Nepal Im Heiligtum des Himalaya

Vier Uhr früh und der Kosmos leuchtet: Sterne so weit das Auge reicht, das weiße Band der Milchstraße zeichnet sich in einer zuvor nie gesehenen Klarheit vor den gezackten Gipfeln der Siebentausender ab. Nicht die kleinste Glühbirne stört im 3700 Meter hoch gelegenen Macchapuchare Base Camp im nepalesischen Himalaya die strahlende Himmelspracht.

Es hat geschneit in der Nacht, es ist kalt, das dick bereifte Gras knirscht unter den Wanderschuhen und glitzert im Licht der Stirnlampen, als sich die Bergwanderer zum 500 Meter höher gelegenen Annapurna Basecamp aufmachen. Noch ist es stockfinster und das Gurgeln der vielen kleinen Bäche bestimmt die Sinne. Bergführer Tej Panta hat seine Schützlinge so früh aus den Betten gescheucht, damit ihnen ein spektakuläres Schauspiel nicht entgeht: Der Sonnenaufgang im Annapurna-Sanctuary, dem als "Heiligtum" geadelten Bergkessel zu Füßen des Annapurna I. Mit 8091 Metern ist er der zehnthöchste Berg der Erde.

Es ist der Höhepunkt einer an faszinierenden Erlebnissen reichen Trekking-Tour, die sieben Tage zuvor in Kathmandu, Nepals bunter und lebenspraller, schmutzigen und stinkenden Hauptstadt begonnen hat. Ein Meer an verstörend betörenden Eindrücken, wie man sie so oft in den Großstädten Asiens findet. Verkehrsgewühl, freundliche Menschen, Affen, Hunde und heilige Kühe, lodernde Scheiterhaufen am Bagmati-Fluss, buddhistische und hinduistische Tempel und Götterstatuen an jeder Straßenecke, denen im Minutentakt die Ehre des Gebetes durch vorbeihastende Gläubige zuteil wird.

Acht Stunden braucht der Bus für die 200 Kilometer von Kathmandu nach Pokhara. Endlich geht es in die Stille der Berge. Im kleinen Dorf Birethanti beginnt auf 1025 Metern Höhe eine andere, bald autofreie Welt. Vor dem Himmelszelt zeichnet sich die Annapurna-Kette mit dem perfekten Dreieck des 6997 Meter hohen Macchapuchare ab."Fischschwanz" bedeutet sein Name übersetzt, denn so wirkte der charakteristische Zwillingsgipfel auf die ersten Betrachter. Bis heute ist das "Matterhorn des Himalaya", wie der Berg auch genannt wird, unbestiegen. Als Wohnort des Buddha ist sein Gipfel für Bergsteiger tabu.

Von hier führt der Weg zunächst durch tiefgrüne Reisfelder sanft bergauf. Doch schon bald beginnen die Stufen. Allein am ersten Tag bis Ghandruk, Heimat der legendären Ghurka-Soldaten des britischen Empire, sind es 6586. Wer zählt so was nur? Am Ende der Wanderung dürften über 50.000 Natursteintreppen betreten worden sein.

Der Weg führt praktisch durch die Wohnzimmer der Menschen des Gurung-Volkes, das hier lebt und die Wanderer unterwegs mit allem Nötigen versorgt. Die Unterkünfte sind schlicht, doch Zimmer und Toiletten sauber, die exotische Küche ist einfach, aber wohlschmeckend. Den entgegenkommenden Eselkarawanen und Büffeln weicht man besser zur Bergseite aus - sonst schubsen die Tiere einen gutmütig aber wirkungsvoll vom Weg. Entlang des rauschenden Modi Khola Flusses geht es stetig bergauf. Eukalyptus- und Bambuswäldern folgen die von Schafen und Ziegen beweideten Wiesen jenseits der Vegetationsgrenze oberhalb der 3200-Meter-Marke.

Bergwanderer auf dem Trek zum Annapurna.
Thomas Stier
Die Luft wird dünner: Bis zu 900 Höhenmeter legen die Wanderer auf dem Weg zum Annapurna am Tag zurück.
Und schließlich am frühen Morgen im Annapurna-Sanctuary: Verschlafen schälen sich die harten Bergwanderer aus ihren Zelten an der Bergflanke. Noch liegen die Hänge von Annapurna Süd, Hiunchuli und Gangapurna im Dunkeln. Dann schiebt sich aber die Sonne über den Grat des Heiligen Berges und taucht alles in goldenes Licht. Die vier Kilometer hohe Steilwand der Annapurna I erstrahlt in eisigem Weiß und scheint zum Greifen nahe. Die Bergwanderer umarmen sich. Vom Berggipfel sind sie noch weit entfernt, doch einen ganz persönlichen Gipfel hat jeder von ihnen bereits erklommen.

INFO

Anreise: Der Flug mit Air India von Frankfurt nach Neu Dehli dauert rund 7,5 Stunden, der nach Kathmandu noch einmal 70 Minuten. Die besten (und beliebtesten) Trekking-Monate liegen zwischen März und Oktober, dann ist es oft über 30 Grad warm und in der Regel trocken. Die täglich fünf- bis siebenstündigen Wanderungen, in denen bis zu 900 Höhenmeter zurückgelegt werden, fordern zwar Ausdauer, aber keine körperliche Höchstleistung, denn das Hauptgepäck wird von Sherpas getragen, der Wanderer hat nur seinen Tagesrucksack.

Veranstalter: 15-tägige Reise nach Nepal bei maximal zehn Teilnehmern z. B. beim Kasseler Nepal-Spezialisten Carpe Diem ab 1950 Euro. In Kathamdu und Pokhara hat man sich auch auf die vielen Trekking-Kunden eingestellt: Zahlreiche Outdoor-Läden verkaufen meist nachgemachte, aber qualitativ oft erstaunlich gute Markenprodukte zu unschlagbar günstigen Preisen.

Autor

Thomas Stier