Colombo Sri Lanka im Großstadtfieber

Colombo brüllt, nimmt einen mit Vollgas unter Beschuss. Taxis schießen durchs Gewühl, große Ashok-Leyland-Busse qualmen Stoßstange an Stoßstange die Galle Road gen Norden, und mitten durch das asiatische Verkehrsgewühl schmirgeln sich wie bunte Käfer die kleinen Tuktus. Die Sinfonie von Sri Lankas quicklebendiger Hauptstadt hat sich einem schon bald in die Ohren gefräst: schrilles Dauerhupen - von allen Seiten, 14 Stunden am Tag.

Dies sind die Szenen und Töne einer Metropole, die Aushängeschild ist für das neue Sri Lanka. Jener Insel, die "Lonely Planet" gerade zur weltweiten Top-Destination erkoren hat. Die Aktienkurse schießen seit dem Kriegsende 2009 in die Höhe, überall wird gebaut, Luxushotels entstehen, die Menschen kehren zurück auf die Straßen, in die Parks, an die Promenaden am Meer, in die Cafés, in die Restaurants und in die Supermärkte, die inzwischen immer moderner werden.

Welch eine Kulisse: Am Galle Face Green - große grüne Bürgerwiese am Meer und Seele der Stadt – ragen gläserne Hochhäuser empor, Malls und verspiegelte Bürohäuser. Im Norden die beiden Türme des World Tade Center. Zwischendrin, in den Straßen und Gassen, sind immer wieder kleine Oasen zu entdecken, Schätze und schöne Plätze zum Verweilen.

Das ist das Dutch Hospital. In den Kolonialzeiten des 19. Jahrhunderts Krankenstation – heute sind die hübschen historischen Mauern frisch renoviert. Im schicken Innenhof trifft sich die Schickeria der Stadt im Day Spa, beim Café Latte, in der Boutique, im modernen Buchladen oder drüben im nagelneuen Seafood-Restaurant: Da gibt es Austern und frischen Hummer. Knallrot und einen halben Kilo schwer. Dazu die besten Weine, eiskalt, aus Australien, Kalifornien, Südafrika.

Da ist der große Klassiker der Hauptstadt: das altehrwürdige "Galle Face Hotel", direkt am Meer gelegen, neben dem bekannten Galle Face Green. Draußen vor den Türen treffen sich abends zum Sonnenuntergang die Familien, schlendern Kinder, Frauen, Männer, Jung und Alt: Sie lassen Drachen steigen, kaufen Krebskekse an den offenen Buden am Meer, spielen Fußball und Cricket. Ein Mönch kniet mitten auf der Wiese, faltet die Hände; sein Gebet reist stillschweigend hinaus aufs Meer, mitten in den Sonnenuntergang.

Dann schreitet man durch das große Portal des Hotels. Hier wohnten schon Bond-Darsteller und Königinnen. Und alle treffen sich früher oder später an der Bar: langer Holztresen, Steinboden, Ventilatoren drehen sich unter den hohen Decken - und dann rührt der weißgewandete Barmann seine eiskalten Daiquiries und Gin’n Tonics an. Zum Sonnenuntergang dürfte es auf ganz Sri Lanka keinen besseren Ort geben, um auf den Indischen Ozean zu blicken und seine Kehle mit einem kalten Drink zu balsamieren. Abends wird im Garten unter Palmen das Abendessen serviert: Steak, Lamm, Lobster, Muscheln und Currys satt - die Tische stehen direkt am Meer, und die von Strahlern beleuchteten Wellen klatschen direkt an die Mauer vorm Hotel.

Da ist Pettah Market. Bunt, schrill, multikulturell – der Stadtteil schließt sich im Osten an Colombo-Fort an und ist vorwiegend von Muslimen und Tamilen bewohnt. "Man sieht Laden an Laden, und wer sich vor gewissen Gerüchen scheut, der tut wohl, sich in eine der stets und überall vorhandenen Rickschahs zu setzen und dahin zu fahren, wo es nicht mehr riecht", schrieb Karl May nach einem Ceylon-Besuch 1899 in der Reiseerzählung „Und Friede auf Erden“. Was May schreibt, stimmt ausnahmsweise - in diesem Fall sogar bis heute. In den Gassen des Pettah Market quellen die Geschäfte noch immer über von bunten Saris, schicken Anzügen, Klimbim und glitzerndem Gold, während Essensstände und Motorrikschas ihre Dämpfe und Dünste in die Luft pusten. Auf dem Weg durchs Viertel ist die rot-weiß verzierte Jami-ul-Alfar-Moschee an der Ecke 2nd Cross und Bankshall Street ein Blickfang für jede Kamera. Wenige hundert Meter entfernt, an der Vivekananda Hill Road, erinnert die 1757 geweihte Wolfendhal Church an die Zeit der Holländer zwischen 1658 und 1796.

Und das Großstadtkino à la Sri Lanka läuft weiter und weiter. Im feinen Stadtteil Cinnamon Gardens nimmt die Zahl der Boutiquen stetig zu, lokale Designer verkaufen in einem Kolonialbau am 32 Ward Place ihre neuesten Kreationen, und das junge Colombo trifft sich zum Einkaufen und Schaulaufen im Shoppingkomplex Odel am verkehrsumtobten De Soysa Circus.

Was aber macht die 2,5-Millionen-Stadt so besonders? Vor allem ist es die Mischung verschiedener Volksgruppen und Kulturen sowie die eigentümliche Melange aus alt und neu. Christliche Kirchen und buddhistische Klöster, hinduistische Tempel und muslimische Gotteshäuser stehen hier nebeneinander. Wuchtige viktorianische Bauten wirken wie ein ferner Gruß des alten britischen Empires, sei es das schneeweiße Rathaus am Nordende des tropengrünen Viharamahadevi-Parks oder das ebenfalls weiß getünchte Nationalmuseum, das der kunstbeflissene britische Gouverneur Sir William Gregory 1877 einweihte.

Abends. Der Verkehr beruhigt sich langsam, die Stadt scheint durchatmen zu wollen. Spätestens ab 23 Uhr aber tobt wieder das Leben, denn was wäre eine Großstadt ohne Nachtleben? Im Club Mojo oder im Zouk Club tanzen jetzt die jungen Schicken in den zerschlissen Designer-Jeans, da laufen die letzten Hits aus Indien, Asien, Amerika. Über den Tanzflächen zucken Laser. Draußen indes biegen sich die Palmen leise raschelnd im warmen Tropenwind. Sie scheinen noch nicht ganz glauben zu wollen, dass Colombo mit aller Kraft in die Zukunft steuert.

Autor

Marc Bielefeld