Toskana Die Etrusker - das modernste Volk der Antike

Überliefert ist das Gerede der Nachbarn. Da schüttelt einer den Kopf über üppige Mahlzeiten zweimal am Tag und tadelt Leichtfertigkeit und ausschweifende Gelage, bei denen nackte Sklavinnen bedienen. Ein anderer will sogar wissen, dass Männer sich die trinkfesten Frauen teilen.

Überhaupt, die Frauen - da können sich römische und griechische Autoren nur wundern: Sie machen mit den Männern gemeinsam Gymnastik! Beim Mahl liegen sie mit dem Gatten auf einem Lager, auch besitzen sie, anders als in Rom, einen eigenen Vornamen. Offenbar genießen Etruskerinnen schockierende Freiheiten, und zudem sind sie schön anzuschauen - das räumt selbst der Geschichtsschreiber Theopomp ein, und der steht im Ruf eines Lästermauls.

Aber in den antiken Überlieferungen finden sich auch ganz andere Charakterisierungen für die Etrusker: tapfer, tüchtig, erfindungsreich und fromm. Nur was sie selbst über sich zu sagen hatten, wissen wir leider nicht. Fast alles, was in ihrer bis heute nur bruchstückhaft entzifferten Sprache erhalten ist, sind kurze Inschriften, meist auf Gefäßen oder Sarkophagen.

Doch wie sie sich sahen, das zeigen etwa die wunderbar erhaltenen Malereien in den Gräbern von Tarquinia: farbenfrohe Bilder von Fischfang und Jagd, von Wettkämpfen und Gelagen mit Musik und Tanz. Angesichts der Heiterkeit und Lebensfreude dieser Bilder verstieg sich der englische Schriftsteller D.H. Lawrence zu dem Schluss, bei den Etruskern seien selbst die Sklaven nicht unterdrückt gewesen - der Mangel an Beweisen verlockte schon immer dazu, in dieses Volk alles mögliche hineinzudeuten.

Noch heute wird hartnäckig von den "geheimnisvollen" Etruskern gesprochen, obwohl das "Geheimnis", wie Archäologen beteuern, nichts anderes ist als die Lücken in unserem Wissen. Gesichert ist, dass dieses Volk zwischen dem achten und siebenten Jahrhundert vor Christus auf der Apenninenhalbinsel auf die Weltbühne tritt. Tyrrhenoi nennen es die Griechen, die Römer Etrusci oder Tusci - daher die Namen Tyrrhenisches Meer und Toskana (obwohl die heutige Toskana nur den nördlichen Teil des alten Etrurien umfasst). Von Herodot stammt die These, die Etrusker seien aus Kleinasien eingewandert. Das galt als längst widerlegt - bis kürzlich zellgenetische Untersuchungen erstaunliche Ähnlichkeiten von Einwohnern abgelegener toskanischer Orte mit Syrern und Palästinensern ergaben.

Schon im sechsten Jahrhundert vor Christus sind die Etrusker auf dem Höhepunkt ihrer Macht: Von ihrem Kernland zwischen Tiber und Arno aus haben sie die Poebene und Kampanien besetzt und beherrschen das Tyrrhenische Meer. Einen etruskischen Staat gibt es zu keiner Zeit, als Einheit werden die Etrusker eher von außen gesehen. Ihre Geschichte ist die der politisch, wirtschaftlich und militärisch autonomen Städte wie Caere, Clusium oder Veji. Ob der Zwölferbund, zu dem sie sich zusammenschlossen, bei seinen Treffen je zu einer gemeinsamen Außenpolitik gefunden hat, ist unbekannt.

Auf ihrem fruchtbaren, von Flüssen durchzogenen Land bauen sie Wein, Oliven, Haselnüsse, Gemüse und Getreide an. Sie verstehen sich auf die Bewässerung der Felder und erzielen so üppige Erträge. Bei Versorgungsengpässen können sie sogar Rom mit Weizen aushelfen. Sie züchten Rennpferde, Rinder, Schafe und Ziegen, jagen in den wildreichen Wäldern, und ihre Seen - Bolsena-, Bracciano-, Trasimenischer See - sind voller Fische.

Die Gräber sind luxuriöse Wohnhäuser für die Toten

Wirklich reich und kultiviert werden die Etrusker aber durch das Erz, das in ihrem Gebiet in großen Mengen lagert. Mit dem Eisen und Kupfer aus den Monti Metalliferi bei Volterra und von der Insel Elba treiben sie Handel und kommen so mit der Welt in Kontakt, vor allem mit Griechen und Phöniziern. Über die etruskischen Häfen gehen Metalle und meisterhaft geschmiedete Bronzewaren hinaus. Herein kommen griechische Keramik, Künstler, Mythen und Buchstaben, griechischer Wein und die dazugehörigen Gepflogenheiten, außerdem phönizischer Gold- und Elfenbeinschmuck, Silberkannen aus Zypern, Schalen aus Syrien - Materialien und Ideen, alles wird von den Etruskern aufgenommen, nach Geschmack und Bedürfnis angepasst und weiterentwickelt.

Auf diese Weise schaffen sie große Kunstwerke. Das zeigen die Grabmalereien, die ausdrucksstarken Plastiken auf den Sarkophagen (oft ein Ehepaar nebeneinander auf einer Liege, was Griechen und Römer skandalös fanden). Und natürlich die lang gezogenen, an Figuren von Alberto Giacometti erinnernden Bronzestatuetten, deren schwebende Leichtigkeit den Betrachter heute berührt. Deren berühmteste ist "Schatten des Abends", die Statuette eines nackten Mannes im Etruskischen Museum von Volterra.

Fast alle diese Kunstgegenstände kennen wir, weil die Etrusker sie ihren Toten mit ins Grab gaben. Die Gräber, obwohl über die Jahrhunderte geplündert, sind die wichtigste Quelle, um etruskisches Leben zu rekonstruieren - wobei es allerdings nur das Leben der mehr oder weniger wohlhabenden Schicht ist, von dem wir uns so ein Bild machen können. Es sind vor allem Kaufleute und Landbesitzer, die für ihre Sippe Kammergräber in den weichen Tuffstein graben ließen und mit Sesseln, Betten und anderen reichen Beigaben vom Toilettenspiegel bis zum Bankettservice ausstatteten - Wohnhäuser für die Toten, die die Welt der Lebenden widerspiegeln.

Diese Gräber lassen ein Volk erahnen, das den angenehmen Seiten des Daseins durchaus zugetan war; gleichzeitig bezeugen sie feste Familienstrukturen und relativieren damit alle Berichte über Lotterleben und freie Liebe. Von Leben und Sterben der Besitzlosen ist weit weniger bekannt. Es gab Sklaven in großer Zahl, so viel zumindest scheint sicher, und in mehreren Städten erhoben sie sich in Revolten, so in Arezzo gegen Ende des vierten vorchristlichen Jahrhunderts.

Man kann in Volterra durch ein etruskisches Stadttor spazieren, in manchen Orten sind Reste der Stadtmauern erhalten, doch anders als die Nekropolen sind die Städte wenig erforscht - was auch damit zu tun hat, dass sich an ihrer Stelle heute oft noch Ortschaften befinden, was Ausgrabungen schwierig oder unmöglich macht. Falls es hilft, sich eine Vorstellung zu machen: Der römische Architekt Vitruv beschreibt etruskische Bauten als "breit, niedrig, schwer, waagerecht".

Damit die Götter wohlwollend auf die Stadt schauten, war bei deren Gründung eine ganze Reihe von Regeln einzuhalten - die Zahl der geheiligten Tore zum Beispiel musste mindestens drei betragen. Religion hat im Leben der Etrusker eine große Bedeutung, das heben antike Autoren immer wieder hervor. In ihrem Glauben ging es vor allem um die richtige Deutung des Götterwillens.

Wie, das hat der Prophet Tages offenbart. Er, ein Kind mit Greisenkopf, tauchte vor einem pflügenden Bauern in der Ackerfurche auf. Der herbeigeeilten Menge diktierte Tages die grundlegenden Normen der etruskischen Religion. "Etrusca disciplina" nannten die Römer dieses Wissen, das fortan von Priestern gehütet und angewendet wurde. Sie legten Zeichen aus, deuteten Blitze, Eingeweide von Opfertieren oder den Vogelflug. Ihr Ruhm war so groß, dass ihre Dienste auch in Rom gefragt waren; junge Römer vornehmer Herkunft wurden nach Etrurien geschickt, um sich in die "disciplina" einführen zu lassen.

Das Atriumhaus, die Toga, Kenntnisse in Landvermessung, Landwirtschaft und Kanalisation, die Grundzüge des Tempelbaus - Rom übernahm viel Etruskisches. Am Ende wurden die Etrusker Opfer der Expansion ihrer Nachbarn: Nachdem die Römer 396 v. Chr.Veji erobert hatten, dehnten sie ihre Macht - durch Krieg oder Bündnis - Zug um Zug auf ganz Etrurien aus. Der etruskische Niedergang hatte aber schon früher begonnen: mit der Seeschlacht von Kyme 474 v. Chr., bei der die Etrusker von der Flotte der sizilianischen Stadt Syrakus vernichtend geschlagen wurden - ihre jahrhundertelange Herrschaft über das Tyrrhenische Meer war vorbei.

Im Jahr 88 v. Chr. wurde Etrurien Teil des römischen Staatsverbands. Mit Unterjochung hatte das wenig zu tun - Römer zu sein war für die etruskische Oberschicht durchaus reizvoll, und umgekehrt waren die Etrusker in Rom hoch angesehen. So war Maecenas, man würde ihn heute Kulturminister des Kaisers Augustus nennen, Etrusker.

Langsam ging die etruskische Welt unter. Doch noch bis ins 19. Jahrhundert hinein konnte man einen fernen Widerhall hören, wenn die Bauern in Dörfern des ehemaligen Etrurien sangen: "Faflon, Faflon, dich fleh ich an, lass den Wein in meinem Keller süffig werden." Fufluns hieß der etruskische Gott des Weines.

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Barbara Baumgartner