Taiwan China light

Mopeds knattern, Menschenmassen wuseln, Leuchtreklame flackert. Selbst die Ampelmännchen sind in Bewegung in Taipei, weisen an, wann Fußgänger zu warten, wann sie zu gehen und wann sie um ihr Leben zu rennen haben, während sich der Verkehr schier unerbittlich durch die Adern der Stadt schiebt, vorbei an imposanten Wolkenkratzern und belebten Tempeln, überfüllten Starbucks-Filialen und fliegenden Händlern. Das Tempo ist hoch in der taiwanesischen Metropole, in der rund um die Uhr die Garküchen brutzeln und so viele Halbleiter, Notebooks und Motherboards gehandelt werden wie nirgendwo sonst auf der Welt.

Und doch ist die Stadt mit ihren offiziell gerade mal rund 2,6 Millionen Einwohnern, gemessen an anderen asiatischen Metropolen, ein Dorf. Politisch gesehen ein gallisches, das dem großen, nur rund 200 Kilometer Luftlinie entfernten China, mal mehr, mal weniger erfolgreich trotzt. Wirtschaftlich ein hoch potentes, das mit rund 280 Milliarden US-Dollar weltweit die drittgrößten Devisenreserven der Welt verwaltet und dessen Bewohner über eine höhere Kaufkraft verfügen als die Nachbarn in China, Korea oder Japan. Und touristisch ein durchaus reizvolles, das seine Besucher mit einem eigenen Rhythmus aus Chaos und Regelwerk, Tempo und Behaglichkeit, Tradition und Moderne in den Bann zieht.

Taipei ist in der Regel Ausgangs- und Endpunkt einer Reise auf die "Ilha Formosa", die "schöne Insel", wie portugiesische Seefahrer Taiwan Mitte des 16. Jahrhunderts getauft haben. Von Globetrottern gern so spöttisch wie liebevoll als "China light" bezeichnet, weil man sich auf Taiwan als Tourist deutlich leichter zurechtfinden kann als auf dem Festland und die Insel im Vergleich zum Reich der Mitte nur wie ein kleiner Fleck im Wasser wirkt, beginnt sich das Land derzeit neu als Reiseziel für den internationalen Tourismus aufzustellen. "Taiwan - Touch your heart", heißt der Slogan des nationalen Fremdenverkehrsverbandes, mit dem der Global Player der Hightech-Industrie Besucher locken will: Denn auch hier haben, Goldreserven hin, Steuererleichterungen her, Industrie und Handel inzwischen ihre Probleme. Es müssen neue Einnahmequellen her.

Pfunde, mit denen Taiwan wuchern und um Touristen aus dem fernen Europa werben kann, gibt es so manche: Zum Beispiel die heißen Quellen im Nationalpark Yangminshan und die Atayal-Siedlung im Norden, das Nationale Palastmuseum, der einst weltweit höchste Wolkenkratzer "101", die Nachtmärkte und die "Snake Alley" in Taipei, die schier atemberaubende landschaftliche Schönheit in der Bergwelt des Alishan und das Postkartenpanorama des Sonne-Mond-Sees in der Landesmitte, außerdem die Wucht der Taroko-Schlucht im Osten sowie die tropischen Strände und die historischen Bauten im Süden.

Zwei, vielleicht drei Wochen reichen bequem aus, um auf einer Fläche, die mit rund 36.000 Quadratkilometer in etwa der Größe Baden-Württembergs entspricht, gemächlich mehrere Klimazonen zu bereisen, archäologische Entdeckungen und ausgedehnte Shopping-Touren zu machen, Einsamkeit und Trubel zu erleben und noch ein paar Tage Strandurlaub und Wanderungen einzuschieben. Die, je nach Gusto, durchaus anspruchsvoll ausfallen können: Immerhin ist der höchste Gipfel des Landes, der Yushan, mit 3952 Metern der höchste Berg Ostasiens und selbst für geübte Kletterer eine echte Herausforderung.

Das Kriegsbeil wurde begraben

Wer sich auf den 13-stündigen Direktflug aus Frankfurt einlässt, wird "vom Erlebnis einer ganz besonderen, modernen, chinesischen Atmosphäre mit japanischen Einflüssen belohnt", da ist sich Beth Tsai, Managerin im Fünf-Sterne-Hotel The Regent in Taipei, sicher. Sie führt durch das "Tai Pan Hotel im Hotel" im 19. Stock der Luxusherberge, wo für jedes Doppelzimmer ein persönlicher Butler zur Verfügung steht. Kurz zuvor hat sie stolz die Präsidenten-Suite gezeigt, in der bereits Michael Jackson, Madonna und Michael Jordan wohnten, und wo nun bald Lady Gaga nächtigen wird: "Wir sind ja so gespannt darauf, was sie anhat."

Noch ist der Anteil an Touristen gemessen an der Zahl der Geschäftsreisenden verschwindend gering: Die 538 Zimmer im mehrfach preisgekrönten Luxus-Hotel kosten jeweils ab 300 Euro pro Nacht aufwärts, sind dafür aber mit mindestens 45 Quadratmetern mindestens so groß wie die durchschnittliche Wohnung einer Kleinfamilie in Taipei. Individualreisende aus Europa sind noch die absolute Ausnahme.

Derweil ist es eine andere Klientel, die in Reisebussen kreuz und quer über die Insel gefahren wird, mindestens vier Hot-Spots am Tag abklappert und im Nationalen Palastmuseum mit "Please keep your voice low"-Schildern diszipliniert werden muss: Die chinesischen Nachbarn haben die "schöne Insel" als Reiseziel entdeckt. Die Entspannung des Verhältnisses zu China in den vergangenen Jahren, verbunden mit wachsendem wirtschaftlichem Wohlstand, haben den Grenzverkehr zwischen beiden Ländern belebt - und das ist erst der Anfang, so Tsai.

"Wenn in diesem Jahr in China das Gesetz gelockert wird, das Festlandchinesen die Reise nach Taiwan in der Regel nur in Gruppen erlaubte, rechnen wir mit einem echten Boom", sagt sie. Dass Taiwan für viele Chinesen nach Jahren der politischen Spannung plötzlich nun so extrem nah zu liegen scheint, sieht man indes auf der Insel durchaus mit gemischten Gefühlen. "Ganz praktisch stellt sich angesichts dieses riesigen Landes doch die Frage", sagt die Hotelmanagerin diplomatisch, "wo wir all diese Menschen unterbringen sollen, wenn die jetzt plötzlich alle bei uns Urlaub machen wollen."

Und so ist auch ein knappes Vierteljahrhundert nach Beendigung des Kriegsrechtes auf Taiwan und dem politischen Tauwetter zum Trotz der Konflikt mit dem großen Nachbarn noch immer spürbar. So gilt in der offiziellen Außenpolitik der Grundsatz, dass es "ein China, aber zwei Interpretationen" gebe, womit der Traum des ehemaligen taiwanesischen Staatschefs Chiang Khai-Shek, den kommunistischen Nachbarn zu entmachten und die Republik China wieder zu etablieren, praktisch begraben ist. Das heißt aber nicht, dass Taiwan nicht gleichzeitig unverändert Wert legt auf seine eigene nationale wie kulturelle Identität.

Seinen Ausdruck findet das unter anderem in den Feierlichkeiten zum 100. Jahrestag Taiwans in diesem Jahr: Man gedenkt dem Sieg der nationalistisch-republikanischen Bewegung Sun Yat-Sens über den chinesischen Kaiser, der 1911 zu dessen Abdankung und zur Gründung der Republik China führte, auf sich Taiwan heute noch beruft. Das Logo der Feierlichkeiten - eine goldene 100 - findet sich derzeit überall auf der Insel. Vor dem Nationalen Palastmuseum in Taipei aber, das, die weltweit größte Sammlung chinesischer Kunstschätze beherbergt, was die Staatsführung in Peking nur mäßig erfreulich findet, prangt die goldene 100 besonders groß und frech.

Die Touristen aus dem Reich der Mitte, die hier tagtäglich zu Tausenden vorbeigeschleust werden, scheint das wenig zu stören. Auf dem Weg zur Museumskasse machen sie hier Halt, drücken sich gegenseitig ihre Digitalkameras in die Hand, nehmen neben der überdimensionalen Zahl stolz Haltung ein und lächeln.

Autor:
Jens Breder