Ecuador Kunsthandwerk aus Otavalo

"Tavalotavalotavalooo", ruft der Mann in rasendem Staccato und lehnt sich gefährlich weit aus der offenen Tür des die Straßen Quitos entlangfahrenden Busses hinaus. Der Versuch, noch ein paar zusätzliche Reisende zu gewinnen, gelingt. Immer wieder hebt ein Fußgänger kurz die Hand, der Fahrer nimmt kurz den Fuß vom Gas und der neue Gast wird an Bord gezogen. Indio-Frauen mit Körben voller Kartoffeln sitzen neben französischen Touristinnen und ihren riesigen Rucksäcken, der Fahrer sammelt das Geld ein, im Radio wird einer verflossenen Liebe hinterher getrauert und durch die kleinen Fenster weht die würzige Luft der Anden.

Der Weg führt Richtung Norden, etwa zwei Stunden lang die Panamericana hinauf. Orte wie Calderón - berühmt für seine Brotteigfiguren, die so genannten Mazapanes - oder Cayambe am Fuße des gleichnamigen Vulkans werden passiert. Rechts und links der Straße breiten sich Rosenplantagen und Gewächshäuser aus, die später Mais- und Kartoffelfeldern sowie wildem Gestrüpp weichen. Das Ziel befindet sich in einem Tal, das von den Vulkanen Taita Imbabura und Mama Cotacachi Tal eingerahmt wird: Otavalo.

Der Platz vor der kleinen Kirche heißt eigentlich Centenario, doch ein anderer Name hat sich längst eingebürgert: Plaza de ponchos. Denn hier findet immer samstags der größte von Indios betriebene Kunsthandwerkmarkt ganz Lateinamerikas statt. In den Gassen zwischen den Ständen sind bunt gewebte Tücher und Stoffe ausgestellt, Touristen probieren Schals aus Alpakawolle an, Indios aus den benachbarten Regionen versorgen sich mit neuen Ponchos, dazwischen schaukeln Hängematten, selbst gefertigter Schmuck glitzert in der Sonne und fein gearbeitete Keramikartikel und Lederwaren finden Abnehmer. Im Gegensatz zu den orientalischen Bazaren wird hier auf lautes Anpreisen der Waren verzichtet. Besucher können sich in aller Ruhe in die Vielzahl an Mustern und Farben vertiefen. Natürlich wird auch in Otavalo gehandelt, aber diskret, ohne kranke Großfamilien in die Diskussion einfließen zu lassen.

Überall stehen mobile Garküchen, die heimische Spezialitäten anbieten

Der Kunsthandwerksmarkt ist eigentlich nur einer von dreien. Am Rande des Platzes sitzen Frauen vor Tüchern, auf denen sich Zwiebeln, Limonen oder Kartoffeln stapeln und ein paar Straßen weiter bekommt man Hühner und Meerschweinchen. Der Duft von frisch gekochten Maiskolben liegt in der Luft. Überall stehen kleine, mobile Garküchen, die heimische Spezialitäten anbieten. Wer den Abwehrkräften seines Magens nicht ganz traut, begibt sich zur Mittagspause einfach in eines der vielen charmanten Restaurants, die den Platz säumen, und verfolgt das Treiben auf dem Markt vom Balkon aus mit einem kühlen Getränk in der Hand.

Wenn am späten Nachmittag die Touristen wieder in den Bussen verschwinden oder ihre Unterkünfte aufsuchen, werden die Decken und Teppiche langsam wieder eingepackt und in großen Geländewagen verstaut. Denn auch wenn die Stadt nicht reich ist, gilt sie doch als vergleichsweise wohlhabend. Die Otavalo-Indios waren schon immer berühmt für ihre Webkünste - und für ihren Stolz, den sie sich über Jahrhunderte bewahrt haben. Erst musste man sich lange gegen die Inkas wehren, 1534 ließen sich dann die Spanier in Otavalo nieder und zwangen die Indios mit brachialen Mitteln, beispielsweise Uniformen für die Armee und Kutten für die Klöster herzustellen. "Auch wir haben 500 Jahre der Unterdrückung erlebt, der Ausbeutung, Geringschätzung und Misshandlungen", sagt der Bürgermeister Otavalos in einem Interview, "der einzige Unterschied ist, dass ein Otavaleno einen starken Geist hat und an sich und seine Fähigkeiten glaubt."

Die Traditionen werden gepflegt. Auch wenn sich auf den Märkten touristenfreundliche Pullover mit Lama-Applikationen finden, kann man genauso auf alten Mythen beruhende Formen und Figuren entdecken. Eine offizielle Handwerksschule gibt es im Übrigen nicht. Die Fertigkeiten werden von den Eltern an die Kinder weitergegeben, die Marktstände sind reine Familienbetriebe. Die Männer gefallen sich zwar im Gegensatz zu den bunt gekleideten Frauen mit ihren runden Hüten auch in Jeans und T-Shirts, die langen zum Zopf gebundenen Haare tragen sie aber mit sichtlichem Stolz - ganz im Sinne eines Sprichwortes aus Otavalo: "Schau nicht auf den Boden, das macht nur traurig! Schau in den Himmel, denn der ist unendlich!"

Man schaut noch versonnen in die Wolken, da ertönt ein schnell näher kommender und immer lauter werdendes "Quitoquitoquitooo!". Einfach die Hand heben und aufspringen.

Autor:
Andrea Fonk