Eine Stadt, eine Farbe: Diese Orte weltweit zeigen sich Ton in Ton

Eine Medina voller blau getünchter Häuser und Terrassen, ein Ort aus Granitstein oder die grünste Stadt der Welt: Rund um den Globus gibt es sie, die monochromen Metropolen. Wer durch den historischen Kern von Chefchaouen in Marokko schlendert, sieht nur Blau, soweit das Auge reicht. Und das indische Jaipur ist nicht umsonst als „Pink City“ bekannt. Aber woher rühren diese Uni-Farbkonzepte eigentlich? Und was gibt es sonst noch zu sehen in diesen Städten?
Wir sind den einfarbigen Metropolen auf den Grund gegangen – und stellen im Folgenden neun besonders schöne Beispiele vor.
La Ville Rose: Toulouse (Frankreich)

Der Name ist Programm: Toulouse ist vielfach bekannt als „La Ville Rose“, die rosafarbene Stadt. Der sogenannte Foraine-Ziegelstein, auch als „Toulouse-Ziegel“ bekannt, ist für das charakteristische, rosafarbene Stadtbild verantwortlich. Einst nutzte man diesen gebrannten Ziegelstein tatsächlich aufgrund fehlender anderer Optionen. Sandstein und Marmor waren recht teuer, und der Transport hätte dieses Vorhaben noch kostspieliger gemacht, schließlich gibt es rund um Toulouse kaum Steinbrüche, die diese Materialien enthalten. Die Garonne, die heute so malerisch durch Toulouse fließt, war jedoch eine wichtige Ressource, denn aus ihrem Schwemmsand konnten Lehm und der Backstein hergestellt werden, die heute die französische Stadt prägen.
Je nach Licht erstrahlt Toulouse in Rosa, hellem Rot oder Terrakotta; besonders schön anzusehen sind die Fassaden in der Abendsonne. Insbesondere in der Altstadt wimmelt es nur so vor roséfarbenen Gebäuden, eines davon – und mitunter das wichtigste der Stadt – ist das Capitole de Toulouse. Es thront auf dem Place du Capitole und beherbergt unter anderem ein Theater und die Stadtverwaltung. Ebenfalls sehr sehenswert: die Basilique Saint-Sernin, die größte romanische Kirche in ganz Frankreich.
Übrigens: Hier erfahren Sie noch mehr über Toulouse.
Silver City: Aberdeen (Schottland)

Was manche als trostlos bezeichnen würden – nämlich eine Stadt voller anthrazitfarbener Granithäuser –, kann je nach Wetter und Lichtbedingungen einen wunderbaren Schimmer annehmen. Aberdeen im Nordosten von Schottland wird manchmal schlicht als „Granite City“ bezeichnet, manchmal aber auch als „Silver City“. Denn wenn die Sonne scheint und ihr Licht auf den Granitstein wirft, der die Architektur der Stadt dominiert, glitzert dieser silber-grau.
Besonders im Stadtzentrum rund um die Union Street reiht sich ein anthrazitfarbenes Gebäude an das nächste, das Kopfsteinpflaster ergänzt die Architektur perfekt. Der Granit stammt aus hiesigen Steinbrüchen und hat viele bauliche Vorteile, unter anderem ist er ein extrem wetterbeständiges Material. Ein Gebäude, das aufgrund seiner Architektur trotz des einheitlichen Silbergraus hervorsticht, ist das Marischal College aus dem 19. Jahrhundert, denn es ist eines der größten Granitgebäude der Welt.
Durch den monochromen Look wirkt Aberdeen auf den ersten Blick recht streng und gleichzeitig elegant. Diese Wirkung weicht aber etwas auf, wenn man längere Zeit in der Stadt an der Nordseeküste verbringt: Aberdeen ist auch erstaunlich grün. Der Duthie Park ist einer der schönsten grünen Spots der Stadt, er beherbergt auch die David Welch Winter Gardens, die zu den größten überdachten Gärten in Europa gehören.
Purple Islands: Banwol und Bakji (Südkorea)
Diese Inseln mit Uni-Farbkonzept sind hierzulande noch ein Geheimtipp, schließlich ist der Weg weit und die Eilande relativ abgelegen. Außerdem sind die südkoreanischen Inseln Banwol und Bakji noch gar nicht so lange ein Konglomerat aus lila Pflanzen und Objekten. Erst 2015 wurde das Tourismusprojekt namens „I purple you“ gestartet, in dessen Rahmen später zahlreiche violette Pflanzen wie Lavendel oder die Glockenblume namens Campanula auf den Schwesterinseln kultiviert wurden. Hinzu bekamen immer mehr Objekte einen lila Anstrich verliehen: die Fußgängerbrücke, die die beiden Inseln verbindet, Telefonzellen, Bushaltestellen und Fahrräder beispielsweise. Auch die Dächer der Häuser wurden violett bemalt. Die Tourismusbehörde meint es ernst mit ihrem ausgewählten Farbschema, schließlich hat das Ganze bislang geschätzt 3,5 Millionen Euro gekostet. Wer sich für den Besuch der Insel(n) lila kleidet, bekommt ein kleines Präsent, etwa einen Café-Gutschein oder Ähnliches, als Belohnung.
Die Purple Bridge, die Banwol und Bakji Island miteinander verbindet, ist eines der beliebtesten Fotomotive auf den Inseln. Sie ist besonders am Abend schön anzusehen, denn dann geht die Sonne über dem Meer unter und die gesamte Szenerie vermischt sich zu einem Mix aus Rot, Purpur und Lila. Die beiden Inseln liegen im Süden von Südkorea, nahe der Küstenstadt Mokpo. Von dort aus gelangen Reisende mit der Fähre zu den Eilanden. Diese sind aber noch immer auf sanften Tourismus ausgelegt, Hotels findet man dort keine. Auf Banwol gibt es ein Café namens Purple Island, ansonsten kaum Infrastruktur. Wozu auch, wenn an jeder Ecke eine lila Laterne oder Telefonzelle darauf warten, fotografiert zu werden?
Eine Stadt in Weiß: Vejer de la Frontera (Spanien)

Komplett in Weiß getünchte Dörfer und Städte gibt es in Andalusien so einige, daher hat sich auch der Name „Pueblos Blancos“ als Sammelbezeichnung etabliert. Vejer de la Frontera steht hier als Beispiel, denn die 13.000-Einwohner-Stadt gilt als eine der schönsten in Andalusien. Sie befindet sich in der Provinz Cadíz und thront auf einem Hügel, rund zehn Kilometer von der Küste entfernt. Schon bei der Anfahrt bemerken Reisende das geschlossene Stadtbild voller weißer Häuser. Man geht davon aus, dass dieses Farbkonzept aus der Zeit der Mauren stammt und praktische Gründe hatte. Damals wurden Häuser weiß gekalkt, um sie vor der Hitze im Sommer zu schützen. Die strahlend weißen Fassaden setzen sich besonders gut von den umliegenden Bergen und Olivenhainen ab – ein perfektes Fotomotiv.
Auch sonst ist einiges aus der maurischen Zeit übrig geblieben, etwa die Stadtmauer mit ihren Torbögen und Türmen. Wer in Vejer de la Frontera ist, sollte sich auch den Hauptplatz der Stadt, die Plaza de España, ansehen. Rundherum befinden sich Cafés und Bars, auf dem Platz steht ein hübscher Brunnen mit wasserspeienden Fröschen – ausnahmsweise nicht in Weiß. Für eindrucksvolle Panoramen sei der Mirador de la Cobijada empfohlen, von diesem Aussichtspunkt blickt man bis zum Atlantik.
Übrigens: Weitere „Pueblos Blancos“ in Andalusien sind Ronda, Antequera, Grazalema, Zahara de la Sierra oder Setenil de las Bodegas. Die letzten drei liegen alle in der Provinz Cadíz und können somit gut mit Vejer de la Frontera kombiniert werden.
Hier haben wir weitere Informationen über Vejer de la Frontera gesammelt.
Beige statt bunt: Lecce (Italien)

Zugegeben, farbenfroh ist anders. Doch Lecce in Apulien muss man gesehen haben, um zu verstehen, dass auch das Spektrum von beige bis goldgelb einen ganz besonderen Zauber ausstrahlt. Zumindest dann, wenn die Farbpalette von den schönsten Barockbauten ergänzt wird, wie das in Lecce der Fall ist. Die Stadt in der süditalienischen Region Apulien wird häufig auch als „Florenz des Südens“ bezeichnet, denn sie verfügt über eine reiche Barockarchitektur. Allerdings ein wenig anders als in der toskanischen Hauptstadt: In Lecce wurde der „Pietra Leccese“, ein heller, leicht zu bearbeitender, weicher Kalkstein genutzt. Dieser schimmert je nach Lichteinfall goldgelb bis beige und prägt das charakteristische Stadtbild.
Als Meisterwerk des Lecceser Barock gilt etwa die Basilica di Santa Croce, die mit opulenten Ornamenten und Stuckarbeiten in ihren Bann zieht. Auch die Piazza del Duomo im Stadtkern ist eine der wichtigsten Sehenswürdigkeiten von Lecce und gleichzeitig ein bedeutendes Zeugnis des beigefarbenen Konzepts innerhalb der Stadt. Der Platz wird vom Bischofspalast, dem Dom von Lecce und dem Campanile gesäumt.
Übrigens: Mehr Infos über Lecce sowie weitere Orte in Apulien finden Sie hier.
Die gelbe Stadt: Izamal (Mexiko)

„Ciudad Amarilla“ nennen die Einheimischen ihre Perle auf der mexikanischen Halbinsel Yucatán gerne: „die gelbe Stadt“. Izamal wurde bereits im 16. Jahrhundert auf den Überresten einer Maya-Stadt gegründet, davon zeugen noch heute verschiedene Bauten innerhalb des Stadtgebiets. Besonders beeindruckend: die Pyramide Kinich Kakmó. Neben den Überbleibseln der Maya wird Izamal von Kolonialhäusern aus dem 16., 17. und 18. Jahrhundert geprägt – und natürlich von dem sonnengelben bis ockerfarbenen Anstrich, den hier fast alle Bauten aufweisen. Woher der genau rührt, ist zuweilen umstritten.
Lange wurde davon ausgegangen, dass die Stadt erst 1993 in Gelbtöne getüncht wurde – und zwar anlässlich des Besuchs von Papst Johannes Paul II. Man habe die Vatikanfarben Weiß und Gelb gewählt, um das Oberhaupt der katholischen Kirche zu ehren. Tatsächlich sind immer wieder weiße Elemente in den Fassaden von Izamal sichtbar und es ist auch schlüssig, dass die Stadt diesen Anlass genutzt hat, um sich aufzuhübschen. Anthropologen sind aber der Überzeugung, dass die Farbpalette von Izamal eine tiefere und historisch verwurzelte Bedeutung hat, Stichwort Maya-Kultur. Denn die Farbe Gelb könnte auch eine Anlehnung an den Sonnengott sein, den die Maya stets verehrt haben.
Ganz zurückverfolgen, wann einzelne oder viele Häuser in Izamal gelb gestrichen wurden, lässt sich also nicht mehr. Das tut dem Charme der mexikanischen Kleinstadt mit ihren rund 16.000 Einwohnern aber keinen Abbruch. Schlendern Sie unbedingt zur Plaza Principal, dem Herz der Altstadt. Dort steht das Convento de San Antonio de Padua, das Kloster und das wichtigste Gebäude von Izamal – natürlich in Sonnengelb, mit weißen Zierelementen.
The Pink City: Jaipur (Indien)

Auch in Jaipur, der Hauptstadt der indischen Region Rajasthan, hat die Farbgebung – in diesem Fall rosa – mit dem Besuch einer wichtigen Persönlichkeit zu tun. Im Jahr 1867 war die Stadt in Aufruhr, denn der britische Kronprinz Albert Edward kündigte seinen Besuch an. Rosa war von jeher die Farbe der Gastfreundschaft in Rajasthan, kein anderer Farbton sagte so sehr „Herzlich Willkommen“ wie dieser. Deshalb beschloss man kurzerhand, das historische Zentrum von Jaipur inklusive der Stadtmauer rosarot anzumalen. Aufgrund dieser Tatsache ist Jaipur heute weithin als „The Pink City“ bekannt – obwohl die Farbtöne eher zwischen Altrosa und Terrakotta changieren.
Der Hawa Mahal, der Palast der Winde, ist eine der wichtigsten Sehenswürdigkeiten und reiht sich in das Farbkonzept ein. Er wurde 1799 von Maharadscha Sawai Pratap Singh erbaut und später eingefärbt. Ikonisch ist die Fassade mit ihren vielen Erkern und gebogenen Fenstern – sie wurde damals so angelegt, um auch den Frauen des Hofes, die am gesellschaftlichen Leben nicht wirklich teilnehmen durften, einen Beobachtungsposten zu gewähren.
Auch der City Palace ist aufgrund seines Äußeren ein Muss bei einer Jaipur-Reise. Hier wurden Rajput- und Mogularchitektur vermischt, im Inneren befindet sich das Maharadscha Sawai Man Singh II Museum. Außerdem nutzen die Nachfahren der indischen Herrscherfamilie das Gebäude noch immer, etwa für formelle Anlässe. Fort Amber, die Befestigungsanlage, die über Jaipur thront, ist besonders eindrucksvoll bei Sonnenuntergang. Dann leuchtet sie in den schönsten Rosa- und Rottönen.
City in Nature: Singapur

Diese Stadt verdankt ihr monochromes Farbkonzept nicht ihren Gebäuden, sondern ihrer Liebe zu Pflanzen und Parks: Singapur ist eine der grünsten Städte der Welt, etwa 47% des Stadtstaates bestehen aus Grünflächen. Schon seit Jahrzehnten ist Singapur Vorreiter in dem, was nun auch andere Städte tun, um ihre Lebensqualität und Attraktivität zu steigern: grüne Oasen schaffen, das Stadtklima verbessern und so eine Symbiose zwischen urbanem Leben und Nachhaltigkeit herstellen.
Früher sprachen diejenigen, die diese Vision vorangetrieben haben, immer von der „City in a Garden“, also der „Stadt innerhalb eines Gartens“. Heute nennen Stadtplaner sowie die Regierung von Singapur das Konzept „City in Nature“, es bleibt aber das Gleiche. Wohin man sieht, findet man neben Wolkenkratzern und futuristischen Gebäuden eben immer die Farbe Grün – durch Parks, Gärten und Naturreservate.
Ein Must-See: die Gardens by the Bay mit ihren ikonischen Supertrees – Baumstrukturen aus Stahl, die bis zu 50 Meter in die Höhe ragen und mit Pflanzen und Farnen begrünt wurden. Ebenfalls sehr sehenswert sind die Singapore Botanic Gardens, die zum UNESCO-Welterbe gehören, und der National Orchid Garden, der rund 1.500 Orchideenarten bereithält. Zahlreiche begrünte Dächer und Terrassen sowie Urwaldreste vor den Toren der Stadt komplettieren das Bild.
Hier haben wir die spektakulärsten Sehenswürdigkeiten von Singapur gesammelt.
Ein Traum in Blau: Chefchaouen (Marokko)

Im Norden Marokkos, an den Ausläufern des Rif-Gebirges, liegt Chefchaouen. Die Stadt ist mittlerweile kein Geheimtipp mehr; längst hat sich herumgesprochen, dass die Medina, also die Altstadt, komplett blau gestrichen ist, von Hausfassaden über die Dächer bis hin zu den Treppen. Trotzdem ist Chefchaouen lange nicht so voll und hektisch wie Fès oder Marrakesch und hat viel von seinem ursprünglichen Charme bewahrt. 1471 gegründet, war Chefchaouen zunächst als Bastion gedacht, um sich vor Invasoren zu schützen. Bald kamen zahlreiche muslimische und jüdische Menschen aus Andalusien, die vor der christlichen Reconquista flohen.
Der starke jüdische Einfluss in Chefchaouen wird häufig als Erklärungsansatz für die blau getünchte Medina herangezogen, denn im jüdischen Glauben symbolisiert die Farbe Blau den Himmel und das Göttliche. So vermutet man, dass jüdische Siedler in den 1930ern die Häuser der Stadt nach und nach blau strichen. Andere Erklärungsversuche gehen in die praktische Richtung: Das Blau sollte gegebenenfalls nur Mücken abhalten, mutmaßen die einen. Es sei eine geplante Inszenierung, um Touristen anzulocken, sagen die anderen. Ganz geklärt wird das wohl nie, doch klar ist, dass Chefchaouen erst im 20. Jahrhundert einheitlich blau gefärbt wurde.
Heute wird die Farbpalette erhalten, um die Tradition zu pflegen und weiterhin Reisende zu locken. Die sind aber nicht nur von den verschiedenen Farbtönen, die von Azur bis Indigo reichen, verzaubert. Sondern auch vom lokalen Kunsthandwerk, das innerhalb der Stadtmauern verkauft wird: Wolle, Lederwaren und Pflegeprodukte zum Beispiel. Und natürlich von dem Panorama, das sich von der Kasbah von Chefchaouen aus ergibt und eines der beliebtesten Fotomotive der Stadt ist.