Kanada Ein Besuch im "Distillery District"

Früher floss hier harter Stoff in Fässer, heute schlendern Familien übers Kopfsteinpflaster: Jahrelang blieb in Toronto die einstmals größte Whisky-Brennerei des britischen Weltreiches ungenutzt - nun ist der "Distillery District" das kulturelle Herz der Metropole in Kanada.

Einige Jahre ist es her, dass eine kleine Gruppe von Visionären sich einen Traum für Toronto zurechtlegte: Ein kulturelles Zentrum sah man vor sich - einen Ort, an dem alle Sinne angesprochen werden, an dem neue Impulse aus Kunst, Essen, Design und Alltagsleben zusammenfließen. Restaurants, Bars, Galerien, Konzerträume, Shops, Wohnanlagen und Büros sollten in einem Distrikt verbunden werden, der nicht nur schick und modern ist, sondern auch noch Geschichte hat. Dass ausgerechnet die etwas verruchte und verkommene Ansammlung viktorianischer Gebäude einer ehemaligen Whisky-Brennerei am östlichen Ende der Stadt dafür perfekt sein sollte, verwirrte nicht nur die Stadtväter sondern auch Torontos Ausgehwillige.

"Zuerst dachte ich: Warum um Himmels Willen würde ich über 15 Minuten in der Straßenbahn sitzen, nur um durch ein paar Galerien zu schlendern und danach in einer Bar zu Abend zu essen? Das kann ich alles schneller Downtown haben", erinnert sich Natalie Smith an ihre anfänglichen Vorbehalte. Die lösten sich in Luft auf, nachdem sie 2003 zum ersten Mal übers unebene Kopfsteinpflaster des "Distillery Districts" schlenderte.

"Die Atmosphäre im Distillery District ist total anders als das, was wir sonst in Toronto, vielleicht in ganz Kanada gewohnt sind. Das Konzept einer Fußgängerzone ist so fremd, dass es sich wie ein Kurzbesuch in Europa anfühlt", sagt die Grafikdesignerin, die mittlerweile keine weiten Strecken mehr zurücklegen muss, um ins "Distillery District" zu kommen - seit einem Jahr gehört ihr ein Apartment, das auf die kleine, urbane Welt aus Lädchen, Galerien, Restaurants, Büros und Wohnungen blickt. Die Vision wurde zu einem der erfolgreichsten Projekte, die "Distillery" zum geliebten kulturellen Herz einer Stadt, der es an brodelnden Ausgehecken und spannenden Nachbarschaften nicht mangelt.

Museumsflair trifft futuristisches Design

Die "Dis" ist anders. Konstruiert, ja, aber mit gemütlichem Flair. Die reliquienhafte Aneinanderreihung viktorianischer Gebäude wirkt stellenweise wie ein Museum, oder zumindest wie eine Welt aus vergangenen Zeiten, gemischt mit modernster Technik und futuristischem Design. Genau das ist es, was die 52 Hektar für Kanadier so speziell macht: Als junges Land stürzt man sich begierig auf die Grundpfeiler der eigenen Geschichte und ist gleichzeitig stolz auf eine Kultur, die im Entstehen ist. Wenn man dabei nicht auf schicke Möbel, ausgeklügelte Lichtanlagen und gebeizte Holzpanelen verzichten muss: umso besser. Die Touristen wiederum lieben den Charakter der Straßen und Gässchen im Puppenhausstil.

Niemand wäre überrascht, würde eine Pferdekutsche gleich um die Ecke biegen. Mit einer Art Tunnelblick wird man in die Anfänge der Industrialisierung Torontos katapultiert: in eine Zeit voll harter Arbeit, geprägt vom Genuss ebenso harter Substanzen. 1832 gründen die beiden Schwager James Worts und William Gooderham die "Gooderham and Worts Distillery", nachdem sie aus England ausgewandert waren und etablieren die Brennerei in beeindruckender Schnelligkeit zur größten des britischen Empires. 1871 produzieren sie gut 8 Millionen Liter Sprit, versorgen das Land und Abnehmer in Rio de Janeiro, Buenos Aires, Montevideo und anderen südamerikanischen Häfen. Die Distillery wird zum Zeichen von Wohlstand und verkörpert perfekt den Aufschwung des jungen, arbeitswilligen Landes.

Kulisse für Gangsterstreifen

Dann passiert das Unausweichliche, die Spaß-Guillotine der 1920er Jahre verdirbt Geschäft und Laune: Die Prohibition bricht auch "William Gooderham and James Worts Jr." das Genick, zumindest führt sie zu einem raschen Niedergang des einstigen Imperiums. Bereits vorher angeknickt vom ersten Weltkrieg, während dessen Acetone in den Anlagen produziert wurde, darf nun gar nichts mehr fließen - vor allem nichts Berauschendes.

Was folgt sind Übernahmen, Umstrukturierungen, Umdenken: Harry C. Hatch kauft den Betrieb, verschmilzt ihn 1927 zu "Hiram Walker - Gooderham & Worts Ltd." und lagert die Hauptproduktion nach Windsor, Ontario, aus. Die Distillery wird hauptsächlich zur Rumproduktion genutzt, 1986 nochmals verkauft und 1990 schließlich geschlossen. Die legendäre Gegend wird vergessen, dümpelt vor sich hin, verkommt. Eine Ära geht zu Ende.

Die nächste passt zum verruchten Image, mit dem eine Brennerei im 19. und 20. Jahrhundert behaftet war: Die Filmindustrie entdeckt das weitläufige Gelände als Kulisse für Gangsterstreifen, dann auch für Romantikschnulzen und Actionmovies. Mehr als 1700 Produktionen werden hier gedreht, darunter "Cinderella Man", "Chicago", "The Recruit," oder "Against the Ropes".

2001 folgt der komplette Umschwung. Cityscape Holdings Inc. kauft das Gelände mit eben jenem ambitionierten Projekt im Hinterkopf: Die Restaurierung der 47 Gebäude und die Umwandlung zur Fußgängerzone. 2003 wird das neue kulturelle Herz Torontos mit viel Trubel eingeweiht. Seitdem ist es ein durchschlagender Erfolg, der nur durch die Wirtschaftskrise kurz ins Straucheln geriet. Vier Apartmentgebäude mussten um das Interesse der Käufer buhlen, mittlerweile hat sich die Lage beruhigt, es entstehen weitere Wohnanlagen - über 2100 Menschen leben schon in der romantischen Gegend.

Schön blank poliert ist der Distillery-Bezirk heute. Keine grummeligen Whisky-Brennmeister, die schwitzend die großen Fässer in die Lagerräume rollen, keine von Hochprozentigem geschwängerte Luft. Auch von der exzentrischen Schmuddeligkeit Ossingtons oder der Queen Street West keine Spur. Die Straßen sind gesäumt von meterhohen Kunstgebilden, weder Graffiti noch Müll findet sich an den Ecken. Wenn etwas rostig oder verstaubt anmutet, dann wurde es garantiert strategisch passend zum Ambiente platziert.

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Ketten wie Starbucks: nicht willkommen

Dass die lauffaulen Großstädtler den Weg hinaus ins "Dis" auf sich nehmen, hat viel mit dem Charakter des Viertels und der einzigartigen Ansammlung schicker, niedlicher und trendiger Läden auf sich. Schmuck ist beliebt, aber auch spezielle Designerhaushaltswaren sind der Renner, ebenso wie edle Kleiderboutiquen oder Schokolaterien. Und dann sind da noch die Bäckereien, für die Torontianer gerne den Schlenker gen Osten machen. Dass große Ketten wie "Starbucks" nicht willkommen sind, passt zum dickköpfigen Denken, nur eine erlesene Auswahl an Geschäften und Restaurants zu präsentieren.

Da ist beispielsweise das "Cafe Balzac's" mit den großen Schwarz-Weiß-Kacheln, den leckeren Croissants und der überhohen Decke, an der ein ausladender Luster prangt und das Gefühl von europäischem Kaffeehaus vermittelt. Der Pomp wird durch die Bar aufgebrochen, die eher an Salon als an Wiener Charme erinnert. Wer die Stimmung der Gegend einsaugen will, kann es sich auf dem Platz davor mit Blick auf zeitgenössische Kunst bequem machen.

Oder das "Cafe Furbo", in dem die weißen Säulen auf Blöcken alter Baufassaden stehen, die Wände unverputzt sind und die Decken den Blick auf Kabel und Rohre freigeben. Darunter sitzt man auf stylischen weißen Stühlen in Loft-Ambiente mit Blick auf bunte Kunstwerke - die Verbindung von Heute und Gestern ist überall spürbar.

Die Kanadier lechzen nach Individualismus

Das Lechzen der Kanadier nach einer Geschichte, nach Individualismus, der die Stadt vom ewigen Vergleich mit New York absetzen kann, ist allgegenwärtig, nicht im negativen Sinn. Dafür geben die Hipsters der Stadt auch gerne etwas mehr aus, denn sonderlich günstig sind weder Laden-Auslagen noch Büromieten. Einige der Künstler mussten ihre Ateliers bereits wieder schließen und in günstigere Gefilde umziehen. Ausstellungsräume wie die "Arta Gallery", "The Blue Dot Gallery" oder "Clark & Faria" buhlen mit Spezialevents und Vernissagen um die Aufmerksamkeit der Kunstliebhaber. Einfach haben es die Händler hier draußen nicht, die wenigsten Kunden stolpern durch Zufall in dieser Ecke der Stadt vorbei.

Trotzdem bleibt der "Distlillery District" nicht nur Liebhaberprojekt sondern auch eine große Liebe der Downtown-Masse, die eine Auszeit von den engen und überfüllen Straßen Torontos will - und sei es nur zum Brunch. Das "Dis" ist wie ein kleiner Urlaub - dank dem zur Wirklichkeit gewordenen Traum mutiger Visionäre.

Mehr Informationen über das Distillery District, eine Übersicht über Restaurants und Shops finden Sie direkt auf der Homepage: www.thedistillerydistrict.com

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Autor:
Manuela Imre