Kreta Das verflixte Labyrinth

Die höchsten griechischen Götter - genau betrachtet eine chaotische Inzestsippe - hatten nach dem Sieg über die Titanen zwar nicht ihre Verhältnisse, aber doch ihre Herrschaftsbereiche geklärt. Zeus bekam den Himmel, Poseidon das Meer und Hades die Unterwelt. Und auch die Residenzen des göttlichen Führungstrios waren fortan gesicherte Fixpunkte hellenistischer Erdkunde. Zeus und die Seinen bewohnten den Olymp, Poseidon residierte in einem Palast auf dem Grund des Ägäischen Meeres, und ihr Bruder Hades hatte sich am Styx, dem Grenzfluss zwischen Ober- und Unterwelt, niedergelassen.

Was das alles mit Kreta zu tun hat? Nun, die Insel war eine Art Partyzone, ein bevorzugter Tummelplatz sexueller Eskapaden der genusssüchtigen Götter. Nahe der Stadt Gortyn verführte Zeus die phönizische Prinzessin Europa, bei Kastélli hatte Demeter, die Göttin des Ackerbaus und der Viehzucht, ein Techtelmechtel mit dem Zeus-Sohn Iasion, dem Pluto, Gott des Reichtums, seine Existenz verdankte. Und auf den Weiden vor der Stadt bestieg ein weißer Stier, den Poseidon dem König Minos geschenkt hatte, dessen Ehefrau Pasiphaë. Die wiederum brachte Minotauros zur Welt, den Mann mit dem Stierkopf. Eine "üble Spottgeburt" nannte der Tragödiendichter Euripides das Ungeheuer. Minos ließ den Bastard in das Labyrinth einsperren, das ihm der große Erfinder und Architekt in der griechischen Mythologie, Dädalos, gebaut hatte. Hier hauste das Biest, gemästet mit Menschenopfern, bis Theseus es tötete und mit Hilfe des berühmten Ariadnefadens wieder unversehrt aus dem verwirrenden Gängenetz herausfand.

Dichtung oder Wahrheit?

Die Geschichte vom kretischen Labyrinth ist jedenfalls so schön, dass es immer wieder Menschen gibt, die sich auf die Suche nach ihrer Wahrheit machen. Kein vernünftiger Mensch, und schon gar kein Archäologe, käme auf die Idee, Griechenlands höchstes Gebirgsmassiv, den bis zu 2917 Meter hohen Olymp, zu besteigen, um auf seinen Gipfeln nach Resten der Zeus-Residenz zu graben. Auch Poseidons unterseeischen Palast überlässt die Wissenschaft der Sage, und der Flusslauf des Styx hat noch keinen Bodenkundler zu Nachforschungen angeregt. Dagegen scheint das Labyrinth von Kreta, ein ebenfalls mythologischer Ort, greifbarer und nachweisbarer zu sein.

Fast bis in unsere Tage ist das Gefängnis des Minotauros Gegenstand der verschiedensten Recherchen, Untersuchungen, Ausgrabungen und vor allem Spekulationen. Noch heute suchen gläubige Labyrinther auf der spröden griechischen Insel zwischen Geröll, Felsbrocken und in Höhleneingängen nach Belegen dieser frühgeschichtlichen Kultstätte, nach Fußspuren des Minotauros. Es ist die gleiche Leidenschaft, die Menschen in Schottland unbeirrbar an das Ungeheuer im Loch Ness glauben lässt. Und so wie die Schotten die vagen Umrisse eines Seeaals auf einem Schwarzweißfoto als Beweis für die Existenz des Seeungeheuers herzeigen, verweisen die Minotauros-Maniacs zum Nachweis des Labyrinths auf ein in Knossós gefundenes mykenisches Tontäfelchen aus der Zeit um 1400 v. Chr., auf dem erstmals der Begriff "Labyrinth" auftaucht.

Seit Jahrtausenden streiten die Historiker

Doch die Geschichte des Labyrinths wird, kaum dass sie begonnen hat, selbst labyrinthisch. Vor allem, weil die antiken Autoren meist nur an der Story vom Schönen und dem Biest, Theseus und Minotauros, interessiert sind, gerät die Irrgang-Konstruktion ins Abseits. Bereits der griechische Philosoph Plutarch (45-120 n. Chr.), der in seiner Biografie des athenischen Nationalhelden Theseus viele der frühen Schriften über das Labyrinth von Knossós erwähnte, klagt über die Widersprüchlichkeit der Texte und die Schwierigkeit der Quellenlage. Fast hundert Jahre später berichtet der griechische Schriftsteller Flavius Philostratos, dass "in Knossós ein Labyrinth gezeigt wird, das, wie ich glaube, früher einmal den Minotauros einschloss". Andere Autoren wie beispielsweise Plinius der Ältere hatten jedoch schon lange zuvor berichtet, dass vom kretischen Labyrinth keine Überreste mehr erhalten seien. Wenn es denn je eins gegeben hat.

Karl Hoeck, der Göttinger Historiker, der in den Jahren 1823-1829 ein dreibändiges Werk über Kreta veröffentlichte und darin auch alle Hinweise auf das kretische Labyrinth kritisch würdigte, bilanziert kurz und enttäuscht: Da keiner der antiken Schriftsteller auch nur irgendwelche Überreste des Labyrinths gesehen habe und dieses nur im Mythos hervortrete, habe das kretische Labyrinth als Bauwerk nicht existiert. Diese historische Baulücke hat die an Sagen geschulte kretische Phantasie gleich mit drei Labyrinthen aufgefüllt, von denen jedes bis heute von sich - wenigstens heimlich - behauptet, das einzig wahre kretische Labyrinth zu sein.

Lange Zeit lag Gortyn dabei gut im Rennen. Reisende des 16. und Kartografen des 17. Jahrhunderts orteten das Minotauros-Gefängnis nahe der antiken Stadt. Sie ignorierten dabei völlig, dass das riesige unterirdische Gängegewirr der natürlichen Höhle nicht annähernd den strengen geometrischen Linien des Labyrinths auf frühen kretischen Münzen entspricht - dem verbindlichen Labyrinth-Modell. Der Eingang zur Höhle, ein paar Kilometer nördlich des kleinen Ortes Kastélli, ist mit Stacheldraht versperrt, Schilder warnen: Todesgefahr. Nicht weil im dunklen Inneren der Minotauros lauern würde, sondern weil deutsche Truppen dort während des Zweiten Weltkriegs Munition lagerten, die sie beim Abzug sprengten. Es sei wie ein Erdbeben gewesen, sagen die alten Leute.

Als Labyrinth hatte die Höhle bei Gortyn ausgespielt, als der Engländer Arthur Evans 1900 begann, den Palast des sagenhaften Königs Minos, Knossós, auszugraben und ihn für eine wachsende Schar von Touristen als minoisches Disneyland in leuchtend bunten Farben und mit viel Stahlbeton rekonstruierte. Es war verlockend für den Hobbyarchäologen, das wahre kretische Labyrinth in dem riesigen, vielräumigen und unübersichtlichen Königspalast des Minos anzusiedeln.

Doch kaum hatte Evans seine These verkündet, hagelte es Proteste professioneller Kollegen, die seine Labyrinthzuschreibung als pure Phantasterei abtaten. Heutige Experten sehen das nicht anders. Der Kunsthistoriker Hermann Kern, der 1981 den Labyrinthen eine umfangreiche und grandiose Ausstellung widmete, schrieb: "Wenn Evans von 'gewundenen Gängen' spricht, dann projiziert er das hellenistische Irrgang-Motiv auf einen Bau, der über 1000 Jahre älter ist, und im übrigen widerlegt er seine eigene These durch die Rechtwinkligkeit und Übersichtlichkeit der von ihm selbst publizierten Pläne."

Gortyn entthront, Knossós entzaubert - das war die Chance für den französischen Archäologen Paul Faure und sein kretisches Labyrinth. 1958 verkündete er, dass er das Minotauros-Verlies in der Höhle Agía Paraskeví bei Skotinó gefunden habe. Ein paar Scherben aus mittelminoischer Zeit, die er dort gefunden hatte, und die merkwürdige Gestalt zweier Stalagmiten in der Höhle, in denen Faure eine Göttin und ein vierbeiniges Monstrum erkannte - "eine wunderbare Illustration der Geschichte vom Minotauros und der Ariadne" - genügten ihm als Beweis. Aber nicht diese dichterischen Deutungen Faures, sondern Schlichteres beendete alle Entdeckerträume des Franzosen: die Lage der Höhle. Zwölf Kilometer Luftlinie östlich vom Ort des Geschehens, Knossós, entfernt, scheidet Faures Fundsache als mögliches Palastgefängnis aus.

Also kein Labyrinth auf Kreta? In vielen Reiseführern und auf den meisten Karten der Insel findet das Labyrinth nicht statt - dafür aber immer noch in unseren Köpfen. Jorge Luis Borges erinnert sich, dass ihn der Mythos vom Labyrinth immer gefangen nahm: "Wenn die Welt ein Chaos ist, sind wir verloren. Wenn sie jedoch ein Labyrinth ist, dann besteht noch Hoffnung; es gibt ein Ziel: einen versteckten und mystischen Plan inmitten dieses scheinbaren Chaos."

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Autor:
Nicolaus Neumann