Thailand Wellness und Tiefenentspannung

Wie ein Neugeborenes liege ich da. Warme Hände und duftendes Öl auf der Haut. Hinter mir plätschert Wasser weich in dezenten Kaskaden die Wand herab, mein Kopf liegt in einem gepolsterten Reif, öffne ich die Augen, sehe ich eine Orchidee, die man zum Labsal meiner Augen in einer Schale unter mir platziert hat.

Musik überschwemmt mich in sanften, sinnlichen Wogen, schmeichelnd, streichelnd, wie die Hände der Masseurin, die meine Muskeln so gekonnt behandelt, dass ich schnurren würde, könnte ich es. Stattdessen schlafe ich ein. Und werde nach neunzig Minuten sanft geweckt, ich fühle mich, als sei ich aus einer Trance erwacht - um gleich in die nächste zu gleiten.

Ich werde aus dem Spa geführt, wie auf Wolken gehe ich, bin noch komplett weggetreten, umfangen von einer Aura aus Duft, Tiefenentspannung, Behaglichkeit und Totaldekadenz.

Ich lasse mich zu meinem Liegestuhl führen, flauschige Riesenhandtücher werden über den bettbreiten Deckchair gerollt, ein Sonnenschirm justiert, binnen Sekunden steht ein Tablett neben mir: mit Maracujasaft, mit Sonnenmilch, mit einem von Kälte beschlagenen Zerstäuber, aus dem ich Pfefferminzwasser auf meinen Körper sprühen kann.

Khwansuda, ein thailändisches Zauberwesen, meine Gästebetreuerin, huscht herbei: "Ruhen Sie, Madame, ruhen Sie! Ich hole Sie um sieben in Ihrer Villa zum Dinner wieder ab!" Ich kann kaum nicken, weil mir die Entspannung wie zähflüssiger Kautschuk in den Adern rollt, wie Gummi ist mein Körper, ich kann auch nicht lesen, weil ich hier nicht denken kann, der Hirnstoffwechsel beschäftigt sich mit dem Auseinanderheben und Zusammensetzen der herrlichen Duftmoleküle, als wären es Bauklötze. Ich entschlummere wieder.

Das "Banyan Tree Hotel" in Phuket ist ein Fünf-Sterne-Resort, das Feinste vom Feinen, es gibt hier keine Zimmer, nur Villen, fast alle haben einen privaten Pool, manche zwei, bei der Ankunft erhält man ein Handy, mit dem Hilfe herbeigerufen werden kann, sollte die leiseste Irritation einen plagen. Und: Das "Banyan Tree" ist weltweit bekannt für seine Spas und Massagen.

"Fünf-Sterne-Hotels können sich in der Hardware kaum mehr voneinander unterscheiden, schön sind sie alle. Aber im Spa-Bereich, da kann man die Maßstäbe setzen!", sagt Ravi Chandran, der Manager aller "Banyan Tree"-Spas, 20 gibt es weltweit. "Und das tun wir!", freut er sich und öffnet leise eine Tür, damit ich einen Blick in das Ausbildungszentrum für die künftigen Top-Masseurinnen werfen kann, die besten ihrer Zunft.

Manchmal raschelt Seide ...

Es breitet sich eine Szenerie vor mir aus, als wäre da ein hamiltonscher Weichzeichner am Werk gewesen: Auf Dutzenden von Massageliegen sind Mädchen hingegossen, an deren Samthaut die Masseurinnen konzentriert ihren Streicheldienst tun. Sakrale Stille herrscht, manchmal raschelt Seide, das Gleiten der Hände auf den Körpern hört sich an, als breiteten Paradiesvögel ihre Schwingen aus. Nach der Ausbildung der Mädchen wird ihr Arbeitgeber alles dafür tun, dass sie nicht von anderen Hotels abgeworben werden. Und wird sie um die Welt schicken, in alle anderen luxuriösen Hotel- und Spa-Dependancen der Kette.

Duft, Berührung, Ästhetik - aus diesem sensorischen Expertentum heraus hat das Haus eine Programmlinie namens "Retreat for the Senses" entwickelt: einen dreitägigen, hochexklusiven und höchstpreisigen Rückzug für die Sinne, bei dem der Entspannung ein fast religiöses Moment beigemessen wird. "Rejuvenation" heißt mein Programm, ich habe Verjüngung dringend nötig. Und der Effekt setzt mit dramatischer Wirkung ein: Ich werde zum Baby. Werde bekocht, gestreichelt, geführt und mit einem Wägelchen umhergefahren. Nach meiner ersten Massage blickt mich ein vergnügtes Vollmondgesicht im Spiegel an, nach der zweiten gehen mir die Worte aus, nach der Dritten verweigern die Gehirnzellen ihren Dienst, weil sie sich gegenseitig massieren. Und nach der vierten habe ich ganz aufgehört, mich zu bewegen.

Ich werde zum Morgenyoga an meiner Villa abgeholt, wo mich ein weiß gekleideter Inder am Pool erwartet und mich nach zwei, drei leichten Übungen in eine Meditation einführt, die mich augenblicklich in die Schluchten der Volltrance stürzt, danach ist ein Tisch für mich gedeckt mit Papaya, sahnigem Joghurt, gold glänzendem Honig. Mit frischen Walnussbrötchen, Mangomarmelade, mit gerösteten Nüssen und Zitronengrastee. Dann zur Massage Island Dew, wo die Haut nach einem Peeling aus Ananas und Melone mit Kokosöl verwöhnt wird.

Ich muss nichts planen, nichts denken, wo ich auch bin, wächst Khwansuda mit ihrem Wägelchen aus dem Boden, das mich zum nächsten Höhepunkt tuckert: zum Kochkurs mit dem Küchenchef des "Watercourt"-Restaurants, bei dem ich endlich lerne, meine geliebte Tom-Yam-Suppe zuzubereiten. Zur nächsten Massage, zur ayurvedischen Gesundheitsberatung, zum Laternensteigenlassen. Zum "Dinner of the Spirit" am See, wo ich allein auf einem Podest auf einer Wiese sitze und neben mir eine Küchenbrigade rotes Hühnercurry mit Ananas und gedämpften Marlin an Zitronengras zubereitet, umkränzt von hunderten Kerzen. Zwischen den Gängen hält ein Kellner eine silberne Schüssel unter meine Finger, ein anderer lässt aus einem Krug Zitronenwasser darüber fließen.

Sogar das Waschen haben jetzt andere für mich übernommen, ich überlege, was als nächstes kommt: das Füttern? Übernimmt bald ein anderer meine Atmung? Vielleicht auch den ewigen Kreislauf meiner Existenz und Wiedergeburten?

Nichts davon. Am nächsten Morgen ist nämlich Schluss mit der kindlichen Regression: Ich reise ab. Werde in der Limousine zum Flughafen geschaukelt, werde noch einmal beduftet, noch einmal mit dem glückseligen Plingplangplong aus den Lautsprechern beschallt. Noch einmal mit gekühltem Handtuch, Wasser und Orchideen versorgt. Wälze mich aus dem Polster des Wagens, das mich wie eine letzte, kosende Massagehand wieder hinabziehen will, in die Weichheit, wanke hinein in die Wirklichkeit, den Lärm, den Abgasgeruch - und bin im Handumdrehen wieder erwachsen.

Autor:
Verena Lugert