Griechenland Pilgern auf Rhodos

Das erste, was wir von der Insel Rhodos sahen, war ein Berg. Der Patron unseres Schiffes rief alle Pilger zusammen und sagte uns, das sei der Berg Philermos, was "Freund der Einsamkeit" heiße, und dass es Sitte sei, beim Anblick des Berges niederzuknien und die Jungfrau Maria um Schutz vor Sturm und schlechter See zu bitten. In der Kirche auf dem Berg befände sich ein wundertätiges Madonnenbild, das vom heiligen Lukas persönlich gemalt worden sei. Der Philermos sei überhaupt der wichtigste Wallfahrtsort und nirgendwo könne man so viel und so schnell Heilung bekommen wie dort.

Wir folgten seiner Aufforderung gern, da nun die Ankunft in Rhodos ganz nahe war und wir Gott danken konnten für den guten Verlauf der Reise, zumal keiner von uns krank geworden war bis hierher. Als wir im Hafen waren, durften wir aber noch lange nicht das Schiff verlassen. Der Patron sagte uns, dass wir auf die domini sanitatis (Gesundheitspolizei) warten müssten. Jeder von uns brauche einen Gesundheitspass, denn sonst würden wir in keiner Herberge der Stadt aufgenommen. Die Ordensritter seien sehr tapfere Leute, aber vor der Rattenpest hätten sie den größten Respekt. So hatten wir Zeit, die gewaltigen Mauern der Stadt zu bestaunen, und der Patron sagte uns, dass es auf der ganzen Welt keine stärkere Festung gäbe als die von Rhodos.

Als wir endlich das Schiff verlassen durften, wurden wir sehr freundlich von einigen Rittern begrüßt, die zu unserem Empfang erschienen waren. Sie fragten uns, welche Sprache wir sprechen, und teilten uns danach in Gruppen. Wir waren drei aus Deutschland und die kleinste Gruppe, und einer der Ritter, er nannte sich Wolf von Matzmünster aus dem Elsass gebürtig, sagte uns, er würde sich um uns kümmern, und wir seien eingeladen, in der Herberge der deutschen Zunge unser Quartier zu nehmen. Er begleitete uns dorthin und dann in die Konventskirche St. Johannis, um die Messe zu besuchen. Die Basilika hatte prächtig mit Gold geschmückte Wände und 16 silberne Lampen, und hier würden auch, wie uns der Ritter sagte, die Großmeister des Ordens begraben.

Gleich nach der Vesper zeigte man den Pilgern die Heiligtümer des Ordens, und viele von uns weinten vor Freude. Es ist da nämlich ein Dorn von der Dornenkrone Christi unseres lieben Herrn. Der Dorn blüht alle Jahre am guten Freitag und trägt weiße Blüten. Er hebt an zu Mitternacht und es währet bis auf die Stunde, da Christus sprach "Consummatum est": "Es ist vollbracht". Dann eine Schüssel, daraus Christus mit seinen lieben Jüngern das Abendmahl gegessen hat.

Und sie zeigten uns auch den Arm Johannis Baptistä mit dem Finger, mit welchem er auf Christum Jesum zeigte und sprach: "Ecce agnus Dei" - "Siehe, das ist Gottes Lamm!" Auch zeigten sie uns einen Silberling von den dreißig, darum Christus verkauft ward, und noch viele andere schöne Heiligtümer. Danach fragten wir unseren Ritter, ob er den Dorn einmal habe blühen sehen. Aber er sagte, der Dorn blühe nur tief drin in dem Kästchen, und das sei verschlossen mit drei Schlössern.

Am nächsten Morgen durften wir zu Pferde mit dem Ritter über die Mauer reiten, die so breit ist, dass zwei Wagen aneinander vorbeifahren können, und wir sahen auch die vielen schönen Gärten, die alle mit Windmühlen bewässert werden und in denen Reben wachsen, die dreimal im Jahr Früchte tragen, und in denen allerlei Getier gehalten wird, das wir noch nie zuvor gesehen hatten.

Wir besuchten auch die Kirche St. Marien, die Kathedrale des Erzbischofs und die Pfarrkirche. Aber die St.-Antonius-Kirche, die den Franziskanern gehöre, sollten wir unbedingt gesehen haben, am besten montags, mittwochs oder freitags, denn an diesen Tagen könne man dort einen Ablass erwerben. Und dann gäbe es noch weitere 35 Kirchen, von denen die meisten den Orthodoxen gehörten. Überhaupt, sagte unser Ritter, sei Rhodos eine heilige Insel, denn an sie hätte der Apostel Paulus etliche Epistel geschrieben, die Kolosserbriefe.

Im Altertum habe im Hafen eine riesige Figur gestanden, der Koloss von Rhodos, und nach diesem habe man Rhodos auch die Insel der Kolosser geheißen. Und auf dem Berg Archamita habe die Arche von Noah wieder das Erdreich berührt. Daher sei auf Rhodos auch die Luft so mild und gut.

Wir hörten unserem Ritter aufmerksam zu, obwohl wir das alles schon in unserem Pilgerbüchlein gelesen hatten. Aber dann fragten wir ihn, wie er Ordensritter geworden sei, und er sagte, dass es eine ritterliche Aufgabe sei, das Heilige Land zu befreien. Mit 16 sei er Novize geworden, zuvor habe er 16 adlige Ahnen beibringen müssen. Dann habe er ein Jahr auf der Galeere gedient. Und ein Jahr auf St. Peter in Bodrum. Das sei eine Zitadelle, weit weg von Rhodos auf dem türkischen Festland, und die habe der Orden gebaut, um christliche Sklaven zu retten. Alle Stunde würden dort Glocken geläutet, und da die Muselmänner keine Glocken haben, wüsste ein flüchtiger christlicher Sklave, dass dort die Freiheit auf ihn warte.

Das Besondere in Bodrum seien die Hunde. Es seien korsische Doggen, die um die Festung umherschweiften und mit ihrem Geruchssinn einen Christen von einem Muselman unterscheiden könnten. Träfen sie auf einen Türken, so fielen sie ihn an und töteten ihn sogleich. Träfen sie einen Christen, so geleiteten sie ihn in die Festung. Etwa hundert Christen würden jedes Jahr in Bodrum Zuflucht finden und dann von den Rittern nach Kos gebracht. Das collachium, die Stadt der Ritter, in der wir unser Quartier hatten, ist durch eine Mauer getrennt vom burgum, in dem die Rhodiser leben, Griechen, Juden, aber auch lateinische Kaufleute aus Venedig und Genua und anderen Städten des Mittelmeers.

Im collachium ist es ernst und andächtig, kein lautes Wort ist zu hören, im burgum aber lärmen viele Sprachen durcheinander, die Händler preisen ihre Waren, die Schneider versprachen uns, an einem Tag ein neues Wams zu nähen. Aber wir kauften nur einen Rosenkranz und eine Replik des Silberlings von unseres Herrn Jesu Christi Verrat.

Unser Patron drängte zum Aufbruch, mehrmals schon hatte er in sein Horn geblasen, denn der Wind stand günstig. An Bord fanden wir auch einen uns unbekannten Passagier. Er sah mager aus und blass, aber als wir ihn fragten, quoll er über vor Dankbarkeit gegen die Ritter. Halbtot sei er gewesen, als er vor drei Wochen in Rhodos ankam. Aber man habe ihn sofort ins Hospital gebracht und dort habe man ihn so liebevoll gepflegt, dass er nun wieder wohlauf sei. Immer wieder lobte er den Ernst und die Hingabe, mit der der Orden die Krankenpflege ausübe. Denn sie handelten wirklich nach ihrer Ordensregel: "Dem Kranken aber sollt ihr dienen gleichsam als Diener ihrem Herrn." Wie denn Christus gesagt habe: "Was ihr getan habt einem unter diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan."

Nachts, erzählte er uns, würden auf jeder Station drei bis vier Lampen angezündet, um die Kranken zu beruhigen. Dann habe ein Bruder, mit einer Kerze in der Linken, dem Weinkrug in der Rechten, liebevoll den Kranken zugerufen: "Ihr Herren, ein Wein von Gott!" Jedem, der zu trinken wünschte, habe er Wein gegeben. Der zweite mit einem Wasserkrug habe gerufen "Ihr Herren, Wasser von Gott!" Danach seien beide mit einem Kessel warmen Wassers gekommen und hätten gerufen: "Warmes Wasser, im Namen Gottes!" Sie hätten die Kranken gewaschen, ohne Gewalt, aber keinen ausgelassen. Und schloss seinen Bericht aus vollem Herzen: Wenn auf Rhodos auch kein anderes gutes Werk als die Pflege der Kranken im Hospital vollbracht würde, verdienten die Ordensbrüder dennoch allen Dank gegen den Allmächtigen.

Das Leben geht weiter: Der Berg Philermos heißt heute Filerimos, der Archamita heißt Attaviros. Die Konventskirche St. Johannis wurde 1856 bei einer Explosion zerstört, in St. Marien ist heute das Byzantinische Museum, in der St.-Antonius-Kirche gibt es keinen Ablass mehr, auf ihren Grundmauern steht heute die Murad-Reis-Moschee.

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Autor:
Hans-Markus Thomsen