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Natur

Patagonien: Ein Land aus Eis und Feuer

Patagonien ist zu groß für einen einzigen Staat: An der südlichen Spitze Südamerikas erstreckt es sich über Argentinien und Chile. Eine raue, erhabene Landschaft, in der die Einsamkeit zum Erlebnis wird.

Text Kalle Harberg
Datum 09.01.2023
© Violetta Bismor und Jean-Baptiste Höppner

Zwischen Anden, Gletschern und dem Südpazifik liegt das Land aus Eis und Feuer. Extreme Temperaturen, Einsamkeit, unendliche Weiten und ein Traumziel für viele Reisende: Patagonien. Wer sich in die raue Landschaft begibt, stößt an seine Grenzen und verneigt sich am Ende der Welt vor der erhabenen Natur. Redakteur Kalle Harberg hat das Abenteuer gewagt.

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Patagonien: Eisige Nächte, einsame Weiten

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Die kälteste Nacht meines Lebens verbrachte ich an der Laguna Torre. Es war allein meine Schuld. Auf der Busfahrt nach El Chaltén hatte man mir erzählt, dass der Nationalpark Los Glaciares, in dem das Aussteigerdörfchen liegt, wegen des seit Tagen fallenden Schnees kaum zu betreten sei. Alle Pfade unpassierbar, nichts zu machen. Und ob sich da was machen lässt, dachte ich. Also warf ich im Hotel nur mein überschüssiges Gepäck aus dem Rucksack und machte mich auf den Weg.

Ich nahm den Pfad zum Cerro Torre, einem 3128 Meter hohen Gipfel aus Granit, der als einer der am schwierigsten zu besteigenden Berge der Welt gilt. Rund sieben Stunden dauert die Wanderung zu der Lagune in seinem Schatten in der Regel – deutlich länger, das merkte ich bald, wenn der Pfad nicht klar auszumachen ist. Eine glitzernde Schneedecke hatte sich über die ganze Senke gelegt. Auf halber Strecke traf ich eine Rangerin des Nationalparks. Anstatt mich für die Missachtung der Anordnung zu rügen, lächelte sie mir zu. „Es ist nicht mehr weit“, sagte sie, etwas außer Atem, aber lange nicht so kurzatmig wie ich. „Dort hinten ist keiner, du bist der Einzige.“

Roadtrip auf den Spuren von Che Guevara

Nach einigen weiteren Stunden durch den Tiefschnee stand ich endlich an der Lagune. Am anderen Ufer ergoß sich der Glaciar Grande in das tiefblaue Wasser, dahinter stand der Cerro Torre. Wie ein in die Erde gerammter Bleistift stach er in die Wolken, vertikaler Fels überall, ein Obelisk von einem Berg. Lange aber verbrachte ich nicht mit seinem Anblick, die Sonne ging bereits unter, und ich musste noch mein Zelt aufbauen. Die Winternächte von Patagonien sind lang und eisig, rund 15 Stunden liegen zwischen Sonnenuntergang und Morgengrauen. Alles, was ich dabei hatte, waren ein hauchdünnes Zelt und ein leuchtend gelber Sommerschlafsack. Ich zog jedes Kleidungsstück, das ich nicht aus dem Rucksack geworfen hatte, wieder an und mummelte mich so tief es ging in meinen Schlafsack. Trotzdem zitterte ich unkontrolliert. Was für eine absolut bescheuerte Idee, dachte ich.

Das ist die Sache mit allen Reisen, die aus einer großen Sehnsucht geboren werden: Sie wirken, wenn man zu lange über sie nachdenkt, nur noch naiv. Entweder ergeben sie für einen Sinn – oder eben nicht. Mein Traum von Patagonien begann, wie so viele Träume, mit einem Film. Eines Abends fand ich im Fernsehen Walter Salles’ „Die Reisen des jungen Che“ über den Roadtrip Ernesto Guevaras und seines Freundes Alberto Granado quer durch Südamerika, von Buenos Aires bis in den Amazonas mit einem Abstecher durch die majestätische Leere Patagoniens. Ich arbeitete damals im Rahmen eines Freiwilligendienstes als Lehrer in Kolumbien, verdiente kaum Geld, und das Timing hätte schlechter nicht sein können – der Herbst neigte sich gerade dem Ende. Aber ich wusste: Da muss ich hin.

Wohin genau, ist dabei gar nicht einfach zu sagen. Patagonien umfasst ein riesiges, nicht klar definiertes Gebiet. Es erstreckt sich über den südlichsten Zipfel Südamerikas – ungefähr vom Río Colorado und dem Río Bío Bío im Norden über Feuerland bis zum Kap Hoorn im Süden. Patagonien liegt sowohl in Argentinien als auch in Chile, aber in keinem der beiden Länder ist es eine offizielle Region. Wie Sibirien, Transsilvanien oder die Great Plains ist es ein Gebiet, das mehr in der Fantasie als der Verwaltung eines Staates existiert. Schon der Name ist sagenumwoben. Er leitet sich wohl vom Wort „Patagones“ ab. So soll Magellan die hoch gewachsenen Ureinwohner Patagoniens während seiner Expedition 1520 genannt haben – nach dem Monster Patagon aus dem spanischen Ritterroman „Amadis de Gaula“, das den Kopf eines Hundes hatte.

Die Route der Nationalparks

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Das Guanako gehört zur Familie der Kamele und lebt im Süden Patagoniens.
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Eis schiebt sich den Hang im Nationalpark Torres del Paine hinunter.
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Der Lago Nordenskjöld ist einer der schönsten Seen.

Heute leben in Patagonien nicht einmal zwei Millionen Menschen auf einer Fläche knapp dreimal so groß wie Deutschland. Es ist eine gigantische Landschaft, die durch ihr überdimensionales Format beinahe außerirdisch wirkt. Da gibt es zum Beispiel den 30 Kilometer langen Gletscher Perito Moreno. Vom Rundweg am Lago Argentino kann man seine monströsen Eisberge ins Wasser donnern sehen. Da gibt es den Nationalpark Torres del Paine, der berühmteste in ganz Chile und seit 2018 Teil der „Ruta de los Parques de la Patagonia“, mit der insgesamt 17 Parks zu einem 2800 Kilometer langen Schutzgebiet verbunden wurden. Oder da gibt es die Gipfel um El Chaltén wie eben den Cerro Torre, dessen glatt geschliffene Felswände im ersten Morgenlicht, das mir nach dieser furchtbaren Nacht langsam die Knochen wärmte, gar nicht mehr so bedrohlich aussahen. Doch keine so schlechte Idee, dachte ich mir und machte mich glücklich auf den Rückweg zum Dorf.

Vier Wochen reiste ich durch Patagonien. Nicht nur die vertikale Dimension der Landschaft, auch die horizontale sprengte meine Vorstellungskraft. Tage- lang fuhr ich mit dem Bus durch die Steppe, während der Wind draußen wie der Besen Gottes, so nennen ihn die Einheimischen, über das Land fegte. Nachts schaute ich durch die Scheibe in einen Sternenhimmel, wie ich ihn noch nie gesehen hatte, bis ich irgendwann in den Schlaf sank. Aber am meisten liebte ich die Sonnenaufgänge. Dieses hauchdünne goldene Band, das sich jeden Morgen über den Horizont stülpte, langsam immer runder und röter wurde. Wann immer ich konnte, verfolgte ich das Spektakel durch das Fenster hinter der Rückbank. Ich war nach Patagonien gekommen, um mich in der Größe des Landes ganz klein zu fühlen – um zu wissen, wie das ist, so viel Welt um und so wenig Mensch neben sich zu haben. Niemals gelang mir das so gut wie im Morgengrauen.

Puerto Williams: Südlichster Zipfel von Südamerika

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Erst seit 2008 führt eine asphaltierte Straße zu dem entlegenen Ort El Chaltén in den südlichen Anden, wo heute rund 1300 Menschen leben.

Und dann irgendwann die Ankunft im nächsten einsamen Ort. Von El Chaltén über die Grenze ins chilenische Puerto Natales, von dort weiter Richtung Süden nach Punta Arenas. Hastig zusammengezimmerte Häuser mit Zäunen aus Wellblech. Streunende Katzen und Hunde in den Straßen, müde schaukelnde Fischerboote am Ufer. Diese Orte lagen am Ende der Welt, und sie fühlten sich auch so an. Ich konnte nicht genug davon bekommen.

Also kaufte ich mir in Punta Arenas ein One-Way-Ticket und flog mit einer kleinen Maschine, die der Besen Gottes ordentlich zum Wackeln brachte, weiter ins chilenische Puerto Williams, einen Ort mit knapp 3000 Seelen, einer eigenen Marinebasis – und die südlichste Siedlung des Kontinents. Danach kommen nur noch Stein und Eis. Tagsüber lief ich die matschigen Straßen auf und ab und schaute zu den verschneiten Gipfeln Argentiniens auf der anderen Seite des Beagle-Kanals. Viel mehr gab es nicht zu tun, auch die Wanderwege rund um Puerto Williams konnte man nicht betreten, die Lektion hatte ich gelernt. Abends saß ich mit Patty, der herzlichen Besitzerin meiner Pension, manchmal noch am Esszimmertisch. Einmal lud sie ihre Nachbarn zu einem Festmahl ein, und wir aßen und tranken bis weit nach Sonnenuntergang. „Es ist eine Schande, dass du nicht im Sommer gekommen bist,“ sagte Patty, „dann hättest du einfach auf einem der Schiffe anheuern und bis in die Antarktis fahren können.“ Ich weiß nicht, wie viel Wahrheit darin steckte, aber bis heute denke ich oft daran, wie meine Reise dann weitergegangen wäre.

Patagonien-Reise: Abschluss in Ushuaia

Auch ohne die Antarktis bekam sie aber ein würdiges Finale. Weil ich mein Glück nicht ein zweites Mal im Flugzeug riskieren wollte, organisierte mir Patty eine andere Rückfahrt: Zwei ihrer Freunde würden mich auf ihrem Boot zu der argentinischen Stadt Ushuaia bringen, eine kurze Fahrt ans andere Ufer des Beagle-Kanals, der seinen Namen von dem berühmten Schiff bekam, auf dem Charles Darwin ab 1833 genau hier Feuerland erforschte. Als wir in Puerto Williams die Leinen los machten, hing am Himmel eine finstere Wolkendecke. Doch wenige Minuten nach unserer Abfahrt, irgendwo im Grenzgebiet zwischen Chile und Argentinien, riss sie auf. Die Sonne tauchte das dunkle Wasser in gleißendes Licht, und wie gerufen schwamm auf einmal ein Seehund neben dem Boot, sprang immer wieder in die Luft. Das glaubt mir eh keiner, dachte ich. Dann schlossen die Wolken ihre Lücke, der Seehund verschwand im Wasser. Ich fuhr zurück nach Norden.

© Violetta Bismor & Jean-Baptiste Höppner
Wer mehrere Tage durch den Park wandert, schläft in Hütten oder auf Zeltplätzen.
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Bei einer Wanderung über den Grey-Gletscher muss man sich mit einem sichern.
© Violette Bismor
MERIAN-Bildredakteurin Violetta Bismor und Fotograf und Kameramann Jean-Baptiste Höppner.

Tipps für Argentinien

Wer Argentinien auf der Weltkarte sieht, hält es für riesig, aber nicht für so gigantisch, wie es in Wahrheit ist: Das Land ist knapp achtmal so groß wie Deutschland, hat aber nur 45 Millionen Einwohner. Besonders wenige sind es auf der argentinischen Seite Patagoniens. Diese drei Orte sind gute Startpunkte für Touren in die Natur Patagoniens:

Puerto Madryn

Rund 15 Stunden Fahrt sind es von Buenos Aires bis in die 80.000-Einwohner-Stadt – und dann ist man erst im Norden Patagoniens angekommen! Der Höhepunkt eines Stopps in Puerto Madryn ist ein Ausflug auf die zum Weltnaturerbe gehörende Halbinsel Valdés. Vor der Küste tummeln sich Wale, Orcas das ganze Jahr, von Juni bis Dezember Südkaper, die sich am besten bei einer Whalewatching-Tour mit einem der lokalen Anbieter beobachten lassen, zum Beispiel „Southern Spirit“. 

El Chaltén

Der kleine Ort an der Grenze zu Chile ist ein Paradies für Bergsteiger und Wanderer, die es in die Anden zieht. Für Reisende gut geeignet sind die Wanderung zum Cerro Torre, wo man auf einem Campingplatz an der Laguna Torre das Zelt aufschlagen kann, und der etwa 12 Kilometer lange Trek zum Cerro Fitz Roy. Wer im Ort eine gute und günstige Unterkunft sucht, ist im „Rancho Grande Hostel“ goldrichtig. Avenida San Martin 724

Ushuaia

„Bucht, die nach Osten blickt“, bedeutet der aus der Sprache der Yámana stammende Name dieser Stadt, die sich als südlichste der Welt bezeichnet. Darüber lässt sich streiten, aber viel kommt nach Ushuaia jedenfalls nicht mehr. Deutlich wird das im nahen Nationalpark Tierra del Fuego, wo an der Bahía Lapataia die legendäre, 17848 Kilometer lange Panamericana ihren Anfang nimmt. Wer Glück hat, erlebt hier Reisende, die sich auf den Roadtrip ihres Lebens begeben – oder sich an seinem Ende glücklich in die Arme fallen.

Tipps für Chile

Die Anden trennen Argentinien und Chile. Von der Grenze zu Peru im Norden bis zur Spitze Feuerlands im Süden erstreckt sich Chile über rund 4300 Kilometer – die Ost-West-Ausdehung misst im Durchschnitt aber gerade mal 180 Kilometer. Riesige Fjorde prägen den chilenischen Teil Patagoniens, der, wenn überhaupt möglich, noch wilder ist als der östlich der Anden.

Torres del Paine

Chiles berühmtester Nationalpark ist seit 1978 als UNESCO-Biosphärenreservat geschützt und zieht heute jährlich rund 150 000 Besucher aus aller Welt an. Wer nur wenig Zeit hat, kann mit einer der zahlreichen Agenturen im nahen Puerto Natales einen Tagestrip in den Park machen, bei dem man mit dem Kleinbus fährt und an den schönsten Aussichtspunkten haltmacht. Wer aber die wahre Größe von Torres del Paine erleben will, wagt sich auf einen der mehrtägigen Treks. Zwei Routen stehen zur Auswahl: die große Rundwanderung oder der W-Trek, der in vier Tagen im gleichen Zickzack wie der namensgebende Buchstabe an den Highlights des Nationalparks vorbeiführt. 

Puerto Williams

Chiles südlichste Siedlung liegt vom argentinischen Ushuaia aus gesehen auf der anderen Seite des Beagle-Kanals. Sehenswürdigkeiten gibt es nicht, der Charme liegt darin, dass man sich wie am Ende der Welt fühlt. Dafür bietet die Isla Navarino rund 150 Kilometer an Wanderwegen. Ein viertägiger Rundkurs führt um die Gipfel der Dientes de Navarino; eine rund vier Stunden dauernde Wanderung vom Ort hinauf zu „La Bandera“, der Flagge, von der man einen phänomenalen Blick über den Kanal hat. Die herzlichste Unterkunft in Puerto Williams: Pattys „Hostal Pusaki“. Piloto Pardo 242, pattypusaki@yahoo.es

Kap Hoorn

Weiter südlich kommt man auf dem südamerikanischen Kontinent nicht. Aber an diese legendäre Landspitze zu gelangen, ist schon schwer genug: Am unkompliziertesten geht es mit einer der Abenteuerkreuzfahrten des chilenischen Anbieters „Crucero Australis“. Die vier- bis achttägigen Fahrten beginnen in Ushuaia oder Punta Arenas. Wenn Wetter und Strömung mitspielen – und nur dann, schließlich sind die Klippen ein gefürchteter Schiffsfriedhof – darf man am Kap an Land gehen und den Blick gleichzeitig über Pazifik und Atlantik wandern lassen.