-Kenner bezeichnen. Vor dem Sporn Italiens, der apulischen Halbinsel des Gargano, liegt die einzige italienische Inselgruppe der Adria. Vom Hafenort Termoli - hier stellt man auch das Auto ab, denn auf diesen italienischen Inseln ist das Fahren nur den 500 Einwohnern erlaubt - startet die Fähre zu dem Archipel. 

Die Tremiti-Inseln bestehen aus den drei Inseln San Domino, San Nicola und Capraia. Nach feinen Stränden werden Sie hier eher vergeblich suchen, werden die kleinen Inseln Apuliens durch eine gebirgige Landschaft mit zerklüfteten Küsten und herrlichen Grotten charakterisiert. 

Wenn man die Urlaubsplanung auf den Tremiti-Inseln angeht, sollte man natürlich nicht an eine Insel wie Sizilien, Sardinien oder gar Elba denken. Die italienischen Inseln vor der Küste Termolis haben gerade mal eine Fläche von 3,13 Quadratkilometern - zum Vergleich: Die Inseln Ischia an der Küste vor Neapel und Capri, an der westlichen Küste Italiens haben eine Fläche von 46,3 bzw. 10,4 Quadratkilometern. Merian gibt Ihnen einen Eindruck, was Sie in Ihrem Urlaub auf den Tremiti-Inseln, die zur italienischen Region Apulien gehören, erleben können und gibt Ihnen Tipps, was Sie auf der italienischen Insel nicht verpassen sollten. 

 

Die tremitische Insel Capraia.
Katja Rieth
Ein tolles Tauchrevier ist die Bucht "Architiello" vor der Insel Capraia.

Die Tremitischen Inseln entdecken

Bei der Ankunft im Hafen von San Domino geht es hektisch zu. Manche Gäste versuchen, im Gewimmel den richtigen Hotel-Abholservice ausfindig zu machen, andere ergeben sich ihrem Schicksal und gehen zu Fuß zu ihrer Unterkunft. Der Hafen von San Domino ist auf jeden Fall der richtige Ort, um den Blick erst einmal schweifen und die Atmosphäre der Tremitischen Inseln auf sich wirken zu lassen. Gegenüber von San Domino liegt San Nicola, die zweite bewohnte Insel des Archipels. Die hoch oben gelegene Festungsanlage zeugt von einer langen Geschichte, eine Erkundungstour verschiebt man aber besser auf die kühleren Abendstunden. Neben San Domino und San Nicola sind auch noch Cretaccio und Capraia zu sehen. Beide Inseln sind unbewohnt, wie auch die fünfte und letzte der Inseln, Pianosa. Sie liegt gut 20 Kilometer entfernt und dient zu naturwissenschaftlichen Studien. 1989 wurde der Archipel zum Meeresschutzgebiet erklärt, seit 1996 gehört er zum Nationalpark des Gargano.

 

Festungsanlage auf San Nicola.
Katja Rieth
Vom Hafen auf San Nicola sieht man schon die mächtige Festungslanlage.

Emanuella Lioia, nur 1,60 Meter groß, ist blond und hat eine tiefe, fast männliche Stimme. Doch spätestens als sie gekonnt den Anker ihres Bootes einholt wird klar, dass man bei dieser Frau in den besten Händen ist. Emanuella ist Meeresbiologin und hat vor ein paar Jahren gemeinsam mit Rachele Di Palma, einer Kunsthistorikerin, den Kulturverein "Mejofauna" gegründet. Beide Frauen sind gebürtige tremitesi und bieten für 20 bis 30 Euro pro Person Touren an, die den Besucher in die Geheimnisse der Natur und in die kultur-historischen Besonderheiten der Inseln einweihen.

Für den Ausflug mit Emanuella sind Schnorchel und Flossen ausreichend. Der erste Stopp ist die Seekuhgrotte. "Früher kamen tatsächlich Seekühe hierher. Am Ende der Grotte gibt es einen Strand, dort konnten sie sich in Ruhe fortpflanzen. Heute sind sie leider verschwunden", erzählt Emanuella. 70 Meter ist die Grotte lang, das Wasser ist glasklar - eine gute Gelegenheit, die Unterwasserwelt zu erkunden.

Der Meeresschutzraum - Quallen sind wichtig für das biologische Gleichgewicht der Meere

Unterschiedlich große Fischschwärme tummeln sich an den schroffen Felsen, wo sie genüsslich am Plankton knabbern. Die prächtigen Farben lassen sich beim Grotteneingang durch die einfallenden Sonnenstrahlen noch gut erkennen. Ein schneller Blick durch die Taucherbrille zeigt glücklicherweise, dass sich hier keine Quallen aufhalten. "Momentan zumindest, wenn sich die Strömung ändert, kann sie jederzeit auch Quallen hierher tragen", sagt Emanuella. "Quallen sind wichtig für das biologische Gleichgewicht der Meere - und für die Meeresschildkröten eine besondere Leckerei."

 

Glasklares Wasser rund um die Tremitischen Inseln.
Katja Rieth
Das Markenzeichen der Tremitischen Inseln: glasklares Wasser

Wer mit Emanuella unterwegs ist, lernt eine Menge über Fische - zum Beispiel was eine Gelbstriemen- oder Zweibindenbrasse ist. Beim gemeinsamen Schnorcheln bekommt man ein gutes Bild über die Fauna und Flora des Archipels. "Die Tremitischen Inseln haben dank der Ernennung zum Meeresschutzraum vor mehr als 20 Jahren wieder einen relativ gesunden Fischbestand", sagt Emanuella. Generell sei die Situation im Mittelmeer aber besorgniserregend. Die Inseltour führt weiter zu beeindruckenden Naturschönheiten wie die Schwalben- oder Veilchengrotte - und zum späteren Sonnenbaden zur "Cala degli Inglesi". Die Bucht erinnert mit ihren vielen verschiedenen Blautönen an ein riesiges Schwimmbecken.

 

Festungsanalge auf der Tremitischen Insel San Nicola.
Katja Rieth
Die mächtige Festungsanalge auf San Nicola.

Im kleinen Hafen von San Nicola beginnt dann der kultur-historische Abschnitt des Ausflugs. Rachele Di Palma beginnt jede ihrer Führungen mit der Entstehungslegende der Tremitischen Inseln. "Im Kampf um Troja bekämpfte Diomedes den Sohn der Venus, Aeneas, und verwundete die Göttin sogar selbst. Der Sage nach warf Diomedes hier drei aus Troja mitgebrachte riesige Felsen ins Meer. Aus ihnen entstanden San Domino, San Nicola und Capraia, in der Antike wurden sie auch 'diomedische Inseln' genannt."

Venus verwandelte die Anhänger des Diomedes in eine Albatrosart

Die Legende besagt auch, dass Diomedes mit seiner Mannschaft bis zu seinem Tod auf den Tremitischen Inseln lebte, sein angebliches Grab ist auf San Nicola zu besichtigen. Venus verwandelte aus Rache die Anhänger des Diomedes in "diomedee", eine Albatrosart, die es auch heute noch auf der Insel gibt. "Ihr Schrei erinnert an den eines Neugeborenen. Venus sagte: Ihr sollt euren Anführer bis in alle Ewigkeit beweinen."

Die steile Gasse ins Dorf hinauf führt durch eine Befestigungsanlage aus hohen Mauern und Türmen, die von den Benediktinern, Zisterziensern und dem Lateranorden bis zum 15. Jahrhundert errichtet wurden. Auf dem Weg zum höchsten Punkt der Insel, der Klosteranlage rund um die Kirche Santa Maria a Mare, erzählt Rachele, dass San Nicola unter Kaiser Augustus und Karl dem Großen als Exil für unliebsame Zeitgenossen gedient habe, zuletzt noch während des Faschismus unter Benito Mussolini.

Am Abend lässt man die kulturell-naturalistischen Eindrücke am Besten in einem kleinen Lokal auf San Domino noch einmal Revue passieren. Beispielsweise bei "L'altro Faro" oder "Da Pio", wo man bei einem kühlen Glas Wein fangfrischen Fisch genießen kann. Und beim anschließenden Spaziergang zum Aussichtspunkt der Piazza Belvedere werden die eigenen Gedanken nur vom Gesang der "diomedee" unterbrochen.

Autor

Katja Rieth