Kleine Boote schippern Touristen von Paraty aus an abgelegene Strände. © Katharina Scherer
Natur

Geheimtipp Paraty

Die ehemalige Kolonialstadt Paraty in Brasilien ist noch ein Geheimtipp. Einst machte sie der Transportweg Caminho do Ouro reich, dann geriet sie lange in Vergessenheit. Heute wird Paraty von Künstlern und Rucksacktouristen wiederbelebt.

Zur Mittagszeit sind die Straßen in Paratys historischer Altstadt fast menschenleer. Die dunklen Pflastersteine glühen in der Hitze, und verirrte Touristen versuchen eilig einen Weg aus der Innenstadt zu finden. Sie stolpern über die großen und unregelmäßigen Platten, und so manch einer verflucht die Erfindung von Flipflops. Hier gibt die Stadt das Tempo vor. Die beschauliche Kolonialstadt Paraty zwischen den Großstädten Sao Paulo und Rio de Janeiro in Brasilien mahnt zur Muße. Dazu sich langsam fortzubewegen, zu verweilen und der turbulenten Geschichte der Stadt zu lauschen. Hier trotzen nur die alten Kolonialbauten den Temperaturen des brasilianischen Sommers.

Verlässt man den heißen Kessel der Innenstadt, begibt sich weg von der Küste, gerade mal acht Kilometer ins Landesinnere, wird man vom angenehmen Schatten des Mata Atlântica begrüßt. Der Atlantische Regenwald erstreckt sich mehr als 99000 Quadratkilometer an der Ostküste Brasiliens. 30 Meter hohe Bäume spenden Schatten. Stamm an Stamm weben ihre saftgrünen Blätter einen dicken, feuchten Teppich. Hier tummeln sich Einheimische und Touristen, um Schutz vor der Sonne zu finden und die Wunder der Überbleibsel des Regenwalds zu bewundern. Rund 350 Wasserfälle und zahlreiche Flüsse findet man in der Region um Paraty. Dazu Orchideen, Faultiere und Affen. 

Ein besonders erfrischendes Naturwunder versteckt sich im Wald hinter der Kapelle zu Penha. Der Cachoeira (Wasserfall) do Tobogã ist ein wahrer Publikumsmagnet. Auf einem riesigen Fels können Wagemutige wie auf einer Rutsche in den Fluss tauchen. Touristen rutschen erstmal im Sitzen, Könner (und meist Einheimische) nehmen fünf Meter Anlauf und schlittern den Fels im Stehen hinunter, bevor sie in einem natürlichen Staubecken landen, nur Zentimeter von einem Felsbrocken im Wasser entfernt.

Der Caminho do Ouro machte Paraty einst reich

Unmittelbar neben dem Cachoeira do Tobogã verläuft ein Stück des Dreh- und Angelpunkts der Geschichte Paratys: der Caminho do Ouro (übersetzt bedeutet das sinngemäß Goldweg). Er ist seit Ende des 17. Jahrhunderts eng mit der Geschichte des Ortes verwoben. Lange vor der Kolonialzeit lebten Stämme der Tupi-Guarani Indianer an den Küsten Paratys. Um den dichten Urwald zu durchqueren, legten sie ein Netz von Wegen an. Einer führte von Paraty ins Hochland. Als Ende des 17. Jahrhunderts Gold und Edelsteine im heutigen Nachbarstaat Minas Gerais gefunden wurden, war der alte Indianerpfad der schnellste Transportweg von den Minen an den Hafen Paratys und von dort nach Rio de Janeiro. Der Caminho do Ouro machte Paraty reich.

Zahlreiche portugiesische Siedler folgten dem Ruf des Goldes und ließen sich auf der Suche nach Nuggets in Paraty nieder. Im 18. Jahrhundert wurden weltweit 1420 Tonnen Gold abgebaut, davon 840 Tonnen in Brasilien. Neben dem Goldabbau belebte auch der Sklavenhandel die Stadt. Afrikanische Sklaven bauten den alten Indianderpfad aus, um ihn für Ochsen und Karren zugänglich zu machen, arbeiteten in den Minen und wurden nach Sao Paulo weiter geschickt. 

Doch die Periode des Wohlstands verschwand so schnell, wie sie gekommen war. Der Caminho Novo, der Neue Weg, wurde gebaut – eine direkte und schnellere Verbindung zwischen Minas Gerais und Rio de Janeiro. Der Caminho do Ouro hatte ausgedient. Paraty geriet zunehmend in Vergessenheit. Anfang bis Mitte des 19. Jahrhunderts belebte der Kaffeehandel den Caminho do Ouro und damit auch Paraty noch einmal. Dann beschlossen Großgrundbesitzer eine Eisenbahnlinie zwischen Sao Paulo und Rio de Janeiro zu bauen. Paraty und der Caminho do Ouro verschwanden von der Bildfläche. Von 16000 Einwohnern 1851 schrumpfte die Stadtbevölkerung auf rund 600 zum Ende des 19. Jahrhunderts. Paraty fiel in einen Dornröschenschlaf.

Der Bau der Straße von Rio nach Santos bedeutete den Wiederbeginn Paratys

1970 schlugen Dutzende Arbeiter eine Schneise durch den dichten Regenwald und bauten eine Straße, die Rio und Santos verband. Von nun an zog auch in Paraty wieder Leben ein. Die Abgeschiedenheit, die in den fünfziger und sechziger Jahren viele Hippies und Künstler angezogen hatte, war vorbei. Leerstehende Kolonialbauten wurden restauriert, man eröffnete Restaurants und Galerien. Die alten Häuser wurden in Schuss gebracht, Gästehäuser und Hotels eröffnet. In alten Cachaça Destillerien polierte man die Anlagen auf.

Ende des 17. Jahrhunderts begann der Aufstieg Paratys. © Katharina Scherer

Heute leben mehr als 37000 Menschen in der Stadt. Tourismusagenturen bieten am Hafen Paratys Schonerfahrten zu den atemberaubenden Stränden und Buchten entlang der Küste an, in Jeeps können die Urlauber die Wasserfälle und natürlichen Staubecken der Umgebung besuchen oder zu Fuß an Touren durch die denkmalgeschützte Altstadt teilnehmen. Auch die Cachaça Destillerien öffnen Interessierten ihre Pforten. Sie informieren über die Herstellung des brasilianischen Zuckerrohrschnaps – mit anschließender Verköstigung.

Die Überlebenskünstler Paratys

Paraty heißt jeden willkommen. Rucksacktouristen auf der Suche nach Entspannung, Reisegruppen auf der Suche nach Kultur, Gourmets und vor allem (Überlebens-)Künstler auf der Suche nach Gleichgesinnten. In den Straßen trifft man noch heute auf Hippies, die Selbstgebackenes oder Selbstgebasteltes zu kleinen Preisen verkaufen. Sie leben in günstigen Unterkünften außerhalb der Stadt oder schlafen am Strand. Eine bunte Mischung aus Argentiniern, Brasilianern und Europäern lebt an einem Flusslauf im Mata Atlântica. Jedoch nicht unter freiem Himmel sondern in einer großen, halboffenen Höhle, die ihnen Schutz vor den häufigen Regenfällen in der Region bietet.

Auch bei Gastgeber Chico finden Reisende und Künstler immer eine Bleibe. Chico ist Mitte 50, hat leicht ergrautes Haar und stets ein Lächeln im Gesicht. Er bewohnt ein Haus nah am Cachoeira do Tobogã. In seinem "Casa da Montanha" (etwa: Haus am Berg) nimmt er jeden auf. Für 30 Real (10 Euro) bekommt man ein Bett, Früchte und eine Begegnung fürs Leben. Als Künstler verwertet Chico alles, was an Abfall im Alltag anfällt. Plastiktüten werden ausgewaschen und als Kissenfüllung verwendet, Biomüll kompostiert, Plastikabfall in Plastikflaschen gesteckt und zu Möbeln verarbeitet. Das Trinkwasser kommt aus der Quelle am Berg, und die Wasserleitungen für Dusche und Toilette führen direkt vom Fluss in einen Wassertank auf dem Hausdach.

Wenn sich das kühle Tuch des Abends auf die Stadt senkt, macht Chico sich auf den Weg in die Altstadt. Bepackt mit Bildern, Marionetten und kleinen Figuren aus Pappmaché spaziert er vom Berg hinunter in die Stadt. Es ertönen Saxophonklänge aus den Gassen, Akrobaten turnen in den umstehenden Bäumen und Künstler errichten kleine Straßengalerien. Langsam ziehen dann Rucksacktouristen, Reisegruppen und Gourmets an ihnen vorbei – und genießen.

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