Myanmar Rundreise durch ein unentdecktes Stück Asien

Barfuß laufen wir über die heißen Fliesen rund um die Shwedagon-Pagode. Beim Anblick des fast hundert Meter hohen Heiligtums hat uns das Land bereits in seinen Bann gezogen. Mönche in roten Gewändern kreuzen unseren Weg, Gläubige knien an der Wunscherfüllungsstelle, und wohin der Blick auch wandert, das Blattgold funkelt uns entgegen. Die Shwedagon-Pagode in Yangon soll der Legende nach mehr als 2.500 Jahre alt sein und acht Haare von Buddha enthalten. Auf dem Areal befinden sich zahlreiche Schreine, Andachtshallen und Nat-Geister-Figuren. Es herrscht großer Trubel, denn ganze Familien kommen zur Pagode, um dort den Nachmittag zu verbringen. Ebenso viel Betrieb wie auf der Plattform rund um die Shwedagon-Pagode herrscht in den Straßen von Yangon. In Teestuben sitzen überwiegend Männer und diskutieren über das Tagesgeschehen. Auf dem Markt im chinesischen Viertel gibt es allerlei exotische Früchte und Gemüse, dazwischen gegrillte Heuschrecken.

Weitaus ruhiger und noch wenig touristisch erschlossen ist der Süden von Myanmar im Mon-Staat. Rund 1.000 Meter über dem verschlafenen Örtchen Kinpun thront der Goldene Felsen von Kyaikhtiyo, eines der meist verehrten Heiligtümer Myanmars. Vom Basislager in Kinpun fahren Kleinlaster die Pilger den Berg hinauf. Auch wir steigen in eines der Fahrzeuge und quetschen uns zwischen die Einheimischen auf die vorletzte Pritsche. Mit Vollgas kämpft sich der vollgepackte Laster den Berg hinauf. Ein bisschen Achterbahn-Feeling kommt bei der Fahrt auf. Die Stimmung ist heiter, der ganze Trupp ist am Jubeln, als wir bei der ersten kleinen Kuppe ein paar Zentimeter abheben und wieder auf der Holzpritsche landen. Nach einer halben Stunde heißt es für Touristen aussteigen, denn nur die einheimischen Pilger haben das Privileg mit dem Laster ganz nach oben fahren zu dürfen. Für uns geht es die letzten 300 Höhenmeter zu Fuß weiter, mit Flip-Flops natürlich, so wie es in Myanmar überall üblich ist.

Aufstieg zum Goldenen Felsen von Kyaikhtiyo

Der Weg führt vorbei an Verkaufsständen, die neben Souvenirs und Getränken auch allerlei helfende Mittelchen anbieten. Einige sollen gut für die Potenz sein, andere bei müden Beinen helfen. Der steile Aufstieg zehrt an den Kräften, es ist brütend heiß, aber die Atmosphäre rund um den Goldenen Felsen lässt die Anstrengungen sofort vergessen. Es fühlt sich an, als wenn ein wenig Magie in der Luft liegt, irgendwie unwirklich, der Welt entrückt. Der Anblick des vergoldeten Felsen, der fast vom Berg zu rutschen scheint, macht sprachlos. Viele Pilger kleben kleine Blättchen Blattgold an das Gestein, was allerdings nur Männern erlaubt ist. Der Duft von Räucherstäbchen weht vom Altar herüber, vor dem Gläubige in Richtung Goldener Felsen beten. Das Heiligtum ist eingehüllt in Nebel, die wenigen durchdringenden Sonnenstrahlen lassen alles in einem mystischen Licht erscheinen.

Die Stadt Mawlamyaing, etwa 140 Kilometer südlich vom Goldenen Felsen, hat ebenfalls ihren ganz eigenen Charme, der geprägt ist von alten, meist morbiden Kolonialbauten, mystischen Klöstern und vielen Moscheen im Zuckerbäckerstil. Auf dem Weg dorthin, rund um Hpa-an, befinden sich einige atemberaubende Höhlen. Mit Taschenlampe ausgerüstet, laufen wir die Treppe zur Bayin Nyi-Höhle hinauf, die sich in einem hochragenden Felsen in einer sonst recht flachen Landschaft befindet. Auch hier haben wir die Schuhe ausgezogen, wie es bei allen buddhistischen Stätten üblich ist.

Heiße Quellen am Fuße des Goldenen Felsens

Vorsichtig wagen wir uns über den glitschig nassen Boden ins Dunkle. Bis auf das Geräusch umherfliegender Fledermäuse herrscht geheimnisvolle Stille. Links und rechts von uns leuchten wir die unzähligen Buddha-Figuren an, einige von ihnen befinden sich ganz nah am Durchgangsweg, andere sind tief in der Höhle platziert. Nach der Erkundung entspannen wir noch etwas in den heißen Quellen, die sich direkt am Fuße des Felsen befinden. Die Einheimischen schreiben dem glasklaren Wasser heilende Kräfte zu.

Besonders schön ist auch die Kawt Gon-Höhle mit ihren vielen liegenden, stehenden und sitzenden Buddha-Darstellungen. Mehr als 10.000 kleine, aus Ton geformte Relief-Buddhas zieren zudem die Felswände und wirken wie ein riesiges Wandgemälde.

Myanmar ist ein Land, in dem die Spendenbereitschaft sehr groß ist. Immer wieder trifft man auf kleine Stände am Wegesrand oder Prozessionen, die von Dorf zu Dorf ziehen und mit fröhlicher lauter Musik auf Spendensammlungen für Klöster, Pagoden oder soziale Projekte aufmerksam machen. Auf Spenden angewiesen sind unter anderem Mönche und Nonnen. Jeden Vormittag bitten sie mit ihren Almosenschalen bei Restaurants und Privathäusern um Essensgaben.

Erste Schritte Richtung Demokratie

Seit den Parlamentswahlen 2010 in Myanmar, zeichnet sich nach jahrzehnter langer Militärdiktatur ein zaghafter Prozess in Richtung Demokratisierung ab. Im November 2010 wurde die Oppositionsführerin und Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi aus dem Hausarrest entlassen. Auch wenn es hinter den Kulissen noch anders aussehen mag, und das Militär an vielen Orten noch gegenwärtig ist, sind wir doch überrascht, wie offen die Menschen zum Teil ihre Meinung äußern und demonstrieren. So hängen in vielen Restaurants, Geschäften und Klöster Bilder von Aung San Suu Kyi und ihrem VaterBogyoke Aung San, der als Nationalheld gilt. Thura, unser Fahrer in Mandalay, erzählt uns ganz unverhüllt, dass er sich über die politische Entwicklung sehr freut und was er am früheren Militärregime zu kritisieren hat. In Bagan ist seit einiger Zeit das Parteibüro der "National League for Democracy", Parteivorsitzende ist Aung San Suu Kyi, wieder geöffnet. Beim Eintreten in das kleine Gebäude wird man sofort freundlich begrüßt. Aus einem Schrank holt ein älterer Mann gleich mehrere T-Shirts, Aufkleber und Anstecker mit dem Parteilogo oder dem Bild von Aung San Suu Kyi. Auch wenn wir keine Souvenir-Käufer sind, müssen wir hier doch zuschlagen und nehmen ein Shirt mit.

Schnell haben wir uns daran gewöhnt, dass wir in touristisch weniger erschlossenen Gebieten neugierig beäugt und oft mit dem Handy fotografiert werden. Auch auf einigen Familienfotos sind wir mittlerweile verewigt. In der Gegend um Mandalay passiert einem das weniger, denn dort tummeln sich viele Touristen. Kein Wunder, denn in der unmittelbaren Umgebung befinden sich die berühmte Holzbrücke von Amarapura, die alte Königsstadt Inwa mit ihrem Steinkloster und die unvollendete Mingun-Pagode, die einst das höchste Heiligtum der Welt werden sollte.

Hsipaw: Ausgangspunkt für Trekkingtouren

Ausgangspunkt für Trekkingtouren in die umliegende Gegend ist der kleine Ort Hsipaw im Shan-Staat. Dort hingekommen sind wir mit dem Zug von Pyin U Lwin aus. Die achtstündige Fahrt führt über das Gokteik-Viadukt, die bekannteste Eisenbahnbrücke Myanmars. In Hsipaw begeben wir uns auf die Spuren der Vergangenheit. Seit Anfang 2012 ist der alte Shan-Palast wieder für Besucher geöffnet. Fern erzählt dort in ihrem Wohnzimmer ihre Familiengeschichte und zeigt den Besuchern alte Fotoalben. Wir erfahren, dass in dem Palast die einstige Shan-Prinzessin aus Österreich, Inge Sargent, mit ihrem Mann, dem Prinzen Sao Kya Seng – dem Neffe von Ferns Ehemann, gelebt hat und wie das Militärregime ihn später verhaftete. Bis heute weiß die Familie nicht, was mit Sao Kya Seng geschehen ist.

Wer die alte Königsstadt Bagan zum ersten Mal sieht, muss einfach beeindruckt sein. Auf dem knapp 40 Quadratkilometer großen Areal ist der spirituelle Charme von Myanmar gegenwärtig. Über 2.000 erhaltene Ziegelstein-Pagoden und Tempel in verschiedenen Größen und Formen erinnern an die Zeit, als Bagan noch Mittelpunkt eines großen Königreichs war. Der monumentalste Tempel ist der Dhammayangyi. Er ähnelt einer Pyramide und birgt ein Rätsel. Denn der innerste Rundgang ist zugemauert. Niemand weiß, was sich dahinter befindet. Von Bagan aus ist es nicht weit zum Popa Taung Kalat. 777 Treppenstufen führen zur Spitze des Vulkankegels, vorbei an vielen lebhaften Makaken, die Ausschau nach Süßigkeiten halten. Oben angekommen, hat man eine herrliche Aussicht auf den erloschenen Vulkan Mount Popa.

Ausflug zum Inle-See

Von der Trockenzone, in der Bagan liegt, fliegen wir weiter zum Inle-See. Es bedarf schon mehr als einen Tag, um alles auf dem See zu Gesicht zu bekommen. Die Menschen, die dort leben, nennen sich Intha, was so viel bedeutet, wie Menschen vom See. In einem kleinen Boot schippern wir über das Wasser, vorbei an den Einbein-Ruderern, die mit ihrer speziellen Technik mit einem Bein das Ruder führen und so die Hände zum Fischen frei haben. Wir sehen auf Stelzen gebaute Dörfer, die schwimmenden Gärten mit reichlich Gemüse und Früchten und den schwimmenden Markt von Ywa-ma. Unsere letzte Station ist das Nga Phe Chaung Kyang-Kloster. In der großen Halle sitzen Mönche und Besucher auf dem Boden, trinken Tee und unterhalten sich munter. Berühmt ist das Kloster für die springenden Katzen, die von den Mönchen dressiert werden. Leider kommen wir jedoch nicht in den Genuss derartiger Kunststücke, denn die Katzen liegen faul in der Ecke.

Unsere vierwöchige Rundreise endet am Ngapali Beach im Rakhine-Staat. Genau der richtige Ort, um die Füße hochzulegen - und zu beschließen: Es wird nicht unsere letzte Reise nach Myanmar gewesen sein.

Autor

Katja Fischer