Abenteuer Die Wüsten der Erde

Seit mehr als 30 Jahren ist der Fotograf, Geograph und Abenteurer Michael Martin in den Wüsten der Erde unterwegs. Wenn er nicht gerade mit dem Motorrad über Dünen fährt, zieht Michael Martin mit seinen Dia-Vorträgen durch das ganze Land. Ein Werbeplakat des 49-Jährigen Wuschelkopfes hat wohl fast jeder Deutsche schon einmal an einem Stromkasten kleben sehen. Der große Durchbruch gelang  Michael Martin 2004 mit dem Bildband "Die Wüsten der Erde", der in sechs Sprachen übersetzt wurde. Auf Einladung der Londoner Royal Geographic Society hielt er den dazu passenden Vortrag in dem Saal, in dem schon Henry Morton Stanley und David Livingstone über den genauen Ort der Nilquellen stritten. Momentan ist Michael Martin auf Reisen für sein neues Projekt "Planet Wüste".

MERIAN.de: Herr Martin, viel ist über die Wüsten der Erde geschrieben worden - auch viel Unsinn. Ich werfe einmal drei Zitate in ihre Richtung und Sie sagen mir mit Ihrer Erfahrung, welche stimmen. Bereit?
Michael Martin: Ok, gerne.

Aus Amerika: "Als erstes wirkt die Wüste wie ein geologisches Chaos, aber dahinter steckt Methode. Eine Methode voller fantastischer Ordnung und Ausdauer."
Die Wüste ist im Grunde genommen Geologie im Zeitraffer, das Ergebnis der Verwitterung in verschiedenen Erdzeitaltern. Das wirkt zunächst wie Chaos, aber wenn man es auseinanderbröselt, hat alles seine Ordnung. Und die ist viel sichtbarer als in anderen Regionen, weil die Vegetation keine Strukturen verdeckt, und der Mensch nicht alles umgegraben hat. Für mich ist die Wüste wie ein Lehrbuch, in dem man in die Erdgeschichte zurückblicken kann.

Aus Australien: "Die Wüste ist ein Ort ohne Horizont, wo selbst der Buschmann gar nichts sieht - nur immer wieder die gleichen, rauen, verkrüppelten Bäume!"
Das finde ich nicht. Für mich ist der Horizont bei meiner Arbeit in der Wüste etwas ganz Wichtiges. Er gibt Orientierung. Das Zitat ist auch sehr spezifisch gedacht, denn nur in Australien gibt es Bäume in der Wüste. Ansonsten ist es ja gerade das Fehlen von Bäumen, das eine Wüste ausmacht.

Und aus Arabien: "Das Beste an der Wüste ist, dass sie sauber ist."
Besonders für Länder wie Saudi-Arabien gilt das leider nicht mehr. Dort befinden sich heute die größten Ölbohrgebiete der Welt. Pipelines und Förderanlagen durchbrechen die Landschaft. Alles in allem ist die Wüste aber immer noch sauberer als die zivilisierten Regionen der Erde.

Aber es war ja nicht die Sauberkeit der Wüste, die Sie zum ersten Mal in die Sahara brachte.
Nein, damals habe ich mir gewünscht, die Sterne in der Wüste zu beobachten. Als 17-Jähriger bin ich mit meinem Mofa nach Marokko gefahren und habe dort zum ersten Mal die Sahara gesehen. Einerseits war es die Ästhetik der Wüste, die mich total angesprochen hat, diese Reduzierung auf das Wesentliche - im Regenwald könnte ich mich gar nicht zurechtfinden. Andererseits konnte ich meinen eigenen Entdeckerdrang befriedigen.

Über 100 Wüstenreisen haben sie seitdem unternommen. Wie viel Planung einer Reise passiert Zuhause, wie viel wird vor Ort improvisiert?
Fast alles wird vor Ort improvisiert. Flüge buchen, Visum besorgen, die Impfungen habe ich sowieso – die Vorbereitung einer Wüstenreise dauert weniger als 60 Minuten. Heute Nachmittag fahre ich mit meiner Freundin nach Sardinien und die Planungen für diese Reise machen mir deutlich mehr Stress, als wenn ich heute noch nach Saudi-Arabien flöge.

Michael Martin in der Wüste.
Michael Martin
Michael Martin auf der Suche nach dem besten Motiv.
Nach all Ihren Reisen wird es doch sicher nicht einfacher, immer wieder spektakuläre Motive zu finden.
Da muss man von vornherein extreme Ziele ansteuern, zum Beispiel die Rub al-Chali in Saudi-Arabien. Ganz schwierig hinzukommen. Aber hat man erst einmal das saudische Visum und ist der Transport vor Ort geklärt, dann gehe ich nur noch in den Keller und packe meine Kamera, meinen Schlafsack, mein Zelt, das GPS-Gerät und das Satellitentelefon zusammen.

Gibt es eine Anzahl von Bildern, nach denen Sie sich auf Reisen sagen: Das war ein guter Arbeitstag?
Ja, absolut. Ich rechne immer in Buchbildern, also Fotos, die das Potenzial haben, in meinem nächsten Buch veröffentlicht zu werden. Mit Glück ist am Tag eins dabei. Von einer dreiwöchigen Wüstenreise komme ich mit bis zu 5000 Bildern zurück. Wenn darunter zehn Buchbilder sind, bin ich zufrieden.

Morgenstimmung in der Wüste.
Michael Martin
Morgenstimmung in der Wüste.
Dann müssen sie in der Wüste ja ständig unter Strom stehen, schließlich müssen Sie dauernd fotografieren.
Natürlich steht man unter Strom, aber es gibt auch total entspannende Momente. Wenn ich vor Sonnenaufgang auf eine Düne klettere und ein paar Top-Bilder im Morgenlicht schieße, ist das Frühstück am Lagerfeuer um halb neun gleich viel schöner. An einem normalen Tag stehe ich vielleicht zwei Stunden unter Vollstress. Aber wenn dann einmal drei oder vier Tage gar nichts geht, weil es bewölkt ist oder ich keine interessanten Leute treffe, dann werde ich auch unruhig.

Wie viel Risiko nehmen Sie für ein gutes Bild in Kauf?
Eine ganze Menge. Körperlich zum Beispiel gehe ich an die Grenze des Machbaren. Die Gefahren der Natur kann ich mittlerweile allerdings viel besser einschätzen. Zu einem großen und ganz schwer einzuschätzenden Risiko ist aber die Sicherheitslage in vielen Ländern geworden. Viermal in meinem Leben bin ich schon in gefährlichen Situationen gewesen.

Welche Situationen waren das?
Der Reihenfolge nach: 1989 im Niger. Tschadische Rebellen kamen in unser Lager und haben uns vier Stunden mit Maschinengewehren in Schach gehalten. Nicht wirklich aggressiv, aber die Maschinengewehre waren auf uns gerichtet. Irgendwann hat der Rebellenführer aus dem Tschad hinübergefunkt und sie haben uns weiterziehen lassen. Das war unangenehm. Dann 2001 im Iran. Ich war mit einem einheimischen Fahrer unterwegs in der Wüste Lut, und wir sind in ein Feuergefecht zwischen Polizei und Drogenschmugglern gefahren. Die einen dachten, wir wären Schmuggler, die anderen, wir seien Polizisten. Es war Nacht. Ich hab die Bedrohlichkeit der Situation erst verstanden, als der Fahrer völlig in Panik geriet, durch das Schussfeld raste, und sich minutenlang nicht mehr beruhigte.

Und die zwei weiteren?
Ebenfalls 2001 bin ich am 11. September von China nach Pakistan gereist. Die Menschen waren so aufgewühlt und haben uns am Abend erzählt, dass Terroristen der Freiheitsstatue den Kopf abgeschossen hätten. Erst am nächsten Tag habe ich verstanden, was wirklich passiert ist. Die Chinesen hatten die Grenze zu Pakistan bereits geschlossen und die Inder wollten ihre auch zumachen. Ich musste aber vor der Schließung aus Pakistan rauskommen und bin dann 800 Kilometer im Regen zur indischen Grenze gefahren. Und dann 2003, als 16 deutsche und österreichische Motorradfahrer in der Sahara entführt wurden. Am Tag, als die Entführungen auf der sogenannten Gräberpiste in Algerien stattfanden, wollte ich genau diese Strecke fahren und habe noch getankt. In dem kleinen Baracken-Café neben der Tankstelle habe ich den algerischen Wirt gefragt, ob die Sicherheitslage in Ordnung sei. "Pas ca va" -  immer wieder sagte er, es wäre nicht ok. Ich bin dann mit meiner damaligen Freundin einen Umweg von 800 Kilometern gefahren. Ansonsten hätten wir auch zu den 16 Motorradfahrern gehört.

Drei der vier Situationen sind noch gar nicht so lange her. Sind sie nervöser als früher, wenn sie jetzt in die Wüste fahren?
Bestimmte No-Go-Areas meide ich einfach. Die Wüsten machen ein Viertel der Landoberfläche unserer Erde aus und es gibt Gebiete, wie in Australien oder Namibia, die völlig sicher sind. Aber ich fahre gerade nicht nach Nordmali, denn ich habe keine Lust, möglicherweise als Geisel genommen zu werden.

Sie fotografieren auch die Einwohner dieser kargen Landschaften. Haben die Menschen in den Wüsten der Erde etwas gemeinsam?
Ja, das Charisma und die Stärke der Charaktere. Diese extremen Lebensbedingungen prägen die Menschen auf eine positive Art und Weise. Ohne ihren Optimismus, den die Leute in diesen Umgebungen einfach haben müssen, würden sie verzweifeln. Ich finde es schön, dass Werte, die wir zum Teil in unserer Gesellschaft verloren haben, in Wüstenregionen oft noch sehr hoch gehalten werden: Tugenden wie Gastfreundschaft, Familienzusammenhalt, Treue und Ehre. Auf das Wort der Menschen in den Wüsten kann man sich verlassen. Wenn einer sagt, dein Motorrad steht in einem halben Jahr noch hier, wenn du es bei mir unterstellst, dann steht es in einem halben Jahr auch noch genau dort.

Was hat sich in den Wüsten in den vergangenen 30 Jahren verändert?
Den Menschen geht es heute besser als früher. Medizinische Versorgung und Infrastruktur haben sich deutlich verbessert. Aber es hat auch ein extremer Kulturwandel stattgefunden. Traditionen sind verschwunden. Vor den Hütten stehen heute Plastikstühle und die Frauen tragen das Wasser in Plastikeimern statt in Kalebassen. Da ist vieles unwiderruflich verloren gegangen, was mich persönlich traurig macht, aber es sind ja vor allem unsere romantischen Vorstellungen, die enttäuscht werden. Ich würde mich als Frau auch freuen, wenn ich nur einen leichten Plastikeimer und keine schwere Kalebasse zu tragen hätte.

Gab es einen bestimmten Moment, in dem sie ihren romantischen Traum der Wüste verloren haben?
Das ist regional immer sehr unterschiedlich. Wäre ich als 17-Jähriger nach Amerika gefahren, hätte ich meine romantischen Vorstellungen damals begraben. Der Südwesten der USA war zu der Zeit schon sehr entwickelt. In allen Ländern, die einen großen wirtschaftlichen Sprung gemacht haben, wie in Libyen, Algerien, Saudi-Arabien und China, wo ganze Altstädte abgerissen und durch riesige Trabantenstädte ersetzt werden, hat sich das Leben in den Wüsten massiv gewandelt. Es ist weniger der Tourismus, der die Wüsten verändert, als der Bergbau und die wirtschaftliche Entwicklung. In den entlegensten Gebieten der Sahara wird heute nach Öl gesucht. Sobald man dort etwas findet, wird sich alles ändern.

Gibt es Bilder, denen sie als Fotograf hinterhertrauern? Bilder, von denen Sie wissen, dass sie großartig geworden wären, wenn Sie den richtigen Zeitpunkt nicht verpasst hätten?
Natürlich gibt es das. Ich bin manchmal einfach nicht so abgebrüht wie Kriegsfotografen. 1995 in Äthiopien fuhr ich am frühen Morgen an einer christlichen Kirche vorbei. Es war neblig, ganz tolles Licht. Vor der Kirche hatte sich ein Reihe aus  etwa zehn Einbeinigen, Querschnittsgelähmten und Behinderten gebildet. Sie haben die Kirchgänger um Almosen gebeten. Das wäre ein sagenhaftes Bild gewesen, aber ich habe mich nicht getraut, auf den Auslöser zu drücken. Es wäre mir einfach unangenehm gewesen. Ein paar Tage habe ich noch darüber nachgedacht. Hättest du es bloß gemacht, was für ein Foto! Aber ansonsten habe ich schon alles fotografiert, was ich wollte.

Schlagworte:
Autor:
Kalle Harberg