Elba Insel der Gegensätze

Möwen segeln im Fahrtwind, die Luft schmeckt nach Salz. Von Piombino aus fährt die Fähre eine Stunde, und wenn sich endlich aus dem blauen Dunst des Meeres die graugrünen Bergketten von Elba abheben und der alte Leuchtturm von Portoferraio auftaucht, dann muss ich immer an die toskanische Legende der Venus denken: wie die Göttin aus den Wellen des Tyrrhenischen Meeres aufstieg, dabei einige Perlen aus ihrem Diadem verlor, die ins Wasser fielen - und sich in Inseln verwandelten.

Elba ist eine von ihnen: ein Stück Land im Mittelmeer, geboren aus Schönheit und Liebe. Vor fast dreißig Jahren war ich zum ersten Mal hier, seitdem lässt mich diese Insel nicht los. Oft kommt sie mir vor wie eine eigensinnige, widersprüchliche Freundin - manchmal rau und manchmal zart. Steilküsten und Felsstrände wechseln mit weichen Sandbuchten und der Macchia, weiten Buschwäldern, die nach Thymian und Rosmarin duften. Am Vormittag kann ich hier durch Kastanienwälder und stille Bergdörfer gehen - und nachmittags über die Promenaden der lebhaften Küstenorte.

Einsamkeit und Trubel, Meer und Berg, Schroffheit und Sanftmut - all das ist Elba. Sobald die Fähre in der Hauptstadt Portoferraio angelegt hat, fahre ich schnell hinüber in den Südosten zur Halbinsel Calamita. In vielen Kurven windet sich die Straße, und bald sehe ich, dicht an den Hügel geschmiegt, die gelben und rosafarbenen Häuser des 3800-Einwohner-Ortes Capoliveri - mein Lieblingsdorf.

Ich fahre immer hierher, es ist einer der ältesten Orte der Insel, sein Name geht auf die Römer zurück: "Caput liberum" nannten sie ihn, "freies Haupt" - weil sich Sträflinge wenigstens innerhalb dieses Ortes frei bewegen durften. Viele Jahrhunderte später soll sogar einmal ein Papst hier vorbeigekommen sein: GregorXI., der im November 1376 auf dem Rückweg aus dem Exil in Avignon während eines Sturms auf Elba Schutz gesucht hatte. Der Überlieferung nach feierte er damals in Capoliveri in der Kirche San Michele eine Messe - die Ruinen des Gebäudes werden heute gern von den Touristen besucht.

Wer das Leben von Capoliveri kennen lernen will, macht sich auf zur Piazza Matteotti - hier treffen sich Einwohner und Urlauber, vor allem im Hochsommer sind die Stühle vor den Cafés vollbesetzt, über dem Platz liegt ein Stimmengewirr aus Deutsch, Englisch und Italienisch.

Paolo Aprile ist fast jeden Tag hier und sitzt an einem der Tische der "Bar Rodriguez"; meist summt er eine Arie oder ein Liebeslied wie Eros Ramazzottis "Adesso tu". Paolo ist einer der vielen Künstler, die in Capoliveri wohnen und ihre Bilder an Touristen verkaufen. Vor ihm auf dem Tisch ein Stück weißes Kartonpapier, auf dem er mit ein paar Strichen ein Segelboot zeichnet. Nicht mit Pinsel und Farbe, sondern mit einem Löffel, den er in seinen Espresso tunkt: Auf dem Papier wird das Tyrrhenische Meer zu einer sepiabraunen Fläche.

Nur ein paar hundert Meter entfernt liegt die Piazzetta Belvedere. Der Blick, den man von dort aus hat, ist für mich einer der schönsten der Insel: Vorn, wo das Land zum Meer hin abfällt, das Grün der Zypressen und Schirmpinien. Dahinter die türkisblaue Bucht des Golfo Stella, in der ein paar Segelboote schaukeln. Dahinter, scharf wie ein Scherenschnitt am Horizont, das Massiv des Monte Capanne, mit 1019 Metern höchster Berg der Insel.

Oft fahre ich mit dem Boot durch die Bucht hinüber zum Capo della Stella, einer Landspitze mit grünen Klippen. Für mich gibt es kaum etwas Schöneres, als hier zwischen den Felsen zu schwimmen. Hunderte von Seeigeln habe ich schon entdeckt, manchmal fange ich ein paar und verspeise sie direkt am Strand - das Fruchtfleisch der weiblichen Tiere, die man an ihrem rötlichen Schimmer erkennt, schmeckt köstlich.

Im Exil mit Napoleon

Wunderbar ist es auch, die Insel mit der Vespa zu erkunden. Eine meiner Lieblingsstrecken sind die gut 30 Kilometer von Capoliveri nach Marciana Alta, dort stelle ich den Motorroller ab und wandere hinauf zum Monte Capanne. Der Weg führt zunächst durch schattige Kastanienwälder zur Wallfahrtskirche Madonna del Monte aus dem 16. Jahrhundert. An diesem Ort schlug Napoleon im Sommer 1814 während seines knapp zehnmonatigen Exils auf Elba ein Feldlager auf und schaute sehnsuchtsvoll hinüber zu seiner Heimatinsel Korsika. Hier traf er auch zum letzten Mal und unter großer Geheimhaltung seine Geliebte, die polnische Gräfin Maria Walewska, und ihren gemeinsamen Sohn Alexander.

Hinter der Kirche wird der Weg immer steiler, irgendwann endet auch der Wald, so dass man ungeschützt in der Sonne wandert, aber steht man schließlich oben auf dem Gipfel, sind alle Mühen vergessen. Gen Südosten sieht man über das glitzernde, tiefblaue Meer bis zur toskanischen Nachbarinsel Giglio, im Westen erhebt sich Korsika, im Osten die Berge der Maremma.

Elba ist eine grüne Insel. Kaum irgendwo sieht man das besser als von hier oben. Überall Wälder und Macchia, die sich über die Felsen hinunter bis zu den Stränden zieht. Die Hälfte der Insel gehört heute zum Nationalpark des Toskanischen Archipels, die üblichen Folgen des Geschäfts mit den Urlaubern - Hotelhochhäuser und zubetonierte Küsten - gibt es hier nicht. Geholfen hat sicherlich, dass der Flughafen für Massentourismus viel zu klein ist - wegen der nahen Berge ist die Landebahn keine 950 Meter lang.

Beim Abstieg vom Gipfel kann man nachsinnen über all die Völker und Herrscher, die Elba in den vergangenen drei Jahrtausenden kennen gelernt hat: Um 900 v. Chr. kamen die Etrusker hierher, nannten die Insel wegen ihrer Erzvorkommen "Ilva" (Eisen) und errichteten die ersten Eisenschmelzen im westlichen Europa. Später bauten wohlhabende Römer hier Sommerresidenzen, sarazenische Piraten bezwangen die Klippen seit Ende des 8. Jahrhunderts und plünderten die Küstendörfer. Dagegen bauten im 12. Jahrhundert die Pisaner, denen Elba damals gehörte, Dutzende von Wachtürmen - und zusätzlich im Landesinneren die trutzige Fluchtburg Volterraio, deren Ruinen noch heute zu sehen sind.

Danach herrschten die Medici über die Insel; Franzosen, Österreicher und Spanier hielten sie besetzt. Der Erzabbau blieb jahrhundertelang einer der wichtigsten Wirtschaftszweige der Insel - und boomte noch einmal ab 1900. Doch nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Hochöfen von Portoferraio geschlossen, schließlich auch die Minen auf Calamita und im Nordosten stillgelegt.

Viele Elbaner wanderten damals aus, viele gingen nach Australien, und mancher von ihnen brachte es dort zu Erfolg: Jan Sardi etwa, dessen Eltern aus Capoliveri stammen, wurde berühmt durch Drehbücher von Hollywood- Filmen wie "Shine - Der Weg ans Licht", der ihm eine Oscar-Nominierung einbrachte. Sein Heimatdorf ernannte ihn dafür vor einigen Jahren zum Ehrenbürger.

Mittlerweile aber ist es schon lange so, dass eher ein Ausländer einreist, als dass ein Elbaner seine Insel verlässt. Die ersten Fremden, die sich hier Ferienhäuser kaufen, sind Ende der fünfziger Jahre Deutsche, Österreicher und Schweizer. Die Anreise ist damals noch ein Abenteuer: Beim Übersetzen nach Elba müssen die Autos mit einem Kran auf die Fähre gehievt werden. Die Weinbauern reiten noch auf Eseln zu ihren Feldern und verkaufen den Fremden nur zu gern ihre zum Meer gelegenen Grundstücke, die für die Landwirtschaft schlecht nutzbar sind.

Auch der mittlerweile verstorbene Regisseur Bernhard Wicki kaufte sich damals in Capoliveri ein Stück Land, drei Hektar groß, mit Weinstöcken, Oliven und Obstbäumen. Knapp 15 Jahre später drehte er auf der Insel "Die Eroberung der Zitadelle" - einen Film über einen deutschen Schriftsteller, der aus einem Urlaub in Italien nicht in seine Heimat zurückkehrt. Für den Dreh engagierte Wicki fast ganz Capoliveri als Komparsen - auch Guido Casini, der im Film Liebeslieder zum Gitarrenspiel singt.

Wer diese Insel einmal kennen gelernt hat", sagt Guido, "kommt immer wieder ". Er muss es wissen: Seine Frau Mary Anne, Tochter britischer Landadliger, verbrachte als Jugendliche hier ihren Urlaub, verliebte sich, kam wieder und heiratete ihn. Gemeinsam führten sie bis vor einigen Jahren in einem alten Weinkeller die "Piano Bar". Hier habe ich abends meine Freunde gesehen, schon gleich zu Beginn meines Urlaubs trafen wir uns alle dort.

Heute gehe ich an meinem ersten Abend auf Elba immer hinunter zum Meer, auf einem steilen Weg, vorbei an Kakteen, Weingärten und der Wallfahrtskirche Madonna delle Grazie. Im Strandrestaurant "La Grotta" grillt mir Franco dann frisch gefangene Goldbrasse auf dem Holzfeuer. Danach setze ich mich an den Strand, schaue auf die Bucht, in der ein paar Segelboote und Motorkutter ankern.

Langsam verschwindet die Sonne hinter dem Monte Capanne und taucht den Gipfel in goldenes Licht. Die Zikaden beginnen zu singen. Bald spannt sich der Sternenhimmel über dem Meer, und jedes Mal freue ich mich wie ein Kind, wenn ich dort oben den Großen Wagen entdecke.

Ich greife nach dem Sand, der noch warm ist von der Hitze des Tages, und lasse ihn langsam durch meine Finger rieseln. Was brauche ich mehr? - Ich bin am Ziel.

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Autor:
Christiane von Korff