Türkei Kappadokien: Rückkehr der Höhlenmenschen

Weiß schimmert die neue Steckdose im Dämmerlicht der Höhle. Nigar Uşkal blickt immer weider stolz zu ihr hinüber. Ihr Schwiegersohn hat gerade das Stromkabel von draußen in die Höhle gezogen und an der Tuffsteinwand befestigt. Morgen, so berichtet die alte Bäuerin und strahlt, soll daran ihre erste Geschirrspülmaschine angeschlossen werden – hier in ihrer Höhlenküche in Uçhisar, in einem jener Felskegel, die Kappadokien prägen und die ein romantischer Geist "Feenkamine" nannte.

Schummerig, aber gemütlich ist es in dieser Küche. Sie bildet zugleich den Durchgang zu den hinteren Höhlenräumen. Ein paar Schritte nur, dann man in einem mit bunten Decken und Kissen gefüllten Wohn- und Schlafzimmer, dahinter ein großer Vorratsraum und ein kleines Labyrinth von tiefer gelegenen Höhlen, die als Keller genutzt werden. Dorthin zieht sich die Familie im Winter zurück, wenn es draußen bitterkalt ist und der Fels seine gespeicherte Wärme spendet. Im Sommer spielt sich das Leben vor allem im Freien ab, im wunderschönen Garten am Fuß des Felsens mit seinen Bäumchen und Blumen.

Seit Generationen lebt Familie Uşkal in dieser Felswohnung. "Als Kind fand ich es immer furchtbar, wenn Besucher kamen", erzählt Nigars Tochter Kadın, 31. "Dann musste ich ständig den Berg hochsteigen zum Brunnen, um für die Gäste Wasser zu holen: zum Trinken, Händewaschen und Teekochen." Bis Ende der neunziger Jahre mussten die Uşkals jeden Tropfen mit Eimern herbeischleppen: dann erst wurden die Höhlen von Uçhisar an die Wasserversorgung angeschlossen.

Manchmal fallen Felsbrocken von der Höhlendecke

Ein lebendiges Bauerndorf war der Ort damals. In den steilen Gassen wuselten Kinder und Hühner, aus den Ställen in den umliegenden Höhlen muhte und meckerte das Vieh, die Frauen buken gemeinsam Brot. Heute ist es still geworden im Steilhang, die Nachbarn sind nach und nach weggezogen in moderne Häuser. "Außer uns ist niemand mehr da", sagt Nigar Uşkal, die selbst gern in eine Wohnung mit Zentralheizung ziehen würde - doch dafür hängt ihr Mann zu sehr an diesem Felsen, in dem er vor 71 Jahren geboren wurde. Nigar trägt es mit Fassung. "Wirklich unangenehm ist am Höhlenleben nur, dass manchmal Felsbrocken von der Decke fallen", sagt sie etwas resigniert. Zu ernsthaften Unfällen ist es aber zum Glück noch nie gekommen.

Fünf Kilometer weiter kehrt Pat Yale in ihrem Esszimmer gerade den Staub und die Steinchen zusammen, die von der Felsdecke auf den Glastisch gerieselt sind. "Manchmal hört man irgendwo in der Wohnung einen lauten Plumps, dann ist wieder ein Brocken herabgefallen", erzählt die Engländerin, die sich daran nicht stört: "Da spürt man doch, dass man in einem lebendigen Gebilde wohnt."

Die 57-jährige Reiseschriftstellerin lebt mit zwölf Katzen in einem Höhlenhaus in Göreme, das sie restauriert und komfortabel ausgebaut hat. Mit der Höhle der Uşkals hat ihre Wohnung nicht mehr viel gemeinsam: Ihren Tee mit Milch kocht Pat Yale in einer modernen Einbauküche. Die Kochstelle der früheren Bewohner im Boden hat sie als dekoratives Element unter Glas konserviert. In ihrem marmorverkleideten Badezimmer lagern Handtücher und Kosmetika in einer langen Mulde in der Wand: der ehemaligen Futterkrippe der Kamele.

Dass neue Bewohner die Höhlen ihren Bedürfnissen anpassen, hat in Kappadokien seit Jahrtausenden Tradition: Hethiter, Perser, Griechen, Römer und Byzantiner haben in den Höhlen gehaust und sie immer wieder umfunktioniert. Als Klöster und als Kriegszufluchten haben sie schon gedient, als Keltereien und als Kartoffellager, als Viehställe und als Vogelschläge. Heute werden sie immer häufiger als Hotels genutzt - für Touristen aus Europa, Asien und Amerika. Und in Zelve hat sich ein ganzes Hüttendorf, das in den fünfziger Jahren wegen Einsturzgefahr geräumt wurde, in ein Freilichtmuseum verwandelt.

Eine Hightech-Höhlenwohnung, in der sich Tradition und Moderne ergänzen

Andus Emge kennt sehr genau all die Veränderungen, die Kappadokien in den letzten Jahrzehnten erlebt hat - als Völkerkundler hat er sie schon vor 30 Jahren beobachtet und dokumentiert. Einwände gegen den Wandel hat er nicht, im Gegenteil: Er träumt von einer Hightech-Höhlenwohnung, in der sich Tradition und Moderne optimal ergänzen. Zurzeit sucht er dafür noch nach dem richtigen Felsen mit Südausrichtung und schöner Aussicht. Verglaste Front, Solaranlagen und Stromspeicher sollen dann das perfekte Null-Energie-Haus schaffen und die natürlichen Vorteile des wärmespeichernden Tuffsteins ergänzen.

Behutsam müsse der Umgang mit den alten Höhlen aber sein, fordert der deutsche Ethnologe. In den Höhlensuiten der Pension "Fairy Chimney", die er mit seiner türkischen Frau betreibt, duldet er zum Beispiel keine Heizkörper. Stattdessen liegen Fußbodenheizungen unterm Estrich. Einst waren diese Räume ein byzantinisches Kloster; die Gästezimmer liegen unter anderem in der Kelterei, die die Mönche damals in den Stein gehauen haben.

Nur gebückt sind die 15 Meter ins Innere des Kegels zu überwinden

Aus dem Berg der Emges steigt steil ein Feenkamin empor - seine Spitze ist der höchste Punkt von Göreme. Dort hat sich Andus Emge einen Rückzugsort hergerichtet. Von der Pension aus führt ein enger Tunnel in den Felsen, nur gebückt sind die 15 Meter ins Innere des Kegels zu überwinden, bevor es hinauf geht. Vier lange Leitern muss Emge nacheinander hochklettern, um in sein Reich zu gelangen: eine kleine Wohnung im weiß gekalkten Tuffstein mit großartiger Aussicht über das Tal von Göreme.

Mit Musikanlage und Flachbildschirm ist dort oben nun ein Raum ausgestattet, in dem sich wohl schon vor 1500 Jahren Menschen vor Verfolgern und Invasoren versteckten. In den Wänden sind noch die Einkerbungen sichtbar, an denen sie damals hochkletterten. Und seine Bücher stellt Emge in Nischen, die sie in den Stein gehauen haben.

Nachts bohren Arbeiter heimlich neue Höhlen in den Berg

"Ich sitze oft hier und denke darüber nach, wer sie wohl waren, welche Sprachen sie sprachen", sagt Emge. "Ich frage mich, vor wem sie sich hier versteckten und welche Stoßgebete sie zum Himmel schickten." Während sich der Wissenschaftler hoch oben in seiner Höhle mit diesen Fragen beschäftigt, dröhnen tief in einer Felswand außerhalb von Göreme die Presslufthammer. "Einen 60 Meter langen Tunnel und neun Zimmer haben wir in zweieinhalb Monaten schon geschafft", sagt Muhlis Turfan*, der dafür ein halbes Dutzend Arbeiter beschäftigt. "Sieht richtig authentisch aus." Insgesamt fünfzig Hotelzimmer-Höhlen wolle er in den Berg fräsen, erzählt Turfan, "bevor es jemand merkt".

Rings um Göreme ist es zwar offiziell streng verboten, neue Höhlen zu graben - schließlich gehört dies alles zum UNESCO-Welterbe. Einige Bauherren haben dafür schon im Gefängnis gesessen. Doch Muhlis Turfan kann darüber nur grinsen. "Das Gestein transportieren wir nachts bei Dunkelheit ab", sagt er. "Bis jemand etwas merkt, sind wir fertig."

In nahen Dorf Çavuşin bekommt inzwischen ein angestammter Höhlenbewohner endlich etwas zu trinken. Mit einem Eimer schleppt die Bäuerin Sevlan Uslu das Wasser für den stämmigen Rotschimmel an, der nach einem anstrengenden Tag vor dem Pflug wieder in seiner Höhle angebunden ist.

Weintrauben bleiben den ganzen Winter saftig, ohne zu schimmeln

Im benachbarten Felsenraum köchelt ein Bohnengericht in der im Boden eingelassenen Feuerstelle, in anderen Höhlen lagern Ernte und Wintervorräte des Hofes: Hafer und Gerste, Äpfel und Kartoffeln und an Ästen aufgehängte Weintrauben, die im Höhlenklima den ganzen Winter saftig bleiben, ohne zu schimmeln.

Zwischen den Kartoffelsäcken bleibt Bauer Salim Uslu im Halbdunkel stehen. "Das war das Zimmer meiner Mutter", sagt er und zeigt auf die fächerförmigen Verzierungen, die in die Decke gemeißelt sind und ihrer Form nach aus byzantinischer Zeit stammen dürften. "Hier bin ich 1963 zur Welt gekommen."

Schon seine Vorfahren haben in diesen Höhlen gelebt, sein Vater hat später das Haus darüber gebaut, in dem Salim und Sevlan heute mit ihrer Familie wohnen. Die alten Höhlen dienen inzwischen nur noch als Wirtschaftsräume für den Hof - aber auch das nicht mehr lange. Stolz zeigt Sevlan über die Straße auf ein halbfertiges modernes Mehrfamilienhaus. Sobald das fertig ist, sagt die Bäuerin, zieht die Familie um. Aus den Höhlen machen sie dann ein Hotel.

Zurück in die Steinzeit - aber mit Konfort: "Cave Hotels":

Das Hotel Sultan Cave Suites liegt nur fünf Minuten vom Zentrum von Göreme entfernt. Wie viele "Cave Hotels" ist es eine Mischung aus Höhlen und neueren Gebäudeteilen. Durchs Panoramafesnter des Restaurants schaut man auf zwei der typischen Kegelfelsen aus Tuffstein. Suite ab 80 Euro, www.sultancavesuites.com

Die Zimmer und der Speiseraum im Village Cave House sind von runden, organischen Formen geprägt - dem Künstler Friedensreich Hundertwasser hätte das gefallen. Geführt wird dieses Hotel in Göreme von einer einheimischen Familie. Von der Terrasse aus hat man einen großartigen Blick auf die Stadt. DZ ab 32 Euro, www.villagecavehouse.com

In der Nähe des Burgfelsens von Uçhisar liegt das Hotel Agros in Cappadocia. Unter dem Häuserkomplex ziehen sich gut fünf Kilometer weit alte Tunnel und Fluchträume durchs Gestein, die einst zu einem Kloster gehören. Mehr als 40 Zimmer und Suiten sind hier untergebracht - zu einigen gehört auch ein privates Schwimmbecken. DZ ab 80 Euro, www.argosincappadocia.com

Vor zwölf Jahren kaufte die Deutsche Evelyn Kopp mehrere Höhlenhäuser in Uçhisar und richtete hier das Hotel Asmalı Cave House ein. Die drei Suiten sind geschmackvoll ausgestattet - teils mit Designerkunst der Besitzerin. Apartment ab 120 Euro, www.hotel-in-cappadocia.com

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Autor:
Susanne Güsten