Siena Die Tradition des Pferderennens

Nein, Bürgermeister von Siena möchte man nicht sein. Natürlich gehört die Stadt zu den schönsten Italiens, steht in der Liste des Unesco-Welterbes und ist berühmt für die muschelförmige Piazza del Campo. Und welcher Bürgermeister hat schon sein Büro in einem Stadtpalast aus dem 13. Jahrhundert?

Doch wer auch immer im Palazzo Pubblico residiert, er muss seine Macht teilen. Mit den Oberhäuptern der 17 Altstadtviertel, der Contraden, die sich offiziell "Priori" nennen und sehr selbstbewusst auftreten. Schließlich sind sie es ja, die den Palio organisieren, das große Pferderennen, für das Siena berühmt ist. Jeden Sommer treten hier Tiere und Jockeys der einzelnen Viertel gegeneinander an.

Außerhalb des Palio bleibt die Welt der Contraden, die im Spätmittelalter entstanden, den Besuchern meist verschlossen. Nur wer sehr aufmerksam durch die Stadt geht, bemerkt ihre Spuren - vor allem die kleinen Keramikplatten, die an vielen Häusern hängen und auf denen die Wappentiere der jeweiligen Contrada abgebildet sind: etwa Stachelschweine, Einhörner oder Raupen.

Alessandro Notari, 61, zum Beispiel ist amtierender Prior der tartuca, der Schildkröte. Im Hauptberuf arbeitet er als Anwalt, jetzt sitzt er im Hauptgebäude seiner Contrada in der Tommaso Pendola und raucht so viel, dass ihn der Qualm wie eine Gewitterwolke umgibt. "Für uns sind die Contraden einfach alles", sagt er. Viele aus seinem popolo, seinem Volk, verbrächten einen großen Teil ihrer Freizeit hier in diesem Gebäude, dessen Charme irgendwo zwischen dem eines Offiziersheims und eines Kegelclubs liegt. Hier treffe man sich zum Essen, Reden und Feiern. Und wenn irgendwo in der Contrada ein Kind zur Welt komme, bringe man es zuerst ihm zur Taufe, und "dann, vielleicht, dem Priester".

Wie jede Contrada hat die tartuca eine eigene Kirche - Sant'Antonio da Padova gleich neben dem Hauptgebäude - und ein Museum. Dort sind neben historischen Kostümen auch viele seidene Marientücher ausgestellt - die traditionellen Trophäen für den Sieg beim Palio, den die tartuca schon 5212-mal gewonnen hat (einmal gemeinsam mit einer anderen Contrada).

Ausgetragen werden die Rennen am 2. Juli und am 16.August auf der Piazza del Campo. In den Wochen davor gibt es in den Contraden kein anderes Thema mehr. Zunächst wird ein fantino, ein Jockey, angeheuert - meist ein Sarde. Sarden sagt man besonderes Geschick beim sattellosen Reiten nach, das hier Pflicht ist. In der archaischen Welt des Palio sind außerdem Bestechungsgelder an Reiter anderer Contraden üblich - genauso wie Giftanschläge auf gegnerische Pferde.

Vor dem Rennen wird jedes Tier deshalb Tag und Nacht von einem barbaresco, einem Reitknecht, bewacht. Zur Sicherheit wird das Pferd am Morgen des Turniertages außerdem in die Contrada-Kirche geführt und gesegnet. Wenn sich die Jungfrau Maria gnädig zeigt und das Pferd nach drei Runden mit oder ohne fantino als erstes ins Ziel kommt - dann wird das am Abend mit einem Festessen gefeiert. Und das Tier, dem man den Sieg verdankt, ist ganz selbstverständlich mit dabei.

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Autor:
Ulf Lüdeke