Mittelamerika Eine Rundreise durch Guatemala

Grün, nichts als grün. Die Bäume sind überwuchert von Schlingpflanzen, in einem erbitterten Kampf um Sonnenlicht recken sie ihre Äste hoch in die Luft. Auf dem weichen Waldboden breiten sie ihre Wurzeln aus wie einen Teppich. Der Pfad ist kaum mehr zu erkennen. In der Ferne schreit ein Affe, Vögel zwitschern. Die Luftfeuchtigkeit ist hoch, die Kleidung klebt am Körper. Trotz der frühen Uhrzeit ist es schon sehr heiß. Ein Blick auf die Karte: Sind wir noch richtig? Seit etwa 20 Minuten haben wir keine Menschenseele gesehen, es gibt nur uns und den Dschungel. Wenige Schritte später mündet der Waldweg in eine Lichtung und gibt den Blick frei auf unser Ziel: Tempelanlage Nummer fünf.

Tikal liegt im Norden Guatemalas, viele Besucher aus Mexiko und Belize kommen für einen Tagesausflug in die Ruinenstadt. Vom 3. bis ins 9. Jahrhundert war Tikal ein bedeutendes Zentrum der Maya-Zivilisation, hier lebten mehr als 50.000 Menschen. 1955 wurden die Anlage und der umliegende Regenwald zum ersten Nationalpark Guatemalas erklärt, seit 1979 ist Tikal auch Unesco-Weltkulturerbe. Touristen können die Ausgrabungsstätte mit einem Führer oder auf eigene Faust erkunden. Auf dem knapp 16 Quadratkilometer großen Areal stehen über 3000 Bauten, weitere 10.000 Strukturen sind noch nicht freigelegt.

Fast alle Tempel darf man besteigen. So auch Tempel V, die Begräbnisstätte eines noch nicht identifizierten Herrschers der antiken Maya-Stadt. Eine schmale Holztreppe schmiegt sich an seine linke Seite - neben dem moosbedeckten, verwitterten Stein wirkt sie, als sei sie gerade erst aufgestellt worden. Der Stufentempel ist 57 Meter hoch, wer ihn erklimmen will, sollte schwindelfrei sein. Der Aufstieg ist strapaziös, doch die Anstrengung lohnt. Schweißbedeckt und schwer atmend setzen wir uns an den Rand der Steinpyramide. Das Panorama ist überwältigend: Aus dem dichten, grünen Blätterdach ragen die Spitzen der höchsten Tempel empor, der Urwald erstreckt sich bis zum Horizont.

Guatemala ist das "Land der Maya", seine Bewohner sind stolz auf ihre Kultur und heißen Besucher herzlich willkommen. Doch wer nach Guatmala reist, in das "Land des ewigen Frühlings", muss sich bewusst sein, dass das kleine Land eine der höchsten Kriminalitätsraten in Lateinamerika hat. Dabei spielen immer wieder Kämpfe zwischen Drogenkartellen und Jugendbanden eine entscheidende Rolle. Für Touristen ist es ratsam, vor allem nächtliches Reisen zu vermeiden. Abgelegene Strecken und Wanderwege sollten zudem nicht ohne ortskundigen Führer begangen werden. An Geldautomaten und beim Verlassen von Geschäften ist zusätzlich Vorsicht geboten.

Semuc Champey: Badespaß im Dschungel

Wir stehen auf der hölzernen Aussichtsplattform "El Mirador", einige hundert Kilometer südlich von Tikal. Tief unten im Tal, eingerahmt von tropischem Regenwald, glitzert das türkisgrüne Wasser terrassenförmig abfallender Kalksteinbecken in der Sonne. Einheimische und Touristen planschen im kühlen Nass. Einige springen von tief hängenden Ästen in die natürlichen Pools, andere lassen sich faul auf dem Rücken treiben.

Semuc Champey ist eine etwa 300 Meter lange Kalksteinbrücke im östlichen Hochland Guatemalas, gespeist wird sie vom Fluss Cahabón. Der Cahabón fließt unter den Becken hindurch; geht man weiter flussaufwärts, kann man am Ende der Kalksteinbrücke beobachten, wie er über Felsen hinweg tosend in den Untergrund rauscht. 1999 wurde der Ort vom damaligen Präsidenten Álvaro Arzú Irigoyen zum guatemaltekischen Naturerbe ernannt, seitdem ist er - trotz seiner Abgeschiedenheit - ein beliebtes Ausflugsziel.

Nur wenige Male am Tag fährt ein Kleinbus aus der nahe liegenden Kleinstadt Lanquín nach Semuc Champey. Mit diesem sind auch wir angereist. Nach der einstündigen Wanderung zur über 50 Meter höher gelegenen Aussichtsplattform beeilen wir uns, um zum Wasser zu kommen. Wir balancieren über einen Baumstamm auf eine kleine Insel, wo schon eine Familie ihre Handtücher ausgebreitet hat. Das klare Wasser ist kälter als erwartet, kleine, silberfarbene Fische schwimmen darin. Die Kalksteinbecken sind zwischen einem und vier Meter tief, oft sind sie durch niedrige Wasserfälle miteinander verbunden. Von ihnen lassen wir uns Schultern und Nacken massieren. Herrlich, hier lässt es sich aushalten!

Der Vulkan Pacaya - eine heiße Angelegenheit

Als nächstes reisen wir nach Antigua Guatemala im zentralen Hochland. Die Stadt ist für ihre barocke Kolonialarchitektur bekannt, sie gilt als eine der schönsten Städte Mittelamerikas. Über 200 Jahre war Antigua die Hauptstadt der spanischen Kolonien in Zentralamerika, bis sie 1773 von einem Erdbeben fast völlig zerstört wurde. Die Ruinen der wichtigsten Gebäude sind aber noch immer erhalten, weshalb Antigua seit 1979 zum Weltkulturerbe gehört. Heute zieht die Stadt mit den bunten Häusern vor allem junge Reisende an, die in einer der zahlreichen Sprachschulen Spanisch lernen und sich in ihrer Freizeit in den Restaurants, Bars und Diskotheken vergnügen.

Die Wasserbecken von Semuc Champey
Melanie Maier
Die Wasserbecken von Semuc Champey
Auch die Kulisse der Stadt ist spektakulär, denn Antigua liegt in Sichtweite der Vulkane Agua, Acatenango und Fuego. Wir fahren aber noch ein Stück weiter zum etwa 40 Kilometer entfernten Vulkan Pacaya. Mit seinen 2552 Metern ist der Berg mehr als 1000 Meter niedriger als die drei anderen Vulkane. Der Blick in seinen Krater bleibt uns trotzdem verwehrt: Der Pacaya ist einer der aktivsten Vulkane der Welt. Man sollte den Berg nur in Begleitung eines Führers besteigen, da sich der Lauf der Lavaströme täglich ändert.

Blick auf den Vulkan Fuego
Melanie Maier
Vom Vulkan Pacaya hat man einen schönen Blick auf den Vulkan Fuego
Der Übergang von grüner Ackerlandschaft zum erkalteten Lavafeld geschieht abrupt. Wir haben schon einen guten Teil des Aufstiegs geschafft, sind an Maisfeldern und Kuhweiden vorbeigelaufen und haben einen kleinen Wald durchquert. Wenige Meter weiter ist alles kahl, die fruchtbare Vulkanerde verdeckt von einer dicken, schwarzen Schicht erkalteter Lava. Über diesen Geröllhang gelangt man zum aktiven Teil des Pacaya. Unser Führer eilt ortskundig voraus, die Temperatur steigt mit jedem Meter. Jetzt sehen wir sie: Rote Lava fließt zähflüssig bergab, an manchen Stellen wirft sie Blasen. Es gibt keinerlei Absperrungen, wenn man wollte, könnte man das siedend heiße Gestein berühren. Der Führer steigt immer höher auf den glühenden Berg, zeigt auf besonders imposante Lavaströme. Wir scheinen uns auf einem sehr aktiven Gebiet des Pacaya zu befinden, denn meine Füße brennen. Irgendwann halte ich es nicht mehr aus, trete den Rückweg an. Gerade noch rechtzeitig: Meine rechte Schuhsohle ist fast vollständig geschmolzen.

Entspannung am Atitlán-See

Der Vulkan San Pedro hingegen ist glücklicherweise nicht mehr aktiv, er ruht schon seit etlichen hundert Jahren. Wanderlustige können ihn vom gleichnamigen Dorf aus besteigen, doch wir entscheiden uns für einen weit gemütlicheren Ausflug zu Pferd. Die Gegend um den Atitlán-See ist besonders fruchtbar. Neben dem Tourismus leben die Menschen hier hauptsächlich von den Erträgen ihrer Felder. Wir reiten an Tomatenbeeten vorbei, an Maisfeldern und Kaffeeplantagen, bis wir so hoch sind, dass der Vulkansee tief unter uns liegt und wie ein schwarzes Tuch aussieht.

Das Ziel unseres Ausritts ist eine versteckte Bucht. Der feinsandige, schwarze Strand übertrifft unsere Erwartungen. Der weiche Sand bedeckt auch den Seegrund, das Wasser ist angenehm warm und glasklar. Wir schwimmen weit hinaus und genießen vom Wasser aus das beeindruckende Bergpanorama. Erst am späten Nachmittag reiten wir zurück nach San Pedro. Am Abend in der Hängematte denken wir an die vergangenen Tage. Die faszinierende Geschichte Guatemalas, die abwechslungsreiche Landschaft und die Gastfreundschaft der Bewohner hat uns verzaubert.

Tempel, Vulkane und antike Städte - wunderschön, doch jetzt geht es an den Strand: Suchen Sie sich in unserer Fotogalerie den schönsten Strand Mittelamerikas aus.

Autor

Melanie Maier