Mailand Meisterwerk Mailänder Dom

Der Mailänder Dom: geschmückt mit Marmor und unzähligen Statuen und Türmen ist er ein Meisterwerk der europäischen Baukunst! 

Mailand Dom

Der Mailänder Dom im Überblick 

Duomo di Milano

In der späten Abendsonne glänzt die Jungfrau Maria so golden, als leuchte sie von innen. Sie thront auf ihrem Turm hoch über dem Kirchendach des Mailänder Doms - die Madonnina, wie jeder hier die Statue liebevoll nennt. Bewacht wird sie von einer Hundertschaft Heiliger zu ihren Füßen, die in lockerer, doch exakter Reihe steinern in den Dunst von Mailand starren. Und manchmal vielleicht auch hinunterschielen zu ihren marmornen Brüdern und Schwestern, die an allen Ecken und Enden des Doms wimmeln, alle mit ihrem eigenen Drama von Himmel und Hölle. Furchterregende Fabeltiere, sadistische Henkersknechte, vor allem aber Heilige, betende, sinnende und leidende Heilige. Sie bilden die Mehrheit der mehr als 3000 Statuen an, auf und im Duomo di Milano, nach dem Petersdom und den Kathedralen von Córdoba und Sevilla die viertgrößte Kirche der Christenheit. Unter ihnen sind die Märtyrer in ihren grausigen Todeskämpfen am eindrucksvollsten. Da hängt ein gepeinigter Christ kopfüber in züngelnden Flammen, da werden einem Heiligen bei lebendigem Leib die Gedärme aus dem Bauch gezogen, da schaut ein Todgeweihter ergeben auf den Mühlstein, der ihn gleich in die Tiefe ziehen wird.

Ein Gruselkabinett des Glaubens

Besucher laufen mit klickenden Kameras durch dieses Gruselkabinett des Glaubens. Besonders hoch in der Gunst des Publikums: die Geißelungsgruppe auf der Bronzetür des Hauptportals. Die Waden des Folterknechts und das Knie des gequälten Jesus’ glänzen blank poliert von Hunderttausenden von Händen. Sie anzufassen soll Glück und Segen bringen. Und dann ist da noch die Statue des heiligen Bartholomäus, vor dem die Touristen mit erhobenen Smartphones stehen. Nackt und bloß ziert er das Querschiff des Doms, jeder Muskel, jede Sehne überdeutlich sichtbar. Man hat ihm die Haut abgezogen – und diese seine eigene Haut trägt er geradezu salopp wie einen Umhang über den Schultern. Im Vergleich dazu ist das Treppensteigen hoch zu den Dachterrassen, von denen man über ganz Mailand bis hin zu den Alpen blickt, die reinste Erholung.

Gian Galeazzo Visconti

Ausgerechnet dem Teufel verdanken die Mailänder ihr Gotteshaus. Der stand, so die Legende, in einer kalten Winternacht des Jahres 1386 am Bett des Stadtherrn Gian Galeazzo Visconti. Er hatte, wie es sich gehört, rot glühende Augen, stank nach Schwefel aus dem Maul und forderte den schreckensbleichen Fürsten auf, in seinem Namen eine Kirche mit Abbildern teuflischer Geister und Dämonen zu errichten. Andernfalls würde er sich Viscontis Seele schnappen und für dessen ewigen Aufenthalt in der Hölle sorgen. Bangen Herzens eilte Visconti unverzüglich zum Bischof, um den Bau eines neuen Doms anstelle der eher bescheidenen Hauptkirche Santa Maria Maggiore auf den Weg zubringen. Trotz der teuflischen Drohungen aber wurde die neue Kathedrale der Jungfrau Maria geweiht – hoffentlich ohne höllische Folgen für den Stifter. 1387 nahm die Dombauhütte als "Veneranda Fabbrica", zu Deutsch "Ehrwürdige Werkstätte", ihre Arbeit auf. Für den Zweck des Dombaus überließ Visconti der Dombauhütte die Marmorsteinbrüche im gut hundert Kilometer entfernten Candoglia, nahe dem Lago Maggiore, zur ewigen Nutzung. Tonnenschwere Steinblöcke wurden auf Lastkähnen über das Kanalsystem der Navigli nach Mailand gebracht, wo sie Handwerker aus ganz Europa in Empfang nahmen.

Gotik im Mailänder Dom 

Bis zum Errichtung des Mailänder Doms hatte man in Italien meist romanisch gebaut. Doch der neue Stil der Zeit hieß Gotik und wurde vor allem nördlich der Alpen gepflegt. Visconti rief die besten Baumeister und Steinmetze aus Böhmen, Flandern, Deutschland und Frankreich in die Lombardei - und die begeisterten die Mailänder für das gigantische Gotteshaus im neuen Stil. Selbst Notare, Advokaten und Richter, heißt es, schleppten und meißelten den weißen Marmor. Und auch die Huren von Mailand trugen mit Gebeten und einem Zehntel ihres Liebeslohns zur Kathedrale bei. Obwohl es den Gläubigen im Lauf der Zeit bisweilen an der nötigen Ehrfurcht vor dem Gotteshaus mangelte. "Zwei Seiteneingänge wurden um 1600 wieder zugemauert", erzählt Federico Pizzi, Kunsthistoriker der Veneranda Fabbrica. "Denn die Mailänder benutzten den Quergang zwischen den beiden Portalen als bequeme Abkürzung, rumpelten mit Pferd und Wagen durch das Kirchenschiff und trieben sogar ihr Vieh durch das Gotteshaus." Dessen Bau schritt währenddessen nur langsam voran. Noch heute kennt man in Mailand die Redensart: È lungo come la fabbrica del Duomo – Das geht schon so lange wie die Domwerkstatt. Die Renaissance kam, gab dem Dom seine fünf großen Portale, und ging.

Der Mailänder Dom - eine ewige Baustelle 

beleuchteter Mailänder Dom
Nach der Renaissance und ihren fünf großen Portalen verzierte der Barock den Innenraum mit opulenten Altären, Kanzeln und Grabmälern, und der Rokoko setzte die vier Meter große und vergoldete Madonnina aufs Dach. Als Napoleon sich 1805 in der Kathedrale zum König von Italien krönen ließ, war sie immer noch nicht fertig. Schluss jetzt, befahl der neue Herrscher, diese seine Krönungskirche solle nun schnellstens im gotischen Stil vollendet werden. 1813 setzte man schließlich den letzten Stein auf die strahlende Fassade. "Trotzdem werden die Arbeiten am Dom nie zu Ende sein", sagt Pizzi heute, mehr als 600 Jahre nach Baubeginn. "Fialen, Statuen, Glasmalereien, einfach alles muss fortwährend ersetzt werden." Denn der Kathedrale setzen ihr Alter, die hohe Luftverschmutzung und nicht zuletzt die U-Bahn heftig zu. Deren Linie 1 rauscht in nur sechs Metern Tiefe direkt unter dem Kirchenschiff entlang und lässt den Marmor im Drei-Minuten-Rhythmus gefährlich erbeben. In der Veneranda Fabbrica wird deswegen weiterhin fleißig gemeißelt. Die meisten Statuen sind längst schon akribische Kopien, angefertigt von einem Team internationaler Steinmetze - die Originale stehen im Museum neben dem Mailänder Dom. "Unsere Aufgabe ist heute die Erhaltung des Doms, Neues kommt außer ein paar Heiligen unserer Tage nicht mehr dazu", erklärt Pizzi.

Heiligenstatuen im Mailänder Dom 

Die jüngste, noch strahlend weiße Statue ist die des seliggesprochenen Priesters und Antifaschisten Don Carlo Gnocchi. Ein heißer Anwärter auf einen Sockelplatz am Dom ist Papst Johannes Paul II. Aber einige der anderen Steinfiguren neueren Datums haben selbst bei wohlwollender Betrachtung wenig mit der christlichen Heilsgeschichte zu tun. Irgendwo im Gewimmel der 3000 Statuen versteckt sich noch immer Benito Mussolini. Nach seinem Sturz 1943 wurde dem faschistischen Diktator lediglich ein Turban zur Tarnung verpasst. Die Bildnisse des Dirigenten Arturo Toscanini oder des italienischen Boxweltmeisters Primo Carnera sind im Vergleich dazu nur leicht absonderliche Ausrutscher.

Adoption einer Turmspitze des Mailänder Doms - "Adotta una Guglia" 

Schwerer wiegen andere Sorgen: Die Restauration ohne Ende verschlingt auch Geld ohne Ende. Allein im Sommer 2014 musste die Veneranda Fabbrica an 15 maroden Stellen gleichzeitig arbeiten. Schon das Ersetzen eines einzigen Marmortürmchens auf dem Dach kostet etwa zwei Millionen Euro. Sponsoren werden dringend gesucht: Seit 2012 hat die Aktion "Adotta una Guglia" (Adoptiere eine Turmspitze) Hunderte von Kleinanlegern dazu bewogen, für den Dom zu spenden. Institutionen wie die Zeitung Corriere della Sera oder auch die Fußballfans Südkurve San Siro haben erhebliche Summen beigetragen. Und Großsponsoren von Mercedes bis Samsung werben an den Baugerüsten.
Schon lange vorher, als noch keine Smartphone-Reklamen zwischen den Spitzbögen über riesige Bildschirme zuckten, haben sich an der prallen Fülle des Doms die Geister geschieden. Goethe nannte ihn "einen ganzen Marmorberg (...) in die elendsten Formen gezwungen". Der spanische Dichter Vicente Blasco Ibáñez schwärmt hingegen: "Ein Wunderwerk der gotischen Kunst, weiß, blendend, gespickt mit schlanken Fialen, die wie von den Alpen heruntergefallene Eiszapfen anmuten." Am besten hält man es beim Staunen mit Heinrich Heine: "Im mitternächtlichen Mondschein (...) kommen all die weißen Steinmenschen aus ihrer wimmelnden Höhe herabgestiegen (...), gehen mit einem über die Piazza und flüstern einem alte Geschichten ins Ohr."

Autor

Teja Fiedler