Nepal "Klein-Tibet" in Kathmandu

Gebetsmühlen in der Stupa von Bodnath.

Bereits am frühen Morgen bewegt sich ein Strom von Menschen um das 36 Meter hohe Bauwerk. Ein Strom der Gläubigen, die - unaufhörlich das Mantra "Om mani padme hum" murmelnd - mit der rechten Hand die Gebetsmühlen im Rumpf des Bauwerks drehen, während sie in der linken die eigene, viel kleinere Mühle schwingen, um gutes Karma zu erzeugen. Begleitet von Mönchen in Markenturnschuhen und bordeauxroten Gewändern sowie Touristen mit Sonnenbrillen und Kameras umrunden sie das Denkmal ein ums andere Mal, stets dem Uhrzeigersinn folgend. Um sie herum verkaufen Händler Mandalas, Stoffhosen, Klangschalen und Buddha-Statuen vor ihren Läden, flehen Bettler nach Almosen, schlafen Straßenhunde auf dem braunroten Pflaster. Und die Tauben gurren von den Dächern.

Von alledem sieht Ghising Anil wenig, und das, obwohl ihm einer der Läden auf dem Platz gehört. Im Boudha Stupa Thanka Centre werden tibetische Mandalas und Thangkas hergestellt - Rollbilder des tantrischen Buddhismus, auf denen geometrische Schaubilder und Schutzgottheiten abgebildet sind. In der unteren Etage des zweistöckigen Gebäudes werden die farbenfrohen Kunstwerke verkauft, in der oberen gezeichnet. Vier Maler sitzen dort im Schneidersitz auf abgenutzten Kissen. Mit Linealen und feinhaarigen Pinseln arbeiten sie an ihren Bildern. Ghising Anil steht in dunkelgrauer Jeans, schwarz-rotem Holzfällerhemd und schwarzen Turnschuhen mit hoher, roter Sohle vor einigen Gemälden. Er erklärt, was die Abbildungen darstellen - die Figuren und die Farben haben jeweils eine eigene Bedeutung.

Mandalas zum Meditieren nutzen

Vor zehn Jahren saß der Ladenbesitzer selbst noch acht Stunden täglich vor der Leinwand. Nun führt er die Geschäfte des Boudha Stupa Thanka Centre, dessen Leitung er von seinem Vater übernahm. Statt den Pinsel zu schwingen, mache er jetzt Werbung für seine Galerie in China und den USA, sagt Ghising Anil, und besuche viele Messen. 375 Männer und Frauen arbeiten für ihn. Die Ausbildung zum Thangka-Maler dauert zwei Jahre, danach verdienen die Künstler 17.000 nepalesische Rupien pro Monat, etwa 125 Euro. "Der Lohn ist meist viel niedriger", sagt Ghising Anil. "Viele Maler erhalten nur 8000 Rupien. Wir aber produzieren Kunst, deshalb zahlen wir mehr." Für ein fertiges Thangka oder Mandala verlangt er später, je nach Größe und nach Qualität, zwischen 100 und 5000 Euro.

Stupa von Bodnath
Melanie Maier
Der Stupa von Bodnath wurde der Legende nach im fünften Jahrhundert nach Christus erbaut.
Durch den hohen Preis der Bilder sind die Hauptabnehmer nicht etwa Touristen, die sie als Souvenir erstehen, sondern buddhistische Klöster, die Mandalas zum Meditieren nutzen. Und davon findet man in Nepal viele. Allein in Bodnath, dem Vorort Kathmandus, gibt es um die 50 Klöster. Auch darum trägt Bodnath den Beinamen "Klein-Tibet": Viele Klöster entstanden nach dem sogenannten Tibetaufstand in Lhasa 1959 und der darauffolgenden Niederschlagung durch die chinesische Regierung. Zehntausende Tibeter flohen damals nach Indien, Bhutan, Myanmar - und Nepal, wo rund 30.000 Exil-Tibeter rund ein Prozent der Bevölkerung ausmachen.

Der Stupa von Bodnath ist ein Wallfahrtsort für buddhistische Pilger

Der Stupa von Bodnath wurde der Legende nach im fünften Jahrhundert nach Christus erbaut. In seinem Inneren sollen Reliquien des Kassapa Buddha lagern, der Siddhartha Gautama in der buddhistischen Mythologie als Erleuchteter voranging. Seit Jahrhunderten ist das religiöse Denkmal, das auf einem der bedeutendsten Handelswege zwischen Kathmandu und Tibet liegt, ein Wallfahrtsort buddhistischer Pilger. Der Stupa stellt einen überlebensgroßen Buddha dar: Drei kalkweiße, quadratische Plattformen symbolisieren übereinandergeschlagene Beine; eine halbkugelförmige Kuppel, über deren Weiß sich safrangelbe Bögen spannen, den Torso; die spitz zulaufende, vergoldete Reliquienkammer den Kopf. Seine hellblauen Augen fixieren jeden, der sich ihnen nähert. Weht der Wind, flattern um sie herum die Gebetsfahnen.

Die Shechen Clinic in Nepal
Melanie Maier
Die Shechen Clinic ist ein buddhistisches Krankenhaus.
In der Nähe des Stupas befindet sich die Shechen Clinic, ein buddhistisches Krankenhaus, das zu einer humanitären Hilfsorganisation gehört und hauptsächlich durch Spenden finanziert wird. Es ist die Anlaufstelle für zahlreiche Exil-Tibeter, denn hier wird neben Schulmedizin auch tibetische Medizin praktiziert. 75 Prozent der jährlich mehr als 35.000 Beratungen finden honorarfrei statt, die übrigen 25 Prozent gegen ein geringes Entgelt. Die Patienten stammen häufig aus sehr einfachen Verhältnissen, sie können sich die Behandlung in einem regulären Krankenhaus nicht leisten.

Sonam Pelmo ist eine der Ärztinnen des Krankenhauses, die tibetische Medizin anwendet. In ihrem Büro reihen sich auf zwei breiten Regalen Plastikdosen voll brauner Kügelchen. "Die Medikamente stellen wir selber her", sagt die zierliche Frau, die fünf Jahre lang tibetische Medizin studierte. "Manche der Rezepte sind fast 2500 Jahre alt - oft bestehen sie aus mehr als zwei Dutzend verschiedenen Kräutern." Sucht ein Patient sie auf, befragt sie ihn zunächst ausführlich nach dem Befinden. Erst dann misst sie seinen Puls. Falls der Befund bis dahin unklar ist, untersucht sie auch noch Augen, Zunge, Urin und Stuhlgang des Erkrankten. "Tibetische Medizin anzuwenden, dauert", sagt die Ärztin. "Wenn jemand eine Krankheit hat, die man etwa mit Antibiotika behandeln kann, schicke ich ihn lieber zum Schulmediziner."

800 Menschen leben in dem Flüchtlingslager

Für manche Patienten ist es jedoch bereits zu spät, wenn sie die Shechen Clinic aufsuchen. Darum hat das Krankenhaus einen Flügel mit sieben Betten für schwer kranke oder alte Menschen eingerichtet. Sie können bis zum Ende bleiben. Am Ausgang des Krankenhauses steht ein Spruch des Dalai Lamas: "Wir sind Besucher auf diesem Planeten. Wir müssen versuchen, etwas Gutes, etwas Nützliches mit unserem Leben anzufangen." Diesem Unterfangen widmet sich auch Tsultrim Dorjee, der in Chhorepatan bei Pokhara, rund 200 Kilometer westlich von Kathmandu, ein tibetisches Flüchtlingslager leitet. Das Lager namens Tashi Ling besteht seit 1963. Noch heute leben dort etwa 800 Menschen. Sie stellen Teppiche und Fußmatten her, die sie in einer kleinen Lagerhalle an Touristen verkaufen. So leben sie unabhängig von der nepalesischen Regierung. Vor einem der Gebäude sitzen acht alte Frauen auf niedrigen, mit Kissen aufgestockten Hockern und spinnen Wolle. Innen knüpfen vier Teppiche an vertikal aufgestellten, rahmenartigen Webstühlen. Eine von ihnen singt leise vor sich hin. "60 Prozent unserer Bewohner sind Senioren", erklärt Geschäftsführer Tsultrim Dorjee.

Flüchtlingslager Tashi Ling
Melanie Maier
Das Flüchtlingslager Tashi Ling bei Pokhara.
Wie die meisten Flüchtlingslager untersteht auch Tashi Ling der tibetischen Exilregierung. Von ihr erhalten die älteren Bewohner eine kleine Rente. Tsultrim Dorjee setzt sich seit 34 Jahren für tibetische Flüchtlinge ein. Er selbst sieht sich ebenfalls als Exil-Tibeter, obgleich er nie in Tibet war. Seine Eltern flohen 1962 zu Fuß über den Himalaya nach Nepal. Die hochschwangere Mutter brachte ihn unterwegs zur Welt. Von seinen acht Geschwistern überlebten nur drei die strapaziöse Reise. "Das raue Bergklima und der Nahrungsmangel forderten Opfer", stellt Tsultrim Dorjee sachlich fest. Den Vater, der wenig später des Landes verwiesen wurde, hat er nie wieder gesehen. "Ich hatte Glück, dass ich überlebte und hier zur Schule gehen konnte", sagt er. "Das, was ich dort lernte, will ich für etwas Sinnvolles nutzen."

Bewusst oder unbewusst folgt der 53-Jährige mit dem grau melierten Schnauzer so dem Satz des Dalai Lamas, der am Ausgang der Shechen Clinic geschrieben steht. Genauso wie die rund 150 Mönche des buddhistischen Thrangu Tashi Choeling-Klosters in Bodnath. Auch sie versuchen, "etwas Gutes, etwas Nützliches mit ihrem Leben anzufangen." Mehr als 50 Prozent von ihnen sind jedoch noch keine 18 Jahre alt. Zwischen sieben und zehn Jahren liegt meist das Eintrittsalter.

Für die jungen Mönche, die vor allem aus armen, ländlichen Regionen stammen, stellt das Kloster oft die einzige Möglichkeit dar, sich fortzubilden. In diesem behüteten Umfeld lernen sie buddhistische Rituale sowie das Lesen und Schreiben auf Tibetisch, Englisch und Nepali. Austreten können sie jederzeit. Er selbst trat dem Kloster mit 13 Jahren bei, sagt Lama Tsering Tashing Ghale. Heute ist er 36 und somit der älteste Lama des Thrangu Tashi Choeling-Klosters. Anfangs wollte er diese Zukunft nicht. "Doch als ich da war, wurde mein Interesse geweckt." Seine Familie, die 350 Kilometer entfernt im Annapurna-Gebiet lebt, sieht er manchmal Jahrelang nicht. Er arbeitet sechs Tage die Woche, nur samstags hat er frei. Ob er sich dann in eines der Cafés rund um den großen Stupa setzt und die Gläubigen beobachtet, die schon frühmorgens ihre Kreise drehen? Er hat es nicht verraten.

Autor

Melanie Maier