Geschichte der Lombardei Das Leben des Langobardenkönigs Alboin

Langobardenkönig Alboin

Tod und Angst hängen in der Luft, Mord- und Siegeslust. Seit Stunden tobt der Kampf, sirren Pfeile, bohren sich Schwerter in Leiber. Wie im Rausch töten die Krieger. Hunderte, Tausende. Finstere Gesellen mit langen Haaren und wilden Bärten. Daher ihr Name: Langobarden. Langbärte. Ihr Anführer: Alboin, der zehnte König seines Volks. Und der Eroberer Italiens.

Die Schlacht gegen die Gepiden im Jahre 567 ist ein Gemetzel, das nur wenige überleben. Auch nicht Kunimund, ihr König. Kaum entdeckt Alboin seinen Gegner im Getümmel, prescht er los und erschlägt ihn. Aus seinem Schädel lässt er später eine Trinkschale fertigen, seine Trophäe. Es ist der grausame Triumph des Siegers, üblich in jenen Zeiten. Und genauso rüde wie seine nächste Tat: Er zwingt Rosamunde, des Königs Tochter, ihn zu heiraten. Den Mörder ihres Vaters! So wirft zum ersten Mal der Name Alboins sein dunkles Licht auf die blutige Geschichte der Langobarden. Mit einem Sieg, der fünf Jahre später auch seinen Untergang besiegelt.

Vier Jahrhunderte lang zieht das Germanenvolk durch Europa

Die Langobarden. Vier Jahrhunderte zieht das Germanenvolk aus Skandinavien durch Europa, bis es, 526, in Pannonien siedelt, heute der Westen Ungarns. Doch die Zeiten sind unruhig. Neue Nachbarn stören die Langobarden: die Awaren, brutale Krieger aus den weiten Steppen Asiens, gierig nach Schätzen und Land.

Wohl deshalb reift in Alboin der kühne Plan, sein Volk zu den fruchtbaren Ebenen Italiens zu führen. Fort von den Awaren, hin zu den üppigen Weinlandschaften des Friauls, zu den reichen Handelszentren, nach Venedig, nach Verona. Im Jahr 568, einen Tag nach Ostern, brechen die Langobarden auf, 20 000 Krieger mit Frauen und Kindern. Pferdewagen an Pferdewagen zieht gen Süden, mehr und mehr Menschen schließen sich dem Zug an, Historiker reden von 200 000 Menschen. Es ist die letzte große Völkerwanderung. Eine Invasion der Barbaren.

Kaum jemand stellt sich ihnen in den Weg. Mitte des 6. Jahrhunderts ist Italien verwüstet, von Kriegen, von der Pest. Das einstige Imperium ist ein Schatten seiner selbst. Justinian, sein Kaiser, residiert hinter hohen Mauern in Konstantinopel, fern von Italien, verstrickt in Kriege gegen viele Völker, im Osten gegen Hunnen und Perser, im Westen gegen Goten und Franken. Wer sollte sein Schwert gegen die neue Macht erheben?

Widerstandslos öffnen sich die Pforten der meisten Städte. Rasch nehmen die Langobarden Aquileia, Vicenza, dann Treviso, Verona, bald darauf Trient. Am 3. September 569 erobert Alboin Mailand, die alte Kaiserstadt, von den Hunnen dreißig Jahre zuvor fast vollständig zerstört. Mailand hat den Langobarden nichts zu bieten. Sie ziehen weiter nach Pavia, ihrer zukünftigen Kapitale. Drei Jahre bestürmen sie die Mauern, bis die Stadt im Juli 572 fällt. Und mit ihr Konstantinopels Herrschaft im Norden Italiens. Vorbei ist das Zeitalter der Antike.

Alboin regiert drei Jahre und sechs Monate

Drei Jahre und sechs Monate regiert Alboin. Seine Truppen stoßen ins Innerste Italiens vor, erobern die Herzogtümer Spoleto und Benevetum. Der König ist auf dem Zenit. Ein ruhmreicher Herrscher, wie Paulus Diaconus lobt, der Geschichtsschreiber der Langobarden. Ein Haudegen und Lebemann, einer, der über alles den Wein liebt, das Gelage.

Doch jetzt, im Palast von Verona, seiner Hauptresidenz, raubt ihm der Trunk den Verstand. Fröhlich hält er seiner Frau Rosamunde die bleiche Hirnschale ihres Vaters hin, und lädt sie ein, daraus zu trinken. Welch eine Schmach! Was Rosamunde gedacht, was sie getan hat, ist nirgends überliefert. Wahrscheinlich aber sinnt sie spätestens in diesem Moment auf Rache. Sie will Alboins Tod. Nichts weniger.

Der Tag ihrer Vergeltung kommt im August 572. Hilfe findet sie bei Helmichis, ihrem Geliebten. Als sich der König zur Siesta zurückzieht, dringt er, das Schwert gezogen, in dessen Gemach. Alboin aber, der wachsame Krieger, schreckt plötzlich hoch. Verzweifelt drischt er mit einem Schemel auf seinen Mörder ein. Vergeblich. Der König verblutet, 40 Jahre alt geworden, in seinem Schlafrock. Rosamunde und ihr Liebhaber rauben den Königsschatz und fliehen nach Ravenna in die Arme des byzantinischen Statthalters Longinus. Ein Ränkeschmied, der alsbald die Langobardenkönigin überredet, sich ihres Mitverschwörers zu entledigen. So reicht sie Helmichis einen Giftrunk, was der zu spät bemerkt. Erst im letzten Moment setzt er sein Schwert an die Kehle der Untreuen und zwingt sie, den Becher zu leeren. Für beide ist es das grausige Ende.

Nach Alboins Tod zerfasert sein Italien, Nachfolger König Cleph kann die "Dux", die Herzöge der Langobarden, nicht im Zaum halten. Plündernd und raubend ziehen sie durchs Land, nur daran interessiert, ihre eigene Schatulle zu füllen. Einer nach dem anderen reißt das Zepter an sich; 35 sind es allein in den nächsten zehn Jahren. Nur kurz erhellt sich noch einmal das Schicksal des Reichs, fast 150 Jahre später, als Liutprand und Rachtis regieren, die weisen Könige. Fromme Männer, die Klöster fördern und Kirchen. Erhebt der Papst Einspruch, geben sie ihre Eroberungen zurück. Ein austariertes System gegenseitigen Respekts. Es ist der Höhepunkt langobardischer Macht.

Das Jahr 773 bedeutet das Ende der Langobarden

Bis König Aistulf 749 den Thron erklimmt. Aistulf, der sich nicht um den Papst und seine Wünsche kümmert. Der sogar, welch Frevel, Rom bedroht. Papst Stephan II. sucht Hilfe bei den Franken, die zwei Mal gegen die Langobarden preschen, 754 und 756. Erfolgreiche Kriegszüge, aber ohne endgültigen Sieg. Der kommt erst, als der Franke Karl, später der Große genannt, die Geschichte betritt.

So beginnt, 773, das Ende der Langobarden. Bei Genf sammeln sich Karls Truppen und fallen in Italien ein. König Desiderius, der letzte der Dynastie, verschanzt sich in Pavia. Wieder wird die Stadt belagert, wie einst durch Alboin. Sechs Monate, bis Juni 774. Desiderius wird gefangen und fortgebracht ins Frankenland. Den Rest seines Lebens, zwölf Jahre, darbt er im Kloster Corbie an der Somme. Es ist das Ende des Barbaren-Reichs. Das Ende eines 800 Jahre alten Volkes. Ein grausames Geschlecht, an das nur noch wenige Kunstwerke und Bauten erinnern, wie die Kapelle des Doms in Monza vor den Stadttoren Mailands, einst gegründet von der Langobardenkönigin Theodolinde (570-627). Ein Volk, das aber einer ganzen Landschaft bis heute den Namen leiht: der Lombardei.

Autor

Franz Lenze