Island Zu Fuß durch Reykjavík

Am Samstag um ein Uhr morgens versucht ganz Reykjavík Islands Wirtschaft zu retten: mit glasigem Blick und Bier in der Hand. "Wir trinken uns aus der Finanzkrise", ruft Hildur und hält kämpferisch ihren Drink in die Höhe. Seit dem Finanzcrash hat die Regierung des Inselstaates die Steuern auf Alkohol nochmals angehoben. Weniger getrunken wird deshalb aber nicht, im Gegenteil: "Je mehr wir trinken, desto schneller wird es unserem Land wieder besser gehen", behauptet die 22-jährige Isländerin und lacht. Hildur wartet inmitten einer schwankenden Menschenmasse auf Einlass ins Kaffibarinn, einem kleinen, mit rotem Wellblech verkleideten Haus. Im Inneren der Bar, die dem Blur-Sänger Damon Albarn gehört, ist es so eng und voll, dass man hin- und hergeworfen wird wie auf einem Schiff im Sturm.

Auf ihren extrem hohen Absätzen, die hier fast alle Mädchen tragen, versucht Hildur auf der Tanzfläche das Gleichgewicht zu halten. Dann passiert es doch: Beim Tanzen rutschen ihre Füße weg, und sie stürzt mit ihren beiden Freundinnen auf den Boden. Lachend helfen sich die drei gegenseitig wieder auf die Beine. Ihre Kleider sind dreckig und mit Bier getränkt, doch das ist egal. Wie an jedem Wochenende befindet sich Reykjavík im Ausnahmezustand. Vor der Bar geht der Vollrausch weiter: Ein junger Typ mit Schnurrbart hat sich einen Stuhl auf den Rücken geschnallt und läuft auf allen vieren die Partymeile Laugarvegur entlang – beschwipste Mädchen steigen bei ihm auf und lassen sich zur nächsten Bar transportieren.

Im Sommer, wenn man in Island Tag und Nacht kaum voneinander unterscheiden kann, weil es nie richtig dunkel wird, gibt es in Reykjavík keinen Grund zum Schlafen. 116.000 Menschen leben in Islands Hauptstadt, das sind gerade einmal so viele wie in Salzgitter. Trotzdem wird hier exzessiver gefeiert als in vielen größeren Städten. Etwa im Prikid (Bankastræti 12), das tagsüber ein ruhiges Café ist und nachts Treffpunkt von Reykjavíks HipHop-Szene. Die Leute tanzen und knutschen hier hemmungslos zwischen Tischen und Stühlen, während durch die Holzlamellen in den Fenstern bereits Tageslicht dringt. Diejenigen, die um fünf Uhr morgens noch nicht genug haben, ziehen weiter zum Hafen. Unter dem graublauen Himmel stillen sie ihren Nachthunger an der Imbissbude Bærjarins Bestu (Tryggvagata), wo es die besten Hot Dogs der Stadt gibt.

Im Alten Hafen von Reykjavík legen gleich neben den Walfangschiffen Boote ab, die regelmäßig zu den Walgründen fahren (whalewatching.is). Vorbei an der Insel Akurey, auf der im Sommer Tausende von Papageientauchern brüten, geht es knapp eine Stunde aufs Meer hinaus, bis plötzlich die ersten Zwergwale ihre Rückenflossen aus dem Wasser heben. Beim Abtauchen hinterlassen die acht Meter langen Riesen eine spiegelglatte Wasseroberfläche, und man kann nur erahnen, wo sie als Nächstes auftauchen werden. Deshalb sollte man die Seevögel unbedingt im Auge behalten. "Dort, wo sich die Möwen ins Wasser stürzen, sind meist auch Wale auf Fischfang", erklärt Touristenguide Magnus. Ist gerade kein Meeressäuger zu sehen, blickt man auf schneebedeckte Vulkane und zieht sich die Wollmütze tief ins Gesicht, denn auch im Sommer ist es auf dem Meer ziemlich kalt.

Die Stadt lebt von improvisierten Auftritten

Warm und gemütlich ist es nachmittags im Café Hemmi og Valdi (Laugarvegur 21). Im hinteren Teil des kleinen Lokals spielen Kinder mit Bauklötzen, vorn tritt gerade eine Band auf. Die drei Musikerinnen von Síra Byrkir tragen Hornbrillen, bunte Strumpfhosen und haben Treppenstufen im Haar. Alle Gäste im Café lauschen ihrer melancholischen Gitarrenmusik, die einzig vom Pfeifen der Espressomaschine gestört wird. Improvisierte Auftritte wie diese sind typisch für Reykjavík, wo überraschend viele junge Künstler und Musiker leben.

"Es ist nirgendwo so einfach, ein Künstler zu sein, wie hier", erklärt die 23-jährige Borghildur, die selbst an Islands Kunstschule Listaháskóli studiert. "Wir sind eine sehr kleine Gemeinschaft, in der wir uns gegenseitig dabei unterstützen, unsere Ideen in die Tat umzusetzen." Im gerade neu eröffneten Café Karamba (Laugarvegur 22) wurde jede Wand von einem anderen Künstler gestaltet, und im Naked Ape (Bankastræti 14) bedruckt ein Künstlerkollektiv mithilfe von Siebdrucktechnik Hoodies und Leggings. Kein Kleidungsstück gleicht dem anderen. "So mögen wir das", sagt Borghildur. "In Reykjavík kleiden wir uns alle möglichst individuell. Wahrscheinlich liegt es daran, dass hier nur so wenig Menschen leben und wir uns deshalb voneinander abheben wollen." Das gilt nicht nur für Frauen. Männer gehen genauso kreativ mit ihrem Äußeren um. In bunten Jacketts, spitz zulaufenden Schuhen und Stirnbändern sieht man sie die Straße entlanglaufen. Zutaten für diesen Look finden sie im Secondhandladen Spúútnik (Laugarvegur 29) oder beim angesagten Herrenausstatter Andersen & Lauth (Laugarvegur 7), der mehr Avantgarde bietet, als in den meisten europäischen Metropolen zu finden ist.

Was Reykjavík im Vergleich zu anderen Städten so besonders macht, ist das von Starbucks, McDonald's und den anderen üblichen Filialisten verschonte Stadtzentrum. Stattdessen sind hier die Geschäfte eigenwillig und originell eingerichtet, und in den Cafés laufen statt Charthits Radiohead oder The Smiths. Einzig die Wandertouristen in ihren Mehrzweckhosen wirken uniformiert. "Wegen der Wirtschaftskrise traut sich eh keiner, hier zu investieren", sagt Borghildur und deutet auf ein kleines rotes Haus im Zentrum von Reykjavík. "Darin befand sich einst das Sirkus, wo Björk mit den Sugarcubes ihre ersten Auftritte hatte. Hätte es keinen Bankencrash gegeben, würde hier längst ein Einkaufszentrum stehen." Der Staatsbankrott habe ihrer Meinung nach gute und schlechte Seiten. Einerseits verfalle am Hafen die halb fertig gebaute neue Konzerthalle, dafür hätten die Menschen jetzt Zeit, sich auf sich selbst zu besinnen. "Montags sind die Schwimmbäder von Reykjavík jetzt so voll wie nie." Statt hässliche Hochhäuser hochzuziehen, entdeckten die Isländer ihre eigene Kultur neu.

Das mache sich auch in der Mode bemerkbar. "Die Mädchen tragen wieder Kleider mit traditionellen Mustern und flechten sich lange Zöpfe", sagt Borghildur. Die Frage: "Hast du einen Job für mich?", mit der man früher ganz unkompliziert über Freunde und Bekannte an Arbeit kam, kann man sich jetzt in den allermeisten Fällen sparen. Aus Wut auf die Misswirtschaft ihrer Regierung zog auch Borghildur im vergangenen Jahr vor das isländische Parlament, um zu protestieren. "Ein Drittel aller Isländer hat sich hier versammelt und so viel Lärm gemacht, bis sich keiner der Politiker mehr auf seine Arbeit konzentrieren konnte", erzählt sie. Auch sonst versammeln sich Reykjavíks Bewohner gern auf der Wiese vor dem Parlament, denn der Austurvöllur-Platz ist einer der wenigen windgeschützten Plätze der Stadt.

"Manchmal kommt mir mein Leben vor wie eine Soap-Opera", meint Borghildur. "Meine Stadt ist so klein, dass ich über fast jeden hier eine Geschichte erzählen könnte." Sie kennt alle: die Bedienung im Café, den Musiker, der gerade sein Haus streicht, und den kauzigen alten Wirt des Fischrestaurants "Sægreifinn" (Geirsgata 8) am Hafen. Spezialität des Hauses ist fermentierter und in Schnaps eingelegter Gammelhai, eine intensiv riechende isländische Spezialität aus der Wikingerzeit. Wer es frischer mag, bestellt Heilbutt und Lachs oder probiert "Moby Dick on a stick", wenn er es mit seinem Gewissen vereinbaren kann. Samstags und sonntags ab elf Uhr verkaufen junge, hippe Isländer auf dem Flohmarkt Kolaportid (Geirsgata) in einer Industriehalle am Hafen alte Bücher, handgestrickte Islandpullover und abgelegte Kleidungsstücke. Anschließend verfliegt der Muff der alten Bücher und Klamotten in der klaren Polarluft am Hafen.

Von hier sind es nur zehn Minuten bis ins Kaffi Mokka (Skólavördustígur 3a), wo es in den fünfziger Jahren die erste Espressomaschine Islands gab. Seitdem ist hier die Zeit stehen geblieben. Möbel und Tresen stammen noch alle aus der Gründungszeit, als hier kettenrauchende Poeten über Literatur stritten. Am Strand von Nauthólsvík, 30 Gehminuten vom Zentrum entfernt, springen Kinder von den Felsen ins acht Grad kalte Meer. Wärmer ist es im abgetrennten Teil der Bucht, der künstlich auf 20 Grad erwärmt wird. Ein Luxus, den sich die Isländer dank ihrer vielen unterirdischen heißen Quellen erlauben können. Hebt man die Schultern aus dem Wasser, läuft es einem kalt den Rücken runter. Nach dem Schwimmen sprintet man deshalb schnell den Strand hinauf zum 40 Grad heißen Hot Pool. Dort lehnt man sich zurück, entspannt die Muskeln und blinzelt in die nicht untergehen wollende Sonne über Island.

Reisetipps

Tipps für die Reiseplanung: www.visitreykjavik.is

Wer Islands Natur erkunden will, kann von Reykjavík Tagesausflüge zu Geysiren und Wasserfällen machen. Die Blaue Lagune ist sogar nur 45 Minuten mit dem Bus entfernt. Wer noch mehr von der spektakulären Landschaft sehen will, schließt sich am besten einer Rundreise an. Z.B. Young Line Travel von Marco Polo bietet eine 15-tägige Tour an – inklusive Bootsfahrten durch Gletscherlagunen, Whale-Watching und Besuch des mächtigen Gullfoss-Wasserfalls.

Autor:
Aileen Tiedemann