Indien Busfahrt durch Himachal Pradesh

Eine Busfahrt in den indischen Bundesstaat Himachal Pradesh ist nicht nur atemberaubend schön, sondern sorgt für mächtig Adrenalin.

Indische Busse sind eine Sache für sich. 20-, 30-jährige Fossile aus Eisen. Kantig, wenig vertrauenserweckend, mit einem Lenkrad, für das man die ganze Spannweite der eigenen Arme braucht. Gepäck liegt auf dem Dach verschnürt oder unter den Sitzen verstaut. Die Fenster sind verschmiert, die Sitze ziemlich hart, die Rückenlehne zu niedrig, um den Kopf darauf zu lehnen. Es gibt, wie bei allem in Indien, Abstufungen im Komfort. Private Buslinien bieten Super Comfort Deluxe Busse mit verstellbaren Sitzen und Kilmaanlage (oft genug ist der Ausschaltknopf defekt und die Passagiere werden halbgefroren am Ziel abgeliefert). Generell ist man besser beraten, wenn man einen der billigen regulären Busse nimmt, auch wenn Mahindra, der Herr in dem kleinen Reisebüro, mir das ausreden will. Schließlich ist da keine Kommission für ihn drin.

Nach langer Diskussion gibt er auf und verkauft mir ein Ticket für einen regulären Bus. 27 Stunden Fahrt. Rekong Peo ist die Distrikthauptstadt von Kinnaur, einem komplett unbekannten Flecken Indiens. Hinter Rekong Peo beginnt dann Spiti, mein eigentliches Ziel. Die fernen, unendlich faszinierenden Berge des Himalaya.

Kleine Gärten wechseln sich ab mit grellen Marktplätzen

27 Stunden Busfahrt sind auch für mich ein Rekord. Der Bus scheint zumindest nicht auf den ersten Blick auseinanderzufallen, hält aber schon bei der Ausfahrt aus der Bushaltestelle an, um einen Reifen zu wechseln. Mein Gepäck ist verstaut – ich rechne schon jetzt mit Rückenschmerzen und wundere mich, ob ich müde genug sein werde, um zu schlafen. Orte ziehen vorbei, während mein Geist leerer und leerer wird. Baijnath, Mandi, Rampur. Kleine Gärten wechseln sich ab mit überfüllten, grell bemalten Marktplätzen. Als es Nacht wird, bekomme ich eine junge Sitznachbarin, die gutes Englisch spricht. Sie ist dreizehn und spricht mit einer Weisheit und Unmittelbarkeit, die man in wenigen jungen Mädchen findet. Physik fasziniert sie, ebenso Technik. Sie fährt mit ihrer Familie, Vater und Großmutter, nach Mandi, um dort ein gekauftes Auto abzuholen. Am nächsten Morgen wird die Familie stolz im neuen Auto nach Baijnath zurückfahren. Sie teilt Namkeen, gewürzte Teigwaren aus Kichererbsenmehl, mit mir.

Wie das in lokalen Bussen so ist, steigen Passagiere andauernd ein und aus. Jeder Platz ist besetzt und die Leute drängen sich am Gang. Das hat sich auch in der Nacht nicht groß geändert. Jetzt ist es ein Vorteil, dass der Bus vollgestopft ist – Passagiere können im Stehen schlafen ohne umzukippen. Mein neuer Sitznachbar schläft bereits bequem auf meiner Schulter. Menschen schlafen auf Säcken, die am Gang stehen oder breiten Decken aus. Im Halbschlaf spüre ich, wie sich eine Hand fast zärtlich um mein Schienbein legt. Ich schaue hinunter und sehe einen Kopf, der sich meinen Schuh zum Polster gemacht hat. Ich würde gerne mit den Schultern zucken, aber ich will niemanden aufwecken. Draußen ziehen Bäume vorbei, verschwinden schnell wieder in der Finsternis. Der Bus kurvt fleißig und die Strasse steigt an. Irgendwann sinke ich in einen unruhigen Schlaf.

Steile Abhänge und extrem enge Straßen

Ich wache auf, mein Gesicht an der Fensterscheibe des Busses. Langsam blinzelnd mache ich die Augen auf – und starre knapp fünfhundert Meter tief hinunter in einen steilen, steilen Abhang, der direkt unter mir zu beginnen scheint. Die Strasse ist kaum breiter als der Bus. Auf der rechten Seite ein zerklüfterter Felsenhang, auf der linken der eben erwähnte Abhang. Ein Lastwagen kurvt unserem Bus entgegen. Mit seltsam distanzierter Neugier, als ob ich nicht in einem der Vehikel sitzen würde, frage ich mich, wie auf Erden sich diese beiden Ungetüme passieren sollen?

Die Straße wird nicht breiter. Es ist Millimeterarbeit, aber die beiden passieren einander, und beide sind tatsächlich noch auf der Strasse. Die Prozedur wiederholt sich in den nächsten Stunden etliche Male und jedes Mal hofft man, dass der Bus gerade nicht auf der Straßenseite der Schlucht passieren muss. Die Seele wird von den enormen schneebedeckten Gipfeln in der Distanz verwöhnt, aber ein Blick aus dem Fenster zeigt, unter welcher Gefahr man diese Erhabenheit erkauft. Nichtsdestotrotz: Es ist es ein Traum, hier zu sein.

Kinnaur - ein isoliertes Gebiet im Himalaya

Über Kinnaur mit seinen bewaldeten Berghängen, den Tälern, die im kurzen Sommer und Herbst voll sind von Blumen und duftenden Kräutern, und den braunen, zornigen Flüssen lässt sich nur sehr wenig mit Sicherheit herausfinden. Ein isoliertes Gebiet im Himalaya, das für Indien hauptsächlich als Grenzregion wichtig ist. Es gibt selbst in den kleinsten Gebieten stolz und bunt beschilderte Militäraußenposten, die daran erinnern, wie nahe man der chinesischen Grenze ist. Bis vor sieben Jahren war das Gebiet jenseits von Rekong Peo für Reisende komplett tabu. Man hatte enorme Angst vor Spionen, die Grenzverläufe auskundschaften oder Karten anfertigen würden. Bis heute kann man in Indien keine vernünftige Karte der Region finden.

Die Flüsse Sutlej und der Spiti, zwei der wichtigsten Energiespender Nordindiens, kommen aus den Bergen und sind rohe Naturgewalten. Knapp eine Stunde lang kämpft sich der Bus durch Schlamm und Schutt, während wir eine gewaltige Baustelle passieren, an der eines der größten hydroelektrischen Kraftwerke der Region gebaut wird. Karcham Wangtoo Project nennt sich das Werk, das von Indiens Energiegigant JP gebaut wird. Bagger und Lastwagen sammeln sich im schmalen Tal – hier verläuft die Strasse fast im Talbett und die fahlen, braunen Felswände erheben sich zu beiden Seiten. Wasser schießt mit enormer Gewalt aus Rohren, schlammbedeckte Arbeiter schauen müde oder listig zu dem wackelnden Bus hinauf. Work is Worship – Arbeit ist eine göttliche Aufgabe, Gottesverehrung, und die Götter hier sind ohne Frage die Naturgewalten. Enorme Berge, von denen jederzeit Schutt und Geröll stürzen und die Strasse verschlingen kann. Reißende Flüsse, die Leben und Energie spenden, aber Tribut fordern, wann immer unvorsichtige Menschen eine Kurve nicht mehr kriegen.

Rekong Peo ist entspannt und freundlich. Der permanente Druck, dem man in den Ebenen ausgesetzt ist, der verschwindet komplett. Die Luft ist sauber, man kann Wasser aus der Leitung trinken...das mag nicht nach viel klingen, ist aber unvergleichbarer Luxus in Indien. Die Menschen bauen Äpfel an, Pfirsiche und kleine Piniennüsse namens Chilgozas. Vor allem die Äpfel aus Kinnaur, klein, rotgelb und saftig, sind in ganz Indien beliebte Exportgüter.

Rekong Peo hat auch ruhige Ecken

Eine große Marktstraße voller Geschäfte und Hotels ist der touristische und belebte Teil, aber wenn man eine der vielen Treppen hinaufsteigt, kommt man in den alten, ruhigen Teil. Dort gibt es kleine Geschäfte, Apfelhaine hinter Steinmauern, ein Zelt, aus dem Musik dringt und in dem ein Wahrsager und wandernder Magier seine Dienste und Mittelchen anbietet.

Sebastian Buchner
Begegnung in den Bergen: Mönch Palden.
Ein Mönch namens Palden – ein großer, gutherziger Mann aus Kalpa, der in einem kleinen Kloster ein Stück hügelaufwärts lebt, erzählt mir bei einer Portion Thukpa, einer tibetischen Nudelsuppe,  in gebrochenem Englisch, dass sein Vater von einem Monat starb. Einfach umgekippt. Das brüchige Englisch und das unerwartete Vertrauen, das man einem Fremden gegenüber nicht unbedingt erwartet, beeindruckt mich. Wir freunden uns schnell an, und Palden bringt mich bei einem Freund in einem indischen Government Resthouse unter.

Weiter mit dem Bus. Die Strasse zwischen Rekong Peo und meinem nächsten Ziel ist in furchtbarem Zustand. Auf der einen Seite die bereits bekannten, grauen, überhängenden Felswände, auf der anderen der reißende Fluss. Drei Kilometer sind asphaltiert und breit, der Bus schießt dahin, aber nach einer Kurve reißt die Strasse plötzlich ab und verwandelt sich in einen Pfad aus Schutt, der mal rauf mal runter führt, je nachdem wo ein abgehende Lawine ein Stück Strasse verschlungen hat. Der Bus holpert weiter, kommt das eine oder andere Mal fast von der Strasse ab, die sich an manchen Stellen in Richtung Abhang neigt und einem das Gefühl gibt, der Bus schlittere langsam und unausweichlich in die Tiefe. Aber die Inder im Bus nehmen das mit Geringschätzung. Es wird weiter gelacht und gegessen und sich ausgetauscht. Mein Sitznachbar lässt sich weder von Schlamm noch von Schotter, noch von reißenden Flüssen oder beklemmenden Höhen davon abbringen mich über Fossilienfunde im Himalaya aufzuklären, die sein Onkel in einem kleinen Museum in Tabo (etwa sieben Stunden Busfahrt entfernt) hortet. Ich frage mich derweilen, ob wir, im Falle eines Sturzes in den Fluss überhaupt eine Chance hätten Fossilien zu werden. Das schäumende Wasser stimmt mich da wenig zuversichtlich.

Nachdem der Bus knapp eine Stunde Haarnadelkurve nach Haarnadelkurve entlang einen Berghang erklommen hat, finden wir uns mit einem seltsamen Hinderniss konfrontiert. Ein Tanklastwagen steht quer auf der Strasse, der Fahrer hinter dem Steuer aber ziemlich ratlos. Er lächelt nur vage. Schnell leert sich der Bus. Anfänglich steht man noch herum, beobachtet, schlägt vor, schreitet dann aber zur Tat. Die Passagiere beginnen den Tanklaster auf den Abgrund zu schieben, während der Fahrer desselben – immer noch hinter dem Steuer – aufmunternd winkt. Noch ein Stück, noch ein Stück. Das Heck hängt bereits über dem Abgrund – wohne ich hier etwa einer seltsamen, dem Himalaya eigenen Opferzeremonie bei? Aber nein, im letzten Moment reißt der Fahrer die Handbremse, die Passagiere jubeln und klatschen und wir klettern wieder in den Bus, der sich nun knapp aber doch am Laster vorbeizwängen kann. Ich schaue nach hinten aus dem Fenster und sehe den Fahrer des Lasters, der gedankenverloren lächelt als wir ihn zurücklassen, halb zwischen Himmel und Erde...

Mehr Reisegeschichten des Autors lesen Sie in seinem Blog  http://sebasbuchner.wordpress.com, mehr Fotos  von unterwegs gibt es auf der Website von Fotograf Simon Villiger.

Autor

Sebastian Buchner